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StartseiteForschung aktuellUngeliebte Einwanderer aus der Neuen Welt04.11.2008

Ungeliebte Einwanderer aus der Neuen Welt

Biologen wollen den heimischen Edelkrebs vor US-Invasoren schützen

<strong>Biologie. - Immer mehr fremde Tier- und Pflanzenarten wandern in Deutschland ein - mit unabsehbaren Folgen. Ein Beispiel sind amerikanische Flusskrebse, die vor über hundert Jahren nach Deutschland kamen und einheimische Edelkrebse fast ausrotteten. Hilfe für die bedrohten Krebse kommt jetzt vom Edelkrebsprojekt NRW.</strong>

Von Simon Wiggen

Die Schutzengel des Edelkrebsprojekts suchen sichere Nischen für die bedrohten Ureinwohner. (U. Römer/Edelkrebsprojekt NRW)
Die Schutzengel des Edelkrebsprojekts suchen sichere Nischen für die bedrohten Ureinwohner. (U. Römer/Edelkrebsprojekt NRW)

Den Weg zu den alten Forellenteichen in der Eifel kennt Harald Groß in- und auswendig: Drei Mal pro Woche fährt er raus zu der Anlage bei Mesenich, in der jetzt Flusskrebse gezüchtet werden. Nicht irgendwelche Flusskrebse, sondern die heimischen Edelkrebse, die früher zahlreich in jedem Bach vorkamen und heute extrem selten sind. Der Biologe Harald Groß leitet das Edelkrebsprojekt NRW und versucht die Flusskrebse vor dem Aussterben zu bewahren.

"Der Edelkrebs ist für Nordrhein-Westfalen als stark gefährdet eingestuft und der Steinkrebs sogar vom Aussterben bedroht. Die Situation in ganz Deutschland stellt sich genau umgekehrt dar: da ist der Edelkrebs als vom Aussterben bedroht eingestuft und der Steinkrebs als stark gefährdet."

Bedroht sind die heimischen Flusskrebse zum einen durch fünf eingewanderte amerikanische Verwandte, die kräftiger und anpassungsfähiger sind als die zwei europäischen Arten. Zum anderen verdrängen die amerikanischen Tiere die heimischen Vertreter nicht nur, sondern übertragen auch noch die gefährliche Krebspest. Sie selbst sind immun gegen den Pilz, die heimischen Arten jedoch nicht:

"Der Pilz dringt in den Krebs ein und frisst ihn von innen auf. Das geht sehr schnell. Jeder weiß, wie schnell Brot verschimmelt und so ungefähr muss man sich das auch bei Krebsen vorstellen, dass der Pilz sich sehr schnell im Körper ausbreitet und den Krebs schließlich umbringt."

Um das Jahr 1900 wurde die Krebspest mit amerikanischen Arten in Deutschland eingeschleppt. Innerhalb kürzester Zeit rottete sie riesige Bestände der heimischen Flusskrebse aus. Bis heute haben sich die Bestände des kleinen Krebses, der aussieht wie ein Hummer im Miniaturformat, nicht erholen können.

"Ich klappe jetzt mal den Sonnenschutz auf. Das ist immer gut, wenn man nichts sieht, weil die Tiere ja nachtaktiv sind und die Tiere sich verstecken. Wenn sie krank sind, dann kann es passieren, dass sie am Tage unterwegs sind. Aber wenn sie wie jetzt, alle versteckt sind, dann ist alles in Ordnung."

Immer wieder bricht die Krankheit an neuen Stellen aus. So auch im vergangenen Jahr im Blausteinsee bei Aachen. Martin Feld beobachtete als ehrenamtlicher Taucher für das Projekt das Ausmaß des Pestausbruchs.

"Im letzten Jahr, 2007 September etwa, bekamen wir Meldungen darüber, dass die Krebspest im Blausteinsee möglicherweise ausgebrochen sei. Wir haben das dann anhand von Tauchgängen und verschiedenen Fotodokumentationen bestätigen können. Und mittlerweile ist es so, dass der gesamte Bestand im Blausteinsee erloschen ist."

Übertragen wird die Krebspest von See zu See entweder von wandernden amerikanischen Krebsen, die immun gegen die Pest sind, oder durch den Menschen - ein paar Wassertropfen mit Sporen an Kleidung, Gummistiefeln oder Angelgeräten reichen dafür schon aus.

"Ein gutes Gegenmittel gegen die Übertragung ist das Trocknen von Geräten. Wenn ich meine Gummistiefel gut getrocknet habe, kann ich sicher sein, dass ich keine Krebspest übertrage."

Ist in einem See die Pest ausgebrochen und der Krebsbestand zu Grunde gegangen, überlebt auch der Pilz nicht länger als zwei Wochen. Um die heimischen Flußkrebse wieder anzusiedeln, sucht Harald Groß mit knapp 400 ehrenamtlichen Helfern nach geeigneten Seen und Bächen. Nur da, wo keine amerikanischen Arten vorkommen, kann er die in der Eifel gezüchteten Flusskrebse auswildern. Einen zusammenhängenden Bestand wird es wohl jedoch nie mehr geben, denn der könnte leicht Opfer eines einzigen Pestausbruchs werden:

"Darum müssen wir zwischen den Beständen Infektionslücken beibehalten, man kann sich das vorstellen wie irgendwelche Brandschneisen, bei denen der Waldbrand oder die Krankheit dann nicht überspringen kann."

Damit die Krankheit nicht weiter verbreitet wird, arbeitet das Edelkrebsprojekt jetzt mit Zoohändlern zusammen, denn aus Aquarien und Gartenteichen brechen oft infizierte Tiere aus. Ihre Besitzer ahnen meist jedoch nicht die Gefahr, die von ihren attraktiven Aquarienbewohnern ausgehen kann.

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