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StartseiteInterviewUngleiche Chancen im Kampf Mensch gegen Maschine05.12.2006

Ungleiche Chancen im Kampf Mensch gegen Maschine

Bundestrainer sieht Schachcomputer auf lange Sicht im Vorteil

Schachbundestrainer Uwe Bönsch gibt Menschen im Schachspiel gegen Computer für die Zukunft wenig Chancen. Die Partie Vladimir Kramniks gegen Deep Fritz sei sicher eine der letzten, in denen noch eine gewisse Chancengleichheit geherrscht habe, sagte Bönsch. Den Programmierern sei es inzwischen gelungen, den Computern auch menschliche Züge beizubringen.

Moderation: Klaus Remme

Schachweltmeister Wladimir Kramnik bei der Arbeit. (AP)
Schachweltmeister Wladimir Kramnik bei der Arbeit. (AP)

Klaus Remme: In Bonn heißt es heute Nachmittag zum sechsten und vorläufig letzten Mal Vladimir Kramnik gegen Deep Fritz. Und schon vor der letzten Partie steht fest, der Schachcomputer kann nicht mehr verlieren, es steht 3:2 im Kampf Maschine gegen Mensch. Alles, was Weltmeister Kramnik noch erreichen kann, ist ein Remis; dies, weil er in der zweiten Begegnung überraschend ein Matt übersehen hatte, ein Fehler, der ihn nebenbei teuer zu stehen kommt. Kramnik hätte seine Gage von 500.000 Dollar nur im Falle eines Sieges verdoppeln können. Jenseits der Gage geht es ums Prestige. Am Telefon ist Schachbundestrainer Uwe Bönsch. Ich grüße Sie, Herr Bönsch!

Uwe Bönsch: Schönen guten Morgen!

Remme: Herr Bönsch, Computer werden von Jahr zu Jahr besser, Schachcomputer auch. Ist der Mensch in Zukunft bei diesen Duellen chancenlos?

Bönsch: Ja, das sehe ich auch so. Es wird sicherlich eines der letzten Matches sein, bei denen die Chancengleichheit noch einigermaßen gewährt ist. Also ich hoffe darauf, dass Kramnik heute noch gewinnen kann. Und vielleicht kommt es dann zu einem Revanchematch, aber künftig wird es doch sehr viel schwerer für die Menschen sein.

Remme: Herr Bönsch, Sie haben die Partien der letzten Tage verfolgt. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich ein Weltmeister an einem Computer misst. Was war diesmal anders?

Bönsch: Anders ist sicher, dass Kramnik es hervorragend gelungen ist, sich auf den Computer einzustellen. Er hat in allen Partien die richtigen Stellungen aufs Brett bekommen, er hat Stellungen geschaffen, die gleich sind, die wenig scharf sind, er hat die Damen getauscht. Das ist ihm alles gelungen, und dennoch, dieser böse Patzer in der zweiten Partie hat das verdorben, hat die Chance ihm genommen, den Wettkampf zu gewinnen.

Remme: Gibt es dafür eine Erklärung?

Bönsch: Für solche schweren Fehler hat man keine richtigen Erklärungen. Es ist ein Blackout, das ist ein Fehler, den man nur einmal im Leben begeht. Ich denke, Kramnik kann es sicher auch nicht erklären.

Remme: Und den ein Computer niemals begehen würde?

Bönsch: Ja, das ist leider so. Die Computer berechnen bis zu einem gewissen Horizont alles fehlerlos. Die einzige Chance des Menschen ist es, hinter diesen Horizont zu kommen und Entscheidungen zu treffen, die sich erst danach auswirken.

Remme: Herr Bönsch, was unterscheidet das Spiel gegen einen Rechner von einer herkömmlichen Schachpartie?

Bönsch: Ja gut, das ist eine emotionslose Maschine, die kann man nicht beeindrucken, man kann keinerlei psychologische Spielchen mit ihr spielen, man kann nur immer versuchen, den allerstärksten Zug zu finden und zu spielen und möglichst ganz sauberes Schach zu spielen.

Remme: Kann man einen Computer wie diesen denn überraschen?

Bönsch: Überraschen insofern ja, als auch der Computer durch Programmierer eingestellt wird, das heißt, die Programmierung wird nicht geändert, aber es gibt Möglichkeiten, vor der Partie einzelne Einstellungen zu verändern, das heißt also, der Computer kann bestimmte Varianten bevorzugen, er kann bestimmte Varianten ausschließen. Und genau da kann man ansetzen und kann entsprechende Vorbereitungen treffen.

Remme: Gibt es eigentlich in einem Spiel gegen einen Computer grundsätzliche Situationen, in denen die Maschine ins Hintertreffen gerät? Ist es zum Beispiel egal, ob da noch alle Figuren auf dem Brett stehen oder aber wenige?

Bönsch: Also es ist für den Computer nicht einfach im Endspiel, gerade im Endspiel, wenn nur noch wenige Figuren auf dem Brett sind, kann er zwar sehr tief rechnen, aber es kommt ein Rechenhorizont zum Vorschein, wo der Mensch noch tiefer rechnen kann. Der Mensch projiziert in die Zukunft, das kann der Computer überhaupt nicht. Wenn ein Mensch anfängt, Varianten zu berechnen, dann schließt er erstmal 99,9 Prozent aller Varianten von vorne herein aus und berechnet nur noch 0,1 Prozent sehr tief, während der Computer alle Varianten gleich berechnen muss, das heißt, er hat eine viel größere Rechenaufgabe vor sich.

Remme: In den letzten Tagen hieß es, der Computer lerne allmählich menschliche Züge zu spielen. Was heißt das?

Bönsch: Also menschliche Züge, das kommt einem dann so vor, wenn der Computer Züge macht, zum Beispiel einen Bauern opfert für eine gewisse Initiative, was eigentlich sehr menschlich ist, und bisher waren die Computer in der Vergangenheit immer sehr materiell eingestellt, aber es ist den Programmierern gelungen, tatsächlich auch menschliche Züge den Computern beizubringen.

Remme: Der Computer, Herr Bönsch, braucht ja Rechenzeit. Wäre es denn in Zukunft möglich, diesen unter Zeitdruck zu setzen und so die Chancen für den Menschen zu verbessern?

Bönsch: Ja, wenn man sich überlegt, dass der Computer pro Sekunde etwa acht bis zehn Millionen Stellungen berechnet und der Mensch gerade mal eine Stellung schafft, dann ist natürlich der Zeitfaktor ganz klar auf der Seite des Computers. Und es macht wenig Sinn, kürzere Partien zu spielen, da wird der Computer immer nur noch mehr im Vorteil sein.

Remme: Sie sind Schachbundestrainer. Wo steht denn der deutsche Schachsport im internationalen Vergleich?

Bönsch: Also der größte Erfolg war im Jahre 2000, dort haben wir den zweiten Platz bei der Schacholympiade belegt, das ist die Mannschaftsweltmeisterschaft. Jetzt stehen wir so zwischen dem sechsten und zehnten Platz bei den großen Turnieren weltweit.

Remme: Vladimir Kramnik bekommt ja viel Geld für diese Partien. Wie viele Schachspieler können in Deutschland von ihrem Sport leben?

Bönsch: Also in Deutschland ist es recht schwierig durch die hohen Lebenshaltungskosten, sich vom Sport zu ernähren. Ich würde mal sagen, es sind so ungefähr 10 bis 15 Spieler, die tatsächlich auf Profibasis sich vom Schach ernähren.

Remme: Und die tun das, indem sie vor allen Dingen im Ausland spielen?

Bönsch:! Sie spielen im Ausland, sie spielen weltweit, das ist ganz klar, sie spielen nicht nur Schach, sie geben auch Schachunterricht, sie schreiben in Schachpublikationen, also sie müssen vielfältig tätig sein, damit sie wirklich erfolgreich sein können.

Remme: Es wird ja viel über den Sinn und den Nutzen von Computerspielen gestritten in diesen Tagen. Von Schachspielen war da keine Rede. Hat der Deutsche Schachbund Nachwuchssorgen?

Bönsch: Nein, wir haben keine Nachwuchssorgen, im Gegenteil: Wir haben recht großen Zulauf im Nachwuchs, allerdings freuen wir uns natürlich immer, wenn junge Spieler zum Deutschen Schachbund kommen und Schach sportlich ausüben und unsere schöne Sportart betreiben.

Remme: Wenn Sie sagen, keine Nachwuchssorgen, wie alt sind die Spieler, wenn sie einsteigen?

Bönsch: Also es ist ganz unterschiedlich. Es gibt Schach bereits im Kindergartenalter. Es gibt die ersten Meisterschaften unter Zehn-, jetzt fangen wir an mit Meisterschaften unter Achtjährigen, also wir fangen auch recht früh an.

Remme: Und halten Sie die Tatsache, dass Kinder jetzt eben auch mit Softwarehilfen, also mit Computer das Spiel lernen können, für sinnvoll und nützlich?

Bönsch: Es ist sicher in vielerlei Hinsicht sehr sinnvoll, weil es doch einen Zugang ermöglicht, sehr schnell Informationen zu erlangen, sehr schnell gut Schach spielen zu lernen. Auf der anderen Seite muss man aufpassen, dass man nicht das Denken nicht sozusagen auslagert, outsorct, indem man sagt, Fritz, dieses Schachprogramm, denkt jetzt für mich, und ich selber kann mich zurücklehnen und warten, was er für Züge vorschlägt.

Remme: Herr Bönsch, zum Abschluss, Sie haben eben gesagt, Sie hoffen, dass Kramnik gewinnt. Das verwundert nicht, Sie sind ja kein Computer, aber was ist Ihre Prognose?

Bönsch: Ja, die Prognose ist, die Partie geht wiederum Remis aus, denn Remis zu spielen gegen den Computer, scheint doch sehr viel leichter zu sein, als ihn zu schlagen. Also ich vermute, es geht Remis aus und Kramnik wird den Wettkampf knapp verlieren.

Remme: Schachbundestrainer Uwe Bönsch im Deutschlandfunk, Herr Bönsch, vielen Dank für das Gespräch.

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