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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenRassenwahn und Intrigen21.08.2014

Uni Jena und die NS-ZeitRassenwahn und Intrigen

Die Nationalsozialisten fanden an der Universität Jena den idealen Boden, um die Rassenforschung im eigenen Sinne voran zu bringen. Dort sollte eine SS-Elite-Uni entstehen. Eine neue Publikation beleuchtet diese dunkle Seite der Hochschule.

Von Blanka Weber

"Der Titel 'Institute, Geld, Intrigen' fasst schon die Sache mit dem Rassenwahn zusammen. Was unterscheidet uns von anderen Regionen? Die institutionelle Ebene! Es gibt vier Professoren zur gleichen Zeit, die das gleiche machen."

Uwe Hoßfeld, Professor für Didaktik der Biologie, erforscht heute an jener Stelle die dunklen Kapitel der Universität Jena, die ab 1925 beginnen:

"Wir haben hier wenige tausende Studenten. Es gibt aber vier Professoren für Rassenkunde."

Und jeder von ihnen leitete sogar ein eigenes Institut. Es ist das Ergebnis einer Politik, die der Wissenschaft Tür und Tor öffnete: Thüringen war Vorreiter und bekam 1930 mit Wilhelm Frick den ersten nationalsozialistischen Minister in Deutschland. Zwei Jahre später wird eine Koalitionsregierung unter Führung des Nationalsozialisten Fritz Sauckel gebildet. Hitler weilt mehrere Male in Weimar und Jena und soll bereits 1930 angeregt haben, an der Universität Jena einen "Lehrstuhl für Rassefragen und Rassenkunde" zu gründen. Es dauerte nicht lange und sein Minister Wilhelm Frick berief kurzerhand neue Professoren, wie den besonders umstrittenen Hans Günther:

"Gegen den Willen von Senat und Rektor. Die Rasseberufung. Und damit ist natürlich die Anthropologie als Wissenschaft fragwürdig geworden. Und die anderen Sachen sind nur noch Folgeerscheinungen."

Hitler bei der Antrittsvorlesung

Zur Antrittsvorlesung des neuen Professors kommt auch Hitler in die überfüllte Aula der Universität, so wie andere Parteimitglieder auch. Es beginnt eine Zeit, in der unliebsame Professoren gehen und andere neue Posten bekommen. Auch der Mediziner Karl Astel. Er wird Präsident des neu geschaffenen Landesamtes für Rassewesen. Doch damit nicht genug:

"Ein Jahr später kriegt er eine Professur hier, Sauckel sitzt fest im Sattel als Gauleiter bis Kriegsende, und so werden diese Positionen immer in Absprache, in kleiner Absprache, miteinander vergeben."

Die Professur von Karl Astel lautet: "Menschliche Züchtungslehre und Vererbungsforschung". Später erhielt auch er dafür ein eigenes universitäres Institut. Wissenschaft und Politik bedienen und bedingen sich gegenseitig.

"Es gab natürlich diese Verbindung zwischen Astel und Sauckel und die war so eng, wie sie an und für sich nicht noch mal in anderen Gauen zwischen Wissenschaft und Politik so zu finden ist. Also sie kannten sich von früheren Jahren, holen sich gegenseitig in Positionen, sprechen auch über Jahre im Briefwechsel, wenn es um die Universität Jena geht, vom Aufbau einer SS-Universität oder vom Aufbau eines nationalsozialistischen Stützpunktes erster Ordnung."

Im Vergleich zu anderen Universitäten wie Tübingen oder Frankfurt stellte sich damals in Jena auch nicht mehr die Frage, ob die Universität bereits "judenrein" sei oder nicht. Nur wenige Namen von jüdischen Professoren und Mitarbeitern sind bekannt, so der Wissenschaftler Uwe Hoßfeld.

"Wir waren schon ab 1930 praktisch nur noch in der Ein-Prozentzahl oder unter ein Prozent mit jüdischen Kommilitonen hier im Klientel. In Jena brauchte man nicht mehr solche Maßnahmen zu ergreifen, weil hier der Vorlauf eben bereits seit 1926/27 war, dass dann die Kollegen freiwillig emigriert sind oder das Weite gesucht haben."

Gelder auch von Unternehmen

Im Laufe der Zeit unterstützen sowohl Himmler als auch Hitler mit Privatspenden diverse Forschungen. Gelder kamen aber auch aus der ortsansässigen Wirtschaft, zum Beispiel von der Carl-Zeiss-Stiftung. Im heutigen Archiv der Universität Jena fällt auf, dass die Personalakten der damaligen Institutsleiter und des Rektors ausgesprochen dünn sind. Anders hingegen sieht es im Hauptstaatsarchiv Weimar aus.

"Hier haben wir wirklich die original Unterlagen vom Landesrasseamt."

Frank Boblenz ist Historiker und Mitarbeiter des Hauptstaatsarchivs in Weimar. Dort lagern unter anderem jene Akten aus den 30er Jahren der damaligen Ministerien.

"Das geht vorne los. Gehen wir noch mal in das Regal rein."

95 laufende Meter gibt es hier allein zum Landesamt für Rassewesen. Ein Viertel davon ist noch nicht erschlossen.

"Ja, Sie sehen jetzt hier. Das sind die Unerschlossenen. Hier zum Beispiel: Einbürgerung. Das heißt, unter dem Gesichtspunkt wurden die Menschen dann auch überprüft. Also, kann dieser Mensch deutscher Staatsbürger werden und wenn dann irgendwelche Dinge waren, die bedenklich waren, sei es vom Habitus, wo er nicht in das deutsche, das arische Raster gepasst hat, das man das auch hier als Bewertung finden konnte."

17.883 Akten sind erschlossen. Es sind Dokumente der Justiz, der sogenannten Erbgesundheitsgerichte, Daten über Strafgefangene, über medizinische Untersuchungen und über den Wahn, vermeintlich unwertes Leben zu vernichten wie in diesem einen Fall. Frank Boblenz blättert in einem vergilbten Papierbogen. Die Akte eines blinden Mannes:

"So sieht das aus: Erbliche Blindheit. Also auch solche Dinge sind dann als Makel mit aufgelistet worden."

Und bedeuteten nichts Gutes für diesen Mann. Was Lehrer oder Ärzte dem Thüringischen Landesamt für Rassekunde zuarbeiteten, endete oft hier in den Akten mit einem Vermerk:

"Und da steht eben da, die Person, wohnhaft da und dort, ist unfruchtbar zu machen. Das ist der Beschluss und dann stehen die Gründe da. Proband leidet an angeborener erblicher Blindheit."

Kinder getötet

Meist ist auch zu lesen, wann und wo der medizinische Eingriff erfolgte und ob es Komplikationen gab oder nicht. Doch der Rassewahn ging noch einen Schritt weiter bis hin zur Euthanasie. Dokumente über Jussuf Ibrahim, einen Kinderarzt aus Jena, belegen, dass auch er unmittelbar daran beteiligt war. Der Mediziner war bereits 1917 als Professor auf den Lehrstuhl für Kinderheilkunde berufen worden. Er praktizierte zudem als hoch angesehener Arzt, erklärt die Wissenschaftlerin Susanne Zimmermann:

"Also es gibt drei handschriftliche Überweisungen aus der Sprechstunde von Ibrahim, wo er Kinder nach Stadtroda mit eindeutiger Zielstellung der Tötung geschickt hat."

Die Kinder starben in jenem Krankenhaus - medizinisch gewollt - an einer Überdosis von Medikamenten, sie verhungerten oder bekamen Mittel, die zum Beispiel Dauerkrämpfe bis zum Tod auslösten. Die Diagnose "nicht arbeits- und bildungsfähig" reichte aus, um diese Menschen zu sogenanntem unwerten Leben zu erklären, zu unerwünschter Erbmasse.

Wer heute mehr über jene Vernetzung des politisch gesteuerten Rassenwahns und der Wissenschaftler hinterfragen will, findet Akten, sagt Uwe Hoßfeld. Sie liegen nicht nur in Jena oder Weimar, sondern auch in Prag:

"Der Nachlass von Frick von Thüringen liegt auf der Prager Burg, was hat der dort zu suchen? Dort ist er gelandet. Also das sind so Dinge, die sich in den letzten Jahren als Puzzle vervollständigt haben. Es ist notwendig, nicht nur eine Akte zu befragen, sondern doch zu versuchen auch in die damalige Struktur der Gaue und des gesamten Reiches einzudringen."

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