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StartseiteCampus & KarriereUni-Präsident: Interne Qualitätssicherung an den Hochschulen sinnvoll16.04.2013

Uni-Präsident: Interne Qualitätssicherung an den Hochschulen sinnvoll

Dieter Lenzen sieht in dem Akkreditierungsverfahren eine "staatliche Zwangsmaßnahme"

Der Aktionsrat Bildung will die Akkreditierung von Studiengängen abschaffen. Der Vorsitzende des Rates, Dieter Lenzen, bemängelt am derzeitigen System mit Akkreditierungsagenturen, dass es nicht für Deutschland geeignet sei. Er plädiert für eine interne Qualitätssicherung an den Hochschulen.

Dieter Lenzen im Gespräch mit Manfred Götzke

Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und Vorsitzender des Aktionsrates Bildung. (picture alliance / dpa)
Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und Vorsitzender des Aktionsrates Bildung. (picture alliance / dpa)
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Studienganggenehmigung im Paket

Manfred Götzke: Freizeitmanagement, Bachelor der Pferdewissenschaft oder auch Master der angewandten Sexualwissenschaften. Das alles kann man tatsächlich studieren – danke, Bologna-Reform. Mittlerweile gibt es ungefähr 14.000 unterschiedliche Studienfächer in Deutschland, und nicht alles davon ist wirklich seriös und wissenschaftlich. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, müssen Studiengänge seit Bologna deshalb akkreditiert, also überprüft werden. Und zwar von privaten Agenturen, in denen dann zum Beispiel emeritierte Profs und andere Fachleute sitzen. Aber funktioniert dieses System wirklich? Der Aktionsrat Bildung, eine Vereinigung von Wissenschaft und Wirtschaft, sagt: nicht so wirklich. Dieter Lenzen, Präsident der Uni Hamburg, ist Vorsitzender dieses Aktionsrates. Herr Lenzen, was ist denn so falsch daran, wenn Studiengänge extern überprüft werden?

Dieter Lenzen: Falsch daran ist dieses, dass es sich nicht, wie in den Ländern, aus denen diese Praxis kommt, um ein freiwilliges Verfahren zum Erwerb eines Gütesiegels handelt, sondern um eine staatliche Zwangsmaßnahme, die im Grunde die alten Genehmigungsverfahren ersetzt hat, teilweise aber, was die Bürokratisierung, den Aufwand, die Kosten und den Missmut, der dadurch entstanden ist, sowohl bei Studierenden als auch bei Lehrenden, nicht wert ist. Hier ist ein Versuch gemacht worden, der auch von allen vor zehn Jahren zunächst mal goutiert wurde, der doch in dieser Form für das deutsche System nicht geeignet zu sein scheint.

Götzke: Wie erleben Sie denn Akkreditierungsverfahren als Präsident der Uni Hamburg?

Lenzen: Als Präsident haben Sie als Person damit, eigentlich wenig zu tun. Es ist eher die Ebene der Fakultäten. Ich lasse mir also berichten, dass die Kolleginnen und Kollegen sich schon eher einer Curriculum-Polizei gegenüber fühlen, die im Wesentlichen aber sich mit Formalia beschäftigt, also der Frage, ob sich Studienleistungen überschneiden, ob die Zahl der Prüfungen, die in einer Woche stattfinden, vielleicht zu viele sind und Ähnliches. Nicht selten auch dann der Versuch, auf diese Weise den Staat dazu zu bringen, in einzelnen Fächern mehr Professuren bereitzustellen, was natürlich regelhaft nicht funktioniert. Also mit anderen Worten, was eigentlich fehlt, ist ein Klima von Beratung, Empfehlung und Kollegialität sehr häufig. Manchmal auch natürlich die Frage der Eignung der Gutachter. Weil so unglaublich viele gebraucht werden, haben Sie natürlich nicht nur Spitzenwissenschaftler.

Götzke: Sie haben es ja schon angesprochen: Es ist ja in der Tat ein Problem, dass manche Studiengänge nicht studierbar waren und dass tatsächlich Klausuren, also fünf oder sechs Klausuren in einer Woche absolviert werden mussten. Also, wenn eine Akkreditierungsagentur so was feststellt und moniert, ist das doch gar nicht schlecht.

Lenzen: Dazu braucht man keine Akkreditierungsagentur, sondern dazu braucht man ein internes Qualitätssicherungssystem der Universitäten, der Hochschulen. Das heißt, wenn Sie einen Kriterienkatalog haben, in dem beispielsweise so etwas ausgeschlossen ist, was ja in der Tat nicht akzeptabel ist, dann muss die Universität die Verantwortung selber übernehmen und dafür sorgen, dass das nicht der Fall ist.

Götzke: Andererseits, wenn Institutionen sich selbst überprüfen, sind die Prüfungsergebnisse meistens hervorragend. Wie wollen Sie denn in Zukunft verhindern, dass Hochschulen Studiengänge anbieten und akkreditieren, die nicht studierbar sind?

Lenzen: Es geht ja nicht darum, dass die Universitäten in den Freiraum der Beliebigkeit zurückgeschickt werden, sondern die Auditierung, die wir ja vorschlagen, an die Stelle zu setzen, ist eben der Versuch, auch in regelhaften Abständen, auch mit Gutachten, auch mit aber dann qualitativen Beschreibungen, nicht quantitativen heranzugehen und zu sagen, an dieser Stelle empfehlen wir der Hochschulleitung aber, dringend einzugreifen. Und ich möchte die Hochschulleitung sehen, die das nicht tut.

Götzke: Herr Lenzen, wir haben mittlerweile 14.000 unterschiedliche Studienangebote, Bachelorstudiengänge, Masterstudiengänge – manchmal verliert man doch als Studierender die Übersicht, was sinnvoll ist, was seriös ist und was möglicherweise nicht. Kann eine solche Auditierungsagentur das überhaupt leisten? Hat die überhaupt die Kompetenz und auch die Durchsetzungsfähigkeit, tatsächlich Mängel an Hochschulen abzustellen.

Lenzen: Also die Akkreditierungsagenturen haben diese Möglichkeit auch nicht, sondern sie können ja nur die Akkreditierung verweigern, das hat nur in wenigen Bundesländern die Folge, dass der Studiengang nicht angeboten werden kann …

Götzke: In der Tat!

Lenzen: … damit ist keinen Studierenden gedient. Das bedeutet, dass dann für mehrere Jahre ja Stillstand herrscht, weil dann was Neues ersonnen werden muss. Das ist ja keine Lösung. Das ist immerhin in 100 Fällen in der Bundesrepublik in den letzten Jahren der Fall gewesen. Nein, wir brauchen nicht das Nein-Sagen, sondern wir brauchen das Besser-Sagen, und das, was die Studierendenorientierung angeht, so kann man nur sagen, dass 14.000 verschiedene – Sie haben völlig recht – Studiengänge entschieden zu viel sind. Hier haben viele Hochschulen viele Fächer gefunden, dass sie kleine Hobbyforschungsgebiete zu Masterstudiengängen, darum handelt es sich ja in der Regel, machen wollten, die natürlich unübersichtlich sind. Nun gibt es allerdings keinen Studierenden, der nicht wenigstens grob die Richtung seiner Fachinteressen kennt und die Universität, wo er möglicherweise gerne hin möchte. Also, mit anderen Worten, das schränkt sich dann schon ein. Die größten Universitäten, meine eigene gehört dazu, haben um 200 Studiengänge und natürlich nicht 14.000.

Götzke: Der Aktionsrat Bildung möchte die Akkreditierung von Studiengängen abschaffen. Warum, hat uns Dieter Lenzen erklärt, der Vorsitzende des Aktionsrates.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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