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StartseiteCampus & KarriereUni-Projekt Wiki-Watch vor dem Aus?03.08.2011

Uni-Projekt Wiki-Watch vor dem Aus?

Leiter soll inkognito bei Wikipedia für Firmen geworben haben

Ein Lehrbeauftragter der Europauniversität Viadrina soll im Auftrag von Pharmafirmen Artikel bei Wikipedia bearbeitet haben. Das Pikante daran: Der Dozent sollte an der Uni ein Forschungsprojekt namens Wiki-Watch leiten, das für mehr Transparenz bei Wikipedia sorgen sollte.

Von Amelie Ernst

Wiki-Watch soll für mehr Transparenz bei Wikipedia sorgen.  (AP)
Wiki-Watch soll für mehr Transparenz bei Wikipedia sorgen. (AP)

"Sockenpuppen" – so nennen es Wikipedianer, wenn Bearbeiter nicht mit einem, sondern gleich mit mehreren Benutzernamen bei Wikipedia aktiv sind – mit Sockenpuppen eben. Auch Wolfgang Stock, der Betreiber des Forschungsprojekts Wiki-Watch, soll verschiedene Sockenpuppen eingesetzt haben, um bei Wikipedia unter anderem Artikel zugunsten des Pharma-Konzerns Sanofi-Aventis zu ändern. Das hätten ehrenamtliche Wikipedia-Kontrolleure klar bewiesen, sagt Wikimedia-Geschäftsführer Pavel Richter:

"Das Ergebnis der sogenannten 'Checkuser-Untersuchung' ist, dass mindestens zwei Benutzerkonten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von der gleichen Person oder der gleichen Institution betrieben wurden, ohne dass das offengelegt wurde. Und dabei handelt es sich tatsächlich um einen klaren Verstoß gegen die Regeln, die sich die Wikipedia selbst gegeben hat."

Anders sieht man das bei Wiki-Watch – einer Plattform, die selbst für mehr Transparenz bei Wikipedia sorgen will. Wolfgang Stock, der Mann, um den sich die Vorwürfe drehen, weilt derzeit im Urlaub. Seine verbale Verteidigung übernimmt der Jurist Johannes Weberling, der die Plattform Wiki-Watch zusammen mit Stock betreibt:

"Dass Herr Stock natürlich einen Beruf hat, das wussten und wissen wir, einerseits. Andererseits war völlig klar, dass seine beruflichen Aktivitäten in keiner Weise Einfluss haben dürfen auf Wiki-Watch – und haben sie auch nicht gehabt, es gibt auch keinen einzigen Beleg dafür. Und Herr Professor Stock hat das auch eindeutig eidesstattlich und damit strafrechtlich bewährt versichert und bei Gericht eingereicht, dass er zu dem Zeitpunkt, wo Wiki-Watch konzipiert worden ist von ihm und mir gemeinsam, dass er ab dem Moment in keiner Weise mehr was in Wikipedia gemacht hat."

Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für Wiki-Watch - und damit für die Universität in Frankfurt/Oder - ist Wolfgang Stock hauptberuflich PR-Berater – einer seiner Kunden: Der Pharma-Konzern Sanofi-Aventis. Doch deren Wikipedia-Artikel, wie alle anderen, habe Stock seit dem Start von Wiki-Watch im vergangenen Oktober nicht mehr bearbeitet, sagt Anwalt Weberling, der selbst als Honorarprofessor an der Viadrina beschäftigt ist. Überhaupt seien die Kontrollen von Wikipedia, die die Unregelmäßigkeiten aufgedeckt haben wollen, eine äußerst unsichere Sache:

"Es werden Verdachtsmomente erhoben, die aber nicht valide sind. Also man muss dann schon auch Ross und Reiter nennen. Und da das im Internet alles anonym abläuft, wird es schwierig werden, aus angeblichen Näherungen 'Ja, inhaltlich könnte dieser User ihm nahe stehen, weil der ähnliche Themen bearbeitet' – was sind das für Argumente? Dann muss man schon Fakten nennen. Und ich bin als Jurist dann doch jemand, der sich an Fakten orientiert und nicht an Vermutungen und Spekulationen."

Die Kritik will Wikimedia-Geschäftsführer Pavel Richter nicht auf sich und seinen Mitarbeitern sitzen lassen: Sogenannte Checkuser hätten klar nachgewiesen, dass Wolfgang Stock unter mehreren Nutzernamen Artikel verändert habe – vor allem solche, die in Verbindung mit dem Pharmakonzern stünden:

"Das ist eine enorm aufwendige Untersuchung gewesen. Ich glaube, der ganze Fall hat sich in der Wikipedia weit über sechs Monate hingezogen. Das ist die längste Untersuchung in einem solchen Fall, die es je gegeben hat. Also insofern habe ich überhaupt keine Zweifel an der Tiefe und Gründlichkeit dieser Untersuchung."

Allein auf die Informationen von Wikipedia will sich auch die Frankfurter Universität bei ihrer Beurteilung des Falls nicht verlassen. Klar ist, dass Lehrbeauftragte wie Wolfgang Stock, die für ihr Engagement weder ein Honorar noch Fahrtkosten oder Spesen erstattet bekommen, üblicherweise auch noch einer bezahlten Beschäftigung nachgehen. Nur ob sich ein Job im PR-Bereich mit einem Forschungsprojekt wie Wiki-Watch vereinbaren lässt – da ist sich der Leiter des zuständigen Lehrstuhls für Öffentliches Recht nicht so sicher. Denn grundsätzlich, meint Wolff Heintschel von Heinegg, sei gegen unbezahlte Lehrkräfte nichts einzuwenden:

"Das ist ja überhaupt der ganze Sinn und Zweck dieses Studien- und Forschungsschwerpunktes, dass wir vor allem mittels des Einsatzes von Praktikern, die das alle pro bono machen, also ohne irgendein Gehalt, nur so können wir überhaupt dieses Angebot an die Studierenden machen. Vom Land können wir für solche neuen Ideen überhaupt nichts erwarten."

Im Gegenteil – zurzeit plant das Land Brandenburg sogar weitere Kürzungen bei steigenden Studierendenzahlen. Wird also aus Geldmangel nicht mehr so genau hingeschaut, wen man sich da an den Lehrstuhl holt? Und womit jemand sonst so sein Geld verdient?

Ton Heinegg: "Dann lasse ich mir auf keinen Fall vorwerfen, zu naiv gewesen zu sein. Denn ich kann jeder Person natürlich nur vor den Kopf gucken und nicht in den Kopf. Und da es seinerzeit, im Oktober letzten Jahres, nicht mal ansatzweise irgendwelche Verdachtsmomente gegeben hat, die mir zugänglich gemacht worden wären, oder anderen an der Universität, besteht aus der damaligen Perspektive kein Anlass für irgendwelche Vorwürfe."

Aus heutiger Sicht scheint das etwas anders zu sein: Nach den Hinweisen der Wikipedianer prüft die Frankfurter Universität nun, ob sie Wolfgang Stock weiter beschäftigen will – und ob das Forschungsprojekt Wiki-Watch überhaupt eine Zukunft hat.

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