Montag, 22.01.2018
StartseiteKommentare und Themen der WocheWo unsere Verantwortung beginnt28.12.2017

Unicef-BerichtWo unsere Verantwortung beginnt

2017 war laut Unicef eines der schlimmsten Jahre für Kinder in Kriegen. Und noch während wir diese Nachricht zur Kenntnis nähmen, werde weiter über den Familiennachzug diskutiert, kommentiert Anna Osius. Doch genau da beginne unsere Verantwortung: Jedes Kind, das sich bei uns willkommen fühle und es schaffe, den Krieg in sich zu überwinden, hätten wir für uns gewonnen.

Von Anna Osius, ARD-Korrespondentin in Kairo

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Die aus Syrien stammenden Geschwister Mohammed und Sedra sitzen am 17.11.2015 auf dem Gelände der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster (Schleswig-Holstein) im Wartebereich zur medizinischen Untersuchung. In der größten Erstaufnahmeeinrichtung des Landes mit zuletzt 4700 Flüchtlingen hat das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Containern und Zelten zwei parallele Untersuchungsbereiche aufgebaut und eine Röntgen-Anlage. Dort wird die vorgeschriebene medizinische Erstuntersuchung bei jedem Flüchtling vorgenommen. (Carsten Rehder/dpa)
Syrische Flüchtlinge auf im Wartebereich der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster (Carsten Rehder/dpa)

Kinder sind im Krieg - weltweit. 5.000 Kinder sind im Jemen getötet worden. Zehntausende Minderjährige in Syrien und im Irak verletzt oder gestorben. Das sind Zahlen. Das Leid dahinter ist zahllos. Und wir? Wir sagen: Das ist wirklich schrecklich. Gut, dass uns das nicht betrifft. Und dann tauschen wir Weihnachtsgeschenke um, kaufen Silvesterknaller und regen uns über die verspätete Straßenbahn auf.

Und über die kinderreiche Familie mit den schwarzen Haaren, die vielleicht in eben dieser Straßenbahn sitzt und eindeutig nicht von hier kommt. Flüchtlinge. Aus Syrien. Haben Sie diesen Kindern schon einmal ins Gesicht geschaut? Die haben den Krieg gesehen.

Und während wir angestrengt betroffen den Unicef-Bericht zur Kenntnis nehmen und für eine Sekunde unseren kleinen heilen Horizont überblicken, diskutieren wir seit Wochen intensiv über das Thema Familiennachzug. Eine massive Zuwanderung fürchtet beispielsweise die CSU. Man solle es auf Härtefälle begrenzen. Und welches Kind, welche Familie, die aus dem Krieg kommt, ist kein Härtefall? Da fängt unsere Verantwortung an.

Millionenschwere Rüstungsausfuhren

Und jetzt erzählen sie mir bitte nicht, dass Deutschland das nicht schafft. Uns geht es richtig gut. Mit Sicherheit geht es uns auch deshalb so gut, weil wir Meister im Export sind. Und dazu gehören weiterhin millionenschwere Rüstungsausfuhren auch nach Saudi-Arabien und in die Vereinigten Arabischen Emirate – Länder, die im Jemen-Krieg Zivilisten bombardieren. Wie war das mit den 5.000 getöteten Kindern im Jemen?

Übrigens: Die Vereinten Nationen melden, dass nur ein Bruchteil der staatlich zugesagten Nothilfe für den Nahen Osten bereits gezahlt wurde. Für syrische Flüchtlinge fehlen allein dieses Jahr 2,6 Milliarden Dollar international zugesagter Hilfe. Das ist Geld, mit dem Kindern vor Ort konkret geholfen werden könnte. Am Ende wird uns genau das zum Verhängnis. Die verlorene Generation. Ein heute 7-jähriges Kind in Syrien kennt nichts anderes als Krieg. Es sind eigentlich diese Kinder, die ihre Länder wiederaufbauen müssen, die sich radikalen Strömungen, dem Hass entgegenstellen sollten. Schaffen sie das? Diese Kinder werden den Krieg immer in sich tragen.

Und was wir daran ändern können? Kindern im Krieg zu helfen ist möglich. Und Kindern bei uns erst recht. Und sei es nur, dass das nächste Mal die syrische Flüchtlingsfamilie in der Straßenbahn nicht nur genervte Blicke spürt, sondern ein "Ahlan wa sahlan" – willkommen in Deutschland. So etwas hat es vor gar nicht langer Zeit bei uns gegeben. Bis die Angst vor der Andersartigkeit viele von uns besiegt hat, bis die Terroristen und Populisten erreicht haben, was sie wollten: Das wir uns gegenseitig misstrauisch beäugen. Aber eines ist sicher: Jedes Kind, das sich bei uns wirklich willkommen fühlt und es schafft, den Krieg in sich zu überwinden, das haben wir für uns gewonnen.

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