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StartseiteUmwelt und VerbraucherGlyphosat offenbar gefährlicher als angenommen26.03.2015

UnkrautvernichtungsmittelGlyphosat offenbar gefährlicher als angenommen

Das weltweit verwendete Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat wurde in seiner Gefährlichkeit hochgestuft. Auf die Neubewertung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), einer Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, reagierten die deutschen Behörden zurückhaltend.

Von Daniela Siebert

Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze über ein Feld mit jungem Getreide in Sieversdorf im Landkreis Oder-Spree. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze über ein Feld mit jungem Getreide in Sieversdorf im Landkreis Oder-Spree. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Weiterführende Information

Unkrautvernichtungsmittel - Glyphosat "wahrscheinlich krebserzeugend"
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 23.03.2015)

Pestizide satt? - Die Anbaubedingungen in der südspanischen Provinz Almeria 
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 23.03.2015)

Pestizide - Gift für die Artenvielfalt
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 05.03.2015)

Bayer vs. BUND - Pestizide verantwortlich für Bienensterben?
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 24.02.2015)

Pestizide - Studie: Große Gefahr durch systemische Pflanzenschutzmittel
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 25.06.2014)

Aus "möglicherweise krebserzeugend für Menschen" ist jetzt "wahrscheinlich krebserzeugend für Menschen" geworden. Also eine bedeutende Hochstufung der Gefährlichkeit von Glyphosat. Jedenfalls in den Augen der Internationalen Agentur für Krebsforschung IARC, einer Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation.

Die vertrete jedoch eine Einzelmeinung in der Fachwelt, betonte Maria Flachsbarth, die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, gestern in einer aktuellen Fragestunde im Bundestag. IARC stehe mehrfach im Widerspruch:

"Zu Untersuchungen, die JMPR, also eine andere Unterorganisation der WHO beziehungsweise der FAO festgestellt haben, zu Ergebnissen der EFSA, der Europäischen Chemikalienagentur, auch Zulassungsbehörden wie zum Beispiel derer in Australien, USA und Brasilien."

Andere Sicht des Bundesinstituts für Risikobewertung

In Deutschland generell – und derzeit auch für die EU – ist das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR mit der Einschätzung von Gesundheitsgefahren durch Glyphosat beauftragt. Erst im Januar hatte das BfR verkündet, es sehe keine Gesundheitsgefahren durch Glyphosat.

Auf die Neueinstufung durch die IARC reagiert die deutsche Behörde zurückhaltend. Das BfR könne derzeit die bloß in Kurzfassung veröffentlichte Bewertung nicht nachvollziehen, sagt der Toxikologe Roland Solecki, Experte für die Sicherheit von Pestiziden beim BfR. Trotzdem reagiere man im Haus auf die Neuigkeit.

"Wir vergleichen die uns zugänglichen Daten mit unseren Ergebnissen, analysieren noch einmal die epidemiologischen Befunde, bei denen wir wesentlich mehr Studien ausgewertet haben und analysieren auch noch mal die Tierversuche. Wir können erst die IARC-Bewertungen überprüfen, wenn die umfassende Monografie vorliegt. Das wird in ungefähr einem halben Jahr sein. Aber wir bemühen uns, vorzeitig an die Begründung dieser Schlussfolgerung heranzukommen."

Das BfR habe die Studien, auf die sich die IARC beziehe auch in die Bewertung einbezogen betont Solecki. Aber eben auch noch weitere Studien, sodass sich für das BfR unterm Strich "kein gesicherter Zusammenhang zwischen Glyphosatexposition und einem erhöhten Risiko für Non-Hodgkin Lymphome oder andere Krebsarten" ergab.

Streit um die Konsequenzen

Unabhängig davon tobt inzwischen der Streit, wie in Deutschland auf die Hochstufung von Glyphosat durch die IARC reagiert werden sollte. Verbraucherschützer und Umweltpolitiker fordern ein sofortiges Handeln. Der Grünen-Politiker Harald Ebner beispielsweise fordert ein sofortiges Verbot von Glyphosat für private Anwender.

"Glyphosat ist derzeit für die Anwendung im Haus- und Kleingartenbereich weiterhin zugelassen, kann also in jedem Baumarkt ohne Sachkenntnis erworben werden, und wie sollen denn die Umwelt und vor allem die Gesundheit der unerfahrenen privaten Anwenderinnen und Anwender einschließlich ihrer Kinder und Nachbarn anders geschützt werden als durch ein klares Verbot?

Doch die Bundesregierung sieht offenbar keinen akuten Handlungsbedarf. Maria Flachsbarth:

"Jetzt werden noch mal wissenschaftlich die Tatsachen abgeglichen, die konträren Ergebnisse noch mal verifiziert, die zugrunde liegenden Studien noch mal angeschaut, aber es besteht zurzeit kein aktueller und akuter Handlungsbedarf eines Verbotes."

Der grüne Entwicklungspolitiker Uwe Kekeritz verweist auf mögliche Opfer in Ländern, in denen auch großzügig mit Glyphosat umgegangen wird.

"In Sri Lanka spricht man davon, dass die Nierenerkrankungen massiv zurückzuführen sind auf Einsatz von Glyphosat. In Lateinamerika gibt es Fehlgeburten, Fehlbildungen von Neugeborenen, Krebserkrankungen, Hauterkrankungen, Nierenversagen – das ist alles dokumentiert, und Sie stellen sich hierher und sagen, 'Ja, es ist kein Handlungsanlass da'."

In Deutschland zumindest gibt es bereits einschränkende Regelungen für die Anwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft.

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