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StartseiteBüchermarkt"Unmöglich, jemals vollkommen dort zu sein, wo man ist"12.06.2012

"Unmöglich, jemals vollkommen dort zu sein, wo man ist"

Etel Adnan: "Arabische Apokalypse", Suhrkamp

Auf der documenta in Kassel sind derzeit ihre Landschaftsbilder zu sehen: Etel Adnan zählt zu den großen kosmopolitischen Künstlern der arabischen Welt. Nun ist ihr neuer Gedichtzyklus auf Deutsch erschienen. Ursprünglich verwies der Band auf den libanesischen Bürgerkrieg – durch die arabische Rebellion hat er eine ungeahnte Aktualität erhalten.

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Ägypter feiern auf dem Tahrir-Platz in Kairo den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak. (AP)
Ägypter feiern auf dem Tahrir-Platz in Kairo den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak. (AP)
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Schiff im Sturm Berg Mond Meer ganz und gar schwerelos

In der gegenwärtigen politischen Situation kommt der in arabischen Ländern in Arabisch, Englisch oder Französisch geschriebenen Literatur eine besondere Bedeutung zu. Ermöglicht sie doch einen Blick in den Innenraum des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels und dies in einer Sprache, die sich grundlegend unterscheidet von politischen Statements und Propaganda, von Reportagen und tagespolitischen Kommentaren.

Neben der tunesischen Schriftstellerin Sihem Bensedrine, dem syrisch-libanesischen Dichter Adonis, der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar und, von der jüngeren Generation, der syrischen Autorin Samar Yazbek, gehört Etel Adnan zu den wichtigsten Stimmen bei der Standortbestimmung in der arabischen Welt zwischen Tradition und Moderne, Unterdrückung und Freiheitsstreben. Ihren neuen Gedichtband "Arabische Apokalypse” beschließt die 1925 in Beirut als Tochter eines syrisch-libanesischen Moslems und einer griechischen Christin geborene Etel Adnan mit einer düsteren Aussicht, deren letzte Worte dennoch Liebe und Friede sind.

"im allerletzten Lauf der Sonne
wird Feuer Tiere Pflanzen und Steine verschlingen
wird Feuer Feuer verschlingen und dessen vollkommenes Rund
wenn das vollkommene Rund Feuer fängt wird kein Engel erscheinen STOP
die Sonne wird Götter Engel und Menschen auslöschen
und sich selbst auslöschen inmitten ihrer Töchter
Geist-Materie wird NACHT werden
in der Nacht in der Nacht werden wir Erkenntnis finden Liebe und
Frieden”


Der Friede und die Revolution sind in diesem Gedichtzyklus keine national und lokal begrenzten Ziele; in jedem Augenblick ist immer die Lebenswelt aller Menschen und die Sonne - als Symbol der uns am Leben erhaltenden, aber radikal bedrohten Energie - gegenwärtig. Diese Lyrik entmachtet den Diskurs und die Grammatik einer zu eng gefassten Revolution. Zusammenhänge werden im Rhythmus des Gedichts neu geschaffen: Wenn sich die Sonne verliert, wird es dunkel auf Erden und die Erde wird ohne Jahreszeiten sein. Vielleicht liegt die Sonne auch auf der Autobahn und ein Sheriff hört ihr Herz ab, während Paris stirbt und New York in Ohnmacht fällt, oder sie inspiziert gerade den Untergrund der Erde und kehrt angeekelt zurück.

Sie fungiert in diesem Zyklus auch als unbestechliche Richterin und moralische Instanz in der Beurteilung des Wahnsinns der Völker. Kein Wunder, dass Panzer ihre Geschosse auf sie richten und dass man an ihrem Untergang arbeitet. Nur ein Dichter kann, mit nur wenigen Worten und oft in einem stakkatohaften Rhythmus, das Ausmaß der weltweiten Zerstörungen, die Gleichzeitigkeit äußerst disparater Geschehnisse und das Andauern des Schreckens als ein sekündliches Geschehen mit einer solchen Wucht darstellen:

"Kontinente lösten sich aus ihren Verankerungen 1. 2. 3. 4. 5. Ein Pferd
verschluckt seine Zähne ...
die Totengräber bauten sich Häuser aus Särgen ...
der Mordgier des einen half die Mordgier der anderen das Schicksal
entgleiste
auf den Stromleitungen lasen Brieftauben die Botschaften
das Radio brachte die Zahlen das Fernsehen die Farben
ich atmete den Pesthauch und sie jagten mich aus dem Lager
bewarfen mich mit Steinen mit Steinen mit Steinen mit Steinen
59 Tage lang schliefen die Lebenden neben den Leichen 59 Tage 59 Tage
nicht gerechnet die Nächte und die Stunden”


Viele Passagen in diesem Zyklus beweisen, dass Dichtung noch erschreckender und nachhaltiger als Fotografien ein Geschehen darstellen können:

"Es gab pfundweise verdorbenes Fleisch und tonnenweise Leid
Schmerz für Millionen Dollar tonnenweise zermalmtes Fleisch
Es gab Berge von Kadavern und Ströme von Blut
Säcke voll Knochen Körbe mit Augen Schalen voll Lymphe
Es gab Wiesen mit Menschenhaut überzogen unter dem arabischen Mond”


Von den Journalisten kann man den Mut lernen, vor Ort zu sein, dort, wo Leben elementar bedroht wird, wo Grundrechte mit Füßen getreten werden, wo gefoltert und gemordet wird; dort auszuharren und dafür eine Sprache der Unmittelbarkeit zu finden.

Das andere aber wäre, so wie es viele arabische Schriftsteller tun, viel mehr Raum dem zu geben, wie viel Leid in den Fakten und Informationen gespeichert ist, in den Informationen, die vom Fortschritt handeln, der aber teuer erkauft wird. Und für den Fortschritt teuer bezahlt haben vor allem die Vorreiter eines Umsturzes, bevor dieser für alle sichtbar wurde. Die Vorreiter waren sehr oft, so auch im Fall der arabischen Rebellion, Schriftsteller, die mit dem Wort kämpften. Ihr Aufbegehren mithilfe des dichterischen Worts ging dem praktischen Aufbegehren voraus.

Etel Adnan - deren Leben sich immer zwischen Beirut, Damaskus, Nordamerika und Paris abspielte - hat ein kosmopolitisches Werk vorgelegt, in dem der Literatur von Anfang an die Rolle einer permanenten Rebellion zukommt. Sie unterscheidet dabei zwischen den Sprachen, in denen sie schreibt:

"Ich mag die französische Sprache, aber ich fühlte immer, daß sie uns auferlegt worden war. Im Englischen war ich frei, es war für mich unschuldig, es ist weniger von Regeln bestimmt.”

Ihr lyrisches Sprechen - auch beeinflusst von der Poetry-Bewegung in den USA - schafft sich seine eigenen Regeln. Die Vertreibung aus ihrem Land sucht sich eine neue Heimat in der Sprache. In dem Text "In einer Kriegszeit leben” heißt es:

"An Beirut denken, von Palästina träumen, Bagdad vermissen, sich daran erinnern, wie unmöglich es ist, jemals vollkommen dort zu sein, wo man ist... Von Engeln reden, so wie es einem selbst und wie es Rilke gemäß ist.”

Der unmöglich erscheinenden grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung wird zuerst von den Schriftstellern eine Sprache verliehen, bevor die Rebellion das Unmögliche zu überwinden versucht. Etel Adnans Werk kann hierfür wichtige Hinweise geben; der nun vorliegende Gedichtzyklus erweitert die notwendige Kooperation zwischen Schriftstellern, Journalisten und Wissenschaftlern noch um einen weiteren Aspekt, den der Verbindung von Text und Bild. Etel Adnan hat den im französischen Original 1980 und in der englischen Version 1989 publizierten Text mit der Hand geschrieben und während des Schreibens Zeichnungen hinzugefügt.

"Dabei spiegeln sich die geschriebenen Worte und die sichtbare Struktur der Bilder und formen eine neue Einheit, die beides, also Text und Bild, vereint und trägt.”

Auf diese Weise sollen die Gedanken nicht an der Schrift haften bleiben, sondern darüber hinweg gleiten. Die so entstehende Partitur könne von jedem Leser in eine "Art innere Sprache” übersetzt werden, was gleichbedeutend mit dem Vorgang des Verstehens sei.

Verwies der Band ursprünglich auf den libanesischen Bürgerkrieg, so hat er durch die jetzige arabische Rebellion eine neue Aktualität erhalten, die die Übersetzerin im Kommentar zu ihrer bewundernswerten Arbeit zu Recht "beklemmend” nennt. Wenn man sieht, wie Menschen trotz der selbst erlittenen Folterungen und der Erschießungen ihrer Freunde und Familienmitglieder aktiver Teil der arabischen Rebellion bleiben wollen und bereit sind, als Schriftsteller und Aktivisten für eine andere Welt ihr Leben zu opfern, dann wird man den Glauben an einen grundlegenden Wandel nicht aufgeben müssen.


Etel Adnan: "Arabische Apokalypse"
Aus dem Französischen von Ulrike Stoltz
Suhrkamp Verlag Berlin 2012
86 Seiten., 22,95 Euro

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