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Unorthodoxe Mutter, reaktionärer Sohn

Buch der Woche "Da wir uns nun einmal nicht vertragen."

Von Anja Hirsch

Bettine von Arnim in einem Stich nach Armgart von Arnim (ihre Tochter).
Bettine von Arnim in einem Stich nach Armgart von Arnim (ihre Tochter). (British Museum)

In Bettine von Arnims Briefwechsel mit ihrem Sohn Siegmund lässt die wohl markanteste Frau unter den deutschen Romantikerinnen ihr Interesse an Homöopathie stark durchscheinen. Neben detaillierten Krankheitsschilderungen bekommt der Leser aber auch hautnahe Berichte aus dem Berlin der Vormärzrevolution 1848.

Briefwechsel zu lesen ist immer etwas heikel. Mal fühlt man sich als Voyeur; dann wieder überflutet von privaten Details oder gezwungenermaßen zu Applaus genötigt, falls die Schreiber schon zu Lebzeiten vom Wert ihrer Briefe für die Nachwelt überzeugt waren. Da hilft es wenig, wenn sie bei besonders intimen Stellen zwar vorgebaut hatten, ihre Anweisung aber offensichtlich unerhört blieb.

"Diesen Brief bitte ich dich, wie meine früheren, zu zerreißen, da es mir später unangenehm ist so etwas wieder zu finden, wie Krankheitsbeschreibungen."

Siegmund von Arnim kränkelte oft. Und weil er wusste, dass er in Bettine von Arnim nicht nur eine berühmte, dominante Mutter hatte, sondern eine an Homöopathie interessierte Gesundheitsfanatikerin, beobachtete er sich sehr genau und erstattete regelmäßig Bericht.

"Seit drei Tagen trinke ich den hiesigen Brunnen und nehme zugleich eine ziemliche Dosis von dem Thermal salz, was mich sehr stark purgirt, vielleicht hilft mir das. (...) Uebrigens hat sich doch in der Art eine Veränderung eingestellt, dass die Schleimsekretion auch zuweilen noch des Abends zwischen 8 u 9 Uhr eintritt und zu gleicher Zeit jedesmal meine Nase eine große Quantität davon hergibt."

Nicht nur Homöopathen werden ihre Freude an solchen detaillierten Schilderungen haben. Es weht ein Duft Zauberberg durch diese Korrespondenz aus der Zeit zwischen 1824 und 1857, aus Kurorten wie Soden oder Helgoland, wo man weilte, um Luftveränderungen herbeizuführen und Anwendungen über sich ergehen zu lassen.

"Auffallend ist mir übrigens, dass ich eine so große Sehnsucht zum Schwitzen habe, dass ich den ganzen Sommer meinen Pelz getragen habe. Einige rußische Bäder, die ich früher genommen, brachten mich übrigens nur nach Auflegung von 8 wollenen Decken und nach längerer Zeit in Schweiß. Sage dies dem Stüler, wenn dich dieser Brief noch in Berlin trifft; vielleicht weiß er etwas."

Aber auch umgekehrt ist der Sohn um die Gesundheit seiner Mutter besorgt:

"Deine Badereise unterlaß auf keinen Fall, dencke, dass du 7 Kinder hast, von denen eins 8 Jahre alt ist, und noch keines etablirt. Die Tante, die in 3 Tagen Paris zu verlassen gedenkt, wirst du dort finden; vielleicht geht sie dann mit dir nach Berlin."

Bettine von Arnim, geboren 1785 in Frankfurt am Main, gestorben 1859 in Berlin, ist neben etwa Rahel Varnhagen oder der mit Bettine eng befreundeten Karoline von Günderode die wohl markanteste Frau unter den deutschen Romantikerinnen. Die Briefe, die zwischen ihr und ihren Kindern kursierten, sind noch gar nicht so lange als gebundene Bücher einsehbar. Mit zwei ihrer drei Söhne, Friedmund und Freimund, hat man inzwischen Bekanntschaft machen können durch hervorragend kommentierte Editionen der Korrespondenz, alle im Göttinger Wallstein Verlag erschienen, herausgegeben von Wolfgang Bunzel und Ulrike Landfester.

Der Briefwechsel mit dem symbiotisch der Mutter verbundenen Erstgeborenen Freimund erschien 1999 und trug den sprechenden Titel "Du bist mir Vater und Bruder und Sohn". Der nächste Band folgte 2001 mit dem drittgeborenen Friedmund im Zentrum, der Konflikte mit der Mutter offensiv suchte. Jetzt tritt Siegmund, der Zweitälteste, aus dem Schatten der berühmten Mutter. Er arbeitete als preußischer Diplomat, unter anderem in Karlsruhe, wo er die badische Revolution hautnah miterlebt, während Bettine aus Berlin vom aktuellen Geschehen rund um den Vormärz und die Revolution von 1848 berichten kann. Es ist aber zunächst einmal die Sprache des 19. Jahrhunderts, die Ausführlichkeit der Beschreibungen, das Modernferne, das einen auch heute für diese Briefe einnimmt. Wie zum Beispiel wünscht man als Elfjähriger im Jahr 1824? Siegmund hat konkrete Vorstellungen.

"Liebe Mutter
Ich hätte Dich gebeten, mir einen stählernen Bogen zu meiner Armbrust mitzubringen, aber ich glaube, dass er in Berlin allzutheuer sein wird. Darum kaufe ihn lieber nicht, sondern bringe mir statt dessen eine kleine Doppelflinte, eine Pürschbüchse, eine Standbüchse, und eine kleine Vogelflinte mit."


Bettine lebt zu diesem Zeitpunkt schon vornehmlich von ihrem Mann getrennt in Berlin, nicht mehr auf dem Hof der von Arnims in Wiepersdorf. Sie ist eine engagierte, emanzipierte Frau, bekannt für ihre Extravaganzen. Sie hat bereits die Nähe zu dem großen Dichterfürsten Goethe gesucht. Ihr daraus hervorgehendes Buch "Briefwechsel mit einem Kinde", das sie berühmt machen sollte, erscheint stark überarbeitet wohlweislich erst nach Goethes Tod. Siegmund wird es noch wie ein Dämon verfolgen. Doch davon später. Noch herrscht eine sanfte Ruhe zwischen Mutter und Kind. Aber man spürt schon das Fordernde, Pragmatische des Jungen. Er hat sogar eine raffinierte Strategie:

"Wenn ich einst nach Ostindien reise, will ich Dir als Gegengeschenk Ostindische Vogelnester und einen Shawl mitbringen. Dein dir herzlich ergebener Sohn Siegmund."

Unter den sieben Kindern des Ehepaars von Arnim ist Siegmund als Zweitältester, dem von Rechts wegen die Übernahme des Gutes verwehrt bleiben wird, der vielleicht eigenwilligste. Er gilt als stur und arrogant. Schon die Hauslehrer soll er mit offener Geringschätzung behandelt haben. Seinen Vater Achim von Arnim und dessen altadelige Herkunft verehrend, die Mutter eher etwas verachtend, fühlt er sich früh herausgehoben und wird zeitlebens sogar, unterstützt von Bettine, juristische Prozesse anstrengen, um selbst einen Adelstitel führen zu können. Das ist zu einer Zeit, da der Adel neu geordnet wird und nicht mehr angestammter Rechte sicher sein kann, eine spannende Nebengeschichte. Noch aber ist Siegmund jugendlich ungestüm und will gebremst werden. Und es hätte ihn sicherlich verärgert, wenn er gelesen hätte, dass der geliebte Vater gar nicht so abgeneigt war, dass Andere bei der Erziehung des selbstbewussten Sohnes helfen. So schreibt der Vater in einem Brief an Bettine von Arnim:

"Die Schläge, die er von dem Hauslehrer Sander bekommen, sind mir lieb gewesen, mit Güte ist nicht viel bei ihm auszurichten und selbst sein Ehrgefühl von einer leeren Spaßhaftigkeit leicht unterdrückt. Ich fürchte, selbst im Gymnasio nicht viel Gutes von ihm zu hören. Sein Brief an mich war wie von einem vierjährigen Kinde."

Vom Grauen Kloster, Berlins noch heute bestehendes ältestes Gymnasium, wird Siegmund verwiesen, weil er "durch absichtliches Pochen mit den Füßen" seinen "bösen Willen" an den Tag gelegt haben soll. Es hilft nichts, dass er sich sogar schriftlich verteidigt: er habe nicht gepocht, nur geplaudert, wofür er sich gerne entschuldigt hätte, aber der Professor habe ihm sofort auf seine Richtigstellung zu Unrecht eine Ohrfeige gegeben.

"Ich sagte indem ich auf meinen Platz ging um meine Mappe zu hohlen: 'Ich gehe ab, meine Eltern haben mir nicht erlaubt mir Ohrfeigen geben zu lassen'."

Man spürt, wie viel Entschlossenheit in diesem Jungen steckt, zumal dann, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Und wie wenig damals vorfallen musste, um des Gymnasiums verwiesen zu werden. Allein solcher Einblicke wegen, im Nachwort mit reichlich Zusatzmaterial geschildert und in der Zeit verortet, ist diese Edition eine Goldgrube. Temperamentvoll im Ton, erzählen die Briefe einiges über das Heranwachsen eines preußischen jungen Adeligen aus nicht begüterter Familie zu einer Zeit, da Preußen sich gerade von napoleonischer Fremdherrschaft befreit hatte und neu erfinden musste. Bettine und Achim von Arnim waren wie viele unverhohlen patriotisch eingestellt. Napoleons Armee war eben erst wegen des eisigen Winters stark minimiert vom Russlandfeldzug zurückgekommen, die Niederlage ein Hoffnungsschimmer auf neue Ordnung der Machtverhältnisse. Der Name Siegmund sollte Glück bringen, und tatsächlich brachte die Völkerschlacht bei Leipzig 1813, wenige Tage nach Siegmunds Geburt, den politischen Sieg Preußens. Der so Getaufte, den Bettine am liebsten noch "Dreizehntche" oder "Landstürmerche" genannt hätte, war über den auffälligen Namen keineswegs glücklich.

"Laß mir doch künftig den verfluchten Vornamen auf der Adreße fort. Ich kann ihn nicht ausstehen."

In Gesellschaft des älteren Bruders Freimund und der nachfolgenden Geschwister Friedmund, Kühnemund, Maximiliane, Armgart und Gisela fiel Siegmunds Name allerdings nicht aus der Reihe. Als letzter Gast, den Goethe 1832 kurz vor seinem Tod in Weimar noch empfing, hat er es aus der Geschwisterrunde sogar zu ganz besonderem Ruhm gebracht. Die in den Briefen sich unverstellt spiegelnde Episode ist kurios und wirft ein nicht allzugutes Licht auf Bettine und ihre Eitelkeit. Goethe hatte sie zu diesem Zeitpunkt seit Jahren nicht mehr empfangen. Und so bürdet Bettine ihrem Sohn Siegmund eine Art Versöhnerrolle auf. Wie wichtig ihr die Erneuerung der Beziehung zu Goethe ist, verrät das Empfehlungsschreiben, das sie ihrem Sohn mitgibt:

"Vergesse, vergesse und umfasse mich neu in diesem Kinde, was dir die gewagten Zeilen mit unbefangenem Vertrauen darbietet; es will Deutschland nicht verlassen, ohne von deinem Anblick gesegnet zu sein."

Siegmund, der stets einen eisernen Lernwillen an den Tag legte, hatte sich 1831 in Berlin für Jura eingeschrieben. Ein Jahr später bricht er nach dem Vorbild seines Cousins Carl Friedrich von Savigny ins Ausland auf, um weltmännisch zu werden. Vor der ersten Station in Paris trifft er mit Bettines Empfehlungsschreiben bei Goethe ein. Der scheint den Gram alter Tage wegschieben zu können - jedenfalls gewährt er dem jungen von Arnim nicht nur eine Audienz, sondern fünf Tage lang die Teilnahme am gemeinsamen Mittagessen im kleinen Kreis. Kein Wunder, dass Bettine ganz außer sich ist - sei doch ihr Siegmund, wie sie schreibt, der letzte "irdische Gegenstand", den Goethe ins Jenseits mit sich hinauf nehme. Aber was will sie von dem derart geweihten Sohne nun wissen? Etwa, wie es Goethe in diesen letzten Tagen so ging? Keineswegs. Die Nachricht von dessen Tod, beteuert sie, habe sie zwar unendlich berührt. Ihre Empathie mit dem Meister hält sich aber in Grenzen.

"Aber! hat er denn gar nichts von mir mit dir geredet? hat er meinen Brief noch gelesen? hat er sich nicht über meine Zeichnung geäussert? dieß sind die Fragen die mir sehr wichtig sind dass du sie beantwortest, die geringste Äusserung über mich sollte mir heilig und theuer seyn, ich bitte Dich also besinne dich und schreibe mir auch das unbedeutend scheinende."

Nicht genug kann sie des Lobes haben. Dabei hat Siegmund ihr schon so einiges zugetragen.

"Liebe Mutter!
Du verlangst ich soll dir schreiben was Göthe über dich gesprochen und bist mit Recht erstaunt, dass ich Dir gar nichts der Art berichtet; aber ich bin es auch, denn ich glaubte, ich hätte dir schon aus Weimar geschrieben, dass er dich wegen deines Talents gelobt und mir eine Empfelung an dich aufgetragen, das scheint dir wenig..."


Nun - Siegmund war da, in den heiligen Hallen. Sie nicht. Mit Genugtuung spielt er seinen Trumpf denn auch aus und mahnt zur Bescheidenheit angesichts des großen Denkers.

"...und wenn du den Mann gesehen hättest, wie er nicht mehr in der Welt lebte sondern nur noch wie in einem Buche darin blätterte, du würdest es ihm großen Dank wissen, dass er sich mit großer Freundlichkeit nach allen deinen Verhältnissen und nach unserer ganzen Familie erkundigte."

Ohne die punktgenaue Fleißarbeit der Herausgeber Wolfgang Bunzel und Ulrike Landfester hätten es die drei Söhne der Bettine von Arnim wohl kaum zu Popularität gebracht. Die Berühmteren der Familie bleiben auch nach diesen redlichen Editionen freilich die Eltern. Achim von Arnim ist mit seiner Sammlung von des Knaben Wunderhorn, die er mit Bettines Bruder Clemens Brentano forcierte, wohl auf ewig als Sternbild im Romantikhimmel fixiert. Bettine von Arnim wird heute neben ihrer regen Netzwerktätigkeit, den Schriften und bildnerischen Arbeiten vor allem als politisch engagierte Frau wahrgenommen. Sie bändelte mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. an und setzte sich dafür ein, dass die Brüder Grimm, die mit sechs weiteren Professoren nach Verfassung einer Streitschrift des Landes verwiesen wurden, wieder eingestellt wurden. Als Dichterin trat sie für die Emanzipation von Frauen wie auch Juden ein und sah sich in einer Zeit, da entsprechende Rechte ausgehebelt wurden, immer wieder schweren Vorwürfen ausgesetzt. Spannend ist genau diese Konstellation: die unorthodoxe, linksliberale Mutter, die in Siegmund einen geradezu konservativen reaktionären Sohn hervorgebracht hat, den Kontakt aber trotz aller Verachtung, die ihr entgegenschlägt, mit missionarischem Eifer hält. Immer wieder bemängelt Siegmund das Mütterliche und beschwört ihr gegenüber gnadenlos den Vater, um dessen Nachlass er von allen Kindern am meisten bemüht bleibt. Er ist 17 und tief traumatisiert, als der Vater 1831 stirbt.

"Sicher der Vater hätte mir oft geschrieben, hätte mich nach allem gefragt, was mir begegnet, hätte mich auf eine Menge Dinge aufmerksam gemacht, mich angehalten über alles reiflicher nachzudencken und klarer zu werden und hätte so mein Tichten und Trachten geleitet, ganz so wie es der Onkel Savigny mit dem Karl macht."

Bettine von Arnims soziale Aktivitäten, die immer einen bestimmten Zweck verfolgen und nicht gerade mit den zeitgenössischen Vorstellungen von Frau und Mutter übereinstimmen, schätzt ihr Sohn Siegmund nicht sonderlich:

"Der König hat eine schwere Zeit und du hast alles gethan, um ihm die Last noch schwerer zu machen. - Der König aber ist dir überlegen an Geist und Verstand und darum benutzt er dich, indem er dich gewähren läßt, um seine Zwecke zu erreichen."

Bettine ihrerseits versucht zu beschwichtigen. Es kommt sogar auch mal zum vorläufigen Abbruch der Korrespondenz, etwa, wenn Siegmund unter Einfluss des konservativ-monarchistischen Cousins Carl von Savigny, der Bettine mit ihren Intrigen für ein "gefährliches Weib" hält, gleichfalls all zu verächtlich wird. Über den langen Zeitraum gesehen, also bis 1857, ein Jahr vor Bettines Tod, liegt der Mutter aber doch viel an Schlichtung.

"...ich Denke Deiner jeden Tag und jezt werd ich noch oft von andern auf dich gebracht, die mir gratulieren, dass du in einer so Begebenheitsreichen Zeit am schwedischen Hofe seiest."

Bettine von Arnim hatte durch ihren freizüglichen Erziehungsstil, inspiriert von Rousseau, schließlich die Entfaltung selbst gefördert und war deshalb offenbar bereit, auch die individuellen Eigentümlichkeiten ihrer Kinder gelten zu lassen. Sowohl sie als auch Achim von Arnim zügelten Siegmund nicht, wenn er sich früh schon modisch kleidete oder höfische Umgangsformen kultivierte. Dass er als Erwachsener immer wieder blindwütig und offen antisemitisch seiner Haltung Ausdruck verlieh, dürfte sie nicht weiter verwundert haben.

"Solche Kerle, wie der Jude etc., die sich wie die Filzläuse in den Dicasterien eingefressen haben und ihre Stellen und den Staat als gute Beute betrachten, soll man zu den übrigen auf den Galeeren schicken u nur noch solche Leute am Platz lassen denen das Rechte heilig ist quand meme."

Unter psychologischen Aspekten lässt sich diese Mutter-Sohn-Beziehung modellhaft neben ähnlich gelagerte konträre Generationsverhältnisse aus anderen revolutionären Phasen deutscher Geschichte stellen und vergleichen. Und wer neben der Freude am Zeitdokumentarischen auch Sinn für Klatsch und Tratsch hat, kommt in diesen gegen die Mutter rebellierenden Briefen eines zügellosen Sohnes durchaus auf seine Kosten. Siegmund leidet unter der allzeit bereitwillig helfenden Mutter, die ihre Beziehungen spielen lassen will:

"Von Lauer höre ich, dass viel von deiner Geschichte mit dem Freiherrntitel die Rede ist und dass er sich redliche Mühe gibt, die Menschheit darüber aufzuklären. Er meint, es sei vielleicht Zeit jetzt, an den König zu gehen."

Siegmund aber möchte nicht durch Beziehungen vorankommen. Immer wieder lehnt er stolz ab:

"Ich will keinem Menschen meine Zukunft verdancken, sondern dencke sie mir selbst zu schaffen. Lieber will ich Schwarzbrodt freßen als Speichel lecken."

Und als Bettines Ruhm mit ihrem Goethe-Buch, das Siegmund nicht gerade freundlich "infernalisch" und "verdammt" nennt, in Münster, wo er gerade weilt, Wellen schlägt, behagt ihm seine Verwandtschaft zur Urheberin überhaupt nicht:

"Dencke dir das verfluchte Volk hier hat mich bettino getauft. Ich habe dem aber abgeholfen, indem ich einen Hundsfott dagegen gesetzt."

Wie üblich bei solchen akribisch ausgearbeiteten, auf Vollständigkeit angelegten Editionen hat man freilich auch viel Geschwätziges zu ertragen oder Details, die nicht interessieren. Oft zum Beispiel geht es um Finanzielles, die vielen Geschwister samt Anhang oder den Nachlass Achim von Arnims. Hin und wieder schauen aber auch die großen Romantiker der Zeit in den langen Briefen vorbei, hochgelobt oder abgewatscht von Bettine, die etwa vor Heinrich Heine warnt:

"Meide bösen Umgang, der Dichter Heine ist mir nicht der liebste, seine Bücher sind eine wahre Poubaille; - der Vater hatte auch Abscheu davor."

Zur bilderstürmenden Leinwand gerät der Band immer dann, wenn das Rad der Geschichte um Preußens Beziehung zu Frankreich oder die kleineren Randrevolutionen im Land sich weiter rasant dreht. So schreibt Siegmund 1847 aus Karlsruhe, wo es gleichfalls brodelt:

"Liebe Mutter!
Es sind wieder einige Monate verflossen, seit ich weder von dir noch sonst Jemand, mit Ausnahme Friedmunds, (...) keinen Brief erhalten habe, und doch seid ihr eurer sieben und Berlin ist voll der interessantesten Neuigkeiten, welche ihr aus erster Quelle schöpfen könnt. Alles was jetzt in Berlin geschieht, ist ja wichtig, denn die nächste Zukunft muss dort entscheiden: ob wir eine mit monarchischen, oder mit constitutionellen Institutionen umgebene Buroeaucratie haben werden; beide Alternativen sind nicht angenehm, denn beides faßt sich in dem Begriff von PolizeiRegierung zusammen und kann schon jetzt zu einer Umwälzung führen."


Und Bettine von Arnim wird nicht müde, ihm seitenweise zu schildern, was vor Ort geschieht. Das liest sich zum Teil spannender als jeder Krimi und ist als zeitgenössische Quelle neben dem gängig vermittelten Geschichtsbild von Wert.

"Am 19ten um 6 Uhr Nachmittag. In diesem Augenblick ist alles still, aber eine erhabne schauerliche Demonstration ist vom Volk mit dem König gemacht worden, ich will dir alles nach der Reihe erzählen was Wir seit Heute 8 Uhr, wo erst das Schießen aufhörte erlebt und erfahren haben."

Es ist die Ironie der Geschichte, dass Siegmund, der 1890 im Alter von 77 Jahren stirbt, Opfer genau der Kräfte wird, denen er zeitlebens vertraut und die er vor der kritischen, sozialdemokratischen Mutter oft in Schutz nimmt: Eben jene ministeriellen Funktionäre der preußischen Monarchie machen ihm schließlich einen Strich durch Adelstitel und Karriere. Dass Briefe nicht nur Zeitvertreib, sondern eigenständiger Teil eines Werkes sind, gehört zur charmantesten Errungenschaft der Deutschen Romantik. Die Aufwertung der schriftlichen Korrespondenz und die Vorlage dieser Editionen des Briefverkehrs zwischen Bettine von Arnim und ihren drei Söhnen hilft, dieses Bewusstsein zu vertiefen. Bettine von Arnim zu würdigen, heißt ja leider auch, sie von dem bis heute immer wieder durchsickernden Bild der etwas aufdringlichen Zankfrau zu befreien. Gesehen im Kreis ihrer Söhne, lässt sich das Bild der selbstbewussten, zeitungemäßen Imperia verfeinern, die zwischen organisatorischem Pragmatismus, schneller Entflammbarkeit und kluger Abwägung ein komplexes Leben meistert. Am Ende hat man dann tatsächlich die schillernde, in jedem Fall äußerst temperamentvolle Frau, die der Zeitgenosse Varnhagen von Ense in ihr sah:

"Häufen Sie Widersprüche auf Widersprüche, bergehoch, überschütten Sie alles mit Blumen, lassen Sie Funken und Blitze herausleuchten, und nennen Sie's Bettine."

Wolfgang Bunzel und Ulrike Landfester (Herausgeber): "Da wir uns nun einmal nicht vertragen. Bettine von Arnims Briefwechsel mit ihrem Sohn Siegmund."
Wallstein Verlag, Göttingen 2012,
718 Seiten, 59 Euro

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