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StartseiteHintergrundDie Wut der Jugend von Kaschmir24.09.2016

Unruhen in IndienDie Wut der Jugend von Kaschmir

Seit dem 8. Juli gehören Tote und Verletzte zum traurigen Alltag im indischen Teil Kaschmirs. Damals erschossen Soldaten den Kämpfer Burhan Wani. In den Augen der indischen Regierung ein Terrorist, für viele Jugendliche ein Held und Märtyrer. Seitdem gehen seine Anhänger regelmäßig demonstrieren - doch immer seltener geht es dabei friedlich zu.

Von Sandra Petersmann

Jugendliche werfen Steine auf ein indisches Polizeiauto während der Unruhen in Srinagar, der Sommerhauptstadt des indischen Teils Kaschmirs. (picture alliance / dpa / Farooq Khan)
Unruhen im indischen Teil Kaschmirs (picture alliance / dpa / Farooq Khan)
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Kaschmir-Region Tausende fliehen vor Kämpfen

"Indische Hunde, geht nach Hause", rufen die Teenager in der ersten Reihe. Sie laufen eine steile enge Straße hinunter. Die Stimmung ist aufgepeitscht. "Du Hund" ist in muslimischen Ländern ein übles Schimpfwort. Erst sind es nur ein paar Hundert Demonstranten, dann werden es immer mehr. Vielleicht zwei oder drei tausend.

"Azadi!"

Sie rufen nach Freiheit. Die wütende Menge versammelt sich nach dem Freitagsgebet am 29. Juli vor dem Büro der Vereinten Nationen in Srinagar. Srinagar liegt auf fast 1.800 Metern Höhe und ist in den heißen Sommermonaten die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir, zu dem der indische Teil Kaschmirs gehört. Es ist der einzige indische Bundesstaat mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit.

Die Demonstranten sind überwiegend jung und männlich, viele sind noch Kinder. Einen Anführer scheint es nicht zu geben. Ein Student mit Drei-Tage-Bart und Messi-Trikot, der seinen Namen nicht nennen will, löst sich aus der Menge.

"Die Kaschmiris haben immer ihr Recht auf Freiheit eingefordert. Die Inder sind hier und hissen ihre Flagge wo immer sie wollen, aber sie können ihre Flagge niemals in unseren Herzen hissen."

Dann geht alles ganz schnell. Die rund 50 kaschmirischen 50 Polizisten, die mit Helm und Schutzschild direkt vor dem UN-Büro stehen, werden nervös. Sie schießen ohne Vorwarnung mit Tränengas und ohrenbetäubenden Blendgranaten in die Menge.

Die Augen tränen, die Lunge brennt, die Ohren tun weh. Die Demonstranten rennen weg, viele stürzen. Ein paar Minuten später hagelt es aus engen Gassen in der Nachbarschaft Steine. Die kaschmirischen Polizisten bekommen Verstärkung von Indiens paramilitärischer Zentralpolizei und nehmen die Verfolgung auf. Nach etwas mehr als einer halben Stunde ist alles vorbei. Bis zum nächsten Mal.

Symbol für die Wut der jungen Generation

Die Familie von Burhan Wani hat ein großes Banner aufspannen lassen. (Deutschlandradio/Sandra Petersmann)Die Familie von Burhan Wani hat ein großes Banner aufspannen lassen. (Deutschlandradio/Sandra Petersmann)

Solche Jagdszenen gehören seit dem 8. Juli wieder zum Alltag im indischen Teil Kaschmirs. An diesem Tag erschossen Sicherheitskräfte Burhan Wani - einen 22-jährigen Kämpfer, auf den die indischen Behörden ein hohes Kopfgeld ausgesetzt hatten. Burhan Wani war Kommandeur in einer pro-pakistanischen Separatistengruppe, die in Indien, in den USA und in der EU auf der Terrorliste steht. Seine Beerdigung war eine Massenveranstaltung. Für viele Jugendliche sei der getötete Burhan Wani ein Held gewesen, erklärt der kaschmirische Journalist Shujaat Bukhari.

"Burhan steht symbolisch für die Wut der jungen Generation. Es hätte auch andere Auslöser geben können, aber es war Burhan. Er hat sich seinen Platz in der Gesellschaft vor allem über seine vielen Auftritte in den sozialen Netzwerken wie Facebook erkämpft. Damit hat er viele junge Menschen angelockt. Wir sitzen hier in Kaschmir auf einem Vulkan. Es braucht nur einen Funken, um ihn zum Ausbruch zu bringen. Burhan war so ein Funke."

"Rising Kashmir", die Zeitung, die Shujhaat Bukhari als Chefredakteur leitet, durfte in der Anfangsphase der blutigen Unruhen tagelang nicht erscheinen. Die Behörden verhängten neben einer strikten Ausgangssperre auch ein Informationsverbot. Sie sperrten das Internet und blockierten die Mobilfunknetze. Doch die Gewalt auf den Straßen ging weiter. Tag für Tag. Woche für Woche. Polizisten, Paramilitärs und Soldaten gegen jugendliche Demonstranten. Tote und Verletzte.

"Es ist ein ganz wesentliches Merkmal dieser politischen Unruhe, dass sich die kaschmirische Bevölkerung offen hinter einem bewaffneten Kämpfer versammelt. Dafür gibt es kaum noch Unterstützung im Rest der Welt. Die Mehrheit lehnt Gewalt als politisches Mittel ab. Aber hier in Kaschmir gehen die Menschen wieder offen dazu über, Gewalt zu unterstützen. Junge gebildete Menschen schließen sich dem bewaffneten Kampf an, die Zahl der untergetauchten Kämpfer nimmt wieder zu. In meinen 26 Jahren als Journalist habe ich noch nie so viel Wut in der Bevölkerung erlebt."

Ein weiteres blutiges Kapitel

Die Gewalt, die nach Burhan Wanis Tod ausgebrochen ist, fügt der tragischen Geschichte Kaschmirs ein weiteres blutiges Kapitel hinzu. Die Himalaya-Region ist seit 1947 geteilt. Damals zerfiel das britische Kolonialreich.

Auch das Fürstentum Kaschmir wurde mit Wucht in den blutigen Sog des Zerfalls geschleudert. Aus dem untergehenden Britisch-Indien entstanden das säkulare, mehrheitlich hinduistische Indien und die Islamische Republik Pakistan. Die beiden Staaten stehen sich bis heute feindlich gegenüber und beanspruchen Kaschmir ganz für sich. An der Waffenstillstandslinie, die Kaschmir in einen pakistanischen und einen indischen Teil zerschneidet, kommt es regelmäßig zu Schusswechseln.

Eine Resolution des UN-Sicherheitsrats vom 21. April 1948 empfiehlt, die kaschmirische Bevölkerung selber darüber entscheiden zu lassen, ob sie zu Indien oder zu Pakistan gehören will. Von Unabhängigkeit ist in der Resolution nicht die Rede. Die beiden Atommächte Indien und Pakistan haben drei ihrer bisher vier Kriege um Kaschmir geführt. Auch China hat sich einen kleinen Teil einverleibt. Kaschmir gehört heute zu den am stärksten militarisierten Gebieten der Welt. Allein Indien hat rund 600.000 Soldaten und Paramilitärs in seinem Teil stationiert.

Strategie von Zuckerbrot und Peitsche

Die Separatisten boykottieren den indischen Staat und nehmen nicht an Wahlen teil. Einige kämpfen für die Unabhängigkeit, andere für den Anschluss an Pakistan. Ihre Anführer stammen aus traditionell mächtigen kaschmirischen Familien. Sie leben in Srinagar in prächtigen Villen – engmaschig kontrolliert vom indischen Staat. Indien verfolgt eine Strategie von Zuckerbrot und Peitsche: Mal gibt es finanzielle Zuwendungen für die Separatisten, mal sitzen sie im Gefängnis.

Als die Intifada der Jugend nach Burhan Wanis Tod ausbrach, riefen die Separatisten die Bevölkerung zum Generalstreik auf und legten das öffentliche Leben lahm.

Auf der Straße vor dem Hauptquartier der paramilitärischen Polizei-Einheiten in Srinagar sind keine Autos und keine Menschen unterwegs. Straßenhunde liegen mitten auf der Fahrbahn faul in der Sonne. Im Hauptquartier empfängt Kommandant Rajesh Yadav in einer makellos gebügelten Uniform. Yadav sitzt hinter einem mächtigen Schreibtisch und trommelt immer wieder mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

"Die Demonstranten träumen von etwas, was es niemals geben wird. Sie fordern Unzumutbares. Überall auf der Welt gibt es friedliche Formen des Protestes. Warum werden in Kaschmir immer Steine geworfen? Diese Steinewerfer greifen nur die Sicherheitskräfte an, nicht ihre gewählten Volksvertreter. Warum demonstrieren sie nicht vor ihren gewählten, politischen Repräsentanten?"

Der Sprecher der paramilitärischen Zentralpolizei verteidigt den Einsatz von Schrotkugeln, die mit Pumpguns abgefeuert werden. Diese Waffen sind in keinem anderen indischen Bundesstaat im Einsatz. Yadav berichtet von toten und verletzten Kollegen, von brennenden Reifen und Molotow-Cocktails, vom angreifenden Mob, der Kinder als Schutzschilde missbrauche.

"Unsere Jungs sind für die Regierung im Einsatz. Und wenn sie im Einsatz angegriffen werden, verteidigen sie sich. Wir halten uns im Höchstmaß zurück. Aber es gibt eine Grenze für alles.

Wir setzen hier keine illegalen Waffen ein, sondern Mittel, die von der Regierung für diese Situationen gebilligt werden. Wir verwenden die am wenigsten schädlichen Waffen."

Frauen trauern im indischen Teil Kaschmirs. Dort herrschen die schlimmsten Unruhen seit sechs Jahren.  (dpa/picture alliance/Farooq Khan)Frauen auf der Beerdigung eines jungen Kashmiri. (dpa/picture alliance/Farooq Khan)

Schweigende Zivilgesellschaft

"Wo ist die Zivilgesellschaft? Wo sind die Gebildeten? Die Lehrer, Anwälte, Professoren? Warum gibt es dieses große Vakuum? Warum verstecken sie sich in ihren Häusern? Wo sind die Älteren? Wo sind die religiösen Führer? Warum stoppt niemand diese Jugendlichen? Warum lassen die Eltern ihre Jungs auf die Straße?"

Das Haus im südlichen Kaschmirtal, in dem kleinen, malerischen Örtchen Tral, ist von einer Backsteinmauer umgeben. Über dem kunstvoll geschmiedeten Eisentor, das in die Mauer eingelassen ist, hat Familie Wani ein großes Banner aufspannen lassen. Darauf steht: "Burhan Wani - der Stolz der Nation". Gemeint ist die kaschmirische Nation. Burhan ist auf dem Banner links und rechts zu sehen: ein gutaussehender, junger Mann in Tarnuniform, die Kalaschnikow lässig in der Hand. Seine Mutter Mahimana lächelt, wenn sie über ihren toten Sohn spricht.

Der Vater des ermordeten Kämpfers Burhan Wani. (Deutschlandradio/ Sandra Petersmann)Der Vater des ermordeten Kämpfers Burhan Wani. (Deutschlandradio/ Sandra Petersmann)

Er sei ein lieber, lustiger Junge gewesen, immer modisch gekleidet. Wie eine gebrochene Frau wirkt Burhan Wanis Mutter nicht. Sie serviert kaschmirischen Salztee und hartes Gebäck. Auf die Frage, ob sie jemals versucht hat, ihren Sohn aufzuhalten, als er mit 15 Jahren in den bewaffneten Untergrund ging, reagiert sie erstaunt.

"Warum hätte ich ihn denn aufhalten sollen? Ich habe ihn mit meiner Milch genährt. Wir haben ihm eine gute islamische Bildung gegeben und Burhan zu einem guten Moslem erzogen. Der Rest ist Gottes Wille. Mein Sohn hat sich für den Weg Gottes entschieden."

Burhan ist der zweite Sohn, den Mahimana und ihr Mann verloren haben. Zuvor hatten Soldaten bereits Burhans älteren Bruder Khalid erschossen. Auch er war für den indischen Staat ein Terrorist, weil er seinen untergetauchten Bruder mit Nachschub versorgte. Die Eltern erzählen, dass Burhan abgetaucht sei, nachdem Soldaten ihn auf der Straße misshandelt hätten. Der Friedhof ist nur einen kurzen Fußmarsch vom Haus der Wanis entfernt. Vater Mohammed Muzaffar Wani steht stolz vor dem Grab seiner Söhne.

"Ich fühle mich gut. Hier treffen sich die beiden Brüder, das macht mich glücklich. Ich danke Gott."

Der Wunsch nach einem islamischen Kaschmir

Die Familie stammt aus der Mittelklasse und ist durchaus wohlhabend. Vater Wani ist ein tief religiöser Mann, der sich ein islamisches Kaschmir wünscht. Das säkulare Indien ist für ihn das Land der Hindus. Doch er arbeitet für den Staat, den er ablehnt. Vater Wani unterrichtet Mathematik. Er ist Schuldirektor und leitet eine staatliche weiterführende Schule für etwa 300 Kinder. Seine toten Söhne Burhan und Khalid seien sehr gute Schüler und begeisterte Cricket-Spieler gewesen, berichtet er. Heute steht auf ihren Grabsteinen, dass sie als Märtyrer gestorben sind. Das südliche Kaschmirtal rund um den Heimatort der Wanis beklagt die meisten Todesopfer. Hier haben Kinder und Jugendliche Straßensperren errichtet und auch Zivilisten angegriffen.

"Im Koran steht, dass derjenige, der im Namen Gottes stirbt, ein Märtyrer ist. Die Bevölkerung wehrt sich. Sie hat lange geschlafen. Doch seit Burhans Tod ist sie erwacht und erhebt sich."

Artikel 370 der indischen Verfassung garantiert Kaschmir einen autonomen Sonderstatus. Doch seit der bewaffnete Aufstand gegen den indischen Staat 1989 begann, hat sich das Gebiet in eine Militärzone verwandelt. Damals vertrieben bewaffneten Separatisten mehrere hundert tausend kaschmirische Hindus aus ihrer Heimat. Armee und Polizei haben seitdem große Vollmachten.Die junge kaschmirische Journalistin Sumaiya Yousuf berichtet regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen.

"Indien setzt seine Truppen hier in einem großen Ausmaß ein. Diese Truppen werden missbraucht. Die politische Elite in Indien versteht einfach nicht, was hier passiert. Indien verliert den Kampf um die Herzen und Köpfe."

Sumaiya ist ein Kind der 90er-Jahre. Sie ist mit der massiven indischen Militärpräsenz aufgewachsen. Sie kritisiert die Lähmung der Politik.

"Mein Herz blutet. Das Kaschmir-Problem ist seit Jahrzehnten ungelöst. Indiens Kalter Krieg mit Pakistan geht immer weiter und weiter. Die Grenze in Kaschmir wird sich nicht öffnen. Kaschmir ist ein Ziel und ein Opfer. Wir sind ein geteiltes Volk in einer geteilten Region."

Pakistan unterstützt die Separatisten im indischen Teil Kaschmirs. Die Regierung in Islamabad hat Burhan Wani zum Märtyrer erklärt. Indien macht Pakistan für den islamistischen Terror in Kaschmir verantwortlich. Im pakistanischen Teil operieren mehrere extremistische Gruppen. Es gibt Trainingslager, die Kämpfer auf Anschläge vorbereiten. Früher sickerten die Kommandos regelmäßig aus dem pakistanischen in den indischen Teil ein.

Heute greifen junge Kaschmiris im indischen Teil verstärkt direkt zur Waffe – ohne den Umweg über Pakistan zu gehen. 70 Jahre nach der Teilung Kaschmirs ist eine politische Lösung nicht in Sicht. Der Rest der Welt ist mit anderen Kriegsschauplätzen beschäftigt.       

Die Sonne steht hoch am Himmel. Der Muezzin einer Moschee am Ufer des berühmten Dal-Sees in Srinagar ruft zum Mittagsgebet. Der Dal-See mit seiner malerischen Bergkulisse ist eigentlich ein Anziehungspunkt für Touristen. Doch die kaschmirische Intifada hat die Touristen verschreckt. Die Hausboote sind verwaist. Es herrscht gähnende Leere. Auf einer kleinen Insel im See sitzen zwei junge Männer mit Büchern unter einem Baum im Schatten. 

Einer der beiden ringt aufgewühlt um Worte. Er hat Angst und will seinen Namen nicht sagen. Ihm schießen Tränen in die Augen. Er ist Student und will Computer-Ingenieur werden. Seine Uni ist geschlossen. Das akademische Jahr ist wegen der Unruhen verloren.

"Wir fühlen uns eingesperrt. Wie im Käfig! Jeder will doch frei leben können. Indien benutzt unser Land, ohne uns Menschen zu wollen. Indien will seine Grenzen schützen und verhindern, dass Leute aus Pakistan einsickern oder dass China einmarschiert. Darum wollen sie Kaschmir.

Ich möchte der indischen Regierung sagen: Gebt uns wenigstens die Chance, uns frei zu bewegen. Wann immer ich das Haus verlasse, muss ich an Bewaffneten vorbei. Wir fühlen uns bedroht."

Der junge Kaschmiri sehnt sich nach einem ganz normalen Leben. Er will sein Leben genießen. Er wirft keine Steine und wird doch von der Gewalt zerrieben.

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