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StartseiteComputer und Kommunikation"Uns fehlt noch ein wirklicher Technologiedurchbruch"17.04.2010

"Uns fehlt noch ein wirklicher Technologiedurchbruch"

Warum Mobilfunkunternehmen sich nur zögerlich an neue Standards heranwagen

Mobilfunk.- Bei der Versteigerung der neuen Mobilfunkfrequenzen boten die Netzbetreiber in der zurückliegenden Woche eher zögerlich. Was das für den Ausbau der mobilen Handydienste in Deutschland bedeuten könnte, erklärt Wissenschaftsjournalist Peter Welchering im Gespräch mit Manfred Kloiber.

Sind europaweite Lizenzen für alle Frequenzen unentbehrlich?  (AP)
Sind europaweite Lizenzen für alle Frequenzen unentbehrlich? (AP)

Manfred Kloiber: 24 Minuten hat es gedauert und schon war die erste Runde im angeblichen Milliardenpoker um die neuen Mobilfunkfrequenzen am Montag dieser Woche vorbei. Die vier bislang schon in Deutschland aktiven Mobilfunknetzbetreiber boten nur zögerlich. Und die Preise für die Frequenzblöcke blieben in dieser Woche weit hintern den Erwartungen zurück. Wird der Ausbau der mobilen Internet- und Handydienste genauso zögerlich werden, Peter Welchering?

Peter Welchering: Ja, genau das befürchten tatsächlich einige Experten und Innovationsforscher. Und sie sagen, das habe ganz interessante Hintergründe, nämlich zwei Hintergründe, die man genauer untersuchen müsse. Zum einen: Wir sind hier in Deutschland auf falsche Weise reguliert. Das hat etwa der Innovationsforscher Arnd Weber vom Karlsruher Institut für Technologie so auf den Punkt gebracht. Und zweitens: Uns fehlt noch ein wirklicher Technologiedurchbruch, wenn zum Beispiel Autos via Mobilfunk miteinander verbunden werden sollen, um etwa schneller und besser Staus prognostizieren zu können, wenn Fernsehen in HD-Qualität auf die Handys kommen soll, wenn Telemedizin mit diesem mobilen Internet gemacht werden soll, dann brauchen wir ganz kurze Latenzzeiten von deutlich unter zehn Millisekunden im Funkzugang und Bandbreiten von garantiert mindestens zehn Megabit pro Sekunde.

Kloiber: Und was soll sich denn nach Meinung dieser Experten bei der Regulierung ändern?

Welchering: Arnd Weber beispielsweise hält hier europaweite Lizenzen und nicht nur deutschlandweite Lizenzen, europaweite Lizenzen für alle Frequenzen für vollkommen unentbehrlich, damit ein ausreichend großer Markt entsteht. Der deutsche Markt sei da zu klein, da könne man nicht genügend Innovationen hervorbringen und vor allen Dingen auch refinanzieren. Und Arnd Weber fordert weiterhin: Die Telekommunikationsunternehmen, die Mobilfunkbetreiber, brauchen Frequenzbänder, auf denen sie unreguliert Dienste anbieten können, die sie für spannend halten. Das habe etwa in Japan zu einem Innovationsboom geführt. Bei uns dagegen ist nach seinem Dafürhalten die Nutzung der Frequenzbänder, die jetzt gerade versteigert werden, im Wesentlichen auf LTE, also auf Long Term Evolution und auf WiMAX zugeschnitten. Und vor allen Dingen: Die LTE-Euphorie halten einige Experten für völlig überzogen. Denn mit dieser Versteigerung investieren die Telekommunikationsunternehmen ja viel Geld in diesen Long-Term-Evolution-Standard, der beim mobilen Internet gerade einmal eine Bandbreite von ungefähr einem Megabit pro Sekunde bringt. Dann aber fehlt eben das Geld für Entwicklungen für wirklich breitbandige Anwendungen, eben für Telemedizin, HD-Fernsehen, intelligente Verkehrssteuerung, effektive Telearbeit, Videokonferenzen und so weiter. Und jetzt wird das Geld für LTE gebunden, so dass dann der nächste darauf folgende Mobilfunkstandard hinausgezögert wird. Der Standard, der eben diese innovativen Anwendungen kann und im Wesentlichen auch schon laborreif ist.

Kloiber: Fehlt es denn an Geld, um den Standard nach LTE marktreif zu machen?

Welchering: Ja, es fehlt sogar an verschiedenen Stellen an Geld. Es fehlt beispielsweise auch an Entwicklungsgeldern, weil eben die Telekommunikationsunternehmen, also sowohl die Ausrüster als auch die Mobilfunkbetreiber, sich im Augenblick sehr stark für die Frequenzen aus der sogenannten digitalen Dividende im 800-Megahertzbereich interessieren. Und da müssen sie sich dann allerdings auch selbst zu erheblichen Investitionen verpflichten, zumindest die Mobilfunkbetreiber, um nämlich mobiles Internet mit einer Bandbreite von einem Megabit in die bisher unversorgten oder unterversorgten ländlichen Räume zu bringen. Und das bindet eben Kapital. Zweitens werden dann private Anwender und Unternehmen, wenn sie demnächst in neue LTE-Endgeräte investieren – vermutlich spätestens ab Herbst – dann erst einmal diese Endgeräte auch für ein paar Jahre nutzen und haben wollen. Und das heißt, dass hier ein Investitionshemmnis für Endgeräte entsteht, die dann nach dem übernächsten Standard arbeiten und das ist eben der LTE-Advanced-Standard. Und drittens fehlt einigen Telekommunikationsunternehmen schlicht die Strategie für innovative Mobilfunkanwendungen. Auch im Mobilfunk wird sich nämlich Internet-Telefonie durchsetzen. Für die Mobilfunkanbieter ist das aber ein regelrechter Angstfaktor, und deshalb investieren sie auch nicht in diese Entwicklung, sondern versuchen so ein bisschen zu hemmen.

Kloiber: Dann fragt es sich natürlich: Wie sehen alternative Modelle zum klassischen Mobilfunkanbieter aus?

Welchering: Davon gibt es einige, allerdings werden die nicht umgesetzt und sind im Wesentlichen eher Diskussion bei Experten und Innovationsforschern. Die Mobilfunkanbieter interessieren sich noch nicht so richtig dafür, denn die verdienen ihr Geld noch mit Sprachtelefonie. Das heißt, mit Datenübertragung auch Teilweise und mit SMS, manchmal vielleicht noch mit Klingeltönen. Und da befürchten sie, dass hinter einem solchen Trend wie der Internet-Telefonie im Mobilfunk eine Entwicklung steckt, die die klassischen Mobilfunkfirmen dann zu bloßen Anbietern eines Datenstroms degradieren würde. Und dafür bekommt man dann vielleicht noch eine Flatrate vom Anwender, aber das war es dann auch. Großes Geld kann man eben damit gerade nicht mehr verdienen. Und das große Geld machen dann andere: Diensteanbieter oder Anbieter, Entwickler von Apps, wie wir das ja teilweise schon kennen und deshalb blockieren dann die klassischen Mobilfunkunternehmen diese Entwicklung, statt sich eben um neue Anwendungen auf dem künftigen Smartphone zu kümmern, etwa um Telearbeit, Online-Spiele und so weiter. Und damit wird eben dann auch die Entwicklung zum übernächsten Mobilfunkstandard geblockt und darunter leidet eben auch die Umstellung auf das Internetprotokoll in Version sechs. Das hätte nach Meinung einiger Experten nämlich schon längst passieren sollen, das hätte auch eine Auflage sein sollen, statt der Auflage eben, für die ländlichen Räume etwas zu tun.

Kloiber: Über die Versteigerung neuer Mobilfunkfrequenzen berichtete Peter Welchering. Dankeschön.

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