• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:05 Uhr Klassik-Pop-et cetera
StartseiteBüchermarktUnschuldig für den Rest des Lebens. Frühe Reportagen24.01.2002

Unschuldig für den Rest des Lebens. Frühe Reportagen

Verlag Neue Kritik, 180 S., EUR 19,-

<em>Meine Geschichten werden immer mehr zum Fragment. Anfangs fand ich noch eine ganze Vase. Dieser Vase fehlte nur wenig, nur ein Bruchstück. Das konnte man ersetzen, aber im Laufe der Zeit haben meine Ausgrabungen immer weniger erbracht. Manchmal sind es nur noch Überbleibsel, Trümmer, Bruchstücke, Splitter von solchen Gefäßen.</em> Hanna Krall, die ihre Art zu schreiben gern mit der Arbeit eines Archäologen vergleicht, ist hierzulande vor allem durch das Thema bekannt geworden, das sie seit über zwei Jahrzehnten nahezu ausschließlich beschäftigt: der Mord an den polnischen Juden durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Ihre Geschichten werden nicht deshalb zum Fragment, weil man sie sich nicht als Ganzes vorstellen könnte. Sie bleiben deshalb lückenhaft, weil Hanna Krall in ihnen die gebrochene Erinnerung von Zeitzeugen einbringt, ohne diese durch Fiktion zu ergänzen und damit in ihrer authentischen Wirkung zu mildern.

Martin Sander

Diejenigen, die die suggestive Kraft dieser Methode erfahren haben, könnte es überraschen, dass die Autorin Hanna Krall sie nicht nur bei der Erzählung des Judenmords verwandt hat. Höchste, archäologische Genauigkeit im Blick auf das Erzählte zeichnet auch jene fünfzehn frühen - davon sieben erstmals ins Deutsche übertragenen -Texte von Hanna Krall aus, die der Verlag "Neue Kritik" jetzt herausgebracht hat. Diese Geschichten beleuchten die Wirklichkeit der Volksrepublik Polen in den siebziger und frühen achtziger Jahren aus der Sicht ihrer Protagonisten, der jungen Frau, die ihre Nachbarn im Wohnblock mit der Mitleidsmasche gnadenlos ausnimmt und sich als Dichterin ausgibt, die Fabrikarbeiterin Elka, die ihren Freund aus Eifersucht ins Gefängnis bringt, um ihn dort zu heiraten oder sie zeichnen ein groteskes Bild von der Wohnungseinrichtung einer polnischer Akademikerfamilie.

Ich schrieb damals Reportagen über eine Welt, die kein Format hatte. Polen hatte damals überhaupt kein Format. Es gab keine großen Verbrechen. Es gab weder etwas Gutes noch etwas besonders Schlechtes. Alles war undeutlich, grau langweilig, einfach langweilig. Ich ging von Haus zu Haus. Überall hatten die Leute die gleichen Möbel. Auf diesen Möbeln standen die gleichen Kristallvasen. Die Teppiche sahen alle gleich aus. Und die Leute redeten mit den gleichen Worten über die gleichen Dinge. Vor ihren Häusern standen die gleichen Autos, die sie mit den gleichen Tüchern putzten, diese so mühsam erstandenen Autos. Sie hatten die gleichen Träume. Ich ging in so ein Haus und hatte sofort den Eindruck, schon einmal dort gewesen zu sein, obwohl ich wußte, dass ich noch nie dort war.

Dennoch baut Hanna Krall auch in diesen Geschichten aus den siebziger Jahren jene Spannung auf, durch die hindurch man die Triebkräfte der großen Umwälzungen jener Epoche spüren kann. Je näher wir den Solidarnosc-Jahren 1980 und 81 kommen, desto deutlicher geraten überdies die großen oder größeren Protagonisten der Geschichte ins Visier der Reporterin - zum Beispiel dort, wo sie den Bezirkssekretär der Partei die Arbeiterrevolte von 1976 aus seiner Sicht Revue passieren lässt:

Ich war entschlossen, persönlich mit den Leuten zu reden. Adamczyk hatten sie am Schlips und Revers gezerrt, also legte ich Jackett und Krawatte ab und krempelte die Hemdsärmel hoch. Wenn der Mensch mit Menschen zu tun hat, kann er nie wissen, dachte ich. Wenn sie anfangen zu schlagen, werde ich nicht dastehen wie ein Klotz, schließlich bin ich auch kein Hänfling.

Ich sagte, man solle mir von der Verkehrspolizei ein Megaphon besorgen, und ging hinaus auf den Flur.

Die Menge war schon überall.

Am Fenster blieb ich stehen, und die Leute umdrängten mich von allen Seiten.

"Nun sag, was!" riefen sie.

Hanna Krall, geboren 1937 in Warschau, hat sich als Autorin lange Zeit von der sie umschließenden Gegenwart inspirieren lassen. Sie fing 1957 an, für die Tageszeitung "Zycie Warszawy" zu schreiben. 1966 wechselte sie zur "Polityka", dem liberalen Aushängeschild der volkspolnischen Presse. Dabei erscheint ihr Werdegang in mancher Hinsicht exemplarisch. Er gleicht dem Lebensweg zahlreicher polnischer Intellektueller ihrer Generation, die lange Zeit hindurch bereit waren, sich auf die Spielregeln des sowjetischen Modells in Polen einzulassen und es zugleich mit Argwohn betrachteten. Doch dieser Widerspruch war - wie es im Rückblick scheint - wohl nur zeitweilig aushaltbar. Er führte seit den späten siebziger Jahren zum offenen Gegensatz zur herrschenden Macht und dann mit der Verhängung des Kriegsrechts durch General Jaruzelski zum unumkehrbaren Zerwürfnis. Wie viele andere verließ Hanna Krall die Redaktion der "Polityka" am 13. Dezember 1981 und ging in den Untergrund.

Wir haben mit einem feinen Pinsel genaue, ziselierte Bilder an die Wand gemalt. Dann stellte sich heraus, dass die Wand Teil eines Eisenbahnwaggons war, der sich plötzlich vor uns in Bewegung setzte und uns vor der Nase davonfuhr. Und wir merkten, dass wir eine Trillerpfeife oder sogar eine Alarmsirene anstatt eines Pinsels gebraucht hätten.

So deutet Hanna Krall die politische Entwicklung der Kreise, in denen sie sich bewegte, in einem Gespräch aus dem Jahre 1985, das der Herausgeber an den Schluß der Textauswahl gestellt hat. Obwohl der Verlag "Neue Kritik" neun der fünfzehn frühen Reportagen bereits im Jahre 1983 herausgegeben hat, darf die veränderte Neuausgabe als lohnendes Unternehmen gelten. Wir lernen durch die scharfen Blicke der Reporterin Hanna Krall nicht nur eine vor zwei Jahrzehnten untergegangene Welt, die Volksrepublik Polen der Gierek-Ära, kennen. Wir erkennen auch die Anfänge einer unverwechselbaren Ästhetik des fragmentarischen, kommentarlos lakonischen Erzählens wieder, für das die Autorin später berühmt wurde.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk