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StartseiteWissenschaft im BrennpunktFalsche Spuren30.07.2017

Unschuldig hinter Gittern (1/2)Falsche Spuren

Schuldig oder nicht? Bei einem Verbrechen liefert oft selbst der genetische Fingerabdruck nicht immer den hieb- und stichfesten Beweis, wenn sich zum Beispiel am Tatort Erbmaterial mehrerer Menschen vermischt. Deswegen landen immer wieder Unschuldige hinter Gittern - oder sogar in der Todeszelle.

Von Joachim Budde

Charles Fain saß 18 Jahre lang unschuldig in der Todeszelle. Bis heute hat er keine Haftentschädigung erhalten (Deutschlandradio / Joachim Budde)
Charles Fain saß 18 Jahre unschuldig in der Todeszelle - und hat bis heute keine Haftentschädigung erhalten. (Deutschlandradio / Joachim Budde)
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Als die neunjährige Daralyn Johnson im Städtchen Nampa im US-Bundesstaat Idaho verschwand, lag Charles Fain im Wohnwagen seines Vaters und schlief - in Redmond, Oregon, knapp 800 Kilometer entfernt. Es war Mittwoch, der 24. Februar 1984. Charles Fain: "Ich hatte keine Ahnung, dass ich anderthalb Jahre später würde beweisen müssen, wo ich mich aufgehalten hatte."

Charles Fain war damals 32. Nach seiner Rückkehr aus dem Vietnamkrieg hatte er Alkoholprobleme. "Ein paar Mal bin ich ins Gefängnis gekommen. Ich hatte also Vorstrafen. Am 1. April 1979 habe ich mit dem Trinken aufgehört. Und nie wieder angefangen." Arbeit fand er mal für sechs Monate, mal für ein paar Tage. Mal in Idaho, mal im Nachbarstaat Oregon.

Anderthalb Jahre lang tappte die Polizei von Nampa auf der Suche nach Daralyns Mörder im Dunkeln. Ein Mädchen hatte am Tag der Tat ein Auto gesehen aus den 60ern, Anfang der 70er. Charles Fain: "Sie gingen die Zulassungen durch und zogen einen Haufen Autos raus, und meins war eines davon. Aber sie konnten mich nicht finden, ich war ja in Oregon." Als Charles Fain zurückkam, bestellte die Polizei ihn ein.

Am Ende sitzt immer wieder der Falsche im Knast

Sie kennen das aus CSI. Mord, Polizei. Die Spurensicherung pudert alles mit schwarzem Pulver ein, gießt Gips in Fußstapfen, sammelt Haare und Textilfasern von der Leiche. Nach mehr oder weniger Wendungen sitzt der oder die Richtige im Knast.

Die Wirklichkeit sieht natürlich anders aus. Obwohl die Methoden zum Teil schon weit länger als 100 Jahre zum Einsatz kommen, sind sie viel weniger zuverlässig als allgemein angenommen. Und am Ende sitzt immer wieder der oder die Falsche im Knast. Zu diesem Ergebnis sind in den USA in den letzten Jahren mehrere hochrangige Wissenschaftskommissionen gekommen, zuletzt das PCAST. John Butler: "Das 'United States President's Council of Advisors on Science and Technology' hat seinen Bericht im September 2016 vorgelegt." 

Präsident Barack Obama hatte dieses wissenschaftliche Beratergremium beauftragt zu klären, was dahintersteckt, dass in den USA bis zu 100.000 Menschen für Verbrechen einsitzen, die sie nie begangen haben. Zu dieser Statistik schreibt das PCAST in seinem Bericht:

"Unabhängige Überprüfungen [...] haben gezeigt, dass viele Fälle teilweise auf fehlerhaften Sachverständigenaussagen von Forensikern bauten. Die hatten den Jurys gesagt, dass Proben vom Tatort (zum Beispiel Haare, Kugeln, Bissspuren, Reifen- oder Fußabdrücke) Angeklagte mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Verbrechen in Verbindung brächten."

Hohe Wahrscheinlichkeit. Davon ist in den einschlägigen Fernsehserien selten etwas zu hören. Dabei ist es unverzichtbar zu wissen, wie verlässlich eine Spur ist - oder eben wie groß der Zweifel daran. Und um das zu beziffern, braucht es eine ordentliche Datenbasis. Doch die fehle bei den meisten forensischen Methoden, sagt Dr. John Butler, führender Forensik-Experte am "Nationalen Institut für Standards und Technologie" der Vereinigten Staaten in Gaithersburg, Maryland. 

"Wie häufig tritt ein bestimmtes Merkmale auf, zum Beispiel eine zufällige Veränderung an Schuhsohlen? Das ist nicht bekannt. Dazu muss es jetzt Studien geben, damit wir Zahlen haben, die wirklich etwas aussagen. Bislang machen die Experten lediglich qualitative Aussagen: 'Im Spiegel meiner Erfahrung sieht das wie der Schuh aus.' Aber wie kommen sie zu dieser Erfahrung? Wie sieht die Datenbasis aus? Das ist letztlich der Kern des PCAST-Berichts: Sie brauchen Daten, um ihre Schlüsse und Behauptungen zu untermauern."

"FBI und andere Behörden haben viel Unsinn gemacht"

Professor Peter Schneider leitet die Forensische Molekulargenetik am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Köln, und er kennt sich aus mit dem, was hinter der Kritik steckt. Besonders schlimm seien Haarvergleiche.

"Da ist es in der Tat so, dass da in den 90er- und Anfang der 2000er-Jahre vom FBI und anderen Behörden in den USA viel Unsinn gemacht wurde und leider auch bis zu dem Punkt, dass Leute mit dem Tode bestraft wurden."

Die Mängel sind Teil eines strukturellen Problems: Das Justizministerium und die Bundespolizei FBI haben mehr als 3.000 Kriminalfälle überprüft, in denen Haarvergleiche eine Rolle gespielt haben. In 95 Prozent der Fälle hätten die Haarsachverständigen des FBI aus wissenschaftlicher Sicht ungültige Aussagen gemacht.

So wie bei Charles Fain. "Sie fragten mich nach Haaren, und ich gab ihnen welche. Ich hätte nie gedacht, dass ich je wieder von ihnen hören würde. Fünf, sechs Wochen später bestellten sie mich wieder ein und sagten: 'Das Haar beweist, Du warst es.' Ich sagte: 'Das ist unmöglich!'"
Doch die Polizei ließ nicht locker. Charles Fain: "Sie hatten einen Fall, den sie nicht lösen konnten. Und auf einmal hatten sie einen Verdächtigen. Ich war ihre einzige Hoffnung."

"Projekt für Unschuldige" beweist Unschuld von 13 Menschen

Greg Hampikian kommt den Flur entlang im zweiten Stock des Backsteinbaus, in dem die Boise State University die Naturwissenschaften untergebracht hat. Große dunkle Augen unter kurzen weißgrauen Haaren, ein grauer Drei-Tage-Bart um die vollen Lippen. Sein Büro ist winzig. Zwei Rechner teilen sich den Platz auf dem Schreibtisch, und ein buntes Modell der DNA-Doppelhelix. Erbgut ist Hampikians Fachgebiet. 

Zu Beginn seiner Karriere hat er das Y-Chromosom erforscht. Darüber kam er zur Forensik. "1999 dann hörte ich von Calvin Johnson, der mithilfe von DNA und dem Innocence Project seine Freiheit zurückerlangt hatte. Er saß wegen einer Vergewaltigung 17 Jahre lang im Gefängnis." 

Greg Hampikian leitet das Idaho Innocence Project und kämpft gegen die systematischen Fehler in der Forensik (Deutschlandradio / Joachim Budde)Greg Hampikian leitet das Idaho Innocence Project und kämpft gegen die systematischen Fehler in der Forensik (Deutschlandradio / Joachim Budde)

Greg Hampikian gründete zusammen mit Studenten der Emory University in Atlanta ein Innocence Project für den Bundesstaat Georgia. Kurz nach der Jahrtausendwende verschlug es ihn vom Südosten der USA in den Nordwesten, in die Rocky Mountains nach Idaho. 

"Ich bin Professor an der Biologiefakultät und halte daneben am Lehrstuhl für Strafrecht Vorlesungen über Forensik. Bei unserer Arbeit im Innocence Project helfen uns Studenten aus allen Fachbereichen und dem ganzen Staat."
Das Idaho Innocence Project ist das einzige, das über ein eigenes DNA-Labor verfügt. Greg Hampikian untersucht alte Fälle aus der ganzen Welt. Bis heute haben er und seine Helfer die Unschuld von 13 Menschen nachgewiesen. Gleichzeitig erforscht er die Schwächen der Forensik und sucht nach Wegen, sie zu verbessern. 

Falsche Spuren, falsche Zeugenaussagen

Es braucht natürlich mehr als ein paar Haare, um jemanden als Täter festzunageln. Bei Charles Fain passte eine vage Täterbeschreibung: Mann mit mittellangem braunen Haar und Bart. Die Ermittler fanden zudem Schuhe, die sie Abdrücken am Tatort zuschrieben.

Charles Fain: "Es gab nur ein Problem: Ich hatte die Schuhe erst sechs Monate nach der Tat gekauft, aber ich hatte keine Quittung mehr, um das zu beweisen. Fast hätte ich sie mal weggeschmissen. Sie waren eh ausgelatscht."

Charles Fain hat die Tat nie gestanden. Doch andere behaupteten das Gegenteil. Charles Fain: "Ich erzählte einem Freund von der Haarprobe. Und später sagte er den Cops, ich hätte ihm bei der Gelegenheit die Tat gestanden. Ein wirklich schöner Freund."

Es kam noch schlimmer: In Untersuchungshaft war er zwischenzeitlich mit anderen Gefangenen in einer Zelle. Charles Fain vermutet, die Polizei habe sie als Spitzel eingesetzt und ihnen einen Deal in Aussicht gestellt. Zwei behaupteten, er habe die Tat auch vor ihnen zugegeben. Vor Gericht legten sie überzeugende Auftritte hin. Charles Fain saß mit Fußfesseln im Gerichtssaal und schaute fassungslos zu. "Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich saß nur da, ich glaubte: 'Oh, mein Anwalt weiß, was er tut.' Aber die Sache war ihm über den Kopf gewachsen."

Am 4. November 1983 sprachen ihn die Juroren schuldig. Am 17. Februar 1984 legte das Gericht die Strafe fest: Todesurteil. Charles Fain: "Ich war wie betäubt. Ich dachte nicht wirklich etwas. Ich kehrte in die Zelle zurück, saß auf meiner Pritsche und sagte: 'Ich kann das nicht glauben.' Es ist wirklich schwierig, in Worte zu fassen, wie man sich da fühlt."

"DNA-Analyse ist eines der mächtigsten Beweismittel"

Greg Hampikian: "DNA ist ganz Besonderes."

Seit Mitte der 80er-Jahre greifen die Ermittlungsbehörden auf den genetischen Fingerabdruck zurück. Findet die Polizei am Tatort Material, das Körperzellen enthält, können Genetiker anhand markanter Merkmale im Erbgut ein DNA-Profil erstellen. Haben sie einen Verdächtigen, tun sie dasselbe und können die Profile vergleichen. An diesem Prinzip hat sich bis heute nichts geändert, sagt Peter Schneider. 

"Die DNA-Analyse im Strafverfahren ist nach wie vor eines der mächtigsten und sichersten Beweismittel, das wir kennen. Es hat auch im Ergebnis die Art der Täterermittlung, der Spurenbearbeitung revolutioniert.

Anfangs galt der DNA-Fingerabdruck als unfehlbar - ein Nimbus, der bis heute anhält. Doch schon 1989 erklärte ein Gericht in New York eine DNA-Spur als unzulässig, weil eine verlässliche Datenbasis fehlte. Daraufhin beschrieben Genetiker, welche Stellen im Genom sich für die Analyse eignen und welche Varianten - genannt Allele - beim Menschen wie häufig vorkommen. 

"Der Goldstandard sind Proben von einer einzelnen Quelle." John Butler vom NIST ist einer der führenden Experten für forensische DNA-Analysen weltweit. Er erklärt die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade bei der DNA-Analyse mit einer Analogie aus der Mathematik:

"Wenn eine DNA-Probe nur von einer einzigen Person stammt, ist das einfache Arithmetik: zwei plus Zwei gleich Vier. Bei einer Sexualstraftat, wenn wir das Opfer und einen Täter haben, ist das Algebra. Das Opfer kennen wir, also haben wir eine Gleichung, die wir nach dem Täter als Unbekanntem lösen müssen. Soweit alles kein Problem. Wenn wir aber Berührungsspuren kriegen, bei denen drei oder mehr Personen eine Oberfläche angefasst haben, dann ist das kompliziertes Zeug."

Komplexe DNA-Mischungen können keine einzelne Person identifizieren

Eine Gleichung mit mehreren Unbekannten. Das ist höhere Mathematik. Greg Hampikian: "Solche komplexen DNA-Mischungen sind nicht wie herkömmliche DNA-Fingerabdrücke. Sie können keine einzelne Person identifizieren. Tatsächlich haben die meisten Leute, die man nicht ausschließen kann, nichts zu der Mischung beigetragen. Das ist keine Wissenschaft wie ein Schwangerschaftstest."

Jedes Gen besteht aus Basenpaaren, dargestellt mit den Buchstaben A und T sowie G und C. Darüber hinaus gehören viele Basenpaare im Genom gar nicht zu den eigentlichen Genen. Zwischen den Genen gibt es kurze Sequenzen aus zwei bis sechs dieser Basenpaare. Diese Sequenzen besitzen keine bekannte Funktion, und sie wiederholen sich. Die Fachleute sprechen von Mikrosatelliten oder Short Tandem Repeats. Diese Wiederholungen zählen die Genetiker für den DNA-Fingerabdruck, sagt John Butler.

"Sie codieren nicht für Haarfarbe, Augenfarbe oder Größe. Wir messen lediglich die Länge: Mal eine 12, mal eine 14, mal eine 15. Dadurch vermeiden wir die Gefahr, die Privatsphäre eines Menschen zu verletzen."

13 bis 20 solcher Stellen im Genom verwenden Genetiker für ein DNA-Profil - je nach Land. An jeder Stelle haben Forscher in der Bevölkerung eine Reihe von Variationen gefunden - sogenannte Allele. Sind alle Gen-Orte aus einer DNA-Spur ausgezählt, zeichnen Forensiker daraus eine Kurve, aus der Spitzen für jedes Allel herausragen. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen das genau gleiche Profil haben, beträgt mehr als eins zu hundert Billionen - zumindest theoretisch.

Das Problem entsteht bei Spurenmischungen: Die einzelnen Allele haben kein Namensschild. Greg Hampikian vom Idaho Innocence Project hat das einem Staatsanwalt mit einer Schüssel voller Scrabble-Buchstaben zu veranschaulichen versucht:

Greg Hampikian: "Ich sagte ihm: Nehmen wir die Buchstaben unserer beider Namen. Das waren A, E, G, H, I, K, L, M, N, O, P, R und Ypsilon." Dann machte er eine Liste mit Namen, die man aus diesen Buchstaben zusammensetzen kann. "Al Gore und all diese anderen könnte man genausogut aus der Spur lesen. Nur weil jemand nicht ausgeschlossen werden kann, heißt das nicht, dass die Person tatsächlich DNA beigetragen hat. Es ist schwierig, das einer Jury klarzumachen.

Verunreinigungen können zu falschen Ergebnissen führen

Am 24. März 2009 werden zwei Frauen in einem Warenlager vergewaltigt. Aus dem Sperma auf ihrer Unterwäsche bestimmt die Polizei die Allele des Y-Chromosoms, also des Chromosoms, das nur Männer in sich tragen. Alles deutet auf die drei Männer hin, die das Lager gemietet haben. 

Greg Hampikian: "Alle Allele ihrer Y-Chromosomen finden sich in dem Samenfleck. Klingt nach einem klaren Fall."

Sie werden aufgrund des DNA-Profils verurteilt. Einer, Chen Long-Qi, beteuert seine Unschuld. Doch auch er muss ins Gefängnis, denn der DNA-Sachverständige sagt, er könne ihn nicht ausschließen.

Greg Hampikian: "Die 'Taiwan Association for Innocence', mit der ich an diesem Fall gearbeitet habe, fand heraus, dass es einen neuen Test gibt, der sechs neue Marker untersuchte. Da sieht man, dass Herr Chen an zwei Stellen ausgeschlossen ist." 

Peter Schneider: "Wir sind das Opfer unseres eigenen Erfolges geworden." Neue Tests können Unschuldige aus dem Gefängnis holen. Die neue Präzision kann Menschen aber auch erst in Schwierigkeiten bringen. Greg Hampikian: "Die meisten Labore können aus 20 Spermazellen ein sehr ordentliches DNA-Profil erstellen." 

Der "Engel mit den Eisaugen": Die Geschichte der Amanda Knox kommt in die Kinos (dpa / picture alliance / Pietro Crocchioni)Der "Engel mit den Eisaugen", Amanda Knox saß vier Jahre unschuldig im Gefängnis. (dpa / picture alliance / Pietro Crocchioni)
Amanda Knox war in den Medien der "Engel mit den Eisaugen". Perugia, 1. November 2007: Die britische Studentin Meredith Kercher wird brutal misshandelt und ermordet. Die Polizei findet Finger- und Handabdrücke von Rudy Guede, in der Vagina des Opfers zudem seine DNA. Er gesteht und belastet Meredith Kerchers Mitbewohnerin Amanda Knox sowie deren Freund Raffaele Sollecito. Den vermeintlichen Beleg findet die Polizei in Sollecitos Küche: ein Messer, auf der Klinge kein Blut, aber DNA des Opfers. Amanda Knox und Raffaele Sollecito werden schuldig gesprochen.

Greg Hampikian: "Diese Probe von der Klinge passte zu den Allelen des Opfers, das nie Sollecitos Wohnung betreten hatte. Auf den ersten Blick sieht das nach einem tollen Beweisstück aus."

Greg Hampikian ist in der Revision Sachverständiger der Verteidigung. Die Verteidiger fechten die DNA-Spuren an. Greg Hampikian zeigt das Analyse-Profil. Eine Aneinanderreihung von Spitzen. Das Besondere ist: "Es gibt keine Spitzen über 113. Die meisten liegen sogar unter 100, einige sogar nur bei 30, 27, 21. Solche Pieks wären damals in den meisten Laboren als ungültig betrachtet worden. Heute gibt es Labore, die diese Methode zuverlässig beherrschen, aber eben erst viele Jahre später."

Die Verteidigung argumentiert, und spätere Studien bestätigen: Diese winzigen Spitzen stammten von Verunreinigungen. Die Polizei hat beim Hantieren Erbgut des Opfers auf das Messer übertragen. Das höchste italienische Gericht spricht Knox und Sollecito frei. Sie saßen vier Jahre lang unschuldig im Gefängnis.

Studie: Mehrzahl der Experten kommt zu falschem Ergebnis

Die Schwierigkeit ist inzwischen zu bestimmen: Welche DNA vom Tatort hat wirklich etwas mit dem Verbrechen zu tun? Noch etwas kommt hinzu:
John Butler: "Wir haben das Problem: Wenn wir eine Mischprobe an zwei verschiedene Labore schicken, können wir zwei unterschiedliche Ergebnisse zurückbekommen. Das ist nicht neu, sondern seit 15 Jahren oder mehr bekannt."

John Butler und Kollegen vom NIST haben zuletzt im Jahr 2013 eine Studie gemacht, bei der sie 108 DNA-Laboren in den Vereinigten Staaten die Daten von Spurengemischen zugeschickt haben. Nur sieben Labore ermittelten die korrekte Lösung. 76 Labore ordneten die Daten jemandem zu, der nichts zu der Mischung beigetragen hatte. 25 kamen zu dem Ergebnis, die Datenlage sei unschlüssig.

Greg Hampikian vom Idaho Innocence Project kritisiert, dass Butler und seine Kollegen die NIST-Ergebnisse zwar auf Fachkonferenzen vorstellen, aber nicht in einem Wissenschaftsmagazin veröffentlichen. Oder in einem von Butlers Lehrbüchern. 

Greg Hampikian: "Das NIST hat gezeigt: Die Mehrzahl der Experten in ihrer Studie kommt zu einem falschen Ergebnis. Das ist eine wichtige Information! Wenn es um Autogurte oder Airbags oder Erdnussbutter ginge, gäbe es eine landesweite Untersuchung und alle würden sich auf die Hinterbeine stellen. Aber weil es um Gefängnisinsassen geht, denke ich, ist die Aufregung kleiner."

Und wie sieht es in Deutschland aus? Peter Schneider von der Forensischen Molekulargenetik in Köln bewertet die Situation so: "Ich glaube in der Tat, dass wir hier in Deutschland aufgrund unserer schon über 20 Jahre laufenden Ringversuche im Bereich der Profilabore eine relativ gute Qualität haben, weil wir uns auch einmal im Jahr zusammensetzen und immer unser Ergebnis besprechen."

18 Jahre unschuldig in der Todeszelle

Charles Fain, der verurteilte Kindsmörder und Vergewaltiger aus Idaho, hat immer seine Unschuld beteuert. Er benötigte viele Jahre, einen neuen Anwalt und mehrere Anläufe, ehe ein Richter sich seinen Fall erneut anschauen wollte. 2001 erlaubte ein Richter, die Haare, die Ermittler auf der Leiche gefunden hatten, auf DNA zu untersuchen. Inzwischen war das möglich.

Charles Fain: "Sie untersuchten erst ein Haar, das gehörte nicht mir. Und dann testeten sie alle Haare, die sie hatten: Kopfhaare, Schamhaare, Achselhaare. Die schlossen mich auch aus." Der Richter bot ihm einen Deal an. "52 Tage später haben sie mich rausgelassen." Nach 18 Jahren in der Todeszelle. Der wahre Täter wurde nie gefunden.

So langsam holen die Auswertemethoden zu den Analysemethoden auf. Computerprogramme berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand DNA zu einer Mischung beigetragen hat. Probabilistic Genotyping heißt diese Methode.

Greg Hampikian: "Probabilistic Genotyping sagt uns, welche Spitzen in der Analyse-Kurve oder welche Scrabble-Buchstaben zusammengehören. Welche Namen verstecken sich in der Mischung? Welche DNA-Profile?" Ende 2016 hat Greg Hampikian, der Molekularbiologe und Chef des Idaho Innocence Project mit diesem Verfahren die Unschuld zweier wegen Vergewaltigung Verurteilter beweisen können. 

Hammond, Indiana, faktisch ein Vorort von Chicago. Am 7. Dezember 1989 wartet eine 27-Jährige in ihrem Auto vor einer roten Ampel, als ein Wagen von hinten auf sie auffährt. Die Frau steigt aus, um den Schaden zu begutachten. Aus dem anderen Wagen kommen mehrere Männer in grünen Overalls. Einer zerrt sie ins Auto, sie verschleppen und vergewaltigen sie. 

Die Polizei findet die Overalls und bringt sie mit Arbeitskleidung einer Firma in Verbindung, bei der Darryl Pinkins und Roosevelt Glenn arbeiten. Ein Kollege besitzt zudem einen 1973er Pontiac, wie ihn das Opfer beschrieben hat. Damit nicht genug: Die Frau identifiziert Darryl Pinkins als den Mann, der sie ins Auto gezerrt haben soll. Dabei hat er ein Alibi. Leider auch die passende Blutgruppe. 

Greg Hampikian: "Als das Labor die Blutgruppen bestimmte, sagten sie: 'Wir können die Verdächtigen nicht ausschließen.' Aber Blutgruppentests sind statistisch nicht sonderlich aussagekräftig. Ich denke, etwa 70 Prozent der Afroamerikaner hätten nicht aus dieser Mischung von Blutgruppen ausgeschlossen werden können. Und 100 Prozent der Europäischstämmigen. So etwas ist als Beweis bedeutungslos. Trotzdem hat die Anklage ihn verwendet."

Eine Labormitarbeiterin im DNA-Labor des Bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) in München (Bayern) bereitet am 09.11.2016 eine DNA-Probe für die molekularbiologische Analyse vor. Foto: Sven Hoppe/dpa | Verwendung weltweit (Sven Hoppe / dpa )In einer Studie erarbeiteten nur sieben von 108 DNA-Laboren in den USA die korrekte Lösung. (Sven Hoppe / dpa )
Im Januar 1990 werden Darryl Pinkins, Roosevelt Glenn und drei weitere Männer angeklagt. Greg Hampikian: "Vor der Verhandlung hatte die Anklage die Spuren auch auf DNA untersuchen lassen, das war damals nagelneu. Das Labor bestimmte zwei Hauptverursacher für die Spur, und alle Angeklagten waren ausgeschlossen. Sie hatten also die Falschen. Doch die Anklage beharrte darauf: 'Sie passen zu den Blutgruppen.' Und das hat diese armen Männer hinter Gitter gebracht." 

Von 2006 an arbeiten Innocence Projekte an diesem Fall. Mit dem Probabilistic Genotyping hatten sie eine neue Methode und damit einen Grund für die Revision. Greg Hampikian: "Diese neue Technik hilft uns, die DNA-Daten zu analysieren. Die Daten, mit denen ich einen Haufen Berechnungen wie mit dem Rechenschieber anstelle, aus denen kann ein Computer 100.000 Versionen analysieren, die Variablen verändern und am Ende bestimmen: "In 80 Prozent der Fälle kriegen wir DNA-Profile, die so aussehen." Es ist also eine auf Wahrscheinlichkeit basierte Analyse der Profile.

Darryl Pinkins wird am 22. April 2016 freigelassen, nach mehr als 25 Jahren. Er ist der Erste, dessen Unschuld Probabilistic Genotyping bewiesen hat. Er und Roosevelt Glenn kämpfen jetzt um ihre vollständige Rehabilitierung.

Greg Hampikian hat im Mai 630.000 US-Dollar aus einem Fördertopf des US-Justizministeriums erhalten. Er schätzt, dass er mit dem Geld zwölf Fälle mit Probabilistic Genotyping wird untersuchen können. Hunderte von Gefangenen, die ihre Unschuld beteuern, stehen zur Auswahl.

Auch der genetische Fingerabdruck wird weiterentwickelt

Der PCAST-Report verlangt, dass auch andere Spuren auf eine ordentliche Datenbasis gestellt werden. John Butler, der DNA-Experte vom NIST, sieht eine Menge Arbeit auf die forensische Wissenschaft zukommen. "Es gibt ein paar solcher Studien, einige fehlen noch. Und wo es sie gibt, sind sie noch nicht veröffentlicht." 

Peter Schneider bleibt skeptisch. "Das ist und bleibt ein Mustervergleich. Und man wird es niemals an den Punkt bringen können, wo man tatsächlich eine belastbare statistische Quantifizierung herstellen kann."

Auch der genetische Fingerabdruck wird weiterentwickelt: Statt 13 Gen-Orten verwenden US-Labore seit 1. Januar 2017 20 Marker. Das hat drei Vorteile: Erstens ist die Datenbank auf inzwischen 16 Millionen DNA-Profile angewachsen. So wie eine große Stadt mehr Ziffern für die Telefonnummern benötigt, braucht auch die Datenbank mehr Marker, um die Einträge schnell und sicher zu unterscheiden.

Zweitens hilft die Ausweitung bei der internationalen Fahndung: Denn die neuen Marker werden auch in Europa verwendet. Und nicht zuletzt vereinfachen die neuen Marker die Arbeit mit DNA, die bereits beschädigt ist. Greg Hampikian, der Forensik-Professor: "Ich weiß nicht, welche Techniken wir in zehn Jahren haben werden. Ich weiß nicht, ob irgendetwas DNA überlegen sein wird. Ich weiß nicht, ob wir werden sagen können, wie DNA irgendwo hingelangt ist, also ob es Spuren hinterlässt, wenn sie durch Raum und Zeit bewegt wird. Sollte das gelingen, könnten wir eine Menge Fragen beantworten zu Transfer und Verunreinigung, also wie DNA wohin gelangt ist."

Schon 2009 hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften der Vereinigten Staaten auf Probleme in Sachen Forensik hingewiesen. 2013 richtete das Justizministerium die Nationale Kommission für Forensik Science ein. Sie hat bis Januar 2017 eine Reihe Ratschläge und Hinweise erarbeitet, wie sich die Qualität der forensischen Arbeit verbessern lässt. Der neue Justizminister der Trump-Regierung, Jeff Sessions, hat die Reformbemühungen, die unter Barack Obama angeschoben wurden, wieder gestoppt. Er sagte der Zeitung Washington Post zufolge:

"Wir sollten nicht unterstellen, dass bewährte wissenschaftliche Prinzipien, die wir jahrzehntelang verwendet haben, auf irgendeine Weise unsicher sind. Sonst müssen Strafverfolger vor Gericht Angriffe zu den grundlegendsten Fragen abwehren."

Gute Wissenschaft - schlechte Wissenschaft

18 Jahre lang saß Charles Fain in der Todeszelle. Bis heute hat er keinen Cent Haftentschädigung erhalten. "Ich bin nicht wütend auf das System."
John Butler. "Jede Technik lässt sich verbessern. Darum geht es in der Wissenschaft."

Charles Fain. "Ich habe einfach beschlossen: Ich lasse Gott in meinem Leben arbeiten. Die ganze Geschichte ist es nicht wert, sich darüber aufzuregen. Das musst Du schaffen, sonst sind sie es, die Dich kontrollieren."

Greg Hampikian. "Aber Sie sollten nicht die Lehre mitnehmen, dass DNA schlecht ist, ist es nicht. DNA ist großartig. Es ist wie bei McDonalds. Es sind Menschen beteiligt. Manchmal vergessen sie Deine Limo."

Charles Fain: "Schlechte Wissenschaft hat mich hinter Gitter gebracht. Gute hat mich wieder rausgeholt."

Den zweiten Teil des Brennpunkts sendet der Dlf am 6.8.2017 um 16.30 Uhr: Unschuldig hinter Gittern. Über Fehler in der Forensik, Teil 2: Trugschlüsse

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