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StartseiteCorsoSingen für Deutschland22.02.2018

Unser Lied für LissabonSingen für Deutschland

Tumbe Schlagerveranstaltung oder Völkerverständigung par excellence? Sechs Kandidaten und Kandidatinnen bewerben sich darum, für Deutschland beim ESC zu singen. Piano-Pop und Volksmusik konkurrieren miteinander. "Das Gewinnerlied muss direkt begeistern", sagte ESC-Experte Matthias Breitinger im Dlf.

Matthias Breitinger im Corsogespräch mit Susanne Luerweg

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(Von links nach rechts): Stefan, Bini, Michi, Christian und Flo von der Band voXXclub schauen am 01.12.2017 in Hamburg vor der Aufzeichnung der "NDR Talkshow" in die Kamera. (dpa / Georg Wendt)
Laut Matthias Breitinger könnte sich die Band voXXclub beim ESC Chancen ausrechnen (dpa / Georg Wendt)
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Wenn man bei einem Wettbewerb schon den vorletzten Platz als Erfolg wertet, dann stimmt entweder mit der Veranstaltung etwas nicht oder das Selbstwertgefühl der Teilnehmer ist schon sehr im Keller. Oder vielleicht beides? Deutschland und der Eurovision Song Contest wollen einfach seit ein paar Jahren nicht mehr so recht zueinander finden, zwei mal letzte Plätze, dann der vorletzte im vergangenen Jahr. Jetzt soll alles besser, schöner, toller - einfach anders werden. "Kantiger", sagen die Verantwortlichen im Vorfeld des heutigen neuen Auswahlprozederes "Unser Lied für Lissabon".

Zeit Online-Redakteur Matthias Breitinger beobachtet den ESC seit Jahren, hat 2016 ein Buch – "Europe - 12 Points!" - zum 60. Geburtstag des Eurovison Song Contest herausgebracht und ihn begrüße ich nun in einem Studio in Berlin.

Der ESC als Sprungbrett

Susanne Luerweg: Schönen guten Tag, Herr Breitinger.

Matthias Breitinger: Guten Tag.

Luerweg: Um 20:15 Uhr können wir in der ARD beobachten, wie sechs Kandidaten gegeneinander antreten, in der Hoffnung für Deutschland in Lissabon zu singen. Warum will das überhaupt noch jemand?

Breitinger: Also der ESC selber ist schon durchaus noch attraktiv, vor allem natürlich für Künstler, die jetzt noch nicht die ganz große Nummer in Deutschland sind. Ich glaube, so eine Helene Fischer würde sich das nicht antun oder auch Künstler, an die man sofort auch denken – oder früher schon gedacht hätte, Herbert Grönemeyer, Peter Maffay oder so diese Größen, die würden sich so einem Wettbewerb vielleicht nicht unbedingt stellen. Aber gerade für Newcomer ist das natürlich schon die Möglichkeit, erst mal national bekannt zu werden und dann möglicherweise auch über die Grenzen hinaus eine Karriere zu starten. Insofern ist der ESC durchaus schon noch ein attraktives Sprungbrett, würde ich mal so sagen.

Luerweg: Die Songs, die jetzt heute Abend gesungen werden, wurden ja schon vorab präsentiert. Sie kennen die – da ist angeblich alles dabei, von modernen Popsongs bis hin zu gefühligen Balladen und tanzbarer Volksmusik. Hat irgendeines der Lieder eine Chance?

Breitinger: Es ist immer schwer zu sagen. Man muss natürlich dann immer gucken, was ist sozusagen die Konkurrenz aus den anderen Ländern? Es ist so ein bisschen durchwachsen. Die ARD hatte ja dann letztes Jahr nach diesem erneuten Flop mit Levina gesagt, es muss alles anders werden, radikaler Neuanfang. Und den sehe ich so richtig noch nicht. Man hat sich ein aufwendiges Verfahren da gegönnt, die sechs Künstler jetzt zu suchen in einem aufwendigen Verfahren über mehrere Schritte mit einem Europa-Panel, mit einer internationalen Jury. Und dann gab es einen Workshop und noch ein Songwriting-Camp und alles – und am Ende sind jetzt dann von den sechs Künstlern, die wir heute Abend sehen, drei dabei, die von "The Voice" kommen, also von dieser Castingshow. Und wir hatten ja vor zwei Jahren schon mal die damals amtierende Siegerin von "The Voice", die am Ende auch dann zum ESC gereist ist – und Letzte wurde. Also wenn man so ein aufwendiges Verfahren startet und am Ende dann mit sechs Kandidaten rauskommt, von denen die Hälfte dann wieder von "The Voice" kommt, weiß ich nicht so recht, ob man dann dieses aufwendige Verfahren dafür gebraucht hätte.

Von den Liedern selber her ist es ein bisschen durchwachsen. Ich sehe da schon auch noch Beiträge dabei, die so ein bisschen anknüpfen an das, was wir halt in den letzten Jahren schon hatten – wo ich dann denken würde: Na, mit den Beiträgen würden wir eher wieder ziemlich weit hinten landen. Also, um ein Beispiel zu nennen: Es ist ja heute Abend Ivy Quainoo dabei, die 2012 "The Voice" gewonnen hat und die auch richtig starke Songs danach hatte. Aber das, was sie jetzt heute Abend singt, ist so eine eher langsame, ruhige Ballade, die vielleicht auch schön ist, aber die nicht sofort zündet. Und beim ESC ist es halt nachher so: Da hört man als Zuschauer jedes Lied ja nur ein einziges Mal – und das muss sofort zünden, es muss sofort was rüberkommen. Ansonsten rufen die Leute dafür nicht an.

"Man kann auch beim ESC politische Botschaften setzen"

Luerweg: Wenn wir jetzt mal auf die Veranstaltung gucken, dann ist das ja letztendlich doch ein bisschen mehr als "Menschen, die lustige Lieder auf einer Bühne singen". Also so ein bisschen politisch ist es ja doch. In Ihrem Buch schreiben Sie zum Beispiel: "Es ist nicht offensiv politisch, aber 1974 wurde beispielsweise das portugiesische Lied dann irgendwann im Radio gespielt – und damit wurde die Revolution eingeläutet." War das der größte historische Moment, den der ESC je verbuchen konnte?

Breitinger: Es gab natürlich immer wieder politische Momente beim ESC, nicht unbedingt immer in den Liedern – wobei natürlich auch manche Lieder sehr politisch waren -, wobei die EBU als Veranstalter des ESC da immer darauf achtet, dass die Texte nicht zu politisch sind. Also wenn es allgemein politisch ist, geht es immer: Nicole, "Ein bisschen Frieden", hat ja auch so eine Friedensbotschaft drin, das könnte ja auch schon wieder politisch sein, aber so was geht dann immer. Und es ist alles in Ordnung, solange es eben nicht direkt gegen ein Land gerichtet ist, da wird es schon schwierig. Aber es gibt immer wieder politische Botschaften, auch um den ESC herum. Man erinnere sich zum Beispiel an Conchita Wurst, die für Österreich gewonnen hat, 2014, und die nach ihrem Sieg, als sie den Preis überreicht bekommen hat auf der Bühne, schon eine politische Botschaft verkündet hat: Wir sind da. Auch Schwule, Lesben, Transsexuelle, Queer-People – wir sind da und wir sind sichtbar. Diese Botschaft hat sie dann schon vermittelt. Und es war in dem Punkt schon recht politisch. Also man kann auch beim ESC politische Botschaften durchaus setzen.

Luerweg: Und kann man denn sagen, dass der ESC so etwas wie ein Mediator immer noch ist und zur Völkerverständigung beiträgt?

Breitinger: Ja, zumindest für diesen einen Abend irgendwie, weil man schon das Gefühl hat: Das ist jetzt so dieser eine Abend, wo ganz Europa vor dem Fernseher sitzt und alle gucken zur gleichen Zeit dieselbe Sendung. Das hat schon so ein bisschen was Völkerverbindendes. Und das ist ja auch, glaube ich, der Erfolg, warum diese Sendung jetzt schon seit sechs Jahrzehnten besteht und Jahr für Jahr einfach weiter funktioniert, weil man eben weiß: Einmal im Jahr kommt Europa da irgendwie zusammen für einen Abend.

Mit Klischees zum Erfolg?

Luerweg: Und welche Bedeutung hat letztendlich der Sieg für ein Land? Ich glaube, es gab ja mal Situation: Israel hätte zweimal hintereinander gewonnen und hat dann gleich abgewunken und hat gesagt: Das können wir gar nicht bezahlen, das zweimal hintereinander zu machen.

Breitinger: Ja, denen war es dann zu teuer, das stimmt. Das gab es auch in den 70ern schon, da hat zweimal hintereinander Luxemburg gewonnen und hat es dann beim zweiten Mal auch nicht mehr ausgerichtet. Ich glaube, gerade für kleine Länder, die "neueren" Länder im Osten – die Ukraine beispielsweise, die es letztes Jahr ausgerichtet hat – ist so ein Sieg schon noch bedeutsam, um eben ganz Europa zu zeigen, was man kann und Werbung für sich zu machen.

Luerweg: Und dieses Jahr? Was glauben Sie, Herr Breitinger, wo wird Deutschland ungefähr landen? Und wird es vielleicht so leichte, politische Tumulte geben oder einfach Lagerfeuer vorm Fernsehen?

Breitinger: Politische Tumulte sehe ich jetzt noch nicht so richtig. Interessanterweise hat in Italien jetzt kürzlich ein Lied gewonnen, was wohl beim ESC dann so gesungen werden wird, das recht politisch im Text ist, weil da die Terroranschläge in Europa textlich verarbeitet werden: Da wird dann über den Anschlag in Nizza gesungen, über Paris, London – also das ist ein eher politisches Lied. Und was die Chancen Deutschlands betrifft hängt das ganz davon ab, was heute Abend gewinnt. Wir haben ja heute Abend auch mit voXXclub eine Nummer, die ziemlich aus dem Rahmen fällt, mit so Volksmusik modern verpackt – das hat dann so ein bisschen was von Oktoberfest oder Après Ski oder so. Aber wenn es gute Stimmung verbreitet, könnte auch so ein Titel beim ESC zünden, weil die Leute denken, das ist das Deutschland-Klischee, alle Deutschen tragen die Lederhosen. Und wenn es dann auf der Bühne lustig rüberkommt, mit einem Augenzwinkern, dann rufen auch vielleicht dann Leute aus anderen europäischen Ländern an, weil die dann denken: Ach, das ist ja lustig, und das passt zu Deutschland. Und auch so was kann funktionieren beim ESC. Und ich glaube, dass man damit auch ganz gute Chancen hat, zumindest nicht ganz, ganz hinten zu landen.

Luerweg: "Unser Lied für Lissabon", heute Abend wird es gewählt. Packen wir vielleicht die Lederhosen aus? Wir schauen mal. Matthias Breitinger, Zeit Online-Redakteur und Autor des Buches über 60 Jahre ESC "Europe – 12 Points!" war das im Corsogespräch. Herr Breitinger, vielen Dank für das Gespräch!

Breitinger: Ja, bitteschön!

Matthias Breitinger: "Europe - 12 Points!"
Atlantik (2016), 256 Seiten, 9,99 Euro

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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