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StartseiteHintergrundWie wir uns vor Pandemien schützen30.04.2017

Unsichtbare FeindeWie wir uns vor Pandemien schützen

Ob SARS, Ebola oder die Schweinegrippe: Massive Krankheitsausbrüche sind nicht nur ein Problem für die Gesundheit des Einzelnen. Sie können ganze Gesellschaften gefährden. Viele Länder haben Pläne, wie auf solche Pandemien reagiert werden soll. Doch in der Praxis funktionieren sie nicht immer.

Von Dagmar Röhrlich

In einer Folienkammer wird der Ebola-Patient  Miguel Pajares vom Flugzeug ins Krankenhaus in Madrid gebracht. (EPA/EMILIO NARANJO)
2014 versetzte das Ebola-Virus die Welt in Aufruhr. Hier wird der Ebola-Patient Miguel Pajares in einer Folienkammer von einem Flugzeug ins Krankenhaus in Madrid gebracht. (EPA/EMILIO NARANJO)
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"Es wurde hier eine Patientin eingeliefert, die starb unter ungeklärten Umständen, hatte überall Blutungen, und kam im Schock und hatte hohes Fieber." 

Es geschah im August 1967, erinnert sich Eilke Brigitte Helm, emeritierte Professorin des Frankfurter Uniklinikums. Helm, damals junge Assistenzärztin, ordnete eine Autopsie an. Ihr Chef warnte, es könne sich um ein tropisches Virus handeln. 

"Dann kam der Nächste. Extrem viel Hämorrhagien, also Einblutungen in die Haut. Und dann bin ich zur Besprechung – unserer Mittagsbesprechung - gegangen und habe gesagt: Es ist möglich, dass wir eine unbekannte Virusinfektion haben, die eine hohe Letalität hat." 

Helm, ein Assistent und zwei Pflegekräfte schlossen sich mit den Patienten in der Quarantänestation ein. Sieben Wochen sollten sie die provisorisch eingerichteten Räume, deren einzige Ausrüstung zunächst aus leeren Bettgestellen bestand, nicht verlassen. 

"Dieser Mann kam und starb ziemlich schnell. Das ganze Krankheitsbild war so schrecklich ausgeprägt bei dem, er blutete aus allen Knopflöchern." 

Wie aus dem Nichts tauchte eine angsteinflößende Krankheit auf

Und dann wurden noch zwei weitere, nicht so schwer erkrankte Patienten, eingeliefert. Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste: Die Patienten litten unter einem hämorrhagischen Fieber. Mit Grünmeerkatzen-Äffchen, die man für die Herstellung und Prüfung des Impfstoffs gegen Kinderlähmung importiert hatte - war das später sogenannte Marburg-Virus aus dem Urwald Ugandas nach Europa gelangt.  

Und so war 1967 wie aus dem Nichts - erst in Marburg, dann in Frankfurt - eine angsteinflößende Krankheit aufgetaucht. Da das gefährliche Virus nur über den direkten Kontakt mit infiziertem Blut oder Gewebe übertragen wird, blieb der Ausbruch örtlich begrenzt. 

Das war 2002/2003 bei der schweren Lungenentzündung SARS anders. Das Virus fand seinen Weg zum Menschen anscheinend, weil in Südchina Schleichkatzen als Delikatesse gelten, und dieser Erreger breitet sich über Tröpfcheninfektionen aus: 

"Bei SARS hat man wirklich das erste Mal auch gesehen, was es bedeutet, wenn ein Erreger in kurzer Zeit in der Lage ist, um die Welt zu reisen. Es hat drei Tage gedauert, da war die gesamte nördliche Halbkugel mit SARS-Patienten versehen. SARS war die erste Pandemie in diesem Jahrtausend."

Also die erste Infektionskrankheit, die neu auftritt und sich über Kontinente hinweg ausbreitet, erzählt René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamts Frankfurt. Anders als in früheren Zeiten die Pest, können sich gefährliche Seuchenzüge heute dank des internationalen Flug- und Warenverkehrs innerhalb kürzester Zeit von einem Ende der Welt ans andere ausbreiten. 

"Wenn es um künftige Pandemien geht, reden wir oft über neue auftretende oder erneut aufflackernde Erkrankungen." 

Die Weltöffentlichkeit kennt wochenlang kein anderes Thema

Warnt Rosamund Southgate, Public-health-Expertin bei der Organisation "Ärzte ohne Grenzen". Derzeit stehen knapp 40 verschiedene Viren im Verdacht, Pandemie-Potenzial zu haben. Ihnen gemeinsam ist, dass sie derzeit vor allem Tiere befallen, jedoch auch auf den Menschen übergehen und sich dann bedrohlich weiterentwickeln könnten. 

"Es geht um Krankheiten wie Zika oder Ebola. Solche vom Tier auf den Menschen übertragbare Krankheiten werden zu einem immer größeren Problem, weil die Menschen ihre Lebensräume beispielsweise in den Urwald hinein ausdehnen. Diese Erreger können das Material sein, aus dem sich die Pandemien der Zukunft entwickeln, vor allem bei leicht übertragbaren Atemwegserkrankungen." 

Bricht eine Pandemie aus, kennt die Weltöffentlichkeit oft über Wochen kaum ein anderes Thema. Plötzlich wird heiß diskutiert, was sonst kaum jemanden interessiert: Wie sieht es mit dem Schutz aus? Wie gut ist die Vorbereitung? 

Weil der Teufel hier oft im Detail steckt, werden die Gesundheitsminister der wichtigsten Industrienationen in diesem Sommer vor dem G20-Gipfel in Hamburg eine Simulationsübung durchführen: Sie sollen den Umgang mit einer Pandemie trainieren. Kanzlerin Angela Merkel hatte im Februar angekündigt, Pandemien seien ein Schwerpunkt der deutschen G20-Präsidentschaft. 

Farbige Elektronen-mikroskopische Darstellung der ultrastrukturellen Morphologie eines Ebola Virus Virion. (AFP PHOTO / CDC / Cynthia Goldsmith)Das Ebola-Virus unter dem Elektronen-Mikroskop. (AFP PHOTO / CDC / Cynthia Goldsmith)

Pandemien wie die Spanische Grippe 1918 oder Seuchenausbrüche wie der von Ebola 2014 in Westafrika sind nicht nur ein gesundheitliches Problem: Sie greifen die Gesellschaft an, ihre Sicherheit, den Wohlstand. Vor einer schnell um sich greifenden, schweren Grippe-Pandemie wären selbst Industrienationen nicht gefeit: weil Busse und Bahnen nicht fahren, Kindergärten, Schulen und Geschäfte schließen. Lars Schaade, Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, warnt: 

"Zum Beispiel hat mal die Weltbank berechnet, dass eine Pandemie durch ein Influenza-Virus bis zu 680 Milliarden Dollar kosten könnte, wenn man also alle Kosten zusammenzählt, die dadurch entstehen. Ähnlich verhält es sich zum Beispiel auch mit anderen Erregern. SARS zum Beispiel, das war zwar auch eine Pandemie, insgesamt war das eher ein relativ kleines Geschehen mit nur 8.096 Fällen und etwa 770 Todesfällen. Dennoch hat SARS nach Schätzung der WHO bis zu 30 Milliarden Dollar auch damals gekostet." 

SARS kam mit einer Flugpassagierin in die Welt

Vor allem in Asien waren die Schäden hoch: Kunden mieden Restaurants, Hotels und Geschäfte, die Umsätze brachen ein. Fabriken schlossen, weil ein Mitarbeiter erkrankte und die Quarantäne-Maßnahmen griffen. Für Hongkong, Singapur und Taiwan meldeten Analysten, dass die Wirtschaft zu schrumpfen beginne, für Malaysia, Thailand und China, dass sich das Wachstum verlangsame. Selbst in London und Paris sanken Touristenzahlen, die Umsätze in Hotels und Luxusgeschäften. 

SARS kam mit einer Passagierin in die Welt, die von Asien nach Kanada geflogen und dort erkrankt war. Die Infektionskrankheit erreichte auch den Frankfurter Flughafen, erinnert sich Walter Gaber, leitender Arzt der Fraport AG. SARS, Schweinegrippe, MERS oder Zika gehören zu seinen zentralen Themen. Schließlich fertigt der Flughafen pro Jahr 60 Millionen Passagiere ab. Etwa die Hälfte von ihnen steigt um. 

"Das heißt, wir verteilen bis zu 30 Millionen Passagiere pro Jahr. Das heißt, ähnlich ist es in Amsterdam, in London, in Paris." 

Trotz der weltweit gigantischen Passagierzahlen betreibt der Frankfurter Flughafen als einer von sehr wenigen eine rund um die Uhr besetzte Klinik samt Quarantäne-Station. Die Maschinerie läuft an, wenn ein Passagier auf dem Flug erkrankt und der Pilot das - den internationalen Vorschriften gemäß - meldet: 

"Die Verfahren, die wir gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden, Landespolizei, Bundespolizei, Zoll abgestimmt haben, sehen vor, dass dann dieser Flieger auf eine sogenannte Sonderposition geht. Ärzte der Gesundheitsbehörden gehen an Bord, machen dann einen sehr schnellen Test im Sinne von 'gefährdet, nicht gefährdet'."  

Der Patient kommt schnellstmöglich in die Universitätsklinik; die Passagiere, die um ihn herum sitzen, werden am Flughafen isoliert, sitzen im Zweifel für die Inkubationszeit fest. Walter Gaber weiß jedoch, dass sich Risiken nur verringern, nicht abschaffen lassen. 

"Epidemien, Pandemien sind jederzeit möglich. Es ist aus meiner persönlichen Sicht lediglich eine Frage der Zeit, wann."

Immerhin wachsen nicht nur die Risiken, sondern auch das Arsenal der Abwehrstrategien: Sie reichen von Impfungen über Antibiotika bis hin zu völkerrechtlichen Lehren. Angesichts der gravierenden Folgen der SARS-Pandemie stimmten 2005 alle in der WHO organisierten Länder einer Änderung der völkerrechtlich bindenden Internationalen Gesundheitsvorschriften zu. 

Rosamund Southgate: "Damit schnell reagiert werden kann, verpflichten die Internationalen Gesundheitsvorschriften alle Länder, einen Ausbruch zu melden, sobald er bemerkt wird. Sie verpflichten die Länder nun außerdem, einander beim Aufbau von Überwachungssystemen und der Behandlung der Ausbrüche zu helfen." 

Ausbrüche sollen früher erfasst werden können

Auch dass Pandemien inzwischen praktisch immer per Flugzeug kommen, wird berücksichtigt. Das Instrument an sich sei sehr gut, urteilt Rosamund Southgate. Doch bei der Umsetzung gibt es oftmals Probleme. 

"Die epidemiologische Überwachung muss auf unterster Ebene einsetzen: bei den Dörfern und den kleinen Gesundheitszentren. Und sie muss dann über die Länder bis zur WHO auf der internationalen Ebene reichen. In vielen Ländern fehlen jedoch immer noch verlässliche Überwachungssysteme für Infektionskrankheiten samt der notwendigen Laborkapazitäten zur Bestätigung des Verdachts und der Meldewege, um die Helfer vor Ort und in den benachbarten Gebieten zu alarmieren." 

Dass es im eigenen Interesse der Industrienationen ist, den Entwicklungsländern - gemäß den Internationalen Gesundheitsvorschriften - beim Aufbau dieser Kapazitäten zu helfen, darin sind sich die Experten einig. Auch sollen Ausbrüche jetzt früher erfasst werden können: So sucht die Weltgesundheitsorganisation in der Presse und den sozialen Medien nach ersten Anzeichen. In Südostasien oder Afrika tauschen Tierärzte, Krankenschwestern, Ärzte und - wo vorhanden - Gesundheitsämter Informationen aus, ob Tiere erkranken oder seltsame Symptome auftreten, und verteilen in entlegenen Orten Mobiltelefone.  

Es war der 24. April 2009. Eine Meldung machte die Runde, dass sich in Mexiko und den USA Fälle einer tödlichen Grippe-Erkrankung häuften. Ein neues Influenza-Virus war unterwegs, ein Verwandter desjenigen Erregers, der 1918 die Spanische Grippe ausgelöst hatte. Der waren damals - je nach Quelle - zwischen 20 und 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Und obwohl die WHO 2009 sofort reagierte und den Ausbruch offiziell zum "Notfall für die öffentliche Gesundheit von internationaler Bedeutung" erklärte, breitete sich das Virus weiterhin rasend schnell aus.

Innerhalb weniger Wochen infizierten sich mindestens 30.000 Menschen in 74 Ländern. Am 11. Juni 2009 erklärte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan den Beginn einer Grippe-Pandemie: "The world is now at the start of the 2009 influenza pandemic." 

WHO-Generaldirektorin Margaret Chan in Genf bei der Verkündung des weltweiten Gesundheitsnotstands wegen des Zika-Virus. (picture alliance / dpa / Salvatore Di Nolfi)Musste wegen des Zika-Virus den weltweiten Gesundheitsnotstand verkünden: WHO-Generaldirektorin Margaret Chan. (picture alliance / dpa / Salvatore Di Nolfi)

"Ein von der WHO ausgelöster Pandemiealarm setzt vorgeplante Abläufe in Gang. Damit soll möglichst schnell und effizient auf die Bedrohung reagiert werden", beschreibt Klaus Cichutek vom Paul Ehrlich Institut. Die Krankheit lief unter dem Stichwort "Schweinegrippe". Der Nationale Pandemieplan wurde aktiviert, der die Zusammenarbeit von Bund und Ländern regelt: In Deutschland ist der Kampf gegen Epidemien und Pandemien vor allem Ländersache, erklärt René Gottschalk vom Gesundheitsamt Frankfurt. 

"Gesundheit ist in Deutschland ein föderales Geschehen, was im Sinne der Seuche nicht günstig ist. Also, Sie brauchen da die Absprache mit 16 Bundesländern, damit alle das gleiche machen -  oder sie machen alle nichts gleich, was nicht sonderlich günstig ist." 

Denn Unterschiede erzeugen Unsicherheit. Etwa, wenn die Bundesländer bei der Impflogistik verschiedene Konzepte verfolgen oder von verkündeten Pandemieplänen abweichen. Es mag gute Gründe dafür geben, doch dann muss die Kommunikation stimmen. Und genau die erwies sich bei der Schweinegrippe wieder einmal als besonders schwierig. Klaus Cichutek: 

"Ein Problem bei der Schweinegrippepandemie war wohl der Mangel einer Stimme der Bundesregierung, die sachlich über aktuelle Erkenntnisse sowohl zum Pandemieverlauf als auch zum Pandemieimpfstoff informiert hat." 

"Pandemie" ist in der Öffentlichkeit gleichbedeutend mit Katastrophenszenarien

Worauf der Forscher unter anderem anspielt: Damit im Ernstfall alles schnell geht, werden bereits im Vorfeld einer Influenzapandemie Modellimpfstoffe entwickelt. Die werden an das kursierende Virus angepasst, getestet, auf europäischer Ebene zugelassen, und dann von den wenigen Unternehmen, die auf Impfstoffe spezialisiert sind, so schnell wie möglich produziert. Weil dieses Verfahren in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt ist, meldeten sich 2009 Experten und Quasi-Experten mit wahren, halbwahren und unwahren Aussagen zu Wort. Die Folgen: Misstrauen und geringe Impfbereitschaft. Und die - altbekannte - Lehre daraus war wieder einmal: 

"Risikokommunikation ist tatsächlich was, was man langfristig betreiben muss, das geht nicht ad hoc. Deswegen ist ein Hauptanliegen der Risikokommunikation, jetzt anzufangen, am besten gestern, und nicht erst, wenn man sieht, ah, da kommt jetzt was."

Petra Dickmann beschreibt ihr Geschäft: Die Medizinerin hat eine strategische Kommunikationsberatung gegründet. Sie sagt: Es reiche nicht, wenn Wissenschaftler nach ihren Kriterien urteilen und in ihrer Weise zur Bevölkerung sprechen: 

"Menschen hören nicht nur auf die wissenschaftliche Bewertung von irgendwelchen Experten. Die haben noch andere Quellen, wo sie sich ihre Meinung bilden und auch ihre Wahrnehmung schärfen mit." 

Bei der Pandemievorbereitung geht es vor allem darum, die Krankheit schnell zu erkennen und schnell Impfstoffe oder Medikamente zu verteilen. Der Dialog mit den Bürgen kommt darüber zu kurz. Mangelndes Wissen erzeugt jedoch Unsicherheit, Angst. Das belegte unter anderem eine Studie, die während der Schweinegrippe-Pandemie am Flughafen Frankfurt durchgeführt worden war, erklärt Rene Gottschalk. 

"Da haben wir untersucht, welche Informationen brauchen eigentlich die Passagiere, und wie unterscheiden sich denn Informationsbedürfnisse, Angst vor Infektionskrankheiten, oder keine Angst. Und da haben wir eben festgestellt, dass insbesondere die Passagiere, die eine große Angst vor Infektionen haben, letztlich immer ein Informationsdefizit beklagen. Und Passagiere, die sich ausreichend informiert gefühlt haben, auch keine Angst haben." 

Anders als Politiker und Behörden oft annähmen, sei es kontraproduktiv, darauf zu setzen, keine schlafenden Hunde zu wecken.  

2009 war der Verlauf der Schweinegrippen-Pandemie milde, weil das Virus nicht zu einer tödlicheren Form mutiert war. Und genau daraus erwuchs ein weiteres Problem, denn der Begriff "Pandemie" ist in der Öffentlichkeit gleichbedeutend mit Katastrophenszenarien. Dabei geht es doch nicht automatisch um Millionen Tote, sondern um die geografische Verteilung einer Krankheit. Als die Horrorzahlen ausblieben, wurde der Umgang von Politik und WHO mit der Pandemie als überzogen kritisiert. Ungerechtfertigterweise, urteilt Petra Dickmann. 

"Das ist wirklich eine Haltung, die man immer dann, wenn man sozusagen wieder im Sicheren steht, wieder leicht sagen kann. Ich würde nach wie vor sagen, die Entscheidungen waren schon richtig. Und dass man Medikamente bevorratet und beauftragt, ist auch richtig. Dass man die jetzt nach und nach entsorgen muss, nicht gebraucht hat, ist ein Anderes. Dennoch ist es wichtig, dass man natürlich pharmazeutische Abwehrmechanismen bereitstellt."

Die Ebola-Katastrophe setzte das Thema Weltgesundheit auf die politische Agenda

303,2 Millionen Euro hatten die Bundesländer für Impfstoffe bezahlt. Da sich nicht einmal jeder Zehnte impfen ließ, blieben rund 30 Millionen Impfdosen übrig, die mit dem Ablauf der Haltbarkeit zu Sondermüll wurden. Und so endet Pandemie-Impfstoff im Wert von 250 Millionen Euro in der Verbrennungsanlage.

Weil jedoch die Behörden in einem Moment entscheiden müssen, in dem noch unklar ist, was passiert, nimmt René Gottschalk das als Berufsrisiko.  

"Egal, was Sie als Beamter der Gesundheitsbehörden machen, sie kriegen immer Haue. Wenn Sie jetzt überhaupt nichts machen, dann läuft die Pandemie oder Epidemie so ab, und dann werden Sie gesagt bekommen: Ja, seid ihr denn bekloppt, ihr habt doch gesehen, dass da irgendwas kommt, ihr hättet doch etwas tun müssen." 

Mitglieder von Ärzte ohne Grenzen  in gelben Schutzanzügen und weißem Kopf- und Mundschutz (AFP/ Cellou Binani)Mitglieder von Ärzte ohne Grenzen versuchten in Guinea, die weitere Ausbreitung der Ebola-Epidemie zu verhindern. (AFP/ Cellou Binani)

Während man der WHO im Fall der Schweinegrippe Panikmache vorwarf, war ihre Reaktion im Fall des verheerenden Ebola-Ausbruchs in Westafrika eindeutig zu langsam. 2014 erkrankten mehr als 28.000 Menschen, von denen rund 11.000 starben. Obwohl die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen verzweifelt um Hilfe rief, habe die Internationale Gemeinschaft erst spät reagiert, erklärt Rosamund Southgate: 

"Die Weltgesundheitsorganisation macht oft einen sehr guten Job, aber diesmal hatte sie vielleicht nicht die richtige Kommunikation vor Ort, um die Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass schnell etwas getan werden muss." 

Dazu beigetragen haben könnte, dass die WHO seit der Weltfinanzkrise ein Fünftel ihres Budgets verloren hat: Im Bereich Seuchenbekämpfung wurden ganze Abteilungen aufgelöst.  

"Ärzte ohne Grenzen hat bei dem Ebola-Ausbruch außerdem gelernt, dass die Regierungen dieser Welt nur sehr eingeschränkt auf Notlagen reagieren können. Sie können vielleicht Gelder bereitstellen. Doch es gibt einfach nicht genügend gut ausgebildete medizinische Einsatzkräfte und die notwendige Ausrüstung, um einen Ausbruch sofort vor Ort zu bekämpfen, damit sich die Krankheit nicht ausbreiten kann." 

Immerhin haben nicht zuletzt die Bilder aus Westafrika das Thema Weltgesundheit auf der politischen Agenda nach oben gespült. Unter anderem bei der Bundesregierung: Es war die Ebola-Katastrophe, welche die Bundesregierung bewogen hat, die Zeit ihres G20-Vorsitzes auch der Pandemie-Bekämpfung zu widmen.

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