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StartseiteBüchermarktUnsichtbares Grauen der virtuellen Welt26.07.2011

Unsichtbares Grauen der virtuellen Welt

Thomas Glavinic: Lisa. Roman. Hanser Verlag

Lisa ist eine kaltblütige Verbrecherin und begeht weltweit undurchschaubare Taten - von Diebstahl bis Mord. Nach einem Einbruch bei einem Mann, hinterlässt sie ihre DNA-Spur. Der Beklaute versteckt sich aus Angst und die einzige Kommunikation ist die virtuelle über soziale Netzwerke mit Unbekannten.

Von Walter van Rossum

Die einzige Verbindung zur Außenwelt stellt der Protagonist in "Lisa" über das Web 2.0 her. (picture alliance / dpa)
Die einzige Verbindung zur Außenwelt stellt der Protagonist in "Lisa" über das Web 2.0 her. (picture alliance / dpa)

200 Seiten lang quasselt da einer vor sich hin - erzählt und erzählt, aber es ist keineswegs klar, ob überhaupt jemand zuhört. Am Ende kennen wir noch nicht einmal seinen Namen. Bloß eines steht fest: Der Typ ist total von der Rolle. Er hat sich in den Bergen in einer Hütte versteckt, nur sein achtjähriger Sohn Alex leistet ihm Gesellschaft. Doch mit dem kann er natürlich nicht über seine Ängste sprechen. Aber er erinnert ihn vielleicht daran, wie alles war - früher, bevor alles begann:

23. Juli. Vor drei Jahren. Da hat man bei uns zu Hause eingebrochen. Kommen wir aus dem Urlaub zurück, und Alex sagt: Was ist mit dem Schloss los? Aufgebrochen ist es, steht in schiefem Winkel nach vorn ab, da genügt ein Blick, Besuch bekommen. Ich hinein mit dem Badmintonschläger als Bewaffnung, habe wohl befürchtet den Dieb noch anzutreffen, muss ziemlich lustig ausgesehen haben. Ist aber keiner mehr da. Und auch nicht da sind der Laptop, die Stereoanlage und seltsamerweise unsere Dokumente.

In gewissem Sinne hatte der Mann sogar noch Glück. Die echten Wertsachen hatten die Diebe übersehen. Doch das Trauma stellte sich später ein, nachdem die Spurensicherung ihren Job gemacht hatte. Es wurden DNA-Spuren einer Frau gefunden, die seit langem ihr grausames Unwesen in der Welt treibt. In Polen hatte sie mehrere Menschen zu Tode gefoltert, einen Rumänen wahrhaft bei lebendigem Leib gekocht, in Nigeria Menschen gehäutet, aber - so irre es klingen mag - sie hatte auch mit Getreidediebstählen auf einem steirischen Bauernhof zu tun. Die Fahnder haben diesem Phantom den Namen Lisa gegeben. Und vor dieser Lisa ist unser Mann auf der Flucht. Warum eigentlich?

Nun wusste ich, dass sich eine erkältete Frau meinen Laptop unter den Nagel gerissen hat. Was soll man groß mit einer solchen Information anfangen? Am wenigsten gefiel mir daran die Sache mit den Fotos und den Videos von Katha und mir auf der Festplatte, ihr wisst schon. Auf denen sah man nämlich nicht nur das untenrum Wesentliche, sondern auch unsere Gesichter.

Wir leben in Zeiten des Web 2.0. Das heißt: Jeder kann Sender sein, wenn er ans Internet angeschlossen ist. Und der Mann, der uns seine und alle möglichen anderen Geschichten erzählt, geht in seinem Versteck mit seinem Laptop auf Sendung. Abend für Abend, nachdem er seinen Sohn ins Bett gebracht hat, setzt er sich vor Mikrofon und legt los - angefeuert von Unmengen "Koks" und Whiskey, quatscht von allem Möglichem, was ihm in den Sinn kommt, aber nicht unbedingt Sinn macht: von seinen Eltern, seinen Kumpels, von seinem Job als Entwickler für Computerspiele. Wir erfahren von einem gewissen Hilgert, mit dem er sich angefreundet hat, ein Fahnder bei der Polizei, der so von Lisa, der Phantommörderin, besessen ist, dass er alle Regeln bricht, bis er schließlich bei der Polizei rausfliegt. Das Problem ist nur: Hilgert meldet sich nicht mehr. Hilgert ist verschwunden. Doch was auch immer unser einsamer Moderator da preis gibt: Er hat keine Botschaft. Er ist bloß auf Sendung. The medium is the message - wie ein wahrhaft weiser Medientheoretiker das mal auf den Punkt brachte. Nur, was sagt die Message?

Das ist alles zu wirr, könnt ihr mir folgen? Ich kann mir ja nicht mal selbst folgen. - Ich hatte allerdings immer schon eine Affinität zum blinden Hinaussprechen in die Welt, ich war früher CB-Funker. Lange Zeit zusammen mit meinem Vater. Einmal haben wir mit König Hussein gesprochen. Also sagen wir, mit jemandem, der sich als König Hussein vorgestellt hat.

Paradox! Da versteckt sich einer in entrückten Gegenden und sendet gleichzeitig pausenlos Rauchzeichen seiner Auffindbarkeit. Was ist das für ein Roman, ein Epos über die Einsamkeit des Menschen in Zeiten des Internets? Wer andere Romane des Schriftstellers Thomas Glavinic kennt, weiß, dass in vielen seiner Geschichten Medien und mediale Kommunikation eine große Rolle spielen - zum Beispiel in "Die Arbeit der Nacht" oder in dem Roman "Der Kameramörder", der ganz zu Recht als komplexer Medienthriller gefeiert wurde. Das ging weit über ein paar Befindlichkeiten im Zusammenhang mit neuen Kommunikationstechnologien hinaus. Es geht eher darum, inwieweit Medien tief im Inneren unserer elementaren Existentialiät funken und wie wir durch Medien in die Welt kommen.

Es ist als ob mir nichts passieren könnte, solange ich hier sitze und rede, rede, rede. Alles ist gut, solange ich durch dieses Gerät mit einem kleinen Ausschnitt der Welt kommuniziere. Zu dem du, mein Zuhörer, gehörst. - Ich rede also um mein Leben.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran. Es ist gar nicht lange her, da geisterte eine Phantommörderin durch unsere Medien. In Süddeutschland soll sie eine Polizistin ermordet haben, dann entdeckte man ihre DNA-Spur im Zusammenhang mit terroristischen Aktivitäten, schließlich scheint sie auf dem Balkan und in Frankreich ihr Unwesen getrieben zu haben. Am Ende waren es mal wieder die Medien - genauer gesagt: die Wattestäbchen mit denen DNA-Proben gesichert werden. Die waren kontaminiert von einer Mitarbeiterin des Herstellers. Und so wiegt Thomas Glavinic seine Leser eine Weile im Glauben, sie kennten die Lösung des Rätsels schon. Doch daraus wird nichts. Übrigens hat der Mann im Roman in den letzten Nächten schon zweimal gesehen, wie ein Auto nachts in die Nähe seiner Hütte kam und mit ausgeschaltetem Licht ein paar Minuten einfach stehen blieb.

Spannend bis zur letzten Seite. Doch Aufklärung blüht am Ende nicht. Thomas Glavinic hält alles in der Schwebe. Es geht um ein langes Standbild: um den einsamen Mann, der hypererregt in der Nacht um sein Leben quasselt und nicht weiß, ob ihm jemand zuhört. So mögen sie aussehen die Gebete kommender Tage.


Thomas Glavinic. Lisa. Roman. Hanser Verlag. München 2011. 204 S. 17,90 Euro

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