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StartseiteBüchermarktUnstillbarer Lesehunger19.01.2010

Unstillbarer Lesehunger

Friedrich Kröhnke: "Geheimnisbuch". Ammann Verlag

Wer in jungen Jahren zum Lesen gezwungen werden muss, wird nie der wahre Leser werden, von dem Friedrich Kröhnke in seinem originellen kleinen Buch erzählt. Der wahre Leser liest, um zu lesen. Er braucht es wie die Luft zum Atmen und das Essen zum Überleben.

Von Alain Claude Sulzer

Der wahre Leser liest nicht, weil Lesen interessant ist oder bildet. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)
Der wahre Leser liest nicht, weil Lesen interessant ist oder bildet. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)

Im Gegensatz zu Opiaten bestehen Opioide nicht ausschließlich aus im Opium vorkommenden natürlichen Wirkstoffen, sondern aus Opium-ähnlichen, sowohl natürlichen als auch synthetischen Substanzen; sie dienen der Schmerzunterdrückung und dem Missbrauch. Ähnelt ihre Wirkung also dem Konsum von Büchern?

Tramadol heißt eines dieser auf dem Markt erhältlichen Opioide, das sowohl gegen mittelstarke Schmerzen hilft als auch gegen das sogenannte Restless-legs-Syndrom, auch "unruhige Beine" genannt. Mehrfach wird in Friedrich Kröhnkes "Geheimnisbuch" danach gegriffen, um es sich zuzuführen. Was hat Tramadol mit der Lektüre von Büchern zu tun? Auf welche Nervenzentren haben Bücher möglicherweise eine ähnliche Wirkung wie Tramadol auf ruhelose Beine und schmerzende Körperteile?

Einfach so viel und so wenig wie die Schmerzen und Freuden, die auch Bücher im Leser hervorrufen können? Die Schmerzen der aufgewühlten Erinnerung und des Wiedererkennens und die Freuden der Flucht, der Fort-Bewegung, der Abwesenheit des illusionsvernichtenden Alltags?

Wer ein wahrer Leser sein und bleiben will, muss früh mit Lesen beginnen.

Späte Leser haben es schwer, nicht allein deshalb, weil sie eine Menge verpasst haben. Wer in jungen Jahren zum Lesen gezwungen werden muss, wird nie der wahre Leser werden, von dem Kröhnke in seinem originellen kleinen Buch erzählt, in dem das Geheimnis der frühen Lust auf alle, nicht ausgewählte Bücher gelüftet, erhöht und wieder verschleiert wird. Der wahre Leser liest, um zu lesen, nicht weil Lesen interessant ist oder bildet. Er braucht es wie die Luft zum Atmen und das Essen zum Überleben.

Über die gute oder schlechte Wirkung guter wie schlechter Literatur lässt sich viel sagen, viel streiten, viel behaupten. Zum Beispiel einleuchtenderweise auch: dass sie – gleich Opioiden – ebenso aus natürlichen wie synthetischen Substanzen bestehe. So erfährt es – auf unterschiedliche Weise und immer wieder anders – sowohl der Autor als auch der Leser am eigenen Leib. Was auf künstlichem Weg zur Literatur wird, soll an das Leben erinnern, und was einmal lebendig war, wird Literatur dadurch, dass es synthetisch nachgestellt oder – im besten Fall – wiederhergestellt wird. Doch wann und wo wird die Grenze gewöhnlichen Lesens überschritten und zu einer Leidenschaft, einem unstillbaren Hunger, der am Ende aus einem Lesenden einen Schriftsteller macht, weil nur er ganz in die andere Welt hinübergleiten kann? Vielleicht im Stadium frühestens Lesens. Damals, als Lesen noch ein Abenteuer war, das einzige, das zu erleben sich wirklich lohnte. Mehr als auf Bäumen herumklettern, mehr als zur Schule gehen, mehr als Freundschaften zu pflegen.

Friedrich Kröhnke träumt sich zurück. Sein Bett im zehnten Stock eines Hauses im Berliner Hansa-Viertel steht an der Bücherwand, und er lässt ein kurzes Buch lang seine Augen im Halbdunkel darüber hinwegschweifen. "Im Halbdunkel schimmert das Weiß der Regale. Er denkt nicht nach. Er denkt ohne Ziel und ohne Ordnung, schaut gewissermaßen zu, wie das Tramadol zu wirken beginnt." Er hat es wieder genommen.

Angesichts der im Dunkel liegenden Schutzumschläge, Buchrücken und Inhalte winden sich die Gedanken mühelos in jene wunderbaren Zeiten zurück, in denen Lesen wirklich ein Abenteuer war, eine Reise, deren Ausgangspunkt nicht der erste Buchstabe, sondern das optische Vergnügen war, die Reise als Teil einer unerschöpflichen Masse von Teilen zu begreifen, die nicht einfach Namen waren, sondern greifbarer Inbegriff wertvoller Gedanken- und Lesewelten: Taschenbücher: rororo: glatt mit Leinenrücken; edition suhrkamp: einfarbig bunt; dtv: weiß von Celestino Piatti ausgestattet; Reihe Hanser: schwarze Schrift auf gelbem Grund; Goldmann Taschenbücher: "G für den Einfachband (DM 2.--), GG für einen Doppel-, GGG für einen Dreifachband." Was hätte man nicht alles für ein neues Taschenbuch getan, es zu besitzen, nicht eines, nicht zwei, nicht ein Dutzend, sondern alle, auch wenn einem irgendwann dämmerte, dass ein Leben nicht ausreichen würde, auch nur einen Bruchteil davon verschlingen zu können.

Auf Karl May folgte Schiller, auf Schiller Edgard Wallace, auf diesen Hubert Fichte – im einen oder anderen Fall auch in umgekehrter Reihenfolge, auf Tod und Tode ganz ohne Entsetzen der Fichte-Sound, Montauk und der Buchstabenwald bei Diogenes, wo sich das Schwere leicht gibt, das ist, wie Friedrich Kröhne schreibt, "die Schönheit aus der früheren Zeit, als die Welt noch modern war". Und als sie den Anschein hatte, gut zu sein oder zumindest gut auszugehen, das Glück der Kindheit, die nun weit zurückliegt.

"Wenn ein Opioid sich so erfreulich über die Blutbahnen ausbreitet, kann man, will man natürlich nicht lesen, nur an Bücher denken. Titel. Bilder.
Typographie. Einzelne Wörter, Ungelesenes, das einen reizt. Erinnertes.
Schönes" schreibt Kröhnke.

Um nichts weniger als das geht es in diesem wunderbaren kleinen, ein wenig geheimnisvollen, sehr persönlichen und doch aufs angenehmste diskreten Büchlein, das natürlich nur jene anspricht, die genau wissen und verstehen, worum es geht: Um Bilder. Typographie. Einzelne Wörter, Ungelesenes, das einen reizt. Erinnertes. Schönes. Und um Vergängliches.

Um Bücher.

Friedrich Kröhnke: "Ein Geheimnisbuch". Ammans Kleine Bibliothek. Ammann 2009.

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