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StartseiteSport am WochenendeUnter Beobachtung23.06.2013

Unter Beobachtung

Die Bedeutung der Unruhen in der Türkei für die sportlichen Ambitionen des Landes

Istanbul will 2020 die Olympischen Spiele ausrichten. Doch nach dem brutalen Vorgehen des türkischen Sicherheitsapparats steht das Land unter Beobachtung. Gerade wurden die Mittelmeerspiele in Mersin eröffnet, aktuell läuft die Fußball-U20-WM. Aber was bedeuten die Unruhen für die sportlichen Ambitionen des Landes?

Von Hendrik Maaßen

Demonstranten im Istanbuler Gezi-Park. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)
Demonstranten im Istanbuler Gezi-Park. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)

Es ist gar noch gar nicht lange her, da musste Fenerbahçe Istanbul vor leeren Rängen spielen, weil sich einige seiner Ultras in der Europa-League heftige Ausschreitungen mit der Polizei geliefert hatten. Nun kämpfen die türkischen Fußballfans gemeinsam gegen die eigene Regierung.

"Dass die Fußballfans miteinander demonstrieren, ist etwas sehr positives, da sie erstmals eine gemeinsame Sprache gefunden haben, obwohl der Anlass nicht sportlich ist. Denn zwischen diesen drei Clubs Beþiktaþ, Galatasaray, Fenerbahçe, zwischen den Fangemeinden, gab es doch eine starke Rivalität und gesprochen haben die bis zu diesem Zeitpunkt fast gar nicht miteinander."

Sagt Birol Çotuk, Leiter des Sportwissenschaftlichen Instituts der Marmara Universität in Istanbul. Im Protest sind die verfeindeten Gruppierungen vereint. Ihrem ungewöhnlichen Schulterschluss haben sie einen Namen gegeben: "Istanbul United".

Die Türkei steht derzeit unter Beobachtung, auch aus sportpolitischer Sicht. In Mersin, in der Süd-Türkei, werden gerade die Mittelmeerspiele ausgetragen, regionale Olympische Spiele. Zeitgleich findet die Fußballweltmeisterschaft der U20 in der Türkei statt. Die Sportgroßveranstaltungen haben eine politische Dimension, meint der türkische Autor und Kolumnist Tanil Bora:

"Die Mittelmeerspiele in Mersin sollen ein Aushängeschild für die Bewerbung um die Olympischen Spiele sein. Und man weiß ja, sportliche Großereignisse werden immer als Schritt zur Wahrnehmung der politischen Global-Player-Rolle angesehen und so instrumentalisiert."

Die Spiele der Mittelmeeranrainer sind für den türkischen Premierminister Erdoðan eine Steilvorlage um die Stärke der Türkei zu demonstrieren. Denn ursprünglich hatte Griechenland den Zuschlag für Großveranstaltung mit 24 Nationen und 27 Sportarten bekommen. Wegen des drohenden Staatsbankrotts wurde eine Alternative gesucht, Erdoðan erkannte seine Chance. Doch Proteste soll es keine geben:

"Darum haben die Behörden die Eröffnungsfeier der Mittelmeerspiele in Mersin praktisch nicht freigegeben. Weil sie Proteste befürchteten. Und alle Karten wurden für die örtlichen Organisationen der Regierungsparteien reserviert, und Proteste gab es trotzdem, allerdings außerhalb des Stadions. Und diese wurden wieder brutal unterdrückt. Es gab viele Verletzte, es gibt viele Inhaftierte."

Die aufwendige Eröffnungsfeier verfolgten 25.000 Menschen im Stadion, unter ihnen natürlich Ministerpräsidenten Erdogan und IOC-Präsident Jacques Rogge. FIFA-Chef Sepp Blatter kam direkt vom Confed Cup aus Brasilien.

Doch Tanil Bora berichtet, dass die Reihen bei den Wettkämpfen kaum gefüllt seinen, auch bei der U20 WM, selbst beim Spiel der eigenen Nationalmannschaft. Die türkische Bevölkerung wolle sich nicht mehr mit schönen Veranstaltungen hinhalten lassen:

"Die Depolitisierung durch Sport funktioniert nicht, und ich glaube, dass es in den folgenden Monaten auch nicht funktionieren wird, man kann es vorhersagen, dass auch, wenn die Fußball-Liga anfängt, die Proteste irgendwie andauern werden. Man weiß nicht in welcher Form und in welchem Umfang, aber schon. Und das ist wirklich neu für die Türkei."

Doch was für einen Einfluss haben die seit drei Wochen anhaltenden Demonstrationen auf die im September anstehende Olympiavergabe? Istanbul galt bis jetzt als klarer Favorit für die Spiele von 2020. Professor Birol Çotuk:

"Das kann man zweierlei sehen, entweder positiv oder negativ. Man kann das etwas harte Vorgehen der Polizei sehr negativ deuten, dass die Meinungsfreiheit, das Demonstrationsrecht, in der Türkei, oder in Istanbul, leider nicht wahrgenommen werden kann. Auf der anderen Seite kann man es auch sehr positiv sehen: Es ist zum ersten Mal eine Bewegung der jungen Menschen, und das hat uns auch alle auch überrascht, es ist für die Türkei wirklich sehr neu, dass junge Menschen, relativ apolitisch, für eine politische Sache einstehen. Sie haben nicht viel gemeinsam mit den Parteien, aber sie stehen für ihr Recht ein"

Dieser Bewegung ginge es um Selbstbestimmung und um Lebensräume in der Stadt: Auslöser waren die Bäume im Gezi-Park, die eine Bauvorhaben weichen sollen. Doch wie würden die Istanbuler auf die Großbaustellen für die Olympischen Spiele reagieren? Gäbe das nicht weitere Proteste? Çotuk schätzt seine Landsleute da anders ein:

"Nein, das glaube ich nicht, ich glaube, das diese Bauten um Olympia, die Regelung des Verkehrs und generell das Leben in der Stadt eigentlich einen positiven Impuls bekommen, es wird für die Stadt besser werden. Es wird zwar gebaut werden, aber ich bin zuversichtlich, dass der Lebensstandard, auch im Stadtleben besser sein wird."

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