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StartseiteBüchermarktUnter der Oberfläche schlummert das Verdrängte06.09.2007

Unter der Oberfläche schlummert das Verdrängte

Jan Costin Wagner schreibt über "Das Schweigen"

Der 1972 geborene Autor Jan Costin Wagner hat sich mit Romanen , die eine Nähe zum Kriminalroman nicht leugnen können, ohne sich auf die Grenzen des Genre zu beschränken, einen Namen gemacht. Zu "Eismond", der dem bei Frankfurt lebenden Autor auch international zum Durchbruch verhalf, gibt es nun eine Fortsetzung. "Das Schweigen" heißt das Buch, das wie sein Vorgänger Finnland spielt und auf ganz eigene Weise von verdrängter Schuld und Verbrechen erzählt.

Von Ralph Gerstenberg

"Das Schweigen" ist die Fortsetzung von "Eismond", Wagners erstem Psychothriller. (AP)
"Das Schweigen" ist die Fortsetzung von "Eismond", Wagners erstem Psychothriller. (AP)

Pia wäre heute eine sechsundvierzigjährige Frau. Doch vor dreiunddreißig Jahren ist sie einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer gefallen. Zwei Männer haben sie in unmittelbarer Nähe ihres Elternhauses vom Fahrrad gerissen, vergewaltigt und ermordet, das heißt: getan hat es eigentlich nur einer. Der andere, Timmo, stand daneben und hat zugesehen, starr vor Entsetzen, ungeheuer in seiner Passivität. Ein klassischer Mittäter, der fortan seine Schuld zu verdrängen sucht. Der Leser erfährt davon in einer Art Prolog zu Jan Costin Wagners neuem Roman "Das Schweigen", in dem der Autor - wie auch in seinen Vorgängerromanen - Menschen in Extremsituationen beschreibt, ohne ihr Handeln zu bewerten, und dabei auch die genaue Betrachtung des Täters nicht scheut.

Wagner: "Ich wollte in Timmo ganz bewusst eine Figur ins Zentrum rücken, die des Kindesmissbrauchs und Kindsmords schuldig ist, auch wenn die Frage aufgeworfen wird, wie weit seine Schuld reicht, da er der Mittäter ist. Aber diese Figur war ein ganz zentraler Aspekt der Grundidee zu diesem Roman. Diese Figur in ihrer Realität zu erfassen und auf diesem Wege etwas verstehen, was ich in einem Gespräch über das Thema nie verstehen könnte. Die Figur Timmos ist in gewisser Weise, ja, ich weiß nicht, ob es ein Tabubruch ist, auf jeden Fall hatte ich beim Schreiben das Bewusstsein, dass es sehr weit geht, diese Figur zu zeichnen, einen Pädophilen jenseits des Gut-Böse-Schemas."

Ein Figurendrama nennt Wagner sein Buch, in dem nicht nur die Seele des Täters, sondern auch die der Opfer und der Ermittler ausgelotet werden. Doch "Das Schweigen" ist auch ein Kriminalroman und die Fortsetzung von "Eismond", Wagners erstem Psychothriller, der in Finnland spielt, dem Land der Frau des fünfunddreißigjährigen Autors und seiner zweiten Heimat. Wieder ist dort ein Mädchen verschwunden, sein Fahrrad wird neben dem Kreuz der 1974 ermordeten Pia gefunden. Die Eltern und der ermittelnde Kommissar, der bereits aus "Eismond" bekannte Kimmo Joentaa, befürchten das Schlimmste. Ketola, ein pensionierter Kollege, der den Fall vor dreiunddreißig Jahren bearbeitet hat, wird hinzu gezogen. Und auch die Täter von damals werden aufgeschreckt und beginnen sich gegenseitig zu belauern. Seine Spannung bezieht der Roman jedoch nicht aus der krimitypischen Ermittlungsarbeit, die zur Aufklärung eines Verbrechens führt, sondern aus der Konfrontation seiner Hauptfiguren mit diesem neuen Fall, der an den alten erinnert und in jedem der Beteiligten etwas anderes auslöst.

Wagner: "Mich hat gefesselt, diese Psychogramme zu zeichnen: Was geht in der Mutter Pias vor, wenn sich 33 Jahre später dieses wiederholt? Was geht in den Eltern des vermissten Mädchens vor? Was geht in dem Ermittler vor, der obsessiv beginnt, diesen nicht gelösten Fall doch noch dreiunddreißig Jahre später lösen zu wollen? Was geht vor allem in dem Täter vor, diesen beiden Tätern, aber vor allem in dem passiven Täter von damals, der 33 Jahre verdrängt hat und dann massiv von einer Sekunde auf die andere mit dieser Schuld konfrontiert ist?"

O-Ton Hörbuch: "Der Name des anderen war Pärssinen gewesen. Er konnte sich an das Aussehen des Mannes nicht erinnern, er hatte Tage und Wochen danach viel Zeit damit verbracht, Pärssinen in einer Weise aus seiner Erinnerung zu entfernen, die keine Spuren hinterließ. Es war ihm gleich zu Beginn klar gewesen, dass Pärssinen der Schlüssel war, denn sobald dieser Mann nie existiert hatte, war auch alles andere hinfällig. Das hatte funktioniert. Es hatte funktioniert, weil er es so gewollt hatte. Weil er begriffen hatte, dass es eine andere Möglichkeit nicht gab. Nichts hatte Bestand, wenn man die Verbindung abbrach. Wenn man sich entschloss, wenn man sich wirklich entschloss, blieb nichts übrig, das wusste er seitdem, das wusste er besser als jeder andere. Es hatte funktioniert, und jetzt war es vorbei. So einfach war das."

Wie in seinem letzten Buch "Schattentag" lässt Wagner das nicht Sichtbare, das Vergessene und Verdrängte, das unter der Oberfläche schlummert, in seine Erzählung einfließen. Das Vergangene wirkt in die Gegenwart, Bewusstseinsströme, Bilder und Assoziationen unterbrechen die Handlung. Sie erzeugen eine Atmosphäre der Unsicherheit, der Verstörung. Durch das erneute Verschwinden eines Mädchens werden alte Wunden wieder aufgerissen, Verluste schmerzhaft spürbar. Während der Ermittlungen erinnert sich Kommissar Kimmo Joentaa immer wieder an seine verstorbene Frau Sanna. Der Mittäter Timmo wird mit seiner verlorenen Unschuld konfrontiert, die Eltern mit dem Verlust ihres Kindes. Kunstvoll verknüpft Jan Costin Wagner diese Schicksale miteinander und wechselt im Roman immer wieder die Perspektiven.

Wagner: "Ich mag Filme, die das versuchen, bei Büchern, Romanen habe ich das noch gar nicht so oft wahrgenommen beim Lesen. Aber es gibt ja diese Filme, die ganz bewusst diesen Versuch machen, wie zum Beispiel "Short Cuts", das ist der bekannteste. Ich glaube, von Filmen dieser Art war die Konzeptionsidee von "Das Schweigen" inspiriert, also ein Figurendrama vieler Figuren um ein bestimmtes Ereignis herum zu gruppieren und diese zunächst nebeneinander laufenden Leben zu verknüpfen. "

Pädophilie und Kindsmord sind in Kriminalromanen und -filmen nicht gerade seltene Sujets. Und auch eine Figur wie der pensionierte Kommissar Ketola, der um Rat gefragt wird und sich in die Ermittlungen einklinkt, ist aus dem Genre hinlänglich bekannt. Doch wie Jan Costin Wagner diese Klischees unterläuft, wie er eine Sprache findet, die kühl und klar das Erzählte in seiner ganzen Wucht und in seinen Auswirkungen auf die menschliche Psyche effektvoll voran treibt, ist, bis zum überraschenden Ende, das hier natürlich nicht verraten wird, eine höchst spannende Angelegenheit.

Jan Costin Wagner: "Das Schweigen", Eichborn Berlin, 285 Seiten, 19,95 Euro
Das Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt, ist zeitgleich bei Eichborn Lido erschienen.

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