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StartseiteBüchermarktUnter Hasen04.04.2007

Unter Hasen

Henning Ahrens "Tiertage" handelt von Hasen und Menschen

Ein verliebter Hase versucht einem Tiermörder auf die Schliche zu kommen. Henning Ahrens hat einen Tierkrimi geschrieben. Doch dem Autor, dessen bisherige Romane zwischen magischem Realismus, Phantastik und prätentiösen Genre- und Sprachparodien angesiedelt waren, genügt die Welt der Tiere und ihrer Leidenschaften nicht. Auch menschliche Tragödien werden mit der Tiergeschichte verwoben.

Von Ulrich Rüdenauer

Fledgling McFeathers ist ein gebildeter Reiher mit Adlerblick und aufgewecktem Geist. (Deutschlandradio / Andreas Diel)
Fledgling McFeathers ist ein gebildeter Reiher mit Adlerblick und aufgewecktem Geist. (Deutschlandradio / Andreas Diel)

Mr Allyours war ein Rammler in den besten Hasenjahren. Er lebte im Bruch zwischen dem Dorf Sarsum und dem Fluss Lunte, seine Lieblingsgäsung war die Schafgarbe, und jeden Nachmittag hoppelte er um Punkt drei Uhr zu seiner Sasse, um mit Mrs Allyours eine Tasse Tee zu trinken.

Eine Hasen-Idylle! Aber auch das Leben der Hasen schlägt manchmal sonderbare Haken: Als Mr Allyours eines Tages auf Streifzug durch sein Revier auf eine junge Häsin namens Lady Why stößt, setzt der Hasenverstand aus. Sie ist das schönste Weibchen, das er jemals gewittert hat. Die beiden kommen sich näher im Gebüsch, als sie sich vor einem "Wilden Mann" verstecken, der durch die Landschaft spaziert und eine Blutspur hinterlässt: ein Mensch, der verrückt geworden zu sein scheint und wahllos Tiere tötet. Später, wieder in der Sasse bei seiner Frau, klingen Mr Allyours die letzten Worte von Lady Why in den Löffeln:

Und nochnoch tiefer seufzte er bei der Erinnerung daran, dass sie zu ihm gesagt hatte: 'Wenn du ihn dingfest machst, den Wilden Mann, damit er nicht weiter morden kann, dann hast du meine Liebe verdient!'

Also tut sich Mr Allyours mit seinem Freund Fledgling McFeathers zusammen, einem gebildeten Reiher mit Adlerblick und aufgewecktem Geist, der sogar lesen kann. Nach und nach wittern sie die Spur des Täters, und Mr Allyours hoppelt seinem Ziel näher, Lady Why - man muss es so drastisch sagen - zu rammeln.

So beginnt der dritte Roman des auf dem Land nahe Hannover beheimateten Henning Ahrens, "Tiertage" betitelt, und man fragt sich, ob dem sensationell erfolgreichen Schafskrimi "Glennkill" von Leonie Swann nun ein Hasenkrimi auf der Pfote folgen und die Bestsellerlisten nach oben klettern soll. Nicht ganz: Henning Ahrens, dessen bisherige Romane zwischen magischem Realismus, Phantastik und prätentiösen Genre- und Sprachparodien angesiedelt waren, genügt die Welt der Tiere und ihrer Leidenschaften nicht. In Sarsum spielen sich nicht nur animalische, sondern auch menschliche Tragödien ab, und nicht nur der gute Hase Mr Allyours verfällt den Reizen des Weiblichen. Auch die Sarsumer Männer sind ganz hin und weg von einer Frau:

( ... ) und dann fiel ihm Miranda Schmid ein, wie sie aus dem See gekommen war - mit trägen, gleitenden Schritten und in einem Badeanzug, dessen Farbe zu Haar und Augen passte. Er sah die wenigen, dunklen Sommersprossen auf ihrer Nase vor sich, die wasserglitzernden Härchen auf ihren Armen ( ... )

Der da so schwärmt heißt Rudolf Wolters. Der Maler, langgedienter Ehepartner von Emmi, verguckt sich ebenso in die neue Dorfbewohnerin wie Viktor Hoppe: Miranda Schmid, verheiratet, zwei Kinder, entsteigt zwar nur dem Geplätscher des Baggersees, aber auch Ursula Andress, die aus den Wellen des Meeres auftaucht, hätte keinen größeren Eindruck auf die beiden aus unterschiedlichen Gründen frustrierten Männer machen können. Das übliche Spiel beginnt: Rudolf und Viktor wollen die Aufmerksamkeit Mirandas erregen und sie beeindrucken. Der Maler etwa möchte Miranda mit Kunst rumkriegen und arbeitet an einem Stilleben - ein Hase, nicht ganz Dürer, aber immerhin dekorativ, und Modell sitzt ihm kein geringerer als der verliebte Mr Allyours Modell. So kreuzen sich die Wege von Tier und Mensch eben dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen.

Dieser Hase war, wie Wolters bei sich dachte, ein wahrhaft wundersames Tier. Da hockte er auf grünem Samt vor einer Blechwerbetafel für Zündkerzen, neben sich Ammonit und Nautilus, beide aus Sarsumer Kiesgruben geborgen, und ließ sich so gelassen abschildern, als hätte er schon Chardin oder Pieter Claesz Modell gesessen.

Aber Henning Ahrens hat noch mehr zu bieten als solche wunderlichen Begegnungen zwischen Flora und Fauna: Sarsum als Mikrokosmos ist auch nicht weniger ergiebig als die Lindenstraße, und so lernen wir mit Asta Frey eine toughe Geschäftsfrau kennen, die sich von ihrem Mann und ihren zwei Kindern getrennt hat und darunter leidet, dass sie diese nicht mehr zu Gesicht bekommt. Das schwarze Schaf des Dorfes hingegen hat ganz andere Probleme: Madsack ist wenig beliebt, ergibt sich dem Alkohol, verhurt im wahrsten Sinne des Wortes sein Geld und wird obendrein für den Tiermörder gehalten, der sich nun sogar an Zuchthengsten vergreift.

So vermengt der 1964 geborene Henning Ahrens Tierfabel, Kriminalgeschichte, Sozialdrama und Liebesroman in einem einzigen Text, verschränkt die verschiedenen Welten, und schert sich in seinen sehr realistischen Schilderungen des Sarsumer Alltags eben durch das Einziehen einer zweiten Ebene nicht um Realismus: Märchenhaft überwindet Henning Ahrens im Erzählen Naturgesetze, wonach etwa Tiere nicht lesen und schreiben könnten, ohne gleich ins Phantastische zu geraten. Die Parallelwelten von Hase und Mensch spiegeln sich, aber das ist eher offensichtlich und gar nicht einmal so originell. Die Geschichten könnten auch unabhängig voneinander erzählt werden - als Kinderbuch und modischer Liebesblödigkeitsroman. Schöner ist, wie es Ahrens gelingt, diesen Ort, seine Struktur und seine Bewohner in ihrer Abgeschiedenheit atmosphärisch entstehen zu lassen.

Im Vorbeigehen nickte Viktor den Menschen zu, denn näher als ein Nicken war er den meisten Sarsumern nie gekommen. Gut möglich, dass Gerüchte über ihn kursierten, doch er hatte sich bislang nicht in den Chatroom des Dorfes eingeloggt ( ... )

So langsam erst kommt man diesem Autor auf die Schliche, und erkennt, dass er sich nicht auf die Schliche kommen lassen will. Unterschiedlicher könnten Henning Ahrens' Bücher kaum sein, auch wenn es wiederkehrende Motive gibt. Wo früher bei Ahrens ein ironisch aufgeladener hoher, manchmal altertümlicher Ton herrschte, findet sich nun Alltagsgerede, das manchmal recht plump daherkommt (eine Anspielung auf Günter Grass etwa), oder das zuweilen von Manierismen durchsetzt ist: Manierismen, die schon in den vorhergegangenen Romanen auf Originalität gezielt haben, auf Dauer aber auch sehr angestrengt wirken. Und gerade in einem Roman, der schlicht und in vielen Dialogen erzählt ist, sogar ein wenig penetrant: Da "schlabberschlürft" der Hase den Tee, da "murmelsingt" eine Frauenstimme, Blitze "fauchzucken" in Richtung Herz und "Brüste wuppeln in die Körbchen". Einen philosophischen Diskurs unter Reihern, sich vollziehend zwischen Fledgling McFeathers und seinem Vetter McPeacock, lässt man sich da schon eher gefallen, vor allem wenn er so schön dialektisch aufgelöst wird:

'Es gibt kein richtiges Leben im falschen!', sagte McFeather. 'Denk an das Schöne, Gute und Wahre - Werte, die Bestand haben.'
'Hoi, Vetterchen!' McPeacock warf die Flügel hoch. 'Unser hiesiges Leben ist ein Funke zwischen Hammer und Amboss, und was richtig und falsch ist, weiß niemand. Lass den Hasen rammeln.'

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