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StartseiteBüchermarktUnter Kreuz und Halbmond21.06.2005

Unter Kreuz und Halbmond

Mark R. Cohen über Juden im Mittelalter

Es ist keine politische Botschaft für die Gegenwart, die Autor Mark Cohen in sein Buch über die Juden im Mittelalter hineingelesen haben will. Seine Studie über den Vergleich von Juden im christlichen und islamischen Mittelalter stützt sich nicht auf Einzelbeispiele, sondern auf religiöse und rechtliche, politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen. Erinnern will er an eine Zeit, als ein toleranteres Miteinander noch zum Alltag gehörte.

Von Beate Hinrichs

Blick  in ein jüdischen Zuhause in New York (AP Archiv)
Blick in ein jüdischen Zuhause in New York (AP Archiv)

Mark Cohen erklärt gleich zu Beginn programmatisch: "Unter Kreuz und Halbmond widersetzt sich jeder Versuchung, die Gegenwart einfach in die Vergangenheit hineinzulesen." [S.15] Damit benennt er den aktuellen Bezug und das Spannungsfeld, in dem seine Studie über Juden im christlichen und islamischen Mittelalter steht: Daß nämlich die Geschichte der jüdisch-arabischen Beziehungen oft so interpretiert wurde, daß sie politische Interessen der Gegenwart untermauerte.
Im 19. Jahrhundert zum Beispiel beschrieben europäische Juden das arabisch-jüdische Zusammenleben gern als harmonisches Utopia, um damit das liberale christliche Europa aufzufordern, Juden endlich gleiche Rechte einzuräumen.

Umgekehrt sehen heutzutage viele Sepharden in Israel - also arabische Juden - die jüdisch-arabische Geschichte nur negativ und betonen die historische Verfolgung in ihren Herkunftsländern. Den Grund für diese negative Perspektive sieht Cohen unter anderem im Verhalten der europäischen Juden, die ihr Anrecht auf den jüdischen Staat aus dem Holocaust ableiten und damit die Ansprüche der orientalischen Juden - zumindest wird es von denen so empfunden - ins Abseits drängten. Das Resultat sei, dass die orientalischen Juden hartnäckig an ihrem zionistischen Traum festhalten, indem sie ihre eigene Verfolgungsgeschichte besonders herausstellten.

Mark Cohen widersetzt sich sowohl dem schöngefärbten Mythos jüdisch-arabischer Harmonie als auch dem Gegenmythos einer - Zitat - "wehleidigen Deutung der jüdisch-arabischen Geschichte"; und er schafft es, weder apologetisch noch polemisch zu argumentieren. Seine fundierte Studie zeichnet sich dadurch aus, daß der Autor seinen Vergleich nicht auf Einzelbeispiele stützt, sondern auf religiöse und rechtliche, politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen.

Zunächst stellt er klar, daß er keine Untersuchung über das Maß gesellschaftlicher Toleranz geschrieben habe, denn die stellte weder im mittelalterlichen Christentum noch im Islam der klassischen Jahrhunderte eine Tugend dar - im Gegenteil: Toleranz galt eher als Zeichen der Schwäche gegenüber Minderheiten.

Das frühe Christentum konkurrierte außerdem mit dem Judentum; denn während das Römische Reich Juden weitgehend unbehelligt ließ, wurden die ersten Christen verfolgt. Der Konflikt wurde zu einem wichtigen ideologischen Bestandteil christlicher Selbstdefinition. Diese Abneigung kannte der Islam gegenüber Christen und Juden nicht. Wohl gab es auch hier Demütigungen durch die Kopfsteuer und mancherorts spezielle Kleidungsgebote. Ansonsten war das Verhältnis im islamischen Einflußgebiet hierarchisch geregelt: Juden und Christen spielten eine randständige aber klare Rolle im islamischen Recht innerhalb der Gesellschaft. Dazu kam, daß es viele ethnische und religiöse Gruppen gab - Araber, Perser, Berber, Kurden, Türken, Juden, Christen, Muslime -, so daß Abgrenzung zu anderen ganz normal war.

Im Christentum dagegen waren die Juden Schutzbefohlene einzelner Fürsten; es gab besondere Gesetze, die sie außerhalb der Gesellschaft stellten und die jederzeit widerrufen werden konnten. Bis zu ihrer Ächtung und weiter zu Pogromen und Vertreibungen war es darum nur ein relativ kleiner Schritt.

Das frühe Christentum mißbilligte außerdem das Anhäufen von Reichtum. Da Juden oft als Händler ihren Lebensunterhalt verdienten, erschienen sie vielen Christen suspekt. Als aber immer mehr Christen selber Kaufleute wurden, sahen sie nun in den Juden vorwiegend Konkurrenten. Die Sicherheit der Juden nahm also in dem Maße ab, in dem der allgemeine wirtschaftliche Wohlstand zunahm. Unter islamischer Herrschaft dagegen wuchsen Wohlstand und Sicherheit der Juden parallel zur Gesamtgesellschaft. Muslime waren seit jeher Händler. Der rege Handel begünstigte die Entwicklung von Städten im islamischen Kulturkreis. Juden - als überwiegende Stadtbewohner - gehörten selbstverständlich dazu. Das mittelalterliche Nordeuropa hingegen war stark landwirtschaftlich strukturiert. Die Städte standen jedoch außerhalb des Feudalrechts und strebten nach Emanzipation. Ihren Bewohnern begegnete die agrarische Mehrheitsgesellschaft mit Mißtrauen.

Verfolgt wurden Juden natürlich auch im Islam. Aber keineswegs in dem Maße wie im mittelalterlichen Christentum, dessen Herrschaftsraum Historiker - besonders ab dem 12. Jahrhundert - als "Verfolgungsgesellschaft" charakterisiert haben. Im islamischen Kulturkreis wurden Juden offenbar nicht als Juden verfolgt, sondern als Minderheit wie andere Minderheiten auch (und oft weniger als Christen).

Beweise für die unterschiedliche Stellung der Juden findet Mark Cohen auch in der Literaturgeschichte: So gibt es zahlreiche Zeugnisse ihrer mittelalterlichen Leidensgeschichte im Christentum; sie sind in das niedergeschriebene historische und damit ins kollektive Gedächtnis der Juden eingegangen - eine Tradition, die unter Holocaust-Überlebenden in Europa fortlebt. Entsprechendes gibt es in muslimischen Ländern kaum.

Man sollte sich davor hüten, in Cohens Erkenntnissen eine politische Botschaft für die Gegenwart lesen zu wollen - wohl aber sind die Bedingungen interessant, unter denen die jüdische Minderheit in relativer Sicherheit oder aber zunehmend verfolgt lebte. Heute ist Antisemitismus unter Muslimen weit verbreitet. Die Kenntnis des historischen Hintergrundes ändert daran aktuell nichts. Aber langfristig könnte sie dazu beitragen, die politischen Konflikte im Nahen Osten nicht als historisches Erbe und damit als unabwendbar zu sehen. Sondern ein kollektives Gedächtnis zu reaktivieren und damit an Zeiten zu erinnern, als ein toleranteres Miteinander noch zum Alltag gehörte.

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