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StartseiteBüchermarktUnterdrückung und Abenteuer08.05.2005

Unterdrückung und Abenteuer

Buch der Woche - Götz Aly: Hitlers Volksstaat

Im allgemeinen Rummel des Gedenkens an Nazizeit und Weltkriegsende hilft nur der Paukenschlag, um durchzudringen. Und den hat Götz Aly mit seinem jüngsten Buch "Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus" gerade geliefert. Darin wartet er mit gewagten, aber bedenkenswerten Schlussfolgerungen auf. Für die Mehrzahl der jungen Deutschen, so Aly, bedeutete der Nationalsozialismus nicht Redeverbot und Unterdrückung, sondern Freiheit und Abenteuer.

Von Angela Gutzeit

Götz Aly: Hitlers Volksstaat (S. Fischer Verlag)
Götz Aly: Hitlers Volksstaat (S. Fischer Verlag)

Paukenschläge, was heißen soll spektakuläre Thesen oder Aufsehen erregende Inszenierungen zu diesem Thema gelten in der etablierten Historikerzunft eher als unseriös. Man erinnere sich nur an die Reaktionen auf der ersten Hamburger Wehrmachtsausstellung 1995 bis 1999 oder auf Daniel Goldhagens Buch über "Hitlers willige Vollstrecker", erschienen 1996. Die steile These des Amerikaners vom "eleminatorischen Antisemitismus" der Deutschen wurde heftig kritisiert, allerdings nicht ohne Grund. Die Aussage der Wehrmachtsausstellung auch, aber letztendlich gelang das nur en detail.

Aber beide taten ihre Wirkung. Es wurde ein Forschungsdesiderat offensichtlich - und ein immer noch wirksames Tabu: Die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht. Im Mittelpunkt: Der einfache Soldat als Täter. Bei der Ausstellung des Instituts für Sozialforschung provozierte die mediale Aufbereitung, das Bild, der Blick auf die zum Teil identifizierbaren mordenden und dabei auch manchmal lachenden Soldaten. Bei Goldhagen provozierte die Fokussierung auf den angeblich mörderischen Antisemitismus der Deutschen als alleiniger Erklärungsansatz für den Völkermord. Bei Götz Aly ist es seine These von der "Wohlfühl-Diktatur", die derzeit für Aufregung sorgt. Auch er hat die Masse der einfachen Deutschen im Blick. Aber doch ganz anders als Goldhagen, ihm geradezu entgegengesetzt. Dazu noch komplexer - und intelligenter!

Was die Qualität von Götz Alys Buch ausmacht, ist die Verknüpfung von gründlicher und findiger Recherche mit zum Teil gewagten, aber bedenkenswerten Schlussfolgerungen. "Wie konnte das geschehen?" wiederholt Götz Aly mit gespielter Naivität die Frage aller Fragen, die uns nun schon seit 60 Jahren begleitet, uns nervt und doch nicht loslässt. Was trieb die Masse der Deutschen in die Arme der brauen Fänger, in einen gigantischen Krieg? Warum machten sie mit, beim zunehmend mörderischen Treiben, bis zum Schluss? Und wenn sie nicht mitmachten, warum hielten sie still? Tief verwurzelter Antisemitismus? Hitlers Aura? Terror und Angst? Unwissenheit? "Alle diese Erklärungsansätze treffen nicht den Kern", sagt Aly. Das Nazi-Regime habe die Deutschen korrumpiert - mit sozialen Wohltaten, mit Aufstiegschancen für den kleinen Mann, mit einer als gerecht empfunden, weil nach oben umverteilten Steuerpolitik, mit Bereicherungsmöglichkeiten aus fremdem Eigentum, mit der Lizenz zum Beutemachen, mit der Aussicht auf Sieg und damit Tilgung aller Schuld.

"Zu den Begünstigten", schreibt Aly, "zählten 95 Prozent der Deutschen." Wenn der Historiker nun auf über 400 Seiten den Teufelspakt - so sagt er's nicht, aber es klingt so - zwischen Nazi-Führung und einem Großteil des Deutschen Volkes beschreibt, so spielen in seiner Analyse zwei innere Antriebsmomente des Regimes eine entscheidende Rolle: Dynamik und ängstliche Rücksichtnahme.

Er beschreibt den Nationalsozialismus einleitend als "Jugenddiktatur", um das Attraktive und einschneidend Neue an diesem System zu kennzeichnen. Das Gros der NS-Führungsmannschaft war jung, ihre Rhetorik spannungsgeladen, ihre Versprechungen groß. Nach den Jahren der Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Schmach des Versailler Vertrages, der Entbehrungen und der Arbeitslosigkeit ging ein "Ruck" durch Deutschland - wie Aly mit Hintersinn und Anspielung auf die heutige Politikerrhetorik formuliert:

"Für die Mehrzahl der jungen Deutschen bedeutete der Nationalsozialismus nicht Diktatur, Redeverbot und Unterdrückung, sondern Freiheit und Abenteuer. Sie sahen darin eine Verlängerung der Jugendbewegung, ein körperliches und geistiges Antiaging-Programm. Die tonangebenden 20- bis 30-Jährigen erhoben sich 1935 verächtlich über die Kleingeister. Sie sahen sich als moderne, antiindividualistische Tatmenschen. Sie belächelten des "Spießers Sorgen - denn uns gehört das große Morgen". Im Januar 1940 wähnten sie sich vor der "großen Schlacht", von der sie annahmen, "gleich wer fällt, so wird dieses Land einer glücklichen, großen Zukunft entgegengehen", um noch Anfang März 1944 - trotz aller mittlerweile erlebten Schrecken - "zum Endspurt dieses Krieges" anzusetzen.""

Aber aller jugendlicher Schwung, alle dynamische "Aufwärtsmobilisierung", alle Ideologie hätten nicht ausgereicht, so Aly, um das Volk bei der Stange zu halten. "Hitlers Volkstaat" komplettierte sich erst durch die Einlösung sozialer Versprechungen und dem Abbau vornazistischer Klassenschranken. Zu den Wohltaten, die ja zum Teil heute noch Bestand haben, gehörten die steuerliche Besserstellung der Familien mit Kindergeld und Familienbeihilfen, die Rentenreform mit der Einführung der obligatorischen Krankenversicherung für Rentner, die steuerfreien Zuschläge für Überstunden-, Sonntags- und Nachtarbeit, Steuererleichterungen für die Landwirtschaft, Aufstiegs- und Bildungsmöglichkeiten auch für die sozial Benachteiligten, Urlaub und Erholung für jedermann.

"Kontinuierliche sozialpolitische Bestechung und ein permanentes ängstliches Schielen auf das Stimmungsbarometer in der deutschen Bevölkerung habe die Grundlage des innenpolitischen Zusammenhalts gebildet, urteilt der Autor. Die sozialpolitischen Annehmlichkeiten endeten nicht etwa mit dem Jahr 1939. "Die deutsche Führung schuf und garantierte einen Kriegssozialismus", so führt Aly aus, "der auf die Loyalität der kleinen Leute zielte".

Wie das alles finanziert wurde - die Wohltaten fürs Volk und der Krieg, das hat Götz Aly in seinem Buch auf seine Weise genauestens entwickelt. "Auf seine Weise" - das soll bedeuten, der Autor nimmt sich die Freiheit, und genau das macht eben das Buch so interessant, bestimmte Ereignisse und Entwicklungen während dieser 12 atemlosen Jahre zu einander in Beziehung zu setzen und daraus neue Erklärungsmuster zu entwickeln. Und das hat noch kein Zeitgeschichtler vorher so getan! Ein Beispiel dafür ist die Verknüpfung des drohenden Staatsbankrotts Ende der 30er Jahre mit dem Pogrom und der so genannten "Judenbuße" über eine Milliarde Reichsmark im Jahre 1938.
Zu diesem Zusammenhang von Fürsorgepolitik für die Deutschen, Holocaust und Kriegsfinanzierung gleich noch Genaueres.

Es ist nicht uninteressant, für einen Augenblick sich der Semantik in Götz Alys Ausführungen zuzuwenden. Der Autor verwendet nämlich nicht nur gerne so bildmächtige und emotional besetzte Begriffskreationen wie "Stimmungspolitiker", "Wohlfühldiktatur" , "Gefälligkeitsdiktatur"
oder "Zustimmungsdiktatur". Er durchkreuzt auch so manches Mal durch nur leichte Begriffsveränderungen ideologische Erklärungsmuster. Zum Beispiel durch die Trennung und Abänderung des Wortes "Nationalsozialismus" in - wir schauen vorn auf das Titelblatt des Buches - "nationaler Sozialismus". Er nimmt damit die Nazis, die diesen Begriff verwendeten, beim Wort. Unwillkürlich liegt die Betonung auf "Sozialismus" und das setzt der Autor immer wieder pointiert ein in Zusammenhang mit seinen Ausführungen zu den sozialpolitischen Umverteilungen der Nazis zugunsten der kleinen Leute. Es bleibt allerdings nicht bei Andeutungen. Aly äußert sich auch dezidiert zu bewusst gesuchten Verbindungslinien der Nationalsozialisten zum Sozialismus, behauptet aber auch tatsächliche Übereinstimmungen:

"Die vielen Anleihen des nationalen Sozialismmus aus dem linkssozialistischen Ideenvorrat ergaben sich schon aus den Biographien der Beteiligten. In der Endphase der Weimarer Republik hatten nicht wenige der späteren NS- Aktivisten kommunistisch-sozialistische Erfahrungen gesammelt. So äußerte Eichmann in seinen Memoiren mehrfach: "Meine gefühlsmäßigen politischen Empfindungen lagen links, das Sozialistische mindestens so betonend wie das Nationalistische."
Er und seine Freunde hätten während der Kampfzeit Nationalsozialismus und Kommunismus als "eine Art Geschwisterkinder" angesehen. Der Schriftsteller Wolfgang Hillers erkannte plötzlich, "dass dem Ich ein Wir übergeordnet werden musste, und dass eine neue deutsche Kunst nur aus der Quelle des Wir gespeist werden konnte. Dieser insoweit repräsentative Mann - man denke auch an Arnolt Bronnen - hatte zuvor mit Bert Brecht und Johannes R. Becher zusammengearbeitet und das Chorwerk 'Der große Plan' einstudiert, das die stalinistische Brachialindustrialisierung verherrlichte.""

Auch in der nazistischen Lehre vom "Herrenmenschentum" sieht Götz Aly Parallelen:

"Auch die sozialistische Weltanschauung enthielt ein solches Element, die Lehre vom historisch siegreichen Proletariat und von der Bourgeoisie als nichtswürdiger, sterbender Klasse. Individuell erleichterte das den Übergang von der einen zur anderen politischen Heilslehre."

In der so genannten "Umverteilungsgemeinschaft" sieht Götz Aly die sozialistischen Elemente verwirklicht. Nach dem Studium der Akten u.a. von Reichsbank und Reichsfinanzministerium kam er zu der Erkenntnis, dass die "einzige wichtige Steuer, die zur Deckung des bald immer rascher anschwellenden Defizits", also der Staatsverschuldung, "zwischen 1933 und dem Beginn des Krieges angehoben wurde", die Körperschaftssteuer, also Unternehmensteuer, gewesen sei. Insbesondere die Kapitalgesellschaften wären dadurch getroffen worden, die am Rüstungsboom verdienten. Konkret gesprochen, erhöhte sich die Körperschaftssteuer in dieser Zeit von 20 auf 40 Prozent. Im Jahresbericht für 1938 der Demoskopen des Sicherheitsdienstes der SS findet er den Satz: "Besonders auf die Arbeiterschaft macht die Erhöhung der Körperschaftssteuer einen günstigen Eindruck." Auch die deutschen Hausbesitzer seien mit einer einmaligen Abgabe über 8 Milliarden Reichsmark im Jahre 1942 herangezogen worden. Dagegen:

"Nimmt man die kleinen Beamten hinzu (...) Dann kann man ohne weiteres sagen, dass die deutschen Arbeiter wie große Teile der Angestellten und Beamten bis zum 8. Mai 1945 nicht einen Pfennig direkter Kriegssteuer bezahlten."

Dass u.a. Daimler Benz, Krupp und die Großbanken am Krieg massiv verdienten und so manches Unternehmen durch die Eliminierung der Juden mächtig profitierte, bleibt in Alys Studie etwas unterbelichtet. Aber in der Tat ist das nicht sein Thema. Was er will, sind ja gerade tradierte, seiner Meinung nach unergiebige Sichtweisen, in diesem Fall die linke Fixierung auf das Großkapital, und auf der anderen Seite, die Fokussierung der etablierten Historikergilde auf Hitler aufzulösen, die ja zur Zeit u.a. in der Filmwelt ihre Entsprechung findet. Begriffen werden soll der Nationalsozialismus als ein Geflecht aus Bestechung, williger Gefolgschaft, brillantem Sachverstand und ideologischer Benebelung, exakter Planung und einem mörderischen, unumkehrbarem Zugzwang. Gerade diese Dichotomien seien es gewesen, so Aly, die den Zusammenhalt gewährleistet hätten. Als zweites Thema in seinem Buch "Hitlers Volksstaat" widmet sich Götz Aly der Frage, wie die loyalitätssichernde Politik der NS-Führung und "der kostspieligste Krieg der Weltgeschichte" bezahlt werden konnte.

Politische Führung einerseits und Finanz- und Verwaltungsexperten anderseits, zu ihnen zählten insbesondere Reichsfinanzminister Lutz Graf Schwerin von Krosigk und sein Finanzsekretär Fritz Reinhardt, seien sich da durchaus nicht immer einig gewesen. Schließlich habe die Reichsverschuldung bereits 1939 durch Aufrüstung und soziale Wohltaten 37,4 Milliarden Reichsmark betragen - nach heutigen Berechnungen rund 370 Milliarden Euro! "Hitler", so Alys Erklärungsansatz, "überspielte die ihm und seiner Führungsmannschaft bekannte prekäre Finanzlage des Reiches mit sprunghaften Kriegsaktionen zu Lasten von Millionen Menschen, d.h. der besetzten Völker Europas, der Juden und der Zwangsarbeiter.

Enteignungen, Ausplünderungen, Deportationen und Massenmord wurden, wie der Autor dezidiert am Beispiel von einzelnen Ländern belegt, zur wichtigsten Finanzierungsquelle der deutschen Staatsfinanzen. Aly ist tatsächlich einer der ersten Historiker, die genau aufzeigen, wie das Nazi-Regime alle Kriegslasten auf die jeweils besetzten Länder abwälzte. Ihnen wurden beispiellose
Besatzungskosten und Kontributionen auferlegt, die in einen im Lande installierten Besatzungskostenhaushalt flossen. Gleichzeitig wurden auch noch die Wechselkurse drastisch manipuliert, indem man die landeseigene Währung gegenüber der Reichsmark rigoros abwertete. Das erhöhte automatisch den Sold der deutschen Besatzungssoldaten beträchtlich.

Sie erhielten ihn in der jeweils landeseigenen Währung ausbezahlt, berechnet allerdings auf der Grundlage der Reichsmark. Aly dazu wörtlich:

"Die Währungsreform begünstigten all diejenigen, die in den besetzten Ländern als Käufer auftraten - das waren die gesamte deutsche Wirtschaft und jeder einzelne Wehrmachtssoldat."

Und weiter:

"Die Soldaten wurden angehalten zur Reduktion des Inflationsdrucks in Deutschland sich Geld von zu Hause schicken zu lassen, um in den besetzten Ländern einzukaufen und recht viel nach Hause zu schicken."
(...)
"Deutsche Soldaten kauften die Länder Europas buchstäblich leer."

In diesem Zusammenhang erwähnt Götz Aly immer wieder den Gefreiten Heinrich Böll, der am 31. Dezember 1943 aus einem Feldlazarett in der Ukraine an seine Eltern schrieb:

"Ich sehne mich sehr nach dem Rhein, nach Deutschland, und doch denke ich oft an die Möglichkeit eines kolonialen Daseins hier im Osten nach einem gewonnenen Krieg."

Es ist Aly in einigen Kritiken unnötige Effekthascherei vorgeworfen worden, indem er nun gerade den späteren Literaturnobelpreisträger und friedenspolitisch engagierten Bürger Böll vorführt. Gewiss, Aly weiß provozierende und grelle Pointen zu setzen. Aber wer will ihm widersprechen in seiner Argumentation, dass sogar dieser "brave Soldat", der gewiss kein "williger Vollstrecker" gewesen sei, sich habe derartig blenden lassen.

Vielleicht der heikelste Teil in Götz Alys Studie ist der von ihm behauptete Zusammenhang von der Enteignung und Ermordung der Juden einerseits und der Kriegsfinanzierung andererseits. Der zeitliche und sachliche Verbindungslinie zwischen verschuldeter Staatskasse und Judenpogrom bzw. "Judenbuße" im Deutschen Reich ist schon erwähnt worden. Ab 1941 als die Luftangriffe auf deutsche Städte zunahmen, so offenbart Götz Aly einen weiteren Zusammenhang, beschloss die NS-Führung die Übernahme jüdischer Wohnungen durch ausgebombte Deutsche. "Nicht zuletzt unter dem Eindruck solcher Argumente", so Aly wörtlich, entschloss sich Hitler im Herbst '41, die deutschen Juden schon während des Krieges zu deportieren und nicht erst - wie bis dahin beabsichtigt - nach dem Sieg."

Und weiter:

"Das Enteignen und Verwerten des jüdischen Eigentums bildete in der fiskalpolitischen Zielsetzung nicht nur in Deutschland des Jahres 1938 eine haushälterische Notmaßnahme - das Verfahren wurde zum Modell und anschließend in alle Länder und Regionen Europas exportiert."

15 bis 20 Milliarden Reichsmark , also 150 bis 200 Milliarden Euro nach heutigen Berechnungsmaßstäben, sollen es gewesen sein, die aus den Besitztümern der europäischen Juden stammten und in Form von Geld in die deutsche Kriegskasse gelenkt wurde. "Der Holocaust bleibt unverstanden, schlußfolgert Aly, "wenn er nicht als der konsequenteste Massenraubmord
in der modernen Geschichte begriffen wird." Und noch einmal ein Zitat:

"Am Ende hatte jeder Herrenmensch - und das waren nicht allein irgendwelche NS-Funktionäre, sondern 95 Prozent der Deutschen - Anteile von dem Geraubten in Form von Geld in der Tasche oder als importierte, im besetzten Ausland mit geraubtem Geld und Gold bezahlte Lebensmittel
auf dem Teller."

Kritisiert wurde jüngst an diesem Erklärungsmuster, dass Götz Aly damit den Antisemitismus der Deutschen als Motiv für den Völkermord relativiere. Auch der Zeithistoriker Hans-Ulrich Wehler ist einer der Kritiker mit diesem Tenor. Aly entgegnete im Feuilleton, der Antisemitismus sei nicht sein Thema und reiche als Erklärung aber auch keineswegs aus. Aber Wehlers Einwand ist insofern nicht ganz unbegründet, da dieser beispiellose Raub- Völkermord ohne einen tief eingeprägten und über lange Zeit tradierten Antisemitismus zumindest bis ins letzte nicht so recht schlüssig ist. Deshalb wird sicherlich über den Satz Götz Alys', die Deutschen wären in den Jahrzehnten vor der Regierung Hitlers nicht Ressentiment beladener als die übrigen Europäer gewesen und ihr Nationalismus nicht rassistischer als der anderer Nationen, noch viel gestritten werden.

Einzig und allein mit dem Argument, die Nationalsozialisten hätten mit der Ermordung der ausgeplünderten oder mittellosen Juden unnütze Esser, sozusagen "unnützes Bevölkerungsmaterial" in ihrem Eroberungsraum eliminieren wollen bzw. aus der Dynamik ihres einmal begonnen Verbrechensfeldzuges heraus dies auch tun müssen, lässt sich diese akribische Mordmaschinerie nicht überzeugend darstellen.

Aber Götz Aly hat mit diesem Buch eine neue Diskussionsgrundlage im Streit über die Frage "Wie konnte das geschehen" geschaffen. Und daran wird kein Historiker, der über den Nationalsozialismus forscht, mehr vorbeikommen. Der in Jena lehrende Zeithistoriker Norbert Frei hat unlängst daraufhin gewiesen, dass es auffällige Desiderate in der Zeitgeschichtsforschung gebe, so unter anderem bei der Arisierungsthematik. Das sei ein Generationenproblem und kein Zufall, so erklärte Frei die Forschungslücken. Bestimmte "heiße Eisen" seien von der älteren
Forschergeneration nicht angepackt worden.

Götz Aly, ein Vertreter der Nachkriegsgeneration mit dem Geburtsjahr 1947, hat sich da Freiraum erobert und nutzt ihn kenntnisreich und erfrischend respektlos, phantasievoll und eloquent.

Götz Aly: Hitlers Volksstaat, Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus.
(S. Fischer) 445 Seiten, 22.90 Euro

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