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Unternehmerin über das Betreuungsgeld: "Kein guter Tag für deutsche Familien"

Präsidentin des Verbandes Deutscher Unternehmerinnen fordert mehr Kita-Plätze

Stephanie Bschorr im Gespräch mit Christoph Heinemann

Das Betreuungsgeld soll Eltern helfen, die sich zuhause um ihr Kind kümmern wollen.
Das Betreuungsgeld soll Eltern helfen, die sich zuhause um ihr Kind kümmern wollen. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

"Wenn ich keinen qualifizierten Betreuungsplatz für mein Kind habe, dann habe ich schon per se keine wirkliche Wahlfreiheit", sagt Stephanie Bschorr, Präsidentin des Verbandes Deutscher Unternehmerinnen. Das Betreuungsgeld gehe in eine völlig falsche Richtung.

Christoph Heinemann: Darüber wollen wir sprechen mit Stephanie Bschorr, der Präsidentin des Verbandes Deutscher Unternehmerinnen. Auf der Internetseite des Verbandes ist über sie Folgendes zu lesen: Verheiratet, zwei Kinder, Rechtsanwältin und Steuerberaterin, Gesellschafterin und Geschäftsführerin der HTG Wirtschaftsprüfung-, Steuerberatungs- und Rechtsanwaltsgesellschaft, ein Unternehmen mit 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Guten Tag!

Stephanie Bschorr: Guten Tag.

Heinemann: Frau Bschorr, ist das heute ein guter Tag für deutsche Familien?

Bschorr: Nein! Das ist nach meiner Meinung kein guter Tag für deutsche Familien. Im Gegenteil: Es ist ein schwarzer Tag. Weil ich halte das Betreuungsgeld für eine echte Fehlinvestition für die deutschen jungen Familien.

Heinemann: Warum?

Bschorr: Weil nach meiner Meinung diese Maßnahme in die völlig falsche Richtung geht. Ich denke, dieses Geld – es ist eine Größenordnung von 1,5 bis zwei Milliarden Euro, wenn ich richtig informiert bin – sollte investiert werden meiner Meinung nach in Kita-Plätze, weil dann können wir überhaupt nur von dieser vielgepriesenen Wahlfreiheit reden, die ja die verschiedenen Minister und, ich glaube, auch sogar die Kanzlerin sozusagen einführt. Weil wenn ich keinen qualifizierten Betreuungsplatz für mein Kind habe, dann habe ich schon per se keine wirkliche Wahlfreiheit.

Und das Nächste: Ich denke, im Hinblick auf die Größenordnung der 100 beziehungsweise 150 Euro, die Sie gerade genannt haben, werden die ganzzeit- oder die vollzeittätigen Mütter auf keinen Fall deswegen zuhause bleiben. Das heißt, allenfalls werden die wenigen Teilzeitmütter sich das unter Umständen überlegen. Und die Mütter, die jetzt zuhause bleiben und nicht arbeiten, würden eher, denke ich mal, zu einem Arbeitsplatz greifen, wenn wir eben die Kindergartenplätze ausbauen. Insofern denke ich, wir wollen dahin, die gut qualifizierten Frauen zu beschäftigen, um da dem Fachkräftemangel, der unauflässlich auf uns zurollt, zu begegnen. Und das schaffen wir damit nicht.

Heinemann: Wir können uns ja auch mal die Kinder angucken. Was ist eigentlich für Ein- bis Zweijährige wichtiger, dass sie Englisch und Chinesisch lernen oder dass sie vielleicht mal in den Arm genommen werden?

Bschorr: Diese Relation? Sie meinen, wenn sie in den Arm genommen werden, das kriegen sie nur zuhause. Und das mit dem Englisch und Chinesisch, das kriegen sie im Kindergarten oder wie soll ich das verstehen?

Heinemann: So ungefähr.

Bschorr: Das ist ja vielleicht auch ein bisschen sehr überspitzt. Also, ich kann nur sagen, da sind ja mal wieder die Skandinavier Vorreiter. Die haben ja so etwas Ähnliches eingeführt. Die schaffen es jetzt genau ab, weil das bei denen auch in die völlig falsche Richtung gegangen ist. Das heißt, die, die das nutzen, und die, die ihre Kinder zuhause lassen, sind die Kinder oft von Familien, ich sage mal, mit Migrationshintergrund, die also ganz dringend die Integration in die Sprache und auch, denke ich, in das ganze soziale Leben in dem Land, das sie sich nun mal ausgesucht haben als neue Heimat, brauchen könnten. Und so was, denke ich, könnte hier auch die Folge sein. Und ich glaube nicht, dass es darum geht, Chinesisch oder Englisch zu lernen, sondern die Frage auch ist, was lernt man sonst noch im Kindergarten. Und da kann ich nur als Mutter von zwei Kindern sagen: wesentlich mehr als jetzt dieses überspitzte Bild, was Sie da zeichnen. Da geht es um soziale Kompetenz und Ähnliches.

Heinemann: Bleiben wir bei den voll arbeitenden Eltern. Was haben Kinder von solchen Eltern, die abends – und ich nehme an, dass es Ihnen genauso geht – hundemüde nachhause kommen?

Bschorr: Ich sage nur, ich bin bis heute nicht wirklich vollzeitbeschäftigt, weil ich sage das immer so ein bisschen ketzerisch: Meine Partner arbeiten 60, ich nur 40 Stunden. Das beinhaltet aber zum Beispiel drei volle Nachmittage zuhause bei meinen Kindern. Und ich stehe auf dem Standpunkt, dass man versuchen sollte, die beiderseitigen Interessen zu bündeln und da einen Kompromiss zu finden. Und gerade so eine Teilzeitbeschäftigung ist so ein Kompromiss für mich. Das heißt, die Stunden, die ich mit meinen Kindern zusammen bin, die will ich ganz gezielt auch mit ihnen zusammen sein und denke mal, dass ich jetzt rückblickend die auch mit Quality Time gefüllt habe, während ich auf der anderen Seite das Stück Selbstverwirklichung, was mir mein Beruf gibt, aber auch nicht aufgegeben habe, was mich sicherlich zufrieden macht.

Heinemann: Frau Bschorr, sollte man Erwerbsarbeit in der Wirtschaft nicht genauso honorieren. Oder anders herum die Erziehungsarbeit in der Familie zuhause nicht genauso honorieren wie die Erwerbsarbeit in der Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst oder sonst wo?

Bschorr: Das ist sicherlich ein Ansatz, über den wir weitergehend nachdenken müssen. Das fängt an damit, wie man diese Zeiten der Kinderbetreuung eben anrechnet im Hinblick auf die staatliche Altersversorgung und so weiter und so fort. Da gebe ich offen zu, da habe ich noch kein ausgeklügeltes Konzept. Aber ja, ich denke, das ist auf jeden Fall eine Überlegung in die richtige Richtung.

Heinemann: Zu häufig bedeutet eine längere Pause im Erwerbsleben den endgültigen Abschied von einem qualifizierten Beruf. Das heißt, wenn man drei Jahre Auszeit nimmt, kommt man eben nicht wieder rein, um eine Karriere nahtlos fortzusetzen. Wie ist das in Ihrem Unternehmen geregelt?

Bschorr: Da gibt es keine feste Regelung. Wir sind ein Unternehmen, was extrem viele verschiedene Möglichkeiten der Teilzeit- oder auch Heimarbeitsplatzgestaltungen ermöglicht. Und ich kann nur sagen, wir haben hundert Prozent Rückkehrquote meiner Mütter und die absolute Überzahl kommt nach einem Jahr zurück.

Heinemann: Ohne Probleme? Also die können dann da wieder weitermachen, wo sie aufgehört haben?

Bschorr: Selbstverständlich!

Heinemann: ..., sagt Stephanie Bschorr, die Präsidentin des Verbandes Deutscher Unternehmerinnen. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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