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StartseiteKultur heuteKunst und Musik fallen zu häufig aus16.07.2015

UnterrichtKunst und Musik fallen zu häufig aus

Um die kulturelle Bildung ist es in Deutschland schlecht bestellt, so eine aktuelle Allensbach-Studie. Eckart Liebau, Vorsitzender des Rats für Kulturelle Bildung, fordert deshalb: Musik- oder Kunstunterricht darf nicht so oft ausfallen. Zudem müsse man näher an jungen Interessen unterrichten, sagte Liebau im DLF.

Eckart Liebau im Gespräch mit Kathrin Hondl

Ein Bassist spielt in Köln auf einem elektrischen Bass (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Auch Pop ist Kultur. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Kulturelle Bildung "Hürden für Teilhabe senken"

Kathrin Hondl: Kultur für alle. Schon in den 70er-Jahren forderte das Hilmar Hoffmann, der damalige Frankfurter Kulturdezernent und spätere Goethe-Institut-Präsident. Und zumindest in der Rhetorik von Politikern ist die Formel nach wie vor aktuell. "Kultur für alle" steht auf der Webseite der Kulturstaatsministerin, und auch im Koalitionsvertrag von 2013 findet sich das Bekenntnis, jetzt kommt ein Zitat, "allen Kindern und Jugendlichen in Deutschland gleiche kulturelle Teilhabe" ermöglichen zu wollen. Das klappt aber nicht, so das Ergebnis einer Studie, die der Rat für Kulturelle Bildung heute veröffentlicht hat. Arm dran, heißt es da, und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern haben deutlich weniger Chancen auf kulturelle Bildung als Akademikerkinder. Auch für Kunst und Kultur gilt also, was in Deutschland immer wieder ganz generell beobachtet, beklagt und kritisiert wird: Der Bildungserfolg von Kindern ist extrem abhängig vom Elternhaus.

Vor der Sendung habe ich mit Eckart Liebau, dem Vorsitzenden des Rats für Kulturelle Bildung telefoniert und ihn gefragt: Was läuft da falsch? Schließlich gibt es doch auch so etwas wie Musik- und Kunstunterricht an deutschen Schulen, oder?

Eckart Liebau: Also erst mal muss man sagen, dass 17 Prozent der Schülerinnen und Schüler davon berichten, dass sie in diesen Jahrgängen, neunte oder zehnte Klasse, weder Musik- noch Kunstunterricht haben. Also der wird schlicht nicht angeboten. Und da kann man natürlich sagen, wenn man Kultur stärken will, dann müssen diese Fächer natürlich angeboten werden, das ist das Erste.

Das Zweite ist, dass eben sehr hohe Zahlen von Schülerinnen und Schülern darüber berichten, dass der Unterricht in Musik oder in Kunst mehr als selten ausfällt, zum Teil sogar häufig ausfällt. Das ist natürlich besonders bedauerlich, weil gerade die Kinder, die ohnehin sozusagen nicht die stärksten sind im Bereich der kulturellen Bildung, dadurch zusätzlich benachteiligt werden.

Mädchen zeigen mehr Interesse an Kultur

Hondl: Was ja auch auffällt bei den Ergebnissen Ihrer Studie, ist, dass es da große Unterschiede gibt zwischen Mädchen und Jungen, was das Interesse an oder Verständnis für Kunst und Kultur angeht. Wie erklären Sie sich das eigentlich? Weil die schulischen Voraussetzungen sind ja wohl gleich schlecht für beide Geschlechter.

Liebau: Wie erklärt man sich das? Wir waren auch sehr erstaunt, muss ich sagen, über das Ausmaß der Geschlechterunterschiede - das ist wirklich wie im Klischee-Bilderbuch - und was die Orientierung und die Interessen in diesen Bereichen angeht. Man muss sich dabei immer auch vor Augen führen, dass das natürlich ein Entwicklungsalter ist mit 14, 15, 16, in dem die Mädchen in der Regel, sage ich mal, deutlich reifer sind als die Knaben.

Aber insgesamt ist es so, dass sich in diesen Daten erst mal zeigt, dass das Interesse an Kultur überwiegend eine Mädchensache ist. Ich vermute, dass das etwas damit zu tun hat, dass die Unterrichtsformen und die Unterrichtsangebote eben weniger sozusagen auf die Jungs hin orientiert sind als an den Interessen von Mädchen orientiert.

Popkultur gehört dazu

Hondl: Vielleicht müsste man auch mal fragen, was das eigentlich überhaupt genau heißt oder heißen soll, kulturelle Bildung heute. Vielleicht verändert sich da ja auch irgendwas grundsätzlich. Ich würde mal vermuten, dass die Jugendlichen, die da befragt worden sind, zumindest mit bestimmten Formen von Kunst und Kultur ja schon im Kontakt sind. Also was ist zum Beispiel mit Popkultur, Popmusik, Videospielen, Film? Muss nicht auch unser althergebrachter Begriff von Kultur da anders gedacht werden vielleicht? Der konzentriert sich ja immer vor allem auf die sogenannte Hochkultur, Oper, Ballett und so weiter.

Liebau: Ja. Das ist eine sehr interessante Frage und auch eine sehr wichtige Frage. Weil nämlich die Jugendlichen ihre kulturellen Aktivitäten, die in dem ersten Bereich liegen von dem, was Sie gerade genannt haben, also Film, Pop et cetera, das nicht zur Kultur rechnen. Sondern die haben einen ganz konventionell-klassischen Kulturbegriff. Die verstehen darunter, genau wie die Erwachsenen, Oper, klassische Musik, bildende Kunst, Literatur und Theater. Das ist die Vorstellung, die mit dem Begriff verbunden wird. Dass sie selber kulturelle Praxis machen, in anderen Bereichen und bezogen auf andere Gebiete sozusagen, das rechnen sie einfach nicht dem Bereich der Kultur zu.

Hondl: Das wäre die Aufgabe kultureller Bildung, ihnen klar zu machen, dass das schon auch Kultur ist, oder?

Liebau: Aber sicher. Das gehört ganz wesentlich mit dazu. Und es gehört eben auch mit dazu, diese Aspekte mit aufzunehmen und so zu bearbeiten, dass die Jugendlichen daran wirklich ästhetische Erfahrungen machen können.

Mehr Lehrerfortbildung nötig

Hondl: Was sollen Sie - also der Rat für Kulturelle Bildung - denn jetzt, nach dieser Studie, von der Politik fordern?

Liebau: Ich denke, es gibt zwei Punkte. Der eine Punkt ist, dass man die Frage der Unterrichtsversorgung wirklich sehr systematisch angehen muss, also einfach dafür sorgen muss, dass der Unterricht in Kunst und Musik regelmäßig angeboten wird, in allen Schularten angeboten wird, nicht so häufig ausfällt, dass man darauf achtet, und dass die Lehrer entsprechend qualifiziert werden, die in diesen Bereichen tätig werden.

Das Zweite ist, dass man versuchen muss, sozusagen die inhaltliche Orientierung dieser Fächer ein bisschen aufzubrechen und den Blick auf die Frage zu gestalten, wie man näher an jungen Interessen unterrichten kann. Das ist eine qualitative Frage, nicht eine quantitative. Und das ist eine Frage an die Lehrerbildung und eine Frage an die Lehrerfortbildung.

Hondl: Und die stellt Eckart Liebau, der Vorsitzende des Rats für Kulturelle Bildung zum kulturellen Bildungsnotstand in Deutschland war er das und zur aktuellen Allensbach-Studie mit dem Titel "Jugend, Kunst, Erfahrung. Horizont 2015".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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