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StartseiteBüchermarktUntersuchungen zu Sinnverschiebungen19.07.2007

Untersuchungen zu Sinnverschiebungen

Reinhart Koselleck sezierte Begriffe

Im Februar vergangen Jahres starb der Historiker Reinhart Koselleck. Unter dem Titel "Begriffsgeschichten" erschienen nach seinem Tod "Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache". Kosellecks darin enthaltenen Begriffsanalysen sind alles andere als neutral, sondern stellen selbst einen semantischen Eingriff in die historisch-begriffliche Selbstverständigung dar.

Von Leander Scholz

Im Jahr 1883 notierte Nietzsche: "Noch ein Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken. Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken." Heute, deutlich mehr als ein Jahrhundert später, ist beinahe jeder in ein kompliziertes System von Aus- und Weiterbildungen verstrickt und zum Objekt pädagogischer Bemühungen geworden. Nietzsches düstere Prophezeiung einer umfassenden Erziehungsgesellschaft ruft keinen Ekel mehr hervor. Der Geist hat vielleicht nicht zu stinken begonnen, in jedem Fall aber ist er längst zu einem Kuriosum vergangener Zeiten geworden. Denn auch wenn das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Jahr 2007 zum "Jahr der Geisteswissenschaften" erklärt hat, weiß heute kaum jemand noch etwas mit dem Wort "Geist" anzufangen. Bildung und Forschung lassen sich inzwischen ganz nüchtern als Techniken der Innovation und der Anpassung verstehen.

Dass der "Geist" schon seit längerer Zeit die Geisteswissenschaften verlassen hat, mag hier und da zwar noch Lateinlehrer und Philologen zu kulturkritischen Einlassungen provozieren, aber alles in allem ist die Rede vom Geist inzwischen zu einer Pastorenrede verkommen. Es ist sicherlich nicht zu viel gesagt, wenn man den im Februar letzten Jahres verstorbenen Historiker Reinhart Koselleck als eine der letzten großen Figuren der Geistesgeschichte bezeichnet, die sich mit eben solchen begrifflichen Verschiebungen befasst hat. Von 1972 bis 1997 hat Koselleck ein Lexikon der politisch-sozialen Sprache in Deutschland herausgegeben, das unter dem programmatischen Titel "Geschichtliche Grundbegriffe" nicht nur historisch fundierte Begriffsdefinitionen liefert, sondern beansprucht, den damit verbunden Erfahrungsbereich zu rekonstruieren. So macht es zum Beispiel einen großen Unterschied, was etwa in Frankreich, Deutschland oder auch England bei der Verwendung des Wortes "Bürger" jeweils mitgemeint ist und welche Vorstellungen damit impliziert sind.

Der Untertitel seines letzten Buches "Begriffsgeschichten", das Koselleck selbst nicht mehr editieren konnte, macht diesen Zusammenhang von Wortbedeutung und Wortverwendung besonders deutlich. "Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache" hat Koseleck seine mitunter sehr detaillierten aber immer äußerst lesenswerten Untersuchungen zu begrifflichen Sinnverschiebungen genannt. Wie schon in früheren Arbeiten, etwa in der inzwischen zum Standardwerk gewordenen Dissertation "Kritik und Krise - Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt", nimmt dabei die von ihm sogenannte Sattelzeit der Moderne um 1800 den größten Raum ein.

Denn fast alle der uns seit dieser "Sattelzeit" selbstverständlich gewordenen Kollektivsingulare wie Menschheit, Geschichte oder auch Fortschritt sind unter großen sozialen und politischen Erschütterungen entstanden, deren Auswirkungen Koselleck wie ein gelehrter Seismograph bis in die Krisen der Gegenwart hinein registriert. Die Art und Weise, wie dabei die Erfahrungen und die Erwartungen, die mit solchen Kollektivsingularen verbunden sind, zuweilen ein wenig menetekelartig diagnostiziert werden, erinnert an Kosellecks wohl wichtigsten akademischen Lehrer Carl Schmitt, der sich nie so richtig damit abfinden konnte, dass sich das moderne Denken als funktional versteht und keinen Platz mehr für überhistorische Substanzbegriffe hat. Aber genau diese offen konservative Fremdheit gegenüber den modernen Erwartungen, alle Probleme als prinzipiell lösbar anzusehen, scheint die Antriebsenergie gewesen zu sein, mit der Koselleck selbstverständliche Begriffe in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt hat. Offensichtlich muss ein Begriff erst einmal fremd erscheinen können, damit die Genese und die Bedingungen seiner Vertrautheit erklärt werden können.

Dennoch sind Kosellecks Begriffsanalysen alles andere als neutral, sondern stellen selbst einen semantischen Eingriff in die historisch-begriffliche Selbstverständigung dar, die sie zu beschreiben vorgeben. So findet sich unter den Begriffsgeschichten auch ein Vortrag anlässlich eines vom Wirtschaftsrat der CDU veranstalteten Umweltkongresses von 1979, in dem Koselleck anhand der ökologischen Bewegung den Vertrauensverlust in die progressive Fortschrittssemantik diagnostiziert. Ohne mit einem einzigen Wort darauf einzugehen, dass es sich hier um einen ganz bestimmten Vertrauensverlust handelt, nämlich in die ökonomische Rationalität und nicht in den Fortschritt im Allgemeinen, deutet Koselleck das Stottern des Fortschritts als eine neue Legitimationsquelle für einen mehr als nur liberalistischen Staat. Unverkennbar wirken hier im Hintergrund die politischen Argumentationslinien eines anderen Carl-Schmitt-Schülers, nämlich von Ernst Forsthoff, der aus der ökologischen Krise Kapital für eine Erneuerung der Notwendigkeit eines starken Staates zu schlagen versucht hat. Bei Carl Schmitt lässt sich der Satz finden, dass alle Begriffe einen polemischen Sinn haben und sich deshalb zuletzt immer auf Gegenbegriffe beziehen. Wer wie Koselleck die großen Kollektivsingulare der Moderne in die Schranken weisen will, tut das nicht bloß aus sachlich-analytischen Gründen, sondern aus einem politischen Interesse heraus, um anderen Begriffen Platz zu verschaffen. In dieser Hinsicht ist es gut, dass heute niemand mehr ohne Weiteres das Wort "Geist" benutzen kann, um damit eigentlich nur die Selbstbeschreibung und das Selbstbewusstsein einer bürgerlichen Elite der Vergangenheit zu meinen.

Denn inzwischen wissen wir, dass auch "Geist" nur ein funktionaler Begriff ist, der seine Zeit hatte und mit dem Ende dieser Zeit seine Funktion eingebüßt hat.


Reinhart Koselleck: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache
Suhrkamp, 2006
569 Seiten, 38 Euro

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