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Seit 11:30 Uhr Nachrichten
StartseiteSonntagsspaziergangTräumend nach Paris11.01.2015

Unterwegs im letzten NachtzugTräumend nach Paris

Nach mehr als 150 Jahren ist Schluss: Die Deutsche Bahn hat den Betrieb ihrer Nachtzüge eingestellt. Mit einer der letzten Verbindungen ist unser Autor Philipp Lemmerich nach Paris gereist. Bei seiner Premiere lernte er den Nachtzug als Ort der Begegnung kennen und begriff: Ein Stück Reisekultur geht verloren.

Von Philipp Lemmerich

Berliner Hauptbahnhof: Abfahrt des Nachtzuges Berlin-Paris (Foto: Moritz Metz )
Berliner Hauptbahnhof: Abfahrt des Nachtzuges Berlin-Paris (Foto: Moritz Metz )
Weiterführende Information

Bahn reduziert Angebot - Der letzte Nachtzug nach Paris
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 14.12.2014)

Berliner Hauptbahnhof, Gleis 6. Durch das mondäne Glasgebäude zieht ein eisiger Dezemberwind. Es knarrt und rattert, als der altehrwürdige CNL 450 pünktlich um 20:06 Uhr einfährt. Wagen 98, ein rot-weißer Waggon der alten Intercity-Generation, ist dank der großen Schilder an den Türen leicht gefunden. Elektronische Anzeigetafeln gibt es hier keine. Ich hieve meinen Trekking-Rucksack durch den schmalen Eingang. Drinnen ist weit weniger als die Hälfte der Betten besetzt. Es ist Mittwoch, nicht gerade eine Stoßzeit für Pendler also.

Der Zug setzt sich schleppend in Bewegung und lässt das kalte Bahnhofslicht hinter sich. Auf der Suche nach Liegeplatz 76, oben, treffe ich Florian. Er hat die Nummer 72 gebucht und wird sich in dieser Nacht eine Kabine mit mir teilen.

"Das ist hier der Nachtzug von Berlin nach Paris, unten auf'm Bett im Liegewagen. Es ist total angenehm. Es schaukelt schön, macht Spaß."

Meine allererste Fahrt mit einem Nachtzug steht bevor, nach Paris – auf einer der letzten Fahrten dieser Linie. Mit weichen Knien erklimme ich die klapprige Leiter zur oberen Liege und bemerke die liebevoll zurecht gelegten Begleiter für die Nacht: ein weißes Laken, ein Kopfkissen, eine blaue Fleece-Decke. Etwas nervös bin ich schon über die kommenden 13 Stunden Fahrt. Florian, Anfang Dreißig, ist dagegen ein alter Hase.

"Ich flieg meistens, weil es halt doch schneller geht, aber wenn ich Zeit hab, dann Nachtzug. Meine Freundin ist Französin. Die ist ein großer Fan vom Nachtzug. Die ist einen Tick kleiner, da passt man besser hier rein. Wir sind nie zusammen im Zug gefahren. Weil halt immer der eine zum anderen fährt. Fast jedes Wochenende. Nachtzug zusammen wird wohl auch nichts mehr werden jetzt."

Für Florian ist es die letzte Fahrt mit dem Nachtzug – Fahrplanwechsel hin oder her. Denn nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung Potsdam-Paris zieht er nun zu seiner Freundin. Seine sieben Sachen – zwei Sporttaschen und ein Rollkoffer – hat er mit Mühe unter seine Pritsche gequetscht. Wie die Ankunft an seinem neuen Wohnort wohl sein wird?

"Wahrscheinlich bin ich total verschlafen. Mal gucken, wie die Nacht läuft. Das kann zwischen total ausgeruht und total fit bis zu leicht verkatert sein, und dann ist der Tag erst einmal so ein bisschen im Eimer. Aber sie holt mich ab, und dann werden wir erst einmal die Sachen in die Wohnung bringen und dann gemütlich frühstücken gehen. So, jetzt kommt der Schaffner."

Der Schaffner:

"Hallo und guten Abend! Ich hätte gerne mehr als ein Lächeln, sprich die Fahrkarten und die Reservierungen bitte. Bei Ihnen benötige ich den Personalausweis. Danke."

Den Schaffnern der Nachtzüge wird eine besonders sympathische Art nachgesagt – für jeden ICE-Vielfahrer beinahe unvorstellbar. Ich scheine auf Anhieb Glück zu haben.

"Die 74 kommt in Hannover. Einmal Retour. Meine Herren, aufregende Nacht, gute Fahrt. Wir sehen uns später in Hannover nochmal. Auch für Sie nachher später: Tür zu, hier oben können sie verriegeln. Viel Spaß!"

Florian:

"Die sind super hier. Es gibt viele, die ein bisschen älter sind, wo dann Großvaterstimmung aufkommt, die morgens reinkommen, dir das Frühstück bringen. Es ist wirklich multikulti, es sind immer Engländer, Franzosen, und die meisten von den Schaffnern können kein Französisch, sondern nur Deutsch. Aber es geht halt trotzdem super. Meine Freundin ist immer total begeistert. Die reden auf Deutsch auf sie ein, aber total nett und süß."

Unterwegs mit einem Bauingenieur mit Passion für Metropolen

Zugegeben: Reisen im Nachtzug kannte ich bisher nur aus nostalgieschweren Filmklassikern. Meine Eltern bevorzugten den Urlaub im Campingwagen. Als 1997 der Luftverkehr liberalisiert wurde, war ich gerade neun. Mein Heranwachsen fiel in die Hochzeit von Easyjet und Ryanair.

Mittlerweile haben wir Hannover erreicht. Ein älterer Herr steigt zu, die Nummer 74. Zum ersten Mal gibt es so etwas wie ein Platzproblem. Ich frage mich, wie es zugeht, wenn alle sechs Betten belegt sind. Soweit kommt es diese Nacht aber glücklicherweise nicht.

Der neue Mitreisende stellt sich als Siegfried Plöger vor. Seine Vorfreude auf Paris ist nicht zu übersehen. Akribisch bereitet er seinen Aufenthalt vor.

"Das ist eine normale Straßenkarte vom Innenstadtbereich Paris. Und ich habe dann pro Fahrt, die ich gemacht habe, meine Routen jeweils in einer Farbe gekennzeichnet. Das fängt von rot, orange an und geht weiter über magenta und grün, das waren die vier bisherigen Touren. Und die fünfte beginnt jetzt und bekommt eine blaue Farbe. Und diesmal bin ich im 17. Arrondissement hauptsächlich unterwegs."

Siegfried Plöger, 66 Jahre, Bauingenieur mit einer Passion für europäische Metropolen. Mit dem Fahrrad fährt er Straße für Straße seiner Reiseziele ab. Auf diese Weise hat er bereits Brüssel, Lissabon und Barcelona erkundet.

"So wie ich, so verrückt ist keiner. Das macht keiner."

Dass die Nachtzüge ausrangiert werden, stellt den Mitt-Sechziger vor logistische Probleme.

"Die ICE-Züge haben nicht die Möglichkeit der Fahrradmitnahme, das ist leider der Nachteil. Ich werde natürlich weiterhin Städte auf diese Art bereisen, muss dann allerdings eine längere Anlaufzeit nehmen, indem ich tagsüber reisen muss, irgendwo Zwischenübernachtung machen muss, und dann am nächsten Tag weiterreisen muss. Ich bin froh, dass es die Reisemöglichkeit mit dem Nachtzug bisher gegeben hat und bedaure das, dass es das zukünftig nicht mehr geben soll."

Kurz danach verabschiedet sich Siegfried Plöger schnurstracks ins Bett. Auch Florian gibt sich keine Mühe, seine Müdigkeit zu verbergen. Ich merke: hier neigt sich der Abend dem Ende entgegen.

Ort der Begegnung

Seitdem bereits vor zwei Jahren das Bordbistro abgeschafft wurde, gibt es keinen Aufenthaltsort mehr für Rastlose wie mich. Viele Bahnkritiker sagen, dass damit schon der langsame Abschied der Nachtzüge eingeleitet wurde. Im Bistro traf man sich, tauschte Geschichten aus. Heute gibt es nur noch eine kleine Verkaufskabine. Die meisten bleiben daher notgedrungen im eigenen Abteil.

Einen Wagen weiter treffe ich Mara, 23. Sie ist auf dem Weg zu alten Freunden und trinkt gerade ihr selbst mitgebrachtes Feierabendbier. Auch sie ist ein echter Nachtzug-Fan.

"Es ist so einfach, mit anderen in Kontakt zu treten. Mit Leuten aus Europa oder sonst woher, die sich für deine Geschichte interessieren. Es ist wahrlich ein Ort des Austausches, genial. Jedes Mal, sei es das ältere Paar aus Budapest neulich. Oder der Deutsche, der in Paris seine Freundin besuchen wollte. Oder die Franzosen, die erzählt haben, was sie in Deutschland erlebt haben. Jedes Mal war eine interessante Geschichte dabei. Es ist ein Treffpunkt der Kulturen. Und deshalb bin ich sehr traurig, dass diese Linie gestrichen wird."

Zum ersten Mal wird mir klar, warum so viele Leute für den Nachtzug auf die Barrikaden gehen. Warum 8.000 Personen die Online-Petition gegen die Streichung unterschrieben haben. Es geht ihnen um einen Ort der Begegnung. Um den symbolischen Wert, den die einzige Direktverbindung zwischen den beiden Hauptstädten hat. Und um eine entschleunigte Alternative zum kalten ICE.

Nebenan beginnen die Abteile mit den Schlafsesseln. Hier ist noch weniger los. Alexandre Somavila hat es sich auf den grünen Polstern gemütlich gemacht, die Beine auf dem gegenüberliegenden Sitz ausgestreckt und auf seinen Oberschenkeln das Notebook drapiert. Der 28-jährige Brasilianer ist ganz begeistert von dieser Art des Reisens.

"In meinem Land ist es ein bisschen anders. Wir haben kein gut ausgebautes Schienennetz. Deshalb sind wir vom Straßenverkehr abhängig – Omnibusse, Autos."

In Berlin macht er gerade ein Forschungssemester am Deutschen Historischen Museum – und entdeckt in seiner Freizeit mit per Interrail die europäischen Nachbarländer. Als ich ihm erzähle, dass er in einem der letzten Nachtzüge nach Paris sitzt, ist er ganz entgeistert. Schließlich bringen sie ihm viele Vorteile.

"Es ist so einfach, man muss nicht umsteigen. Und ich kann Geld sparen, weil ich mir kein Hostel nehmen muss. Außerdem verbringe ich gerne den ganzen Tag in der Stadt, besuche Museen oder andere schöne Orte – ohne einen Reisetag zu verlieren."

Reisekultur statt Easyjetting

Solche oder ähnliche Sätze könnten viele hier im Zug sagen. Es sind zumeist junge Leute, Studenten, Familien – Menschen die sich Zeit nehmen und für die es um mehr geht als darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen. Reisekultur statt Easyjetting.

"Ich genieße die Unterhaltungen mit den Leuten, die bei mir im Abteil sitzen: Erfahrungen austauschen, die Kultur der anderen kennenlernen. Es ist, als ob man lernen würde, zusammen zu leben. Man lernt immer mehr dazu. Ideen und Erfahrungen mit anderen teilen, das macht einfach glücklich."

Wir fahren durch kleine französische Örtchen, unfassbar langsam, wegen des Lärmschutzes. Die Laternen werfen schummrig-gelbes Licht. Kleine Einfamilienhäuser gleiten vorbei, daneben alte Scheunen und Bauernhöfe. In einer Einfahrt erkenne ich einen alten Citroen. Je länger die Fahrt dauert, desto mehr beginne ich die Nostalgie der passionierten Nachtzugfahrer zu teilen.

Andererseits ist da – zurück in meiner Kabine - das Schnarchen meiner Mitbewohner. Und der abwechselnd zu warme oder zu kalte Brise aus der Belüftung, die nicht mehr reguliert werden kann. Der dafür vorgesehene Hebel ist abgebrochen. Gegen vier Uhr morgens schlafe ich dann doch ein: Das stete Poltern des Zuges wiegt mich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen werde ich sanft von einer Durchsage meines Lieblingsschaffners geweckt.

"Meine Damen und Herren, wir erreichen allmählich die Vororte von Paris. In ca. 10-15 Minuten werden wir Paris erreichen. Für Sie auch noch einmal die bedauerliche Mitteilung, dass dieser Zug nur noch bis zum 13. Dezember diesen Jahres (2014, Anm. d. Red) fährt. Dann wird diese Verbindung von der deutschen Bahn aufgegeben, sprich sie wird ersatzlos gestrichen. Wir hoffen, dass sie trotzdem eine angenehme Nacht und eine gute Reise gehabt haben. Lassen Sie sich vom Wetter nicht die Stimmung verderben. Und somit wünschen wir ihnen, die City Night Line Teams, aus Berlin, München und Hamburg trotz alledem noch einen sonnigen Tag, sagen Tschüß und winkewinke bis zum nächsten Mal. Ladies and Gentlemen, in ten or 15 Minutes we arrive in Paris Gare de l’Est. Thank you for coming to City Nightline, nice stay and goodbye."

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