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StartseiteKultur heuteUnvereinbares neu denken23.11.2011

Unvereinbares neu denken

Eine Werkschau von "Graft Architects" im Berliner Haus am Waldsee

"Distinct Ambiguity" heißt eine Ausstellung im Haus Waldsee, die derzeit Arbeiten der internationalen Gruppe "Graft Architects" zeigt. Mit ihren fließenden Formen und geschwungenen Linien erinnern ihre Entwürfe eher an künstliche Landschaften denn an Gebäude. Sie vereinen organisch Amorphes mit Anklängen an die klassische Moderne.

Carsten Probst im Gespräch mit Rainer Berthold Schossig

Rainer Berthold Schossig: In der freien Hauptstadtkultur ist für vieles Platz, auch für Unschärfe. Wenn eine Ausstellung "Distinct Ambiguity" heißt, dann muss man sich entscheiden, wo es lang geht: zwischen Klarheit und schwankender Gestalt. "Distinct Ambiguity" – unter diesem Motto zeigt das Berliner Haus am Waldsee ab heute das Werk einer internationalen Architektengruppe, die unter dem anglofonen Label "Graft Architects" firmieren und weltweit komplexe Architektur-Fusionsmethoden entwickelt haben, auch in und für Berlin, Entwürfe, die den Design- und Architekturdebatten der vergangenen zwei Jahrzehnte wesentliche Impulse gegeben haben.

Carsten Probst in Berlin, der Begriff Grafting, der bezeichnet ja eine gestalterische Methode, Unvereinbares neu zu denken, zum Beispiel Analoges mit Digitalem, Organisches mit Technischem zu kreuzen. Wie sieht denn das in dieser Retrospektive aus, die Sie im Haus am Waldsee in Berlin besucht haben?

Carsten Probst: Man denkt einfach in erster Linie zunächst gar nicht unbedingt an Häuser bei diesen Architekturentwürfen von Graft, sondern eher fast an künstliche Landschaften, die eigentlich dann auch in den Architekturanimationen in bestehende Natur quasi eingebettet werden - man könnte eigentlich fast modisch sagen, so ein elegantes Natur-Upgrade bilden. Man sieht sehr viele weiche, fließende Formen, großzügige geschwungene Linien, manches wirkt auch so ein bisschen wie eine sanfte Computer-generierte Hügellandschaft, ein anderes wieder so wie überlenkte Schiffskiele, oder bei manchen Grundrissen denkt man an Ginkgoblätter, oder an fliegende Fischreiher, oder an Höhlensysteme, oder Kristallstrukturen oder so, also letztlich eben dieses organische Amorphe, die Naturform, aber dann auch sehr viele Anklänge an diese klassische Moderne, wie wir uns vielleicht noch erinnern aus der Zeit des ausgehenden Jugendstils bis hin zu den Adaptionen, Ann Sharone und BrUNO Taut, diese ganzen utopischen Expressionisten der frühen 10er-Jahre in Berlin gerade auch oder auch beispielsweise von Antoni Gaudí und seinen höhlenartigen Gebäuden. Aber es gibt eben doch auch diesen ganz wesentlichen Unterschied zur Tradition, nämlich dass bei Graft alles Computer-generiert ist, dass es keine reinen Bezüge mehr gibt, sondern, wie Sie auch schon sagten, es ist ein Sampling, man könnte fast sagen ein Crossover, das am Computer zusammengemixt wurde, und das sieht man auch.

Schossig: Diese Gruppe "Graft Architects", sie unterhalten ja Büros in Berlin, Los Angeles und Peking. Das klingt - und ist wohl auch so - global. Wie schafft es denn das Team, nicht nur Architektur-Hybride, wie Sie sie jetzt gerade beschrieben haben, zu erfinden, sondern vielleicht auch an lokalen und auch historischen Traditionen zum Beispiel hier in Deutschland anzuknüpfen?

Probst: In Deutschland gab es ja vielleicht ein Projekt, das besondere Beachtung gefunden hat, nämlich den Entwurf für die temporäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz in Berlin. Das war diese berühmte Wolke, diese Cloud, eine weiße Wolke direkt auf diesem zentralen Platz in Berlin, dem Schlossplatz. Und das Problem von Graft Architects hat man da auch gleich gesehen: Sie haben eigentlich überhaupt keinen Bezug zur Stadtplanung, sondern sie platzieren ihre Entwürfe eigentlich immer direkt, quasi wie ein Kuckucksei mitten in städtischen Kontexten, ohne das Umfeld jetzt groß näher zu erschließen. Das ist aber auch eine Überzeugungsfrage.

Schossig: Das klingt mehr nach Kunst als nach Gebautem, Herr Probst. Der Schauspieler Brad Pitt, heißt es, schwärme für Graft Architecture. Wirft denn die Ausstellung die Realitätstauglichkeit von Fantasy-Architektur, also eigentlich Filmkulissen, auf? Wie viel Urbanität entsteht durch gebaute Paraphrasen auf Cyb-Org-Homes?

Probst: Mir sind zwei Sachen aufgefallen, auch gerade bei dieser Retrospektive jetzt in Berlin. Erstens: Graft-Architekten haben relativ wenig tatsächlich gebaut. Sie haben sehr viel entworfen. Es ist ein Büro, das ähnlich wie das Büro von Rem Koolhaas zunächst erst mal aus Entwürfen bestand. Bei der Realisierung sieht vieles schon sehr viel nüchterner aus. Am besten können sie eigentlich ihre Ideen von diesen fließenden amorphen naturnahen Räumen noch im Bereich von Hotelausstattungen, von Wellness-Bereichen, von Club-Innenausstattungen, von Kindergärten und so weiter ausleben. Das fällt also besonders auf, dass sie eigentlich fast schon Lifestyle-affin sind, eher fast so ein bisschen wie ein weich gespültes Lifestyle-Produkt erscheinen.

Schossig: Das klingt so, als ob für soziale Fragen des Bauens kaum Platz ist bei denen'

Probst: Doch. Man betont natürlich das Soziale, aber eher im Sinne von sozialer Verantwortung einerseits und Wohlfühlen andererseits. Es gehört sozusagen zum Lifestyle dazu, sozial zu sein, und deswegen lässt sich das auch unter dieser Art von Architektur in Form von Nachhaltigkeit und so weiter natürlich irgendwie subsumieren. Aber das gehört quasi zum Haushalt der modernen Selbstdefinition von Lifestyle eigentlich dazu.

Schossig: Das war Carsten Probst zu der Ausstellung "Distinct Ambiguity" im Berliner Haus am Waldsee über die Architektursprache des Teams "Graft Architects".

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