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StartseiteCorsoUrgestein des DDR-Kabaretts ist tot19.03.2013

Urgestein des DDR-Kabaretts ist tot

Ein Nachruf auf den ostdeutschen Satiriker Peter Ensikat

Er war keiner, der oft im Rampenlicht stand, aber seine Bedeutung für die ostdeutsche Kleinkunstszene ist nicht zu unterschätzen. Der gelernte Schauspieler Peter Ensikat begann mit Märchenstücken und entdeckte in den 60er-Jahren das Kabarett für sich.

Von Fabian Elsässer

Der gelernte Schauspieler Peter Ensikat begann mit Märchenstücken und entdeckte in den 60er-Jahren das Kabarett für sich.  (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
Der gelernte Schauspieler Peter Ensikat begann mit Märchenstücken und entdeckte in den 60er-Jahren das Kabarett für sich. (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)

Er wusste Zeit seines Lebens:

"Dass alles ganz anders aussieht, als wir's gelernt haben. – Und woher kommt das? – Ja, das kommt daher, dass vieles so ist, wie es ist und nicht, wie es sein müsste!"

Das Abarbeiten an Wirklichkeiten, das Aufzeigen von Diskrepanzen zwischen Ist- und idealem Soll-Zustand waren zentrale Themen im Schaffen des Satirikers Peter Ensikat. In der DDR wie in der BRD. Wobei er zu Zeiten des real existierenden Sozialismus genau darauf achten musste, wie er seine Systemkritik verpackte. Zum Beispiel als Abschlussfeier einer Baumschule, bei der junge Kiefern, Fichten und anderes Gehölz feierlich entlassen werden:

"… um den Weg in unseren real existierenden Mischwald anzutreten."

In dieser Szene, die er für das Berliner Kabarettensemble "Die Distel" geschrieben hatte, machte sich Ensikat lustig über den offenbar waldfremden Unterricht an besagter Baumschule. Gemeint war damit natürlich die Weltfremdheit des DDR-Staatskunde-Unterrichts. Eine Szene, die durch die Zensur ging, doch vom Publikum mühelos verstanden wurde. Ein echter Ensikat eben.

Seine ersten Kleinkunsttexte schrieb er während des Schauspielstudiums in Leipzig für das Studentenkabarett "Rat der Spötter", das 1961 prompt verboten wurde. Das habe bei ihm aber erst den Reiz fürs Kabarett geweckt, denn "was verboten wird, das muss wichtig sein." Bald schrieb er für die renommierte Herkuleskeule in Dresden, mit dem von ihm erwünschten Effekt:

"Wir haben in Dresden Kabarettstücke gespielt, für die gab's dann in Berlin Parteiverfahren."

Dennoch sah er sein Schaffen in der DDR im Rückblick ungemein selbstkritisch:

"Wir hätten in der DDR viel, viel mehr sagen und tun können, als wir gesagt und getan haben, das trifft auch auf uns im Kabarett zu. Dieser vorauseilende Gehorsam oder dieses Das-hat-sowieso-keinen-Zweck-wir-haben-es-ja-schon-mal-versucht-das-geht-nicht, das ist oft eine Entschuldigung dafür gewesen, ja – dass wir eben das getan bzw. nicht getan haben, was wir so getan und nicht getan haben."

Immerhin erhielt Ensikat 1988 sogar den DDR-Nationalpreis, für ihn ein weiterer Beleg, dass er vielleicht doch oft zu brav gewesen war. Nach der Wende übernahm er die künstlerische Leitung der Berliner Distel und nutzte die neue Freiheit des Wortes. Zum Beispiel für messerscharfe Kritik an kapitalistischen Auswüchsen, der Medialisierung der Politik und den echten Kriegen, die dem kalten folgten:

"Richtige Kriege werden ja auch immer teurer. Wenn das so weiter geht, dann wird der nächste Krieg nur noch vom Pay-TV übertragen. – Als Krieg für Besserverdienende. Die UNO kann ja bei den Kriegsparteien Feuerpausen durchsetzen wegen der Werbeeinspielungen. – Ja, nach einem Volltreffer ins Kinderheim 30 Sekunden Alete-Werbung!"

Doch je länger Ensikat diese schöne neue Welt betrachtete und in seinen Texten reflektierte, desto düsterer wurde auch sein Blick darauf:

"Ich wünschte mir manchmal, die Politiker würden es uns nicht so leicht machen. Man braucht sie ja nicht mal mehr zu ironisieren, sondern nur noch zu zitieren. Es ist ein bisschen erschreckend, eigentlich."

So melancholisch und mit einem Hauch von Bitterkeit klang Ensikat vor gut zwei Jahren im Corsogespräch im Deutschlandfunk anlässlich seines 70. Geburtstags. Und sein Urteil über die Wirksamkeit der Satire und des Kabaretts – über den eigenen Beruf also - es fiel noch viel trauriger aus.

"Man kann sagen, was man will, es hört kaum einer zu. Ich meine, für jemanden, der mal abgehört wurde, ist es ein bisschen kränkend, feststellen zu müssen: Jetzt wird einem nicht Mal mehr zugehört!"


Programmtipp:

Einen ausführlichen Überblick über Peter Ensikats Leben und Werk bietet der Deutschlandfunk am Mittwoch, den 20.3., ab 21:05 Uhr in der Sendereihe "Querköpfe": mit der Wiederholung des Porträts "Der Mensch schuf Gott, der Teufel die Propheten – wie der Satiriker Peter Ensikat die Wirklichkeit übertreibt" von Stephan Göritz aus dem Jahr 2009.

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