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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVon Sinn und Recht des Kopierens19.05.2016

UrheberrechtVon Sinn und Recht des Kopierens

Diebstahl des geistigen Eigentums oder kreativer Akt: Seit Jahrhunderten tobt in Kunst, Musik und Literatur der Streit um das Recht am Original. Die interdisziplinäre Forschungsgruppe „Ethik des Kopierens“ hat sich mit der Praxis der bewussten Regelverletzung auseinandergesetzt.

Von Ingeborg Breuer

Schallplatten (LPs) in Plattenladen in Seoul (picture-alliance / dpa / Daniel Kalker)
Original oder Plagiat? Wie groß muss der Abstand sein zwischen der Vorlage und dem, was neu geschaffen wird? (picture-alliance / dpa / Daniel Kalker)
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Das ist ein immer wiederkehrender Rhythmus aus dem Lied "Metall auf Metall" der Gruppe "Kraftwerk" aus dem Jahr 1977. Zwanzig Jahre später legte der Musikproduzent Moses Pelham knapp zwei Sekunden dieser Rhythmussequenz als sogenannten "Loop" unter das Lied "Nur mir", gesungen von Sabrina Setlur. Und das hört sich dann ziemlich ähnlich an.

"Pelham sieht sich in einer musikalischen Tradition des Samplings, die man bis in die 10er oder 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen kann", erläuterte Georg Fischer von der TU Berlin, der in Bielefeld über den Fall referierte.

"Und sieht sich da in der Tradition, aus vorhandenem musikalischem Material etwas Neues zu schöpfen. Also das, womit er arbeitet, die Samples, das sind seine Instrumente."

Beliebtes Verfahren im Hip-Hop

Seit Jahren tobt ein Rechtsstreit zwischen Kraftwerk und Moses Pelham. Er durchlief bereits alle Instanzen und wird zurzeit vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Darf ein vorhandenes Original sozusagen als Steinbruch für das "Sampling" – das Übernehmen eines bereits fertigen Tons in neue Stücke benutzt werden? Insbesondere im HipHop ist dieses Verfahren beliebt. Ist das Diebstahl geistigen Eigentums? Oder ist das Ganze ein kreativer Akt, der aus vorhandenem Material etwas Neues schöpft?

"Heute gehen wir davon aus, dass jeder Urheber als Schöpfer seines Werkes Ausschließlichkeitsrechte an seinem Werk hat. Er soll an den Früchten der ökonomischen Verwertung seines Werkes beteiligt werden."

Prof. Thomas Dreier, Jurist und Mitglied der Forschungsgruppe "Ethik des Kopierens":

"Nur ist dieses Eigentumsdenken etwas, was in der Juristerei fest etabliert ist, was aber von Philosophen und insbesondere in der Kunstpraxis ganz anders gesehen wird."

Wo hört die künstlerische Freiheit auf?

Die Bielefelder "Spring School" der interdisziplinären Forschungsgruppe "Ethik des Kopierens" versuchte dafür zu sensibilisieren, dass es zwischen den beiden Polen "Original" und "Plagiat" viel Raum für Diskussion gibt. Wo hört die künstlerische Freiheit auf? Wo fängt unzulässiges Kopieren an? Kann das Kopieren einen durchaus produktiven Sinn haben, indem es einen anderen Blick auf das Original anstößt?

"Und lassen wir nicht vergessen, dass die Kunst so, wie wir sie heute betrachten, ja auch von der bewussten Regelverletzung lebt. Wir haben die Kunstfreiheit, wir nehmen den Künstler von der Beachtung bestimmter Gesetze aus. Nur wenn’s um Eigentumsrechte geht, da verstehen wir nicht so wirklich Spaß."

Zweifellos nimmt jedes künstlerische, musikalische oder literarische Werk Bezug auf frühere Werke, in deren Tradition es sich stellt oder von denen es sich abgrenzt. Aber wie groß muss der Abstand sein zwischen der Vorlage und dem, was neu geschaffen wird? Wo ist die Grenze zwischen Plagiat und einem "transformative use", einem Gebrauch also, der dem bestehenden Werk eine neue Aussage oder eine neue Bedeutung gibt? Etwa wenn die österreichische Schriftellerin Elfriede Jelinek mit einer Zitatkollage deutscher Denker auf die latente Gewalt in diesem Denken aufmerksam machen möchte. Prof. Reinold Schmücker, Philosoph und Mitglied der Forschungsgruppe:

"Die schreibt in dem Buch Wolkenheim hinten so einen Satz, die Texte in diesem Buch stammen von Hegel, Ernst Jünger, Nietzsche. Punkt. Und sie hat da Textzitate von diesen Autoren in der Reihenfolge völlig verändert. Wollen wir da schon von Plagiat sprechen? Plagiat ist hier keine angemessene Kategorien, um mit Kunst umzugehen."

Streit um Plagiate reicht bis ins Mitelalter

Entsteht aber auch etwas Neues, wenn ein bereits bestehendes Bild ganz oder in Teilen reproduziert wird? Wenn etwa der Dadakünstler Marcel Duchamp 1919 die Mona Lisa mit Schnurrbart und Spitzbart parodierte? Oder wenn die amerikanische Künstlerin Elaine Sturtevant Kopien nach Werken von Jasper Johns, Claes Oldenburg oder Andy Warhol anfertigte? "Appropriation Art" nennt sich das, zu deutsch "Aneignungskunst".

"Das kann so weit gehen, dass ein vorhandenes Foto noch einmal fotografiert wird ohne weitere Eingriffe und als neues Werk verstanden wird."

Prof. Johannes Grave, Kunsthistoriker an der Uni Bielefeld: "Das ist ein Umgang mit Kunstwerken, der uns fragwürdig zu sein scheint. Aber wir können im Rückblick auf diese Kunst doch sehen, es hat diese Diskussion freigesetzt und es hat eine ganz eigene Produktivität auch für unser Nachdenken über Werke und Kopien bewirkt."

Der Streit um das Recht am Original lässt sich zurück verfolgen bis zu Albrecht Dürer. Im 15. Jahrhundert ging der deutsche Maler gerichtlich gegen den Kupferstecher Marc Antonio Raimondi vor. Der Italiener hatte Dürers Holzschnitte inklusive seiner Signatur als Kupferstich wiedergegeben. Trotzdem, darauf weist Reinold Schmücker hin, bewertete man auch in Europa Original und kreative Leistung zu Zeiten unterschiedlich:

"Als August der Starke 1710 die Meißener Porzellanmanufaktur gründete, da hatte man das chinesische Porzellan sehr genau abgekupfert bis in die Motive. Natürlich auch ohne zu fragen oder irgendwelche Urheberrechte zu beachten. Also auch im europäischen Kulturraum ist dieser Gedanke, dass allein die Originalität und Werkherrschaft eines Urhebers das Entscheidende sind, gar nicht so alt verwurzelt, wie das heute vielleicht gedacht wird."

Vorstellungen vom Recht am Original variieren

Insbesondere im interkulturellen Vergleich, darauf verwies der Bielefelder Philosoph Dr. Eberhard Ortland, variieren die Vorstellungen von dem Recht am Original. Die Lust der Chinesen am Nachahmen z.B. – heute als Produktpiraterie beklagt - hat eine lange kulturelle Tradition:

"Also dass Künstler sich als Künstler entwickeln, indem sie kopieren. Man kommt in die Kunst hinein, indem man viele Werke und Bewegungsrepertoires des Malens und Schreibens von anderen Künstlern nachmacht und einübt. Und die Vorstellung davon, was ein Künstler macht, ist nicht so sehr das Hervorbringen eines neuen Werkes, das sich von allen bekannten Werken unterscheiden soll. Sondern ist die Vorstellung, die auf Virtuosität aus ist."

Um eine "Ethik des Kopierens" zu entwerfen, will der Forschungsverbund nun Kriterien dafür entwickeln, wie ein gerechter Umgang mit den Interessen des Urhebers und der Freiheit der künstlerischen Aneignung fremder Werke aussehen könnte. Und vorab einmal die Begriffe klären, um die es bei der Diskussion um Original und Plagiat geht.

"Das ist das Ziel unserer Gruppe, diejenigen Interessengruppen und Träger zu identifizieren, die von Kopierhandlungen betroffen sind. Und zum anderen kommt die Philosophie ins Spiel, als sie Grundbegriffe - Vervielfältigungsstück, Kopie, Teilkopie, Artefakt, Werk, Autor, Urheber - solche Begriffe hinterfragt. Natürlich auch vor dem Hintergrund der Kulturgeschichte und dass man überlegt, auf der Basis welches Verständnisses dieser Begriffe sollten im Zweifelsfall Konfliktfragen entschieden werden."

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