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StartseiteKultur heuteUrlaub in den 70ern05.08.2012

Urlaub in den 70ern

Julie Delpys "Familientreffen mit Hindernissen" im Kino

Frankreich, Ende der 70er Jahre: In dieser Zeit spielt Julie Delpys Sommerkomödie "Familientreffen mit Hindernissen". Zum Geburtstag der Mutter treffen sich fünf Geschwister mit Partnern und Kindern - Konflikte vorprogrammiert. Aber Regisseurin Delpy zeigt auch, dass solche Treffen nicht nur schlimm sein müssen.

Von Rüdiger Suchsland

Ein Dorf irgendwo an der bretonischen Küste auf dem Land nahe Saint-Malo. In einem Schuppen findet abends eine Strandparty statt, vor allem für die Kinder der Sommergäste aus Paris. Gespielt werden Discohits wie "Born to be alive", denn man befindet sich im Juli 1979, und zwar ausgerechnet an jenem Abend, an dem das "Skylab"-Weltraumlabor auf die Erde zurückstürzte und dabei verglühte.

Da legt der hübsche DJ, der heimliche Schwarm der elfjährigen Albertine, aus deren Perspektive alles erzählt wird, etwas ganz Neues auf, und plötzlich bricht der Punk in den Disco-Glimmer ein, so wie das abstürzende Skylab in die Erdatmosphäre. Und nach dieser Nacht wird nichts mehr so sein, wie vorher.

In ihrer vierten Regiearbeit "Familientreffen mit Hindernissen", das im Original einfach "Le Skylab" heißt, erzählt Julie Delpy einerseits von ihrer heranwachsenden Hauptfigur und der Zeit der ersten Zungenküsse, zugleich aber auch liebevoll, doch ohne falsche Nostalgie vom Frankreich der späten 70er Jahre: Der Algerienkrieg und der Kampf gegen die die "OAS SS" ist noch ebenso präsent, wie der Mai '68, Francois Mitterand schickt sich an, Präsident zu werden, und die Gespräche beim Abendbrot drehen sich um Frauenbefreiung und Filme wie "Die Blechtrommel", "Apocalypse Now" und "Alien".

Die Form dieses klugen, sehr gelungenen Unterhaltungsfilms ist grundsätzlich die einer heiteren Sommerkomödie, wie sie sie nur die Franzosen zustande bringen, aber eben mit kleinen Rissen, durch die sich ernsthaftere und mitunter bittere Töne einschleichen.

"Halleluja"

Man wird auch zurückgeworfen in die 70er Jahre, als es noch eine gute Nachricht war, dass die Zugfahrt Paris - Saint-Malo "in weniger als 6 Stunden" bewältigt wurde, in denen die Menschen vom ersten Anrufbeantworter träumen, in denen der oberste Hemdknopf der nerdigen Cousins immer geschlossen bleibt, und Muschelketten gerade der letzte Schrei waren, in der Lieder wie "La ballade des gens heureux" oder "Halleluhja" von "Milk & Honey" im Radio liefen und einer Jugend, in der man im Garten Zelte aufbaute und die Kinderspiele sich verändern: "Wollen wir Doktor spielen?" - "Nein, wir spielen Mami und Papa. Leg Dich auf mich und hüpf."

Im Zentrum allerdings steht das Familiengeflecht: Zum Geburtstag der Mutter treffen sich fünf Geschwister mit Partnern und Kindern. Dies sei eine Hommage an die Generation ihrer Eltern, die so viel verändert haben - und natürlich eine Erinnerung an ihre eigene Kindheit, erklärte Delpy bei der Premiere des Films.

Delpy, bereits seit zwei Jahrzehnten in Frankreich und Hollywood als Schauspielerin ein Topstar, hat vor ein paar Jahren ihre Lust am Regieführen entdeckt: "Zwei Tage in Paris" war ein Achtungserfolg, "Die Gräfin" eher etwas für Fans, "Zwei Tage in New York" dann wieder sehr geglückt, und mit ihrem neuen Film "Familientreffen mit Hindernissen" dürfte sich Delpy ein großes Publikum erobern.

Den Rahmen dieses nostalgisch-komödiantischen Trips bildet das Miteinander - und ein wenig ist diese Familie natürlich selbst ein Skylab, eine geschlossenes Raumschiff auf ihrer ganz eigenen Umlaufbahn. Konflikte brechen auf, es wird gestritten - aber auch gelacht und gut gegessen. Wie in einer menschenfreundlichen Version von Thomas Vinterbergs "Das Fest" zeigt Delpy, dass Familie zwar nicht immer nur schön ist,

"Mann Scheiße er will sich aufhängen"

aber auch nicht ausschließlich fürchterlich.

'"Bei den nächsten Wahlen wird’s die Linke schaffen" - "dann hau ich ab aus diesem Land." - "Dann hau doch ab."

Sie selbst spielt die Mutter der elfjährigen Albertine - ein Alter Ego ihrer eigenen Mutter, der Schauspielerin Marie Pillet, die in "Zwei Tage in Paris" noch mitspielte, 2009 aber an Krebs verstarb. Manchmal wirkt der Film in seiner Inszenierung ein bisschen improvisiert, und kleinere Längen scheinen die Regisseurin wenig zu kümmern. Aber wie sie mit den Kindern vor der Kamera umgeht, zeugt von großer Könnerschaft. Und so ist "Familientreffen mit Hindernissen" insgesamt eine wunderschöne Sommerkomödie geworden.

Am Schluss bei der Abreise fehlt ein Buchstabe am Bahnhofsschild: Der Name der Stadt lautet jetzt Saint-Mao.

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