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StartseiteForschung aktuellWarum Vorhersagen für Hurrikane schwierig bleiben30.08.2017

Ursachenforschung nach HarveyWarum Vorhersagen für Hurrikane schwierig bleiben

Harvey hat selbst Experten gleich mehrfach überrascht. So entwickelte sich der Wirbelsturm innerhalb eines Tages von einem Hurrikan der Stärke 1 zu einem der Stärke 4. So etwas frühzeitig zu erkennen, ist heute kaum möglich. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Von Volker Mrasek

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Zwei Menschen im Hochwasser, das Harvey hinterlassen hat, in Houston/Texas (AP Photo/David J. Phillip)
Zwei Menschen im Hochwasser, das Harvey hinterlassen hat, in Houston/Texas (AP Photo/David J. Phillip)

Als Harvey im Golf von Mexiko über eine Zone mit 29 Grad warmem Meerwasser hinwegstrich, verdoppelte sich seine Windgeschwindigkeit fast. Die hohe Temperatur verlieh dem Sturm gewaltige zusätzliche Kraft.

So etwas frühzeitig zu erkennen, sei heute noch kaum möglich. Das sagte Jochem Marotzke jetzt am Rande der Klimakonferenz in Hamburg. Der Physiker und Ozeanograph ist Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie und war früher selbst lange Jahre in den USA tätig:
 
"Was wir heute relativ gut können, ist, die Zugbahn eines Hurrikans vorherzusagen. Womit sich auch die besten Vorhersagen immer noch schwer tun, ist, ob die Stärke zunimmt oder abnimmt."                                                                    

Was fehle, sei ein gut ausgebautes Beobachtungssystem in kritischen Meeresgebieten:

"Man müsste sehr viele Messbojen im Ozean haben. Und die Dichte an Messbojen, die haben wir heute nicht. Was man vermutlich tun müsste, und es ist auch schon diskutiert worden: Wenn ein Hurrikan einmal da ist, müsste man Bojen, die Temperatur messen können, in die voraussichtliche Zugbahn des Hurrikans ausbringen. Aber das wär' ein sehr teures Unterfangen. Da müsste man große Entschlossenheit zeigen, um das zu machen."          

Harvey blieb einfach "stehen" 

Äusterst ungewöhnlich auch: Harvey stieß zwar auf die Küste von Texas, zog aber nicht weiter landeinwärts, wie man es erwartet hätte. Der Hurrikan saß quasi zwischen zwei Hochdruckgebieten im Süden der USA fest und trat auf der Stelle. Wie es zu dieser Wetter-Kapriole kam, müsse noch geklärt werden, so Marotzke. Sie sei aber auf jeden Fall entscheidend gewesen für die extremen Regenmengen, die Harvey unter anderem über Houston ausschüttete:

"Er war relativ groß und da, wo er sich dann nur noch ganz langsam weiterbewegt hat, war er zum Teil noch über dem Ozean. Wenn man ergiebige Regenfälle haben möchte: Es hätte keinen besseren Ort für diesen Hurrikan geben können, wo er quasi stehengeblieben ist. Er hat das Wasser vom Ozean aufgesogen und über Land fallengelassen. Und deswegen diese unglaublichen Regenmengen."   

Klimaforscher wie Marotzke werden in diesen Tagen ständig gefragt, ob die globale Erwärmung Hurrikans verstärkt. Im Prinzip ist das plausibel. Denn durch den Klimawandel steigen tendenziell auch die Meerestemperaturen. Andererseits können Hurrikans durch sogenannte Scherwinde in der Atmosphäre zersaust werden, so dass sie sich gar nicht zum Wirbelsturm auswachsen. Und wie sich diese Winde entwickeln werden, ist ungeklärt:

"Was wir eigentlich gerne hätten, wäre ein globales Klimamodell in viel höherer Auflösung zu rechnen als wir es heute können. Aber dazu müssen wir noch auf zwei weitere Computergenerationen warten, bis wir das können. Aber es verdichten sich doch allmählich die Anzeichen, dass es möglicherweise nicht mehr Hurrikans geben wird. Dass aber die, die da sind, von der Tendenz her stärker werden. Und das würde natürlich auch bedeuten, dass die Folgen der Hurrikans sehr viel heftiger sein werden, als wir es heute schon haben."

Auch Gewitterwolken können sich stark aufpumpen

In mittleren Breiten gibt es zwar keine Hurrikans, aber durchaus große Gewitterzellen. Auch sie können kräftige Wolkenbrüche hervorbringen. Hier zeigt sich ebenfalls etwas Ungewöhnliches: Sie setzen sich inzwischen häufiger über die Regeln der Atmosphärenphysik hinweg. Demnach sollten solche Gewitter rund sieben Prozent mehr Regen produzieren, wenn die Temperatur um ein Grad steigt. Denn wärmere Luft enthalte mehr Wasser, wie Christopher Moseley sagt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Meteorologie: 

"Es gibt inzwischen Beobachtungen, auch über Deutschland, die zeigen, dass die Niederschläge noch stärker auf Temperatur reagieren, als man das eben erwarten würde. Wir haben festgestellt: Es kann bis zu 14 Prozent sein - bis zu doppelt so viel." 

Offenbar saugen große Gewitterzellen inzwischen viel mehr feuchte Luft aus der Umgebung an als bisher vorstellbar. Moseley forscht über das Phänomen. Doch noch ist unklar, wie sich Gewitterwolken so stark aufpumpen können. Dass sie es tun, verheißt jedenfalls nichts Gutes für die Zukunft.

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