Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheBittere Erkenntnis 27.11.2017

Urteile im Schlecker-ProzessBittere Erkenntnis

Das strafbare Agieren von Firmenchef Anton Schlecker habe seinen Kindern eine Haftstrafe eingebracht, kommentiert Birgid Becker. Das Urteil im Schlecker-Prozess sei zwar ein Abschluss, brächte den früheren Mitarbeitern aber keinen Frieden. Ihnen bliebe die bittere Erkenntnis, dass sie abgehängt worden seien.

Von Birgid Becker

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Anton Schlecker (M) geht am 02.05.2017 in Ehingen (Baden-Württemberg) mit seinen Kindern Meike und Lars durch die Stadt. Der Bankrottprozess gegen die Familie Schlecker wandert an das Amtsgericht Ehingen bei Ulm - allerdings nur für einen Tag. Dort wird der ehemalige Prokurist der Firma als Zeuge befragt. Aus Altersgründen kann der frühere Vertraute von A. Schlecker für seine Vernehmung nicht mehr nach Stuttgart kommen. Der ehemalige Schlecker-Manager hatte tiefe Einblicke in alle Geschäfte und zog jahrelang die Strippen in dem Drogeriemarkt-Imperium. Foto: Stefan Puchner/dpa | Verwendung weltweit (dpa / Stefan Puchner)
Anton Schlecker kommt auf freien Fuß (Mitte) - seine Kinder Meike und Lars müssen ins Gefängnis (dpa / Stefan Puchner)
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Was für ein Fluch für alle Beteiligten sind diese hässlichen Geschäfte mit ihren schmalen Gängen, billigen Regalen, grellen Neonleuchten geworden, die aber immerhin vor neun Jahren noch Deutschlands größte Drogeriekette bildeten? Was für ein Fluch für alle, die eng verbunden waren mit diesem kalt-blauen Schlecker-Schriftzug? Ein Fluch für etwa 25.000, die Gewerkschaft Verdi spricht von 27.000 Mitarbeitern, die von einem Tag auf den anderen vor dem beruflichen Aus standen. Und von denen viele immer noch Gefühle der Rache und Bitterkeit in sich tragen. Und was für ein Fluch - ja geradezu shakespearschen Ausmaßes - für diese Gründerfamilie mit dem eingetragenen Kaufmann als Familienoberhaupt, dessen nicht nur unglückliches, nein, strafbares Agieren am Ende seinen Kindern eine Haftstrafe einträgt, ihn selbst aber auf Bewährung davon kommen lässt.

Jene Kinder übrigens, die als jugendliche Sprösslinge eines reichen Mannes in die Hände von Entführern fielen und gegen eine Millionensumme wieder frei kamen. Damals Opfer, heute Opfer - und Täter zugleich? Diese Unglücksverstrickung, Unglücksverkettung, diese verknäuelte Opfer-Täterschaft zwischen den Generationen - Aufstieg und Fall der Schleckers bietet alle Zutaten zur Tragödie.

Den früheren Mitarbeitern ist nicht geholfen

Und selbst wenn man frei sein will von Mitleid, erst recht von falschem Mitleid: Der Gedanke, dass da ein schuldig gewordener Vater zwar selber mit blauem Auge davon kommt, aber mitverantworten muss, dass seine Kinder, die Eltern seiner Enkelkinder ins Gefängnis wandern - selbst wenn man frei sein will von falschem Mitleid, in der Haut von Anton Schlecker möchte man wirklich nicht stecken.

Aber mal abseits der Betrachtung der persönlichen Dimensionen: Das Gericht hat Lars und Meike Schlecker den größeren Vermögensschaden zugerechnet, Anton Schlecker den kleineren, es hat die Lebensleistung des Firmengründers in Rechnung gestellt - eine Bewertung, die ihre Eigenwilligkeiten hat. Anton Schlecker wird sie nicht in Frage stellen, ob die Schlecker-Kinder dies tun, ist noch offen.

Die Schlecker-Pleite endet mit einem Strafurteil. Das gibt ihr einen Abschluss, aber keinen Frieden. All den früheren Mitarbeitern ist nicht geholfen; ihnen bleibt die bittere Erkenntnis, dass sie abgehängt wurden. Und im Moment sieht es aus, als gebe es inmitten der konjunkturellen Hochphase viel zu viele Schlecker-Frauen - bei Siemens, bei Air Berlin, beim Küchenhersteller Alno, der inmitten des Branchen-Booms von der Bildfläche verschwindet. Ein grassierendes Schlecker-Gefühl aber kann sich eine Volkswirtschaft wirklich nicht leisten.

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