Montag, 28.05.2018
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteKommentare und Themen der WocheGlaube an Selbstaufklärung bei VW fehlt04.05.2018

US-Anklage gegen WinterkornGlaube an Selbstaufklärung bei VW fehlt

VW müsste die Erkenntnisse der internen Selbstaufklärung publik machen, kommentiert Alexander Budde. Stattdessen wehre sich der Konzern dagegen. Dem staunenden Publikum fehle angesichts dieses Verhaltens der Glaube, dass der Konzern, wie vom neuen VW-Chef Diess angekündigt, anständiger werden wolle.

Von Alexander Budde

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Herbert Diess, der neue VW-Vorstandsvorsitzende (dpa/Swen Pförtner)
Herbert Diess, der neue VW-Vorstandsvorsitzende (dpa/Swen Pförtner)
Mehr zum Thema

US-Anklage gegen Ex-VW-Chef Winterkorn "Die Einschläge für den Konzern kommen immer näher"

U-Ausschuss zur Abgasaffäre Widersprüchlicher Auftritt von Ex-VW-Chef Winterkorn

3.100 Euro Rente am Tag VW geht Winterkorn nicht ans Geld

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Und so trat der neue VW-Lenker Herbert Diess auf dem Aktionärstreffen gestern so aufrecht wie beschwingt ans Rednerpult. Was folgte, war eine Charmeoffensive, die offenkundig unter dem Motto stand: endlich raus aus der Wolfsburger Wagenburg.

Klar, da sind die immer neuen Rekorde bei Absatz, Umsatz und Ertrag, zu denen sich der weltgrößte Autobauer aufschwingt – all den Betrügereien an Millionen Kunden und all den perfiden Abgas-Versuchen an Affen zum Wohle der besseren Vermarktung manipulierter Dieselautos zum Trotz. Doch lang anhaltender, wirtschaftlicher Erfolg, so dozierte Diess in Berlin, sei untrennbar verknüpft mit einer gesunden Unternehmenskultur. In diesem Sinne müsse VW – und das folgende ist ein wörtliches Zitat: "ehrlicher, offener, wahrhaftiger - in einem Wort: anständiger werden!"

Das staunende Publikum vernimmt die wohlklingenden Worte – allein es fehlt der Glaube. Denn die Antwort auf die zentrale Frage, die nämlich nach der Mitwisserschaft und Mittäterschaft der obersten Konzernführung, bleibt Diess, bleibt auch der Aufsichtsrat um Chefaufseher Hans Dieter Pötsch schuldig.

Zauber des Neuen verblasste schnell

Kein Wunder also, dass der Zauber des Neuen so schnell verblasste. Nur Stunden nach seiner Rede holte Diess der Schatten ein, der seit drei Jahren auf seinem weltumspannenden Unternehmen lastet. Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, das ist der Kern der Anklage, soll schon viel früher über die Manipulation der Abgasreinigung informiert gewesen sein, als er bislang einräumt – lange bevor die US-Behörden den Betrug im September 2015 publik machten. Und obwohl ihm spätestens im Juli 2015 ein klares Bild auch von den absehbaren rechtlichen und finanziellen Folgen dieser Straftaten skizziert worden sei, soll Winterkorn veranlasst haben, diesen Betrug fortzuführen und die Behörden darüber zu täuschen.

Dass sich ausgerechnet US-Justizminister Jeff Sessions dafür lobpreist, Wirtschaftsverbrechen konsequent bis hin zum obersten Dienstherren eines Konzerns zu verfolgen, ist so anmaßend wie perfide. Schließlich fällt die Trump-Administration bisher damit auf, Kontrollregime zu schleifen, die Umweltbehörde klein und die Justiz verächtlich zu machen.

Tatsache ist: Volkswagen als Konzern hat sich in der Sache schuldig bekannt. Und die für Wirtschaftsverbrechen zuständige Ermittlungseinheit in Detroit hat nie einen Zweifel aufkommen lassen, dass die strafrechtlichen Verfahren gegen einzelne Akteure weitergehen. Die Aussagen verurteilter VW-Mitarbeiter in den USA werden genutzt, um die Schwergewichte einzukreisen.

Dass die Münchner Staatsanwaltschaft vor Wochen Räume der mit der internen Aufklärung bei VW beauftragten Jones/Day-Kanzlei durchsuchen ließ, kistenweise Material sicherte und nun vor dem Verfassungsgericht für die Erlaubnis der Auswertung streitet – deutlicher lässt sich das Misstrauen gegenüber den Selbstreinigungskräften eines Unternehmens nicht zum Ausdruck bringen.

Solange VW sich mit Zähnen und Klauen dagegen wehrt, die Erkenntnisse der internen Selbstaufklärung publik zu machen oder zumindest einen wirklich unabhängigen Sonderaufklärer mit weitreichenden Vollmachten zuzulassen, wird auch Diess - der neue starke Mann in Wolfsburg - aus der Wagenburg nicht herauskommen.

Alexander Budde –  (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Alexander Budde – (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Alexander Budde wurde 1971 in Kerpen geboren. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Völkerrecht in Köln und Berlin. Parallel zu seinem Studium war er als freier Journalist u.a. für die Westdeutsche Zeitung, dpa und RTL-Aktuell tätig. 2001 wechselte er als Redakteur zum deutschen Programm von Sveriges Radio (Schweden) und arbeitete ab 2004 als Korrespondent für die ARD-Hörfunkprogramme sowie für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Seit 2013 ist er Landeskorrespondent in Niedersachsen.

 

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk