Montag, 11.12.2017
StartseiteRock et ceteraDemokratisch und voller Seele03.04.2016

US-Band Alabama ShakesDemokratisch und voller Seele

Die Alabama Shakes klingen, als ob tiefer Südstaaten-Soul und unprätentiöse Rockmusik endlich wieder zueinander gefunden hätten. Nach zwei immens erfolgreichen Platten, vier Grammys und weltweiten Tourneen bleibt sich die US-Band um Sängerin Brittany Howard dennoch treu - und spielt weiter umwerfende Live-Konzerte.

Von Michael Frank

(picture alliance / dpa / Laurent Gillieron)
Sängerin Brittany Howard der US-Band The Alabama Shakes während des 46. Montreux Jazz Festivals 2012. (picture alliance / dpa / Laurent Gillieron)

Musik  "Gemini" - Alabama Shakes

"Bei unserem ersten Auftritt sahen uns die Leute an, als ob sie sagen wollten, 'was ist das denn für eine Band ?' Von einer Band erwartet man, dass sie alle dasselbe anhaben, enge schwarze Jeans, und gleich aussehen, das war bei uns anders. Wir sind ein zusammengewürfelter Haufen." 

Die Alabama Shakes: laut Sängerin und Gitarristin Brittany Howard ein zusammengewürfelter Haufen - und eine richtig demokratische Band, sagt Gitarrist Heath Fogg.

"Alle Entscheidungen werden von uns Vieren getroffen, egal ob es um die Musik geht, um das Design von Band T-Shirts, um Tourneen oder um Geschäftliches an sich. Das war schon immer so, wirklich demokratisch.  Bei Konzerten sind wir ganz froh, dass wir nicht so im Rampenlicht stehen wie Brittany, aber wenn es um die Zukunft dieser Band geht, entscheiden wir alle gemeinsam."

Demokratisch und voller Seele - die US-Band Alabama Shakes, eine Sendung von Michael Frank.

Musik "Hang Loose” - Alabama Shakes

Die Alabama Shakes kommen tatsächlich aus Alabama im Süden der USA. Die Band wurde 2009 in der Kleinstadt Athens gegründet, etwa 20.000 Menschen leben dort. Nach zwei Jahren Tingeln durch Bars und Clubs der Umgebung nahm die Band in Eigenregie ihr erstes Album auf: vorbei die Zeiten, in denen sie überwiegend Songs anderer nachspielten. "Boys and Girls", das Debütalbum der Alabama Shakes, präsentiert ausschließlich Eigenkompositionen. Es klingt, als ob tiefer Südstaaten-Soul und unprätentiöse Rockmusik nach jahrzehntelangem Überwintern endlich wieder zueinander gefunden hätten. Ein Jahr nach Veröffentlichung im April 2012 hatte sich die Platte allein in den USA 500.000mal verkauft. Der Song, der gerade von dieser Platte zu hören war, stammt ursprünglich von Gitarrist Heath Fogg. Als er ihn dem Rest der Band vorstellte, war das noch ein Country-Song, aber im gemeinsamen Schaffensprozess wurde er ziemlich bald umgemodelt. Nicht dass ein Country-Song im Repertoire der Alabama Shakes undenkbar wäre, musikalische Scheuklappen kennt die Band nicht. Einem Reporter erzählte Brittany Howard einmal, ihre musikalische Ausbildung sei grenzenlos gewesen. "Ich meinte damit, dass Musik allgegenwärtig ist -  ich kann von allem etwas lernen. Ich muss es nur wahrnehmen und zuhören. Selbst wenn mir etwas im Radio nicht gefiel, dann sagte ich mir halt ganz bewusst: ' das mag ich nicht, und zwar aus dem und dem Grund. So was möchte ich nicht machen'. Oder es gab Musik, die mich herausforderte.

Einfluss auch von Björk

Ich bekam einmal eine Platte von Björk in die Hand, und ich merkte, irgendetwas daran sprach mich an, aber ich wusste nicht genau was. Aber mir war auch klar, dass ich davon etwas lerne. Alles, was ich je gehört habe, ist irgendwo tief in meinem Geist gespeichert. Und wenn ich anfange, Songs zu schreiben, kann ich darauf zurückgreifen: vielleicht auf besondere Taktarten, die mir im Jazz begegnet sind, oder auf einen starken James Brown-Groove – daraus muss dann nicht eine Jazz-Nummer werden, oder ein James Brown-Track, aber all diese Einflüsse kommen dann zusammen."

Musik "Sound And Color” - Alabama Shakes

Das war eine ganz andere Seite der Alabama Shakes – die Ouvertüre und der Titelsong ihres zweiten Albums "Sound and Color". Hier spielt Brittany Howard nicht nur Gitarre sondern auch Vibraphon – und an dem Streicherarrangement war sie auch beteiligt. Das Album erschien im Frühjahr 2015 und machte klar, dass die Alabama Shakes sich nicht mit der Wiederholung des Erfolgsrezepts vom ersten Album zufrieden geben wollten. Für ihr zweites Album erweiterte die Band ihre Klangfarben-Palette enorm, und auch der Gesang von Brittany Howad hat sich weiter entwickelt. Wer die Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit von Brittany Howards Stimme kennt, kann sich kaum vorstellen, dass ihr dieses Talent anfangs gar nicht bewusst war. "Mit der Musik fing ich nicht an, weil ich singen konnte, ich hatte keine Ahnung davon, dass ich eine gute Sängerin war. Singen war für mich Mittel zum Zweck: ich wollte kreativ sein, meine eigenen Songs schreiben. Ich habe angefangen zu singen, weil ich die Musik veröffentlichen wollte, ich habe Demos von meinen Songs aufgenommen, habe da alle Instrumente selber gespielt und halt auch gesungen. Nach einer Weile sagten die Leute, das klingt toll, und eine enge Freundin sagte: ich wusste gar nicht, dass Brittany singen kann. Dann dachte ich mir, vielleicht kann ich ja tatsächlich gut singen. Als ich anfing, habe ich nie groß darauf geachtet; heute sagt mir das jeder. Mit den Song-Demos habe ich so mit 13, 14 angefangen. Aber erst als ich 15 war, bekamen das auch andere Leute zu hören – ich musste ja erst mal üben."

Die Wurzeln der Band 

Alle Mitglieder der Alabama Shakes kommen aus Athens, einer Kleinstadt im US-Staat Alabama. Brittany Howard und Bassist Zac Cochrell gingen auf dieselbe Highschool. Ihre gemeinsame Liebe zu Bands wie den Ramones, Led Zeppelin und AC/DC steht am Anfang einer musikalischen Partnerschaft, die Jahre vor der Gründung der Band begann. Zac Cochrell war damals etwa 17 Jahre alt, Brittany 16 – zu dem Zeitpunkt hatte sie immerhin schon zwei, drei Jahre lang alleine Song-Demos aufgenommen.

"Wir kennen uns schon ewig, wir haben dieselbe Highschool besucht, und hatten gemeinsame Freunde. In meinem letzten Jahr an der Schule fingen wir an, zusammen Musik zu machen, sie hatte da noch zwei Schuljahre vor sich. Wir beide haben einfach herumgehangen und lauter verrückte Songs geschrieben, ein paar waren richtig gut, und ein paar echt schlecht. Wir haben uns fast jeden Tag nach der Schule getroffen, Spaß gehabt und ein paar Sachen aufgenommen. Musik machen wir also schon sehr lange zusammen.”

Musik "I Found You” Alabama Shakes

Ein weiterer Song aus dem Debütalbum der Alabama Shakes.  Wie einige andere von der Platte war er schon vor Gründung der Band von Brittany Howard und Zac Cochrell geschrieben worden, aber die endgültige Form erhielt er erst im Zusammenspiel aller vier Bandmitglieder. Steve Johnson, der Schlagzeuger der Alabama Shakes, kam auf Empfehlung von Cochrell zu den Jam-Sessions, die Howard zweimal wöchentlich im Haus ihrer Großeltern organisierte. Gitarrist Heath Fogg bot dem Trio an, bei einem Club-Gig als Vorgruppe seiner damaligen Band aufzutreten.  Er war von der Musik der drei begeistert und half bei dem Konzert als zweiter Gitarrist neben Brittany Howard aus. Ihr Repertoire bestand damals überwiegend aus Cover-Versionen, allerdings war das eine erfrischend hemmungslose Mixtur, und auch hier war anscheinend das Prinzip Demokratie am Werk. Steve Johnson erinnert sich: 

"Auch Kompromisse"

"Jeder hatte so seine Vorlieben, aber es gab auch Gemeinsamkeiten. Jeder kam bei Proben mit Vorschlägen an: 'ich möchte gern diesen Song von My Morning Jacket spielen', oder 'ich will einen von Sam and Dave spielen'. Oder einen von Loretta Lynn – oder von Black Sabbath. Ich hatte mehr Lust auf Rock 'n' Roll-Songs, Zac stand mehr auf langsamen R 'n' B-Nummern. So war das am Anfang. Es gab auch Kompromisse: angenommen, jemand wollte "Bohemian Rhapsody" von Queen spielen, dann sagten wir, 'na, das ist vielleicht ein bisschen zu schwer, lass uns "Stone Cold Crazy" oder "Fat-Bottomed Girls" versuchen, die sind etwas leichter.'''  

Nach dem ersten gemeinsamen Auftritt entschloss sich Heath Fogg rasch, festes Bandmitglied bei den Alabama Shakes zu werden. Die vier probten zwei-, dreimal die Woche und begannen die Arbeit an neuen, eigenen Songs. Das war es, wonach sich Gitarrist Heath Fogg nach all den Jahren in Coverbands gesehnt hatte.

"Der erste Song, den wir zusammen als Gruppe komponiert haben, war "Be Mine". Das passierte ganz ungezwungen -  ich war an der Gitarre, Zac am Bass, Steve spielte Schlagzeug und Brittany fing einfach an, etwas über diesen Groove zu singen, den wir gerade spielten. Viele Songs sind so entstanden, "Hold On" z.B. Wenn bei Konzerten Pausen entstanden, wo gerade nichts passierte, spielten Zac und ich oft so eine einfache Melodie, einfach als Pausenfüller oder als Überleitung zu etwas anderem. Zu Steve sagten wir, 'mach etwas ganz Einfaches dazu, bloß nichts Kompliziertes' – und bei einem Konzert spielten wir dieses Thema immer weiter und weiter, und Brittany improvisierte dann darüber. Daraus wurde dann "Hold On".

Musik "Hold On” - Alabama Shakes

Das war der erste Song vom Debütalbum der Alabama Shakes. Gleich zu Beginn verrät das Song-Ich dem Publikum: "Ich hätte nicht gedacht, dass ich 22 Jahre alt werden würde. Es muss da oben jemand geben, der sagt: 'Komm schon, Brittany, come on up.'” Trotz autobiografischer Momente wie diesen sind Brittany Howards Songtexte keine Bekenntnislyrik. Es gibt für sie noch ganz andere Inspirationsquellen. 

"Viele verschiedene Dinge können mich dazu bringen, einen Song zu schreiben. Wenn es in dem Song um mein eigenes Leben geht, drücke ich einfach meine Gefühle aus. Ich lasse mich aber auch von dem Leben anderer inspirieren, ich bin neugierig und habe Mitgefühl für andere, sehe, was sie gerade durchstehen müssen, und versuche mir vorzustellen, wie das ist. Filme können mich inspirieren, indem ich mir vorstelle, welche Begleitmusik ich dafür auswählen würde. Farben inspirieren mich, Stimmungen, Nostalgie, oder wenn, ich mich ganz entspannt fühle, oder ganz aufgeregt. Solche berwältigenden Gefühle können Ideen für einen Song auslösen." 

Musik "Gimme All Your Love" - Alabama Shakes

"Ich versuche, mit möglichst wenigen Worten soviel wie möglich zu sagen. Deshalb verbringe ich viel Zeit mit dem Bearbeiten und Kürzen von Texten. Das nimmt bei mir am meisten Zeit ein. Ich kann ziemlich schnell die Skizze eines Songs entwerfen, das spielt sich größtenteils in meinem Kopf ab, und ich muss das dann ziemlich schnell festhalten, bevor die Inspiration weg ist, oder ich das Interesse daran verloren habe. Aber dann muss ich die Einzelteile zusammenfügen. Wenn ich an einem Demo arbeite, kann ich 18 Stunden hintereinander an einer Songidee arbeiten, damit etwas daraus wird, das ich dann den Jungs in der Band präsentieren kann. Aber es kann auch sein, dass so etwas ganz schnell geht. Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, wie das mit dem Songschreiben geht – im Moment passiert es einfach, wann es will.  Aber auf jeden Fall weiß ich, dass man hart arbeiten muss, wenn man Songs schreiben will. Sie kommen nicht einfach zu Dir, wenn Du bloß 'rumsitzt. Du musst immer weiter arbeiten, all diese miesen Songs schreiben, um dann irgendwann ein Juwel dabei zu haben. Das habe ich jedenfalls gelernt."

Vom 3/4 zu 4/4 in einem Song

Der Anfang des Songs "Future People" birgt eine der vielen musikalischen Überraschungen des zweiten Albums der Alabama Shakes, eine Art akustischer Täuschung. Brittany Howard spielt hier allein ein Gitarren-Riff, der im 3/4-Takt zu stehen scheint, doch schon der dritte Takt wird nicht komplett zu Ende gespielt, die  Band setzt auf der dritten Zählzeit des Taktes ein, und spielt nun einen verwandten Riff im 4/4 Takt. Der Zuhörer wird also buchstäblich auf dem falschen Fuß erwischt. Brittany Howard fand für dieses Stilmittel den schönen Begriff "organisierte Verwirrung". 

"Ich habe da einfach ein bisschen herumgepfuscht. Ich sah mir damals viele youtube-Videos mit afrikanischen Gitarristen an. Ihre Rhythmen sind sehr interessant, ganz anders als die der westlichen Welt. Ich wollte gar nicht besonders clever sein, ich fand so was einfach toll und wollte mal etwas Unkonventionelles ausprobieren, mit Rhythmen herumspielen und versuchen, mich selber durcheinander zu bringen. Das war so was wie organisierte Verwirrung. Und dabei kam dann das Intro von "Future People" heraus. Das ging alles sehr schnell mit dem Demo, ich habe da nicht viel drüber nachgedacht. Das Komische war, dass wir das dann erst mal wieder spielen lernen mussten, als ich das Demo zu Studioaufnahmen mitbrachte. Und ich musste erst mal überlegen, 'was ist das überhaupt für ein Takt ?'”

Musik "Future People” - Alabama Shakes

Das war gerade der Song mit dem Verwirrspiel aus 3/4- und 4/4 Takt. Die Art und Weise, wie die Alabama Shakes komponieren variiert von Song zu Song: manchmal entstehen die Stücke aus Kollektiv-Improvisationen, manchmal werden ausformulierten Songideen einzelner Bandmitglieder verfeinert. Und es gibt dabei den spontanen Ideenfluss innerhalb einer Band, die den musikalischen Gedankenaustausch pflegt und zu schätzen weiß, sagt Schlagzeuger Steve Johnson. 

"Wenn wir Songs schreiben, achten wir besonders auf das, was vom Schlagzeug kommen soll, nicht nur ich - jeder sagt da etwas zu. Manchmal ist das nicht leicht für mich, wenn drei Leute meine Ideen beurteilen, und nur ein oder zwei Leute die Gitarren- oder Bass-Parts, oder nur Brittany ihren Gesang selber kritisiert. Ich bekomme also von allen viele Ideen mit. Als wir den Song "You ain't alone" probten, kam Brittany irgendwie mit dem Gesangspart nicht weiter, sie wusste nicht genau, was sie da sagen wollte. Ich dränge niemandem Textideen auf. Ich schreibe zwar sehr gerne selber Songtexte, aber wenn man der Sänger ist, muss das von innen heraus kommen, Du kannst Dich nicht selber ausdrücken, wenn es die Gefühle eines anderen sind. Aber dieses eine Mal, fiel ihr nichts ein, und ich konnte eine Zeile zu dem Song beisteuern: 'Just let me be – your ticket home.'" 

Musik "You Ain't Alone” - Alabama Shakes

"Diese eine Textzeile, war mein Beitrag zu dem Song "You ain't alone". Ich denke da nicht oft dran, ich will auch kein Lob dafür, aber ab und zu, wenn dieser Songteil kommt, und alle sind ganz still und hören dieser Zeile zu, oder sie singen alle mit, dann fällt mir ab und zu ein, 'hey, das ist ja von Dir und viele Leute kennen diese Zeile.' Ich habe schon Leute getroffen, die sich die Zeile auf einen Arm tätowieren ließen. Schon seltsam. Ich trage halt so kleine Dinge zu den Songs bei. Und manchmal spiele ich ganz gerne auch mal gar nichts: bloß weil ich der Schlagzeuger bin, heißt das ja noch lange nicht, dass ich die ganze Zeit spielen muss. Diese Band lebt davon, dass man den Songs Raum zum Atmen lässt. Einige meiner besten Ideen sind, manchmal einfach nicht zu spielen. Der freie Raum in einem Song kommt also manchmal von mir.” 

Das zweite Album der Alabama Shakes heißt "Sound and Color" und erschien im Frühjahr 2015. Die Band hatte schon fast das komplette Album in Nashville aufgenommen. Zum Abmischen ging es dann nach Los Angeles. Dort entstand das Finale des neuen Albums: "Over My Head".

"Der Groove basiert auf einer Idee von Britanny"

"Eigentlich sollten an diesem Tag gar keine Aufnahmen stattfinden, sondern nur fertige Songs abgemischt werden, es gab also eigentlich gar nichts zu tun für uns, aber wir hatten alle Lust  noch einen Song für das neue Album aufzunehmen. Brittany hatte eine Song-Skizze auf ihrem Handy, mit einem sehr ungewöhnlichen Groove. Die Parts von Bass-Drum, Hi-Hat und Snare klangen sehr unabhängig von einander. Das war interessant, aber ich fand, dass ich das noch besser hinkriegen könnte, noch abstrakter. Ich machte mich also dran, den Schlagzeug-Part aufzunehmen, und am ersten Tag fiel mir das echt schwer. So was hatte ich bis dahin noch nie gespielt. Das war kein üblicher gerader Beat. Aber für das Ende des Songs fiel mir dann so ein zuckender, abgehackter Groove ein. Irgendwie haute das aber noch nicht richtig hin, und Blake Mills, unser Co-Produzent, meinte, 'lass doch mal die Hi-Hat weg', aber das brachte es auch nicht. 'Versuch's vielleicht noch mal mit Hi-Hat', und letztlich sagte ich zu Blake, 'gib mir noch diese Nacht Zeit. Ich muss mir noch mal überlegen, was ich da eigentlich spielen will. Wir nehmen das dann morgen auf.' Am nächsten Morgen wusste ich ganz genau, was ich wollte, und nach ein paar Takes war die Aufnahme im Kasten. Ich war von mir selbst beeindruckt, weil ich so was sonst nie spiele. Der Groove basiert auf einer Idee von Brittany, aber ich glaube ich hab' ihn noch etwas wirkungsvoller und schmackhafter gemacht."

Musik "Over My Head” - Alabama Shakes

Niemand, der die Alabama Shakes live erlebt, dürfte sich der ungeheuren Intensität von Brittany Howard entziehen können. Ich fühlte mich bei ihren Auftritten oft an das Charisma von Gospelsängerinnen erinnert, und ich würde sogar den Vergleich zu Soul-Ikone Otis Redding wagen. Eine solche Sängerin heutzutage als Teil einer bodenständigen Band zwischen Roots-Rock und Soul erleben zu dürfen – damit war nun wirklich nicht mehr zu rechnen. Wie viel von Brittany Howards Bühnenpräsenz entsteht eigentlich unbewusst, und wie viel davon ist ein bewusster Akt ? Lässt sich das überhaupt in Worte fassen ? 

"Ich glaube, das meiste passiert unbewusst, oder es beginnt vielleicht erst  mal unbewusst. Aber zu aller erst ist das von dem jeweiligen Song abhängig, und von der Stimmung, vom Publikum. Wie fühlt sich der Saal an, wie fühle ich mich ? Bin ich nervös, angespannt, habe ich vor dem Publikum Angst ? Oder ist das Publikum wohlwollend ? Starren sie mich die ganze Zeit an bis ich mich unwohl fühle, oder lächeln sie mich an ? Das spielt alles eine Rolle, wenn man ein bestimmtes Gefühl im Saal vermitteln will. Wenn das Gefühl da ist , ist es leicht sich zu verlieren und unbewusst in dem Song aufzugehen, Teil von dem zu werden, was alle gerade gemeinsam tun.  Ich sehe mir nicht oft Videos von meinen Auftritten an, aber ein paar Mal habe ich das schon gemacht, und die Person da auf der Bühne scheint jemand ganz anderer als ich zu sein. 

Musik "Be Mine” - Alabama Shakes 

Bei Konzerten zieht die Band das Ende dieses Stückes gerne in die Länge. So wird es zu einem der ekstatischen Höhepunkten des Abends.  Neben dem emotionalen Tiefgang und der demokratischen Struktur ist ein weiteres Merkmal der Band ein klarer Blick auf die geschäftliche Seite des Musikmachens. Bassist Zac Cochrell betont, wie wichtig der Band  die Unabhängigkeit von Plattenfirmen ist. 

"Die erste Platte haben wir ganz allein finanziert, sie hat nicht viel gekostet. Sie war im Grunde schon fertig, bevor wir einen Plattenvertrag bei einem Label unterschrieben haben. Bei dem zweiten Album haben wir es genauso gemacht. Wir haben das Geld für die Aufnahmen vorgestreckt. Wir versuchen, so wenig Geld wie möglich von Plattenfirmen anzunehmen, weil man das natürlich wieder zurückzahlen muss. Das ist schon gut, wenn man das vermeiden kann. Wir sind bei einem Label für den Vertrieb in den USA unter Vertrag, und bei einem anderen, das sich um den Rest der Welt kümmert. Die behandeln uns sehr gut, aber es ist schon toll, dass wir es uns leisten können, die Aufnahmen selber zu bezahlen, und uns keine Sorgen um Schulden machen müssen. Man kennt halt solche Geschichten von hochverschuldeten Bands – man weiß ja nie, ob sich eine Platte so gut verkauft wie man erwartet. Wenn Du also einen großen Vorschuss von der Plattenfirma bekommen hast, und die Platte verkauft sich schlecht, dann hast Du echt ein Problem." 

Gründungsmitglieder zwischen 27 und 31

Die vier Gründungsmitglieder der Alabama Shakes sind mittlerweile zwischen 27 und 31 Jahren alt. Harte Arbeit, Klugheit, Talent und die nötige Portion Glück haben ihnen nach zwei immens erfolgreichen Platten, vier Grammys und weltweiten Tourneen eine gewisse finanzielle Absicherung gebracht. Und kreativen Spielraum, betont Gitarrist Heath Fogg:

"Ich glaube, es hat uns alle überrascht, wie gut sich die beiden Platten verkauft haben. Es ist schon die Verwirklichung eines Traums, wenn man seinen Lebensunterhalt als Musiker verdienen kann. Früher bin ich finanziell so gerade mal eben über die Runden gekommen, 200 Dollar für eine achtstündige Aufnahme-Session im Studio zu bezahlen, kam mir damals wie viel Geld vor, heute können wir uns meistens die Studios aussuchen, in denen wir aufnehmen wollen. Ich habe wirklich Glück gehabt. Vielleicht ermöglicht Geld einem vor allem, öfter Kunst zu machen. Ich glaube, das ist das Ziel eines jeden kreativen Menschen: das Hobby zum Beruf zu machen. Und wir können das glücklicherweise tun."

Schlagzeuger Steve Johnson lebt mit seiner Frau und zwei Kindern seit sieben Jahren in dem selben Haus. Seine Sicht von Erfolg hat viel mit seiner Familie zu tun.

"Mein Vater hatte ein paar gesundheitliche Probleme, er ist so um die 60 Jahre alt und arbeitet noch. Ich hatte mir vorgenommen, es  ihm zu ermöglichen, in Rente zu gehen, damit er keinen Stress mehr hat, er sollte sich auch nicht mehr um das Abzahlen einer Hypothek oder so was kümmern müssen. Und glücklicherweise konnte ich meinen Eltern ein Haus kaufen. Ich bin stolz darauf, dass ich das für sie tun konnte. Ich glaube nicht, dass sich viele Leute Gedanken darüber machen, was Eltern alles für ihre Kinder opfern. Ich bin froh, dass ich jetzt so was für meine Eltern tun kann. Ich selber lebe nicht in einem riesigen Haus, aber es ist abbezahlt, ich lebe da mit meiner Familie,  und so lange ich sie habe und wir alle zusammenhalten, ist mir das schon Erfolg genug. Ich bin stolz auf meine Familie. Dass ich einen Beruf habe, an dem ich Spaß habe, ist da nur noch das Sahnehäubchen.”

Von der Arbeit ins Studio nach Nashville

Bevor sich Musiker dazu entschließen, nur von der Musik zu leben, haben sie ganz normale Jobs. Im Fall der Alabama Shakes bedeutete das bei der Produktion der ersten Platte, nach der Arbeit, anderthalb Stunden nach Nashville zu fahren, dort die Songs aufzunehmen, dann wieder in der Nacht zurückzufahren, und direkt im Job weiterzuarbeiten. Um das durchzuhalten, muss man sehr zielstrebig sein, meint Brittany Howard:

"Wir hatten zu Beginn ja alle noch normale Jobs. Wir brauchten sehr viel Willenskraft als Band. Der Tag war einfach nicht lang genug, und die Nacht auch nicht: es gab anfangs eigentlich nicht genug Zeit zum Musikmachen, aber wir nahmen uns die Zeit dafür. Weil wir das wollten, weil wir das so gerne machten. Das war wie ein Hobby, ich hatte schon so lange Musik gemacht, das war so selbstverständlich, dass  ich mir gar nicht vorstellen konnte, etwas anderes zu tun. Als ich es noch mit der Schule versuchte, überlegte ich mir, 'woran bist du interessiert, was kann ich ?' Und ich landete immer wieder bei Musik. Heute finde ich es einfach phantastisch, dass ich das machen kann, und ich bin sehr dankbar für die Möglichkeiten, die ich jetzt habe, kreativ zu sein.  Das ist es, was ich wirklich will: ich möchte den ganzen Tag Texte schreiben oder komponieren und dann die Jungs zusammentrommeln und gemeinsam an der Musik arbeiten. Das wäre wundervoll.”

Musik "Gemini” - Alabama Shakes

Das war: Demokratisch und voller Seele – die US-Band Alabama Shakes.

Musik "The Greatest” - Alabama Shakes

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk