Dienstag, 21.11.2017
StartseiteSport am WochenendeUnerlaubte Bevorzugung für studentische Sportler09.04.2016

US-College-SportUnerlaubte Bevorzugung für studentische Sportler

Mitglieder von US-College-Sportmannschaften müssen Prüfungen ablegen wie alle anderen Studenten auch. Doch seit Jahren ist bekannt, dass die studentischen Sportler im Uni-Alltag zugunsten ihres Sports bevorzugt werden - ein akademischer Skandal, der vom Dachverband des Collegesports NCAA offenbar geduldet wird.

Von Thilo Neumann

Zwei Basketballspieler kämpfen um den Ball.
Villanova Wildcats gegen North Carolina Tar Heels: Finale der US-College-Meisterschaft 2016
Mehr zum Thema

Amerikanische Unis Gute Bedingungen für Leistungssportler

College-Basketballer in den USA Wenn Gewinner zur Verlierern werden

US-Sport Sport nach Gutsherrenart

Es war dramatisch, und es war laut: 75.000 Zuschauer erlebten diese Woche in Houston, Texas, ein außergewöhnliches Basketballspiel. Im Endspiel der US-Collegemeisterschaft fielen zwei verrückte Würfe in den letzten fünf Sekunden, am Ende siegten die Villanova Wildcats gegen die North Carolina Tar Heels mit 77 zu 74 - gefolgt von Feuerwerk und Konfettiregen.

Wichtiger als das Ergebnis war aber eine Debatte, die in den Tagen vor dem Spiel ausgelöst wurde. Denn dass die unterlegene Universität von North Carolina UNC überhaupt an der Endrunde teilnehmen durfte, sorgte bei vielen Beobachtern für Unmut. Schließlich ist seit Jahren bekannt, dass die Hochschule in der Vergangenheit gegen die Regularien für Studentensport verstoßen hat. Die "Student-Athletes", also immatrikulierten Mitglieder der schuleigenen Sportteams, hatten über fast zwei Jahrzehnte gute Noten in Kursen bekommen, in denen sie entweder nicht anwesend waren oder Prüfungen gefälscht wurden - nach Statuten des Dachverbands NCAA  eine unerlaubte akademische Bevorteilung.

NCAA zögert bei Sanktionen

David Ridpath, Professor für Sportökonomie an der Ohio University, ist mit dem Fall vertraut:

"Es ist weit verbreitet, dass Tests, Aufsätze oder Hausaufgaben für Sportler gefälscht werden. Einfach gesagt, handelt es sich bei jeder Einmischung eines Trainers, sportlichen Betreuers oder Unimitarbeiters in das Studium des Athleten um einen akademischen Betrug, sobald sie über eine angemessene Hilfestellung hinausgeht."

Die Universität argumentiert, dass auch Nicht-Sportler von den Scheinkursen profitierten und der Fall somit keine Sonderbehandlung von Athleten darstellt.

Und tatsächlich zögert die NCAA bislang, den Übeltäter zu sanktionieren. Wissenschaftler Ridpath wundert das nicht. Schließlich ist UNCs Basketballabteilung mit fünf Meistertiteln ein Zugpferd für den Verband:

"Die einzige Konstante der NCAA besteht in ihrer uneinheitlichen und unfairen Sanktionierung. Das heißt nicht, dass renommierte Universitäten gar nicht bestraft werden, aber oft werden sie erst zur Rechenschaft gezogen, wenn die Beweislage erdrückend ist. Wenn die NCAA allerdings die Gelegenheit hat, eine große Schule milde zu behandeln, machen sie dies meist auch."

Hohe Dunkelziffer

Eine Studie über 30 Fälle akademischen Betrugs, die er mit zwei Kollegen publiziert hat, belegt: Wenn große Universitäten gegen die Regeln verstoßen, lässt die NCAA deutlich häufiger Milde walten.

So auch bei der Syracuse University, diesjähriger Halbfinalgegner von UNC. Dort hatte ein Basketballer unerlaubte Unterstützung in seinen Kursen erhalten, zudem hatten mehrere Athleten Geld von Dritten angenommen, ein Verstoß gegen die Amateurrichtlinien. Bei vergleichbaren Fällen an kleineren Universitäten verhängte die NCAA in der Vergangenheit harte Strafen. Diesmal nicht: Bevor der Verband ein endgültiges Urteil fällte, verzichtete das Basketballteam im letzten Jahr auf die Teilnahme an der Endrunde. Eine weitere Sperre durch die NCAA ist unwahrscheinlich.

Syracuse und UNC, zwei prominente Betrugsfälle. Doch die Dunkelziffer liegt wohl weit höher, vermutet Wissenschaftler Ridpath:

"Wenn man sich den Fall North Carolina anschaut, fragt man sich schon, wie es wohl in anderen Schulen abläuft. Ich sage oft, dass es auf dem Toplevel vermutlich keine Hochschule gibt, die sich streng an die Regeln hält. Der Erfolgsdruck und die Aussicht auf Preisgelder ist einfach zu hoch."

Es geht ums Geld

Obwohl sich die NCAA nach außen als Amateurverband positioniert, verschwimmen die Grenzen zum Profisport. Im Basketball oder Football trainieren die Sportler unter profiähnlichen Bedingungen, Startrainer werden mit Millionengehältern gelockt. Einziges Ziel: Der maximale Erfolg. Die Universitäten wissen: Je besser ihre Teams bei nationalen Meisterschaften abschneiden, desto mehr Geld kassieren sie vom Verband.

Das hat auch Ademola Okulaja erlebt. Der ehemalige Basketball-Nationalspieler  studierte und spielte von 1995 bis 99 bei UNC - eben zu jener Zeit, in der es zu den Scheinkursen an der Universität kam:

"Definitiv war der Druck schon immer extrem hoch und wächst jeden Tag. Die Universitäten, das ist ein ganz klares Geschäft, und das sind nicht mehr Millionen - wir sind schon lange im Milliardenbereich."   

2010 veräußerte die NCAA die Übertragungsrechte für Basketballspiele an den US-Sender CBS; der Vertrag läuft 14 Jahre und beschert dem Verband 10,8 Milliarden Dollar. Pro Saison erlöst die NCAA damit in etwa die Summe, die ARD und ZDF für die Übertragungsrechte der Fußball-Weltmeisterschaften 2014, 2018 und 2022 bezahlt hat. Ein wahrer Geldregen – an dem die Sportler allerdings mit keinem Cent partizipieren. Denn als Ausgleich für ihre sportlichen Leistungen sieht das NCAA-Regelwerk für "Student-Athletes" neben wenigen Ausnahmen einzig ein Stipendium vor.

"Sport ist wichtiger als Ausbildung"

Die akademische Ausbildung kommt bei vielen Athleten aber zu kurz, glaubt Okulaja. Während der ehemalige Profisportler sein Bachelorstudium bei UNC in drei Jahren schaffte - ohne fremde Hilfe, wie er betont -, verlassen viele Sportler die Universität ohne Abschluss. Der heutige Spielerberater vermutet, dass viele Universitäten im Zweifel nur auf den sportlichen Erfolg aus sind.

"Da guckt die Universität nicht so genau hin, wie sie eigentlich müsste, weil - ich will jetzt niemanden etwas unterstellen, aber einigen Universitäten, da bin ich mir sehr sicher, ist wichtiger, dass der Sportler am Samstag/Sonntag fit ist und spielt oder ob er ein paar Unterrichtsstunden in der Schule verpasst."

Zum gleichen Schluss kommt auch Wissenschaftler David Ridpath. Allein der Spielplan ließe Rückschlüsse auf die Bedeutung einer akademischen Ausbildung für die Sportler ziehen:

"Die Basketballer von North Carolina und  Syracuse waren für einen Monat nicht mehr in Vorlesungen. Da müssen wir uns doch fragen, was für uns als Gesellschaft Vorrang hat. Die Antwort haben wir uns selbst gegeben: Sport ist wichtiger als Ausbildung, auch wenn nach außen hin die Fassade gewahrt wird, es sei anders. Universitäten wie North Carolina zeigen aber, dass das einfach nicht stimmt."

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk