Freitag, 15.12.2017
StartseiteInterview"Weltgemeinschaft hat das Problem zu lange negiert"09.08.2017

US-Konflikt mit Nordkorea"Weltgemeinschaft hat das Problem zu lange negiert"

Die Welt stehe nicht unmittelbar vor einer nuklearen Katastrophe, sagte Hartmut Koschyk im Dlf. Damit der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea aber nicht eskaliere, müsse die internationale Gemeinschaft mit China und Russland zusammenarbeiten, so der Vorsitzende der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe.

Hartmut Koschyk im Gespräch mit Mario Dobovisek

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Der Vorsitzende der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe, Hartmut Koschyk (CSU, l), und Nordkoreas Vizeaußenminister Kung Sok Ung treffen sich am 01.06.2015 in Pjöngjang (dpa)
Hartmut Koschyk (CSU, l), Vorsitzender der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe, und Nordkoreas Vizeaußenminister Kung Sok Ung, am 01.06.2015 in Pjöngjang (dpa)
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Mario Dobovisek: Biblische Worte von Feuer und Zorn, die US-Präsident Donald Trump da gebraucht. 3.400 Kilometer ist die Insel Guam von Nordkorea entfernt, liegt mitten im Pazifik, auf ihr sind 6.000 US-Soldaten stationiert, auch mit taktischen Bombern, die immer wieder zu Manövern nach Südkorea entsandt werden, und Nordkorea wirft den Vereinigten Staaten deshalb vor, sie bereiteten dort eine Invasion vor und droht mit einem Angriff auf die Insel.

Am Telefon begrüße ich den CSU-Politiker Hartmut Koschyk. Er ist Vorsitzender der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag. Ich grüße Sie, Herr Koschyk!

Hartmut Koschyk: Grüße, Herr Dobovisek!

"Von Säbelgerassel nicht aus der Ruhe bringen lassen"

Dobovisek: Die Säbel rasseln also inzwischen fast ohrenbetäubend, wie wir unschwer erkennen können, mit Angriffsdrohungen beider Seiten und dem biblischen Bild von Feuer und Zorn. Wie gefährlich ist diese jüngste Eskalation?

Koschyk: Also wir dürfen auf der einen Seite die Gefährlichkeit der Situation nicht unterschätzen. Auf der anderen Seite darf man sich natürlich auch von Säbelgerassel allein nicht aus der Ruhe bringen lassen. Es ist ein großer Erfolg der internationalen Gemeinschaft, dass man sich im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am vergangenen Wochenende auf neue Sanktionsverschärfungen mit Zustimmung Chinas und Russlands einigen konnte, aber zu dem Beschluss des UNO-Sicherheitsrates gehört es auch, Nordkorea aufzufordern, an den Verhandlungstisch der Sechs-Parteien-Gespräche zurückzukehren, und deshalb ist das Wichtigste, was zurzeit erhalten werden muss, dass die internationale Gemeinschaft unter Einschluss Chinas und Russlands zusammenbleibt. Der Druck wurde jetzt verschärft, aber wie es der schwedische UN-Botschafter bei der Sitzung des UNO-Sicherheitsrates, Carl Skau, genannt hat, es ist jetzt auch kreativere Diplomatie notwendig, um aus der Sackgasse herauszukommen.

Dobovisek: Was ist eine kreative Diplomatie aus Ihrer Sicht?

Koschyk: Also ich glaube, das geht natürlich nicht auf dem offenen Markt. Es muss auch unter Vermittlung anderer eine direkte Gesprächsebene zwischen den USA und Nordkorea gefunden werden.

Der Vergleichsfall Iran

Dobovisek: Wer könnte da vermitteln?

Koschyk: Das kann China vermitteln, das können China und Russland zusammen vermitteln. Das ist übrigens auch nichts Neues. Auch in früheren Phasen einer Eskalation auf der koreanischen Halbinsel hat es solche Gespräche gegeben. Es hat sie übrigens auch schon einmal in einer nicht so prekären Situation wie jetzt, aber auch in einer Phase einer angespannten Situation auch schon in Berlin gegeben.

Dobovisek: Ist es überhaupt denkbar, dass unter diesen Umständen im Moment, wenn über Feuer und Zorn und über gegenseitige Angriffe gesprochen wird, ein Dialog stattfinden kann?

Koschyk: Also ich glaube, wenn die internationale Gemeinschaft sich etwas vorwerfen lassen muss, dann ist das das Problem zu lange negiert, sich um das Problem nicht gekümmert und Nordkoreas Fähigkeiten unterschätzt zu haben. Erinnern wir uns daran, was die internationale Gemeinschaft alles unternommen hat, um seinerzeit den Iran vor Nuklearambitionen, die auch die Existenz Israels bedroht haben, abzubringen. Da gab es einen Zusammenwirken der Vereinigten Staaten, Russlands, im Hintergrund China, die Europäer waren ganz dicht dabei, und deshalb frage ich mich, wann man endlich erkennt, dass das ein Problem ist, das nicht nur dem asiatisch-pazifischen Raum betrifft, sondern das die internationale Gemeinschaft betrifft und wo jeder seinen Beitrag leisten muss, um einen Gesprächskanal zu schaffen, damit man miteinander redet, wie man aus der angespannten Situation wieder rauskommt.

"Man darf den chinesischen Einfluss nicht überschätzen"

Dobovisek: Reden Sie dabei tatsächlich über die gesamte Staatengemeinschaft oder vor allem über China?

Koschyk: Also ich halte nichts davon, und in Ihrem Korrespondentenbeitrag hat McCain China als den Schlüssel genannt. China hat sicher großen Einfluss auf Nordkorea, aber man darf den chinesischen Einfluss nicht überschätzen. Viele glauben, bei dem Verhältnis China-Nordkoreas handelt es sich um das Verhältnis der ehemaligen Sowjetunion zum Beispiel zur DDR oder einem Satellitenstaat. Es steht kein chinesischer Soldat in Nordkorea. Nordkorea hat immer auf seine militärische Autarkie geachtet, und es ist ein hoher Gewinn für die internationale Gemeinschaft, dass China und Russland bislang die Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates mittragen, und das ist das höchste Gut, dass die internationale Gemeinschaft geschlossen bleibt, mit China und Russland den Druck aufrechterhält, aber es ist jetzt auch die diplomatische Seite gefragt, und da kann man noch eine Zeit lang Säbel rasseln, aber irgendwann muss der Zeitpunkt kommen, dass man auch möglichst mit vielen Beteiligten aus der Region, aber auch der internationalen Gemeinschaft ein diplomatisches Konzept entwickelt.

Dobovisek: Und wenn nicht, dann knallt es am Ende vielleicht doch. Die ersten vergleichen die jüngste Eskalation auch schon mit der Kubakrise von einst, bei der die Welt am atomaren Abgrund stand. Wie weit sind wir von einer solchen Eskalation entfernt?

Koschyk: Also ich glaube, wir sind weit von einer solchen Eskalation entfernt, aber das Problem ist ja, wenn man einen Konflikt vor sich hindümpeln lässt, kann aus kleinen Nebenschauplätzen doch der Konflikt irgendwo heiß laufen, und deshalb ist jetzt wirklich Konzentration, Geschlossenheit und Entschlossenheit angesagt, und die Gleichzeitigkeit von Aufrechterhalten des Drucks der internationalen Gemeinschaft, aber auch das Entwickeln von kreativer Diplomatie.

Einfrieren des Nuklearprogramms gegen Sicherheits- und Überlebensgarantien

Dobovisek: Es wurde viel darüber gesprochen, wie weit denn Nordkorea entfernt sei von der Entwicklung der Atombombe und so weiter. Jetzt wird über Mini-Atomsprengköpfe gesprochen. Sie, Herr Koschyk, haben gesagt, die internationale Staatengemeinschaft hat die Fähigkeiten Nordkoreas lange unterschätzt. Wie weit ist denn, aus Ihrer Sicht, Nordkorea mit den Programmen?

Koschyk: Ich glaube, wir können und müssen davon ausgehen, dass Nordkorea in der Trägertechnik, das heißt in der Raketentechnik, sich weiter entwickelt hat. Das Problem scheint noch zu sein, möglich Raketen auch mit größerer Reichweite mit nuklearen Sprengköpfen sicher ins Ziel zu bringen, aber in der Nukleartechnik ist Nordkorea weit fortgeschritten auch in der Trägertechnik, und das Entscheidende ist ja, dass man jetzt eine diplomatische Lösung findet, die nach meinem Dafürhalten so aussehen könnte: Nordkorea ist bereit, unter internationaler Beobachtung, unter internationaler Kontrolle sein Programm zu stoppen, einzufrieren. Dafür wird Nordkorea Sicherheits- und Überlebensgarantien verlangen, und dann muss man eben in einem Entspannungs- und Dialogprozess rund um die Sechs-Parteien-Gespräche kommen.

Es hat schon viele Überlegungen in den USA, selbst in China, auch in Deutschland und Europa, gegeben, dass sich aus den Sechs-Parteien-Gesprächen so eine Art Nordostasien-KSZE, -OSZE entwickeln könnte. Das könnten Deutschland und die Europäische Union beratend, ich sage beratend und nicht als Vermittler, begleiten; aber jetzt ist es erst einmal wichtig, dass man einen Gesprächskanal schafft, um überhaupt wieder auf eine Dialogebene zu kommen und weg von dem Säbelrasseln und einer Eskalation, die vielleicht an irgendeiner Stelle unbewusst eine größere Katastrophe auslösen kann.

"Kim Jong-un vielleicht nicht so beratungsfähig"

Dobovisek: Jetzt reden wir über Machthaber Kim Jong-un auf der einen Seite und US-Präsident Donald Trump auf der anderen. Sie haben oft in diesem Gespräch jetzt das Wort Diplomatie gebraucht. Das sind jetzt beides keine ausgesprochenen Diplomatietalente. Wer von den beiden ist denn für Sie der Berechenbarere?

Koschyk: Also wissen Sie, auch solche Spekulationen, wer ist der Berechenbare, helfen uns nicht weiter. Ich glaube, dass der amerikanische Präsident auch in dieser Situation sich im Land eng abstimmt, sich auch mit den Verbündeten konsultiert und dass die Rhetorik das eine, aber kalte Analyse und nüchterne Analyse, was jetzt zu tun ist, auf der anderen Seite steht. Ich meine, bei Kim Jong-un haben wir es mit einem Despoten zu tun, den ich vielleicht nicht für so beratungsfähig einschätze mit dem amerikanischen Präsidenten, aber auch er kennt die Grenzen seiner militärischen Optionen, und ich glaube, dass es ihm in erster Linie um ein Überleben seines Regimes, auch seines Klans geht, und da muss man eben ausloten, was kann und muss man tun, um mit so jemandem auch ins Gespräch zu kommen. Erinnern wir uns noch einmal an die Situation im Iran: Da hat es auch viele gegeben, die gesagt haben, den Konflikt kann man nur mit militärischer Entschlossenheit und Stärke entschärfen, aber am Schluss hat beim Iran eine Entschlossenheit und Geschlossenheit der internationalen Gemeinschaft mit Sanktionen, aber auch die Dialogbereitschaft, dann den Durchbruch gebracht.

Dobovisek: Die Wege der Diplomatie müssen es also richten. Der CSU-Politiker Hartmut Koschyk ist Vorsitzender der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Koschyk: Danke Ihnen auch, Herr Dobovisek!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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