Samstag, 16.12.2017

US-Urteil gegen VWProfit vor Moral

US-Richter Sean Cox habe nicht nur ein hartes Urteil über den VW-Manager Oliver Schmidt gefällt, sondern auch über die verkommene Moral in den Vorstandsetagen großer Unternehmen, kommentiert Thilo Kößler. Dort zählten Profit und eigene Boni allzu häufig mehr als Ehrlichkeit gegenüber dem Verbraucher.

Von Thilo Kößler

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die US-Flagge spiegelt sich im VW-Zeichen eines Autos. (dpa/picture alliance/Friso Gentsch)
Volkswagen in den USA (dpa/picture alliance/Friso Gentsch)
Mehr zum Thema

Dieselgate-Prozess in Detroit Höchststrafe für VW-Manager

Schadenersatzforderungen gegenüber deutschen Autokonzernen Die Sammelkläger

Verbraucherschützerin zum Dieselskandal bei VW: "Diese Arroganz ist erschreckend"

Für VW ist die Welt in den USA wieder in Ordnung. 23 Milliarden US-Dollar hat der VW-Konzern an Entschädigung an die US-Behörden überwiesen und sich damit aus dem Abgasskandal freigekauft. Mit dem Urteil gegen einen zweiten ehemaligen Mitarbeiter des Wolfsburger Konzerns ist Dieselgate für die Wolfsburger Autoschmiede in den USA endgültig ausgestanden.

Doch wiedergutgemacht ist der Schaden damit nicht. Der Autokonzern steht in tiefer Schuld. Gegenüber den amerikanischen Behörden, die er schamlos belogen hat. Gegenüber dem Verbraucher, den er vorsätzlich getäuscht und an der Nase herumgeführt hat. Und gegenüber seinem deutschen Mitarbeiter Oliver Schmidt, den er erst zum Erfüllungsgehilfen und dann zum Sündenbock machte.

Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit

Schmidt muss jetzt büßen, was ihm sein ehemaliger Arbeitgeber mit seinen technisch raffinierten, aber politisch kurzsichtigen und moralisch verwerflichen Abgasmanipulationen eingebrockt hat. Sieben Jahre Haft und eine Geldstrafe von 400.000 Dollar, das ist die persönlich bittere Konsequenz für Oliver Schmidt, der in dieser Affäre eingestandenermaßen gleich mehrere Fehler und Torheiten beging. Oliver Schmidt, von dem man sagt, er habe in seinem ganzen Technikerleben zwei Leidenschaften gehabt – nämlich VW und die Vereinigten Staaten von Amerika – hat nach Überzeugung des Gerichts gelogen, getäuscht und getrickst. Zuerst gegenüber den amerikanischen Umweltbehörden, die die kriminelle Energie der deutschen Autobauer unterschätzten. Dann gegenüber den US-Ermittlern, die sich allerdings nicht mehr täuschen ließen und unerbittlich zuschlugen.

Oliver Schmidt hat seine Schuld eingestanden. Er ließ sich breitschlagen, die Wolfsburger Verschleierungstaktik gehorsam umzusetzen. Er diente sich womöglich selbst den VW-Vorständen unter Hinweis auf seine lange USA-Erfahrung an, um als Feuerwehrmann zu höheren VW-Weihen zu gelangen oder gar als Retter des Konzerns in dessen Olymp aufzusteigen. Und er hat erst die Wahrheit gesagt, als VW ihn bereits fallengelassen hatte und sein Kollege James Liang bereits zu einer satten Haftstrafe verurteilt worden war. Da erst muss Schmidt klar geworden sein, dass es jetzt um seinen eigenen Kopf ging und es nur noch einen Weg gab, um einigermaßen heil aus diesem Komplott herauszukommen: Die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit.

Zu viele Fragen sind bis heute ungeklärt

Doch festzuhalten bleibt: Es kann für VW nicht damit getan sein, die Schuld einfach so auf einen vielleicht übereifrigen und allzu loyalen Mitarbeiter abzuwälzen. Die VW-Spitze wirkt unglaubwürdig, wenn sie so tut, als wären mit der milliardenschweren Entschädigung an die US-Behörden und der Haft von Oliver Schmidt die jahrelangen kriminellen Umtriebe vergeben und vergessen. Zu viele Fragen sind bis heute ungeklärt – und die Führung des Konzerns muss sich ihnen stellen. VW hat weltweit Vertrauen verspielt. Das hat auch ein Martin Winterkorn mit zu verantworten. Der ehemalige Chef von VW hält sich aber bis heute an das Prinzip: Wer die Wahrheit sagt, begeht Selbstmord. Richter Cox hat deshalb nicht nur ein hartes Urteil über Oliver Schmidt gefällt. Sondern auch über die verkommene Moral in den Vorstandsetagen großer Unternehmen wie beispielsweise VW. Dort zählen Profit und eigene Boni allzu häufig mehr als die Ehrlichkeit gegenüber dem Verbraucher.

Thilo Kößler, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Thilo Kößler begann nach einem Geschichtsstudium seine Rundfunk-Laufbahn 1978 als Reporter im Studio Nürnberg des Bayerischen Rundfunks. 1987 wechselte er als Zeitfunk-Redakteur zum SDR nach Stuttgart und war von 1990 bis 1996 ARD-Hörfunk-Korrespondent für den Nahen Osten am Standort Kairo. Seit 1998 arbeitete er als Redakteur im Deutschlandfunk, zunächst im Zeitfunk, dann als Leiter der Europaredaktion. Ab 2007 war er Leiter der Abteilung "Hintergrund". Seit Juni 2016 ist er USA-Korrespondent von Deutschlandradio mit Sitz in Washington.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk