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StartseiteInterview"Clinton hat keinen emotionellen Kern für ihren Wahlkampf"10.02.2016

US-Vorwahlen in New Hampshire"Clinton hat keinen emotionellen Kern für ihren Wahlkampf"

Bernie Sanders setzt sich gegenüber der früheren Außenministerin Hillary Clinton in New Hampshire deutlich durch. "Es läuft nicht gut für Clinton", stellt der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, fest. Gründe seien ihre fehlende Emotionalität im Wahlkampf und die Tatsache, dass sie eigentlich keine Botschaft habe.

John Kornblum im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland (dpa/picture alliance/Karlheinz Schindler)
John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland (dpa/picture alliance/Karlheinz Schindler)
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Auch wenn die Vorwahlen nicht unbedingt ein Bild aus der Mitte der amerikanischen Gesellschaft zeichneten, zeigten sich besonders bei Hillary Clinton deutliche Defizite, sagte John Kornblum, bis 2001 US-Botschafter in Deutschland unter Präsident Bill Clinton, im Deutschlandfunk. So habe sie Schwierigkeiten mit einem emotionalen Wahlkampf. Als Zielgruppe konzentriere sie sich auf Frauen als Wählerinnen, doch gerade jüngere Frauen hätten für Bernie Sanders gestimmt. Gleichwohl werde Clinton bei den anstehenden Vorwahlen im Süden deutlich besser punkten, so Kornblums Prognose.

Kornblums Diagnose ist deutlich: Clinton habe alt und wie ein Teil des Establishments gewirkt. Sein Rat: Sie müsse sich viel mehr mit den Unzufriedenen und gesellschaftlich Benachteiligten identifizieren.

Vorwahlen zeigen kein Bild des heutigen Amerika

Der Erfolg von Milliardär Donald Trump über sieben republikanische Mitbewerber sei hingegen sehr deutlich gewesen, betonte Kornblum. Der große Verlierer bei den Konservativen sei eindeutig Ted Cruz. Trump punkte mit populistischen Sprüchen und der Ablehnung des Establishments. Inhaltlich wisse er aber in vielen Punkten offenbar selbst nicht, wie er sich politisch positionieren solle. Das werde besonders bei außenpolitischen Themen deutlich.

Die Wahlanalyse zeige, dass er besonders von Weißen ohne Uni-Abschluss unterstützt werde. Diese Gruppe hätte früher 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung gestellt, heute belaufe sich ihr Anteil aber nur noch auf rund 40 Prozent.


Das Interview in voller Länge:

Dirk-Oliver Heckmann: Die ersten Vorwahlen für die US-Präsidentschaftskandidatur in Iowa, sie endeten mit zwei dicken Überraschungen. Bei den Republikanern machte nicht Donald Trump das Rennen, sondern der Evangelikale Ted Cruz, und Hillary Clinton, vor Wochen noch unbestrittene Favoritin bei den Demokraten, landete nur hauchdünn vor ihrem Herausforderer, dem Linken Bernie Sanders. Gestern dann die zweite Vorwahlrunde in New Hampshire. Hier siegten nach aktuellem Stand der Auszählungen Bernie Sanders sehr deutlich mit 60 Prozent und bei den Republikanern Donald Trump mit 35 Prozent. Am Telefon ist jetzt John Kornblum, bis 2001 US-Botschafter in Deutschland unter Präsident Bill Clinton. Schönen guten Morgen, Herr Kornblum.

John Kornblum: Guten Morgen.

Heckmann: Blicken wir zunächst auf die Demokraten. In Iowa ist ja Hillary Clinton als Erste durchs Ziel gegangen. Das war schon so was wie eine gefühlte Niederlage. Der Linke Sanders war ihr hauchdünn auf den Fersen. Jetzt der Sieg von Bernie Sanders in New Hampshire. Es läuft nicht gut für Hillary Clinton. Was ist der Grund?

Kornblum: Nein, es läuft nicht gut. Irgendwie, glaube ich, es gibt zwei Gründe. Erstens: Sie hat ihre Botschaft nicht sehr klar formuliert und sie sieht aus als das, was sie ist, alt, aber sie ist jünger als Sanders, aber immer noch alt. Und vor allem: Sie gibt den Eindruck, dass sie ein Mitglied von dem Establishment ist, und wie Sie wissen, in diesem Jahr ist Mitglied des Establishments sein das Schlimmste, was man sein kann. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass Bernie Sanders die Jugend, die Unzufriedenen und auch die Menschen, die Populisten sozusagen motiviert hat, und er hat hier wirklich einen sehr eindeutigen Sieg gewonnen.

"Es gibt eigentlich keine Botschaft"

Heckmann: Sie sagten gerade, die Botschaft von Hillary Clinton sei nicht klar gewesen. Was meinen Sie damit genau?

Kornblum: Na ja, es gibt eigentlich keine Botschaft. Dieses Jahr ist kein Jahr von detaillierten Politikgesprächen von Politikexperten, wie man sagt. Es ist ein emotioneller Wahlkampf und Hillary Clinton hat immer Schwierigkeiten gehabt, ihre Emotionen zu zeigen. Sie hat versucht, jetzt zu sagen, Frauen sollten sie wählen, weil sie eine Frau ist, und die Umfragen - ich habe sie gerade angeschaut -, die Exit-Umfragen zeigen, dass junge Frauen sie total im Stich gelassen haben. Die haben alle für Bernie Sanders gestimmt. Das heißt, sie hat keinen emotionellen Kern für ihren Wahlkampf, und man sieht, da verliert sie groß.

Heckmann: Hillary Clinton gehört zum Establishment. Sie haben es gerade selbst auch noch mal erwähnt. Daran kann sie ja wenig ändern.

Kornblum: Das kann sie nicht ändern. Aber das bedeutet auch nicht, dass sie unbedingt verliert. Ich versuche, immer zu betonen, diese Vorwahlen sind wirklich sehr begrenzte Tests sozusagen in Bundesstaaten, die nicht gerade in der Mitte der amerikanischen Politik sind. Iowa und New Hampshire sind beide klein und beide ziemlich einzigartig. Wir werden jetzt sehen, was passiert. Die nächsten Vorwahlen finden im Süden statt, wo die schwarze Bevölkerung sehr stark ist, und sie werden ohne Frage für Clinton sein. Der Wahlkampf ist lang und schwierig und diese Ergebnisse sind wichtig, aber es ist nicht das Ende.

Heckmann: Würden Sie ihr empfehlen, Hillary Clinton, etwas zu ändern an ihrer Strategie?

Kornblum: Ich habe seit Langem gefragt, warum sie nicht mehr Emotionen zeigt, warum sie sich nicht mehr mit den Unzufriedenen und mit auch den Verlierern, wenn Sie wollen, in der Gesellschaft identifiziert. Das hat sie nicht gemacht. Vielleicht wird sie jetzt versuchen, das zu tun, gerade jetzt, wo die nächsten Vorwahlen im Süden sind, wo die schwarze Bevölkerung sehr stark ist.

Heckmann: Kommen wir zu den Republikanern, Herr Kornblum. Donald Trump ist hier der große Gewinner. Haben wir da den Präsidentschaftsbewerber der Republikaner erlebt?

"Was er Positives sagt, ist sehr schwer zu finden"

Kornblum: Kann sein. Wir werden sehen. Interessant ist nicht unbedingt, dass Trump gewonnen hat, sondern dass die sogenannten Moderaten, das heißt Kasich, Bush, Rubio, alle mehr oder weniger dieselbe Zahl von Stimmen unter sich geteilt haben, wie Trump gewonnen hat. Das heißt, die Kandidaten der Mitte, die Kandidaten des Republican Establishment sind noch da. Die werden wahrscheinlich alle noch härter kämpfen. Der große Verlierer hier ist Ted Cruz, der sehr Konservative. Der hat im Moment nur elf Prozent und das ist für ihn viel, viel zu wenig, um seiner Kandidatur richtig einen Schub zu geben.

Heckmann: Sollte Donald Trump am Ende das Rennen machen, was wäre von ihm zu erwarten als US-Präsident?

Kornblum: Ja, gute Frage. Niemand weiß das, er wahrscheinlich selber nicht. Das ist der Punkt. Das ist hier eine sehr populistische Wahl und Trump punktet mit populistischen Sprüchen, mit seiner Personalität und vor allem mit seiner Ablehnung der jetzigen Politik und des jetzigen Establishments. Was er Positives sagt, ist sehr schwer zu finden, und er sagt selber, zum Beispiel seine Außenpolitik kriegt er vom Zeitung lesen. Er ist sich wahrscheinlich sehr wenig darüber im Klaren, was er machen würde, wenn er Präsident sein würde.

Heckmann: Und wenn das so ist, dass er selber nicht genau weiß, was er eigentlich will, wie Sie sagen, glauben Sie, dass er am Ende des Tages dennoch eine Chance hätte?

Kornblum: Ich glaube nicht, dass er eine Chance hätte, Präsident zu sein. Er würde alle anderen Gruppen im Land motivieren. Und eine sehr interessante Statistik ist heute Morgen gezeigt worden aus den Wahlkämpfen, und das ist, dass seine Unterstützung hauptsächlich immer noch von Weißen ohne Universitätsausbildung kommt. Diese Gruppe, die in früheren Jahren 70, 80 Prozent der Wähler waren, ist jetzt weit unter 40 Prozent der Wähler. Das Bild, das man von den republikanischen Wählern in diesen Vorwahlen bekommt, ist bisweilen nicht das Bild der amerikanischen Wählerschaft. Das darf man nie vergessen.

Heckmann: Herr Kornblum, wir haben nur noch wenig Zeit. Trotzdem möchte ich eine Frage Ihnen noch stellen. Die Gemäßigten schmieren ab, auch das Establishment schmiert ab bei den Vorwahlen, möglicherweise dann ja auch am Ende bei den Präsidentschaftswahlen. Ist das Ganze eine Krise der liberalen Demokratie in den USA?

Kornblum: Nein, glaube ich nicht. Wir haben hier ähnliche Wahlkämpfe gehabt. Was es ist, ist ein Zeichen von einer ziemlich fundamentalen Änderung in der Gesellschaft, in der Politik in den Vereinigten Staaten, ohne zu wissen, worauf das jetzt hinausgehen wird.

Heckmann: John Kornblum war das, ehemaliger amerikanischer Botschafter in Deutschland. Mit ihm haben wir gesprochen über den Ausgang der Vorwahlen in New Hampshire. Herr Kornblum, ich danke Ihnen für Ihre Zeit.

Kornblum: Ich bedanke mich.

Heckmann: Und einen schönen Tag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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