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StartseiteTag für TagTrump ist nicht christlich genug02.11.2016

US-Wahl und KirchenTrump ist nicht christlich genug

Donald Trump droht der Verlust einer Stammklientel der Republikaner: der religiösen Konservativen. Dieser Ansicht ist der Theologe und Amerika-Experte Michael Hochgeschwender. Der US-Präsidentschaftskandidat stehe nicht für christliche Werte, sagte Hochgeschwender im Deutschlandfunk. Das könne ihn die Wahl kosten.

Michael Hochgeschwender im Gespräch mit Andreas Main

Die US-Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei, Hillary Clinton, spricht am 01. Dezember 2015 in der Dexter Avenue King Memorial Baptist Church. Hintergrund des Gottesdienstes war der Bus-Boykott von Rosa Parks im Jahre 1955 während der US-Bürgerrechtsbewegung. (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
Für die "religiöse Rechte" sei Hillary Clinton eigentlich unwählbar, sagte der Theologe und Amerika-Experte Michael Hochgeschwender im DLF. Evangelikale, konservative Katholiken und andere könnten sich aber auch nicht mit Trump identifizieren. (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
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Den "liberalen Mainstream" von Protestanten, Katholiken und Juden habe Trumps Kontrahentin Hillary Clinton ohnehin als Wähler "fest gebucht", so der Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte an der Universität München. Weiter sagte Hochgeschwender, für die "religiöse Rechte" sei Clinton eigentlich unwählbar. Evangelikale, konservative Katholiken und andere könnten sich aber auch nicht mit Trump identifizieren. Dafür müsste Trump zeigen, dass er "christlich denkt", was er bisher allerdings nicht getan habe. Evangelikale seien sehr mitfühlend, Trump hingegen wirke "herzlos", so Hochgeschwender.

Bei konservativen und rechten Christen könne Trump bisher nur mit seiner Haltung zum Thema Abtreibung punkten. Hier sieht Hochgeschwender allerdings auch eine Chance für Clinton: Würde sie sich kritisch zu Abtreibungen äußern, könnte sie konservative Wähler gewinnen, die die Demokratin dann "mit Gewissensbissen" wählen würden.

Wäre er Wahlkampfmanager, würde Hochgeschwender dem Kandidaten Trump raten, sich auf die Mormonen in Utah zu konzentrieren. Dem Republikaner droht, den als konservativ geltenden Staat an den unabhängigen Kandidaten Evan McMullin, einen Mormonen, zu verlieren. Dann hätte Trump keine Chance mehr, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen, ist sich Hochgeschwender sicher. Trump müsse den Mormonen in Utah "etwas Positives anbieten", sagte Hochgeschwender. Den Mormonen ginge es gut und sie würden Trump daher "seine düstere Version von Amerika" nicht glauben.

Insgesamt sei der US-Wahlkampf säkularer geworden, so Hochgeschwender. Religiöse Themen würden nicht mehr so eine große Rolle spielen wie noch vor zehn Jahren. Erstmals hätten die katholischen Bischöfe nicht deutlich gemacht, welchen Kandidaten man wählen solle. Die Katholiken hielten sich insgesamt auffällig zurück, weil sie "irritiert sind", schätzt Hochgeschwender. Lediglich einige Rechtsevangelikale hätten sich deutlich für Trump ausgesprochen.


Das Interview in voller Länge:

Andreas Main: Michael Hochgeschwender ist Amerika-Historiker und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat gerade ein neues, viel gelobtes Buch vorgelegt mit dem Titel "Die amerikanische Revolution – Geburt einer Nation". Und er ist auch Theologe, der uns hoffentlich einen Überblick verschaffen kann. Guten Morgen, Herr Hochgeschwender.

Michael Hochgeschwender: Guten Morgen Herr Main.

Main: Herr Hochgeschwender, wenn man das überhaupt so sagen kann, aber welche Kirchen werden wahlentscheidend sein?

Hochgeschwender: Vielleicht muss man vorab sagen, dass Religion in diesem Wahlkampf nicht mehr die Rolle spielt wie noch vor zehn Jahren. Die Themen sind insgesamt säkularer geworden, aber das heißt nicht, dass Religion überhaupt keine Rolle spielt.

Wenn man sich die Kirchen ansieht, kann man sie im Grunde in zwei bis drei große Gruppen einteilen. Da ist einmal die sogenannte religiöse Rechte: Zu der zählen Rechts-Evangelikale und Pfingstchristen, aber auch zum Beispiel konservative Katholiken und die Mormonen sowie einige orthodoxe Juden.

Daneben hat man den sogenannte liberalen Mainstream oder Mainline. Das sind im Wesentlichen liberale protestantische Denominationen etwa die Episkopalkirche und ein paar andere vor allem im Norden und im Osten, die aber sehr schwach sind und politische etwas inkohärent. Dazu kommen liberale Katholiken und das Gros der Juden.

Dann hat man die Latinos als relativ geschlossene Wählergruppe, die aber religiös in Katholiken und Pfingstchristen zerfallen. Und man hat die Schwarzen, bei denen die sogenannte Black Church, also schwarze Kirchen, die fast nur aus Schwarzen bestehen, eine führende Rolle einnimmt. Eine Nebenrolle spielen die Muslime. Die Gruppen kann man dann jeweils parteipolitisch zuordnen.

Hochgeschwender: Hillary Clinton müsste auf die Evangelikalen zugehen

Main: Gehen wir mal ins Detail. Sagen wir mal, sie wären Kampagnenmanager für Hillary Clinton und sie könnten nicht alle Christen gleichzeitig bearbeiten. Worauf würden Sie jetzt im Endspurt besonders achten, um bei Christen zu punkten?

Hochgeschwender: Als Kampagnenmanager würde ich sagen: Den liberalen Mainstream hab ich sicher. Die sind so abgestoßen von Trump, bei denen spielt Religion in der Entscheidung kaum eine Rolle, also die kann man mal fest buchen. Ein Problem sind die Evangelikalen und die Pfingstchristen. Die sind nicht für Trump, ähnlich wie die Mormonen, aber sie können Hillary nicht wählen. Da hat man tatsächlich ein Problem.

Hillary müsste von einigen Standpunkten sich distanzieren, die sie bisher eingenommen hat – insbesondere in Fragen der Abtreibung. Das ist ja in den letzten Wochen erkennbar, dass konservative Blogger und konservative Magazine sehr stark das Thema 'Partial-Birth Abortion' gespielt haben, also Abtreibung im letzten Schwangerschafts-Trimester. Hier müsste sie Andeutungen machen, dass sie da auch kritisch ist.

Viele Evangelikale sind sehr unzufrieden mit der republikanischen Partei. Sie waren schon unzufrieden mit Cruz und noch unzufriedener mit Trump. Da könnte ich mir vorstellen, dass es Evangelikale gibt, die möglicherweise aus ökonomischen Gründen und aus Gründen des menschlichen Anstandes eher Clinton wählen würden, aber danach auch Gewissensbisse hätten.

Wer leichter erreichbar ist, sind die Katholiken. Die stehen relativ nahe an der Mitte, also konservative Katholiken sind etwas rechts der Mitte, liberale Katholiken sind etwas links der Mitte.

Main: Da würden Sie reingehen als Kampagnenmanager für Hillary Clinton?

Hochgeschwender: Das ist das traditionelle Klientel der Demokraten. Die sind seit Reagan, gerade die konservativen Katholiken, ins Lager der Republikaner abgedriftet. Dort aber – inzwischen zwar sehr stark – aber ideologisch nicht so tief verankert, dass man nicht einen Teil von denen zurückholen könnte. Die Frage ist da, welches Angebot kann jemand wie Hillary Clinton dieser Gruppe machen. Das wird im Wesentlichen über weltliche Themen und nicht über religiöse Themen laufen müssen.

"Das genuin Christliche fehlt bei Trump völlig"

Main: Jetzt wechseln Sie mal als Berater ins andere Lager. Trump hat offenbar einiges an Porzellan zerschlagen – auch eben in konservativen Kirchenkreisen, die ihn nicht als konservativ wahrnehmen, sondern als reaktionär oder orientierungslos. Auf welche Kirchen müsste die Republikaner-Kampagne sich nun besonders richten?

Hochgeschwender: Zum einen natürlich auf die Mormonen, denn wenn er Utah verliert, kann er im Grunde die Wahl drangeben. Da müsste ihm sehr viel sonst noch gelingen. Utah braucht er ganz dringend. Da ist aber das Problem, die Mormonen glauben ihm seine düstere Version von Amerika nicht. Den Mormonen geht es traditionell relativ gut. Das ist eine sehr fleißige, arbeitsame Religion.

Denen muss man etwas Positives geben, denen muss man positive, konservative Inhalte geben, Familienwerte. Nur da hat Trump natürlich mit seinen vielen Ehen ein gewisses Problem, das kann er nicht machen. Und er wirkt herzlos, was für die Mormonen ebenfalls problematisch ist. Da müsste er irgendwie zeigen, ich habe euch etwas zu bieten.

Ähnlich ist es mit vielen Evangelikalen. Auch die Evangelikalen sind, was Umfragen angeht, sehr viel mehr, was man in den USA 'compassionate', mitfühlend, nennt, als etwa der liberale Mainstream. Da geht es sehr viel um Charity, um Spenden. Insofern müsste er auch hier zeigen, ich bin jemand, der christlich denkt. Das hat er bisher in keiner der Reden getan. Das genuin Christliche fehlt beim ihm völlig. Was man eben merkt, ist diese Konzentration auf Abtreibung. Aber selbst da gilt er ja als Flip-Flopper, weil er früher relativ liberal in den Abtreibungsfragen war. Er hat wirkliche Schwierigkeiten, diese Gruppen an sich zu binden.

"Die katholische Kirche ist in tiefes Schweigen versunken"

Main: Es gibt ein Gesetz, wonach Religionsgemeinschaften nicht aktiv in den Wahlkampf eingreifen dürfen. Dann verlieren sie ihren Status, der auch mit Steuererleichterung verbunden ist. Das ist von hier aus schwer zu verstehen. Ist es überhaupt so richtig skizziert?

Hochgeschwender: Eigentlich nicht. Die Religionsgemeinschaft als solche tritt nicht aktiv auf. Aber zum Beispiel die katholischen Bischöfe bringen zu jeder Wahl einen Hirtenbrief, wo schon deutlich erkennbar wird, wen sie bevorzugen, was sie diesmal interessanterweise nicht getan haben.

Andere – etwa Evangelikale – machen es so, dass der jeweilige Anführer, also der wichtigste Prediger - Jerry Falwell Jr. in diesem Fall -, einen der Kandidaten – nämlich Trump – 'endorsed', wie es in den USA heißt, also akzeptiert als Kandidaten. Insofern ist das doch schon deutlich erkennbar, wo die Richtung hingeht. Nur das heißt natürlich nicht, dass das Kirchenvolk ihm folgt.

Main: Welche Kirchengemeinschaften haben sich am dezidiertesten geäußert bisher?

Hochgeschwender: Es haben sich tatsächlich Anführer der Rechts-Evangelikalen am klarsten geäußert, während die katholische Kirche irgendwie in tiefes Schweigen versunken ist. Da merkt man, wie irritiert die sind.

Main: Damit decken sie aber nicht unbedingt das ab, was die Basis denkt?

Hochgeschwender: Ja, wie gesagt, die Basis im Katholizismus ist sehr fluide. Das ist vermutlich auch ein Problem der Bischöfe. Was immer sie sagen, wird einen Teil der Gemeinde gegen sie aufbringen. Von daher ist es eigentlich relativ weise zu schweigen und den Menschen ihre Entscheidung zu lassen. Wie gesagt, selbst im konservativen Segment kann ich mir vorstellen, wenn man sich einen Publizisten vorstellt wie Ross Douthat, der bei der New York Times als konservativer Kommentator tätig ist, das ist ein zum Katholizismus konvertierter Christ, der sehr konservativ ist, der von Anfang an gesagt hat, Trump ist für mich nicht wählbar. Da gibt es viele von.

Main: Jetzt mal losgelöst von Religion. Sie haben im März hier in dieser Sendung vorausgesagt, dass sich Hillary Clinton gegen Bernie Sanders als Kandidatin durchsetzen und dass Trump der Kandidat der Republikaner werden würde. Sie lagen da also richtig. Ist jetzt noch mit einer Überraschung zu rechnen, dass Trump noch mal richtig aufholt? Oder anders gefragt: Wer wird der neue Präsident?

Hochgeschwender: Laut ABC-Umfrage liegen sie plötzlich wieder gleichauf. Trump ist ein unglaubliches Stehauf-Männchen. Kann aber sein, dass diese Umfrage nur eine Art Weckruf an die Hillary-Clinton-Wähler ist, auch ja zur Wahl zu gehen. Tendenziell würde ich sagen, wenn ich mir die Umfragen in den Einzelstaaten ansehe, müsste Hillary Clinton gewinnen. Sie hat jetzt schon 263 von 270 Wahlmännern, das sollte sicher sein.

Main: Einschätzungen von Michael Hochgeschwender, Nordamerika-Experte und Professor in München. Danke Ihnen ganz herzlich.

Hochgeschwender: Bitte sehr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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