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StartseiteInterviewUwe Soukup: Niemand hätte das für möglich gehalten23.05.2009

Uwe Soukup: Niemand hätte das für möglich gehalten

Autor eines Buches zum Tod von Benno Ohnesorg über IM-Tätigkeit von Karl-Heinz Kurras

Nach seinen Recherchen habe es sich bei dem tödlichen Schuss auf den Studenten 1967 nicht um Notwehr des Polizisten gehandelt, so Uwe Soukup. Dennoch müsse man nach der Enttarnung von Karl-Heinz Kurras als IM "wilde Verschwörungstheorien", dass die Stasi ein Interesse daran gehabt habe, die Westberliner Verhältnisse zu destabilisieren, mit Vorsicht genießen.

Stasti-Akten im Regal: Die zufällig entdeckte Mappe über Karl-Heinz Kurras hat den Polizisten als Stasi-Spitzel entlarvt.  (Bundesbildstelle Bonn)
Stasti-Akten im Regal: Die zufällig entdeckte Mappe über Karl-Heinz Kurras hat den Polizisten als Stasi-Spitzel entlarvt. (Bundesbildstelle Bonn)

Mario Dobovisek: Der 2. Juni. Seit 1967 ist dieser Tag mit einem Ereignis verbunden, das weitreichende Folgen haben sollte. In Berlin wird bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien der Student Benno Ohnesorg erschossen von einem Polizisten. Die Radikalisierung der westdeutschen Studentenbewegung war die Folge. Die tödliche Kugel stammte aus der Waffe eines Westberliner Zivilpolizisten, Karl-Heinz Kurras heißt er. Und diese Woche wurde bekannt, dass Kurras Stasi-Mitarbeiter und SED-Mitglied war. Uwe Soukup hat vor zwei Jahren in seinem Buch die Frage gestellt "Wie starb Benno Ohnesorg?". Und Uwe Soukup begrüße ich jetzt in unserem Berliner Studio, guten Morgen, Herr Soukup!

Uwe Soukup: Guten Morgen!

Dobovisek: Was führte damals zu einer solchen Eskalation der Gewalt?

Soukup: Der 2. Juni ist in seiner Planung – dem gesamten Ablauf vom Rathaus Schöneberg, Stichwort Jubelperser, die auf Demonstranten einschlugen, dann über die Vorgänge vor der Oper – eine einzige Versuchsanordnung, in der erprobt wurde, wie man Menschen provozieren kann und wie sie dann reagieren. Man hat diese Menschen… Ich gehe jetzt mal gleich zur Oper und lasse mal das mit dem Rathaus Schöneberg weg, das ist ja auch ein bisschen bekannter schon durch dieses wunderschöne Wort "Jubelperser", das da entstanden ist nach diesem Ereignis. Ich gehe mal gleich zur Oper und beschreibe ganz kurz: Es ist dort ein Korridor aufgebaut worden, in diesen Korridor sind die Menschen reingegangen, weil sie den Schah entweder sehen oder gegen ihn protestieren wollten. Dieser Korridor ist dann abgeriegelt worden, den Polizisten, die den Korridor bewacht haben, ist gesagt worden: Einer von denen da drin hat einen von uns umgebracht. Und dann hat man angefangen, diesen Korridor, den der Polizeipräsident – der sich das Ganze übrigens gar nicht ausgedacht hat … Der berühmte Duensing, der hat es dann später "Leberwursttaktik" genannt in dem Versuch, das Ganze zu rechtfertigen und irgendwie darzustellen, obwohl er selber nicht dafür war. "Leberwursttaktik" heißt, da reinzustechen und am Ende soll es auseinanderspritzen. Das ist nicht nur für Vegetarier ziemlich unappetitlich, es funktioniert auch nicht. Menschen rutschen ja nicht. Es wurde ein ungeheurer Druck auf ganz viele Menschen auf ganz engem Raum ausgeübt, also das Gegenteil von allem, was man weiß, was man mit Menschenmengen polizeilicherweise macht oder besser nicht macht. Erst mal das so als Beschreibung. Insbesondere die … Das möchte ich noch mal unterstreichen, dass den Polizisten von ihren eigenen Vorgesetzten, nachdem diese Versuchsanordnung schon aufgebaut war, gesagt worden ist: Die haben einen von uns umgebracht. Das ist überhaupt der entscheidende Schlüssel, um zu verstehen, dass diese Polizisten, die dann losgeprügelt haben – ich weiß nicht, wie viele Verletzte es genau gegeben hat, die Verletzungen waren teilweise sehr schwer –, dass diese Polizisten überhaupt so entfesselt losprügeln konnten. Man kann das Doping nennen.

Dobovisek: Der Polizist Karl-Heinz Kurras musste sich damals gleich drei Mal vor Gericht verantworten und wurde am Ende freigesprochen für sozusagen den Schuss auf Benno Ohnesorg, der dann tödlich war. Wie hat er seinen Schuss erklärt in dieser Situation?

Soukup: Es war nicht genau diese Situation, es war 50, 80 Meter weiter, in der Krummen Straße, ein Hinterhof, so ein Haus, so ein Neubaublock, der auf so Betonpfählen steht. Er hat sich dort … Die Demonstranten sind dort reingelaufen, Polizisten auch, Polizisten haben den Hof dann abgeriegelt. Es kamen viele irgendwie noch raus, einer der Letzten, die noch drin waren, war Benno Ohnesorg. Es waren kaum noch Demonstranten in dem Hof, als es passierte, schon das alleine macht die Formulierung, die Verteidigungsstrategie, die Kurras benutzt hat – ich bin umzingelt worden und man hat mich mit Messern bedroht und zehn, zwölf Leute haben gedroht, auf mich einzuschlagen, da habe ich meine Waffe genommen und geschossen, und da hat sich der Schuss gelöst oder wie auch immer. Es gibt auch von ihm da verschiedene Versionen, auf alle Fälle geht es immer irgendwie um die Behauptung von Notwehr. Das hat er übrigens auch mir gegenüber mündlich vor zwei Jahren wiederholt und er hat es eigentlich immer und immer wieder wiederholt, dass er aus Notwehr geschossen hat.

Dobovisek: Das heißt: Sie sagen, diese Behauptung der Notwehr sei nicht glaubwürdig?

Soukup: Diese Behauptung der Notwehr ist insofern nicht glaubwürdig, weil Benno Ohnesorg nicht weit von Kurras entfernt war, es einen Augenzeugen gibt, ein Kind, damals ein Kind – dessen Aussage nicht ernstgenommen wurde –, das genau gesehen hat, dass Kurras frei stehend war, also nicht bedrängt wurde. Kurras war ein hervorragender Schütze und Kurras konnte in der Gruppe von Polizisten, die Benno Ohnesorg festhielten – denn Ohnesorg war ja überdurchschnittlich groß –, es war ihm offensichtlich möglich, aus dieser Entfernung in den Kopf zu schießen. Er hat danach sofort heftige Anwürfe bekommen von seinen Kollegen, bist du wahnsinnig, hier zu schießen? Mir selber hat ein Polizist erzählt, der dabeistand, er hätte von der Kugel getroffen werden können, wenn die Kugel nicht im Kopf von Benno Ohnesorg steckengeblieben wäre.

Dobovisek: Sind Sie während Ihrer Recherchen zum Buch auf irgendwelche Anhaltspunkte gestoßen, die eine Verbindung für diese Tat zur Stasi vermuten lassen?

Soukup: Nein, absolut nein, und ich denke auch, dass es niemanden gibt, der in diesem Land vor zwei oder drei Tagen das auch nur mal gedacht hätte. Es ist vollkommen irre, das ist vollkommen absurd. Wir gehen jetzt mal davon aus, dass es aber so ist.

Dobovisek: Wäre das aber möglicherweise tatsächlich – weil sich ja alle nun fragen, welches Motiv könnte Kurras gehabt haben, wenn Sie sagen, Notwehr sei nicht glaubwürdig – wäre das möglicherweise ein Motiv, die Arbeit für die Stasi?

Soukup: Ich kann mir den Nutzen, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, denn das bedeutete für die Stasi sofort, dass sie ihren besten Mann in der Berliner Polizei – davon muss man wohl ausgehen, ihn so zu nennen –, dass sie ihren besten Mann sofort abschalten mussten. Ein Spion braucht immer das Dunkle und das Verborgene, und ein Spion als öffentliche Person ist vollkommen unbrauchbar. Der kommt ja auch an nichts mehr ran und der wird sozusagen natürlich auch anders beobachtet. Schon alleine das würde jetzt dagegen sprechen. Man kann natürlich jetzt wilde Verschwörungstheorien aufstellen. Die Stasi hatte ein Interesse daran, die Verhältnisse in Westberlin zu destabilisieren und so weiter und so fort. Schwierig. Wird man weiter suchen müssen.

Dobovisek: Welche Aufgaben hatte denn Kurras innerhalb der Berliner Polizei, die möglicherweise für die Stasi von Bedeutung gewesen sein könnten?

Soukup: Um es ganz kurz und auf den Punkt zu bringen: Er war Angehöriger einer Einheit, die nach Verrätern in den eigenen Reihen suchte, also – hochsensibel. Er hatte Zugang zu sehr vielen Informationen, er wusste, wer im Verdacht war, ein IM zu sein, er hätte praktisch gegen sich selbst ermitteln müssen.

Dobovisek: Das heißt auch, auf der anderen Seite, er war in der Position, eigene Leute innerhalb der Berliner Polizei zu schützen, also eigene Stasi-Leute?

Soukup: Eigentlich sogar andersherum. Er ist in die Situation sogar einmal gekommen, einen anderen IM zu verhaften, um sich selber nicht verdächtig zu machen. Er konnte sich ja nicht weigern, diesen Mann zu verhaften, der ja nun irgendwie irgendjemandem aufgefallen war.

Dobovisek: Ein Stasi-Opferverband hat bereits Strafanzeige wegen Mordes gegen Kurras gestellt. Möglicherweise werden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Müssen Sie Ihr Buch über den 2. Juni jetzt umschreiben, Herr Soukup?

Soukup: Ich muss es von daher nicht umschreiben, weil ich nicht darüber geschrieben habe, was für eine Gedankenwelt Karl-Heinz Kurras hatte. Meine Beschreibung "Warum starb Benno Ohnesorg?" bezieht sich auf die äußeren Umstände, so wie ich sie jetzt eben ganz kurz dargestellt habe. Die Motive des Täters sind eine Frage, die mich in der Tat interessieren, die ich bisher nicht aufklären konnte. Ich habe Ihnen ja gerade beschrieben, dass ich von einer Notwehrsituation nicht ausgehen kann nach allem, was ich weiß. Man muss übrigens auch dazu wissen, dass Benno Ohnesorg gerufen haben soll: "Bitte nicht schießen!", und sowas kann man nur rufen, wenn man sieht, dass auf einen gezielt wird – was auch noch mal gegen eine Notwehrsituation spricht.

Dobovisek: Aber der Schuss traf ihn doch im Hinterkopf.

Soukup: Er hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach weggedreht, er muss es gesehen haben – übrigens nicht in den Hinterkopf, sondern an die Seite, rechts über dem Ohr.

Dobovisek: Der Polizist, der vor 42 Jahren den Studenten Benno Ohnesorg in Berlin erschoss, war Mitarbeiter der Stasi. Uwe Soukup war das, er ist Autor des Buches "Wie starb Benno Ohnesorg? Der 2. Juni 1967". Vielen Dank für das Gespräch!

Soukup: Bitte!

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