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Vatikan-Kenner: Papst fehlt das Temperament zur Regierungskunst

Marco Politi über sein neues Buch "Benedikt: Krise eines Pontifikats" (Teil 1)

Marco Politi im Gespräch mit Matthias Gierth

Vatikan-Kenner Marco Politi kritisiert Papst Benedikt XVI.
Vatikan-Kenner Marco Politi kritisiert Papst Benedikt XVI. (AP)

In seinem neuen Buch kritisiert der Vatikan-Kenner und Journalist Marco Politi Papst Benedikt XVI. harsch. Zwar sei er ein brillanter Theologe, als Führungspersönlichkeit einer weltumspannenden Glaubensgemeinschaft aber versage er.

Matthias Gierth: Herr Politi, schon in der Einleitung Ihres Buches wird der Leser mit dem Satz konfrontiert: "Letzten Endes ist Joseph Ratzinger eine tragische Figur." Wie kommen Sie zu diesem Urteil?

Marco Politi: Joseph Ratzinger ist eine große Persönlichkeit. Und wenn man seine Reden hört, wenn man seine Bücher liest und seine Enzykliken auch, merkt man, wie wichtig es für ihn ist, wieder das Christentum in einer säkularisierten Gesellschaft zu beleben. Und das ist eigentlich auch das Ziel seines Pontifikats. Aber andererseits hat es in diesem Pontifikat so viele Krisen gegeben – Jahr für Jahr, wie es sie in den letzten 200 Jahren in der Kirchengeschichte nicht gegeben hat.

Und deswegen sieht man einerseits eine Persönlichkeit, die die christliche Botschaft wieder stark in die Gesellschaft bringen will, und andererseits ein Papst, der vielleicht nicht das Temperament für die Regierungskunst hat.

Gierth: Sie beschreiben Joseph Ratzinger ja auch als eine "polarisierende Persönlichkeit". Als Präfekt der Glaubenskongregation war er dies zweifellos, was von der Funktion her vielleicht auch legitim ist. Als Papst, als Pontifex, hätte er ja aber die Aufgabe, Brücken zu bauen. Ist Joseph Ratzinger auch als Kirchenoberhaupt ein Polarisierer geblieben?

Politi: Bestimmt ist er in der katholischen Welt auch als Papst polarisierend geworden. Also im ersten Jahr gab es auch sehr viele Hoffnungen, auch weil er sich sehr taktvoll, bescheiden, aber auch überzeugend vorgestellt hat und ohne auch Papst Wojtyla nachahmen zu wollen. Er hat sehr viele Sympathien erregt. Aber andererseits, zum Beispiel in der Bewertung des Zweiten Vatikanischen Konzils, in dem er immer so unterstreicht, dass das Zweite Vatikanische Konzil so gelesen sein muss in der Kontinuität der Kirche, in dem er sozusagen auch gebremst hat auf die große revolutionäre Wende des Konzils. Das hat schon Unmut hervorgerufen. Aber vor allem die Verhandlungen mit der Piusbrüderschaft, in dem sozusagen die wichtigsten Dokumente des Konzils verhandelt wurden mit den Gegnern des Konzils. Das hat die katholische Gemeinschaft gespalten.

Gierth: Eine These Ihres Buches ist: Mit einer Konklaveordnung, die bis 1996 galt und die auf das 12. Jahrhundert zurückgeht, wäre Joseph Ratzinger nie gewählt worden. Doch Johannes Paul II. hat diese Konklaveordnung geändert und die nötige Zweidrittelmehrheit für eine Papstwahl abgeschafft. Was macht Sie so sicher, dass es ohne diese Konklaveordnung, heute keinen Papst Benedikt XVI. gäbe?

Politi: Ich möchte mit meinem Buch überhaupt keine Thesen aufstellen. Ich fühle mich als Beobachter. Und als Beobachter sehe ich zum Beispiel, wie viele Krisen es gegeben hat. Als Beobachter muss ich mich auch kümmern um die Dynamiken, die sich in einem Konklave entwickeln, wenn es die eine oder andere Verfahrensordnung gibt. Also mit der tausendjährigen Verfahrensordnung, die eine Zweidrittelmehrheit fordert, ist es so, dass nicht nur eine Gruppe, die 50 Prozent plus eine Stimme hat, sich durchsetzen kann und den Papst wählen kann. Man muss immer einen breiteren Konsens haben, auch von verschiedenen Gruppen.

Indem Papst Wojtyla die Verfahrensordnung geändert hat, hat er der Pro-Ratzinger-Lobby eine starke Waffe in die Hand gegeben, in dem die Pro-Ratzinger-Lobby sagen konnte: Gut, wenn ihr nicht jetzt den Papst in den ersten Wahlgängen wählt, können wir auch 30 Wahlgänge abwarten und können wir auch eine Woche abwarten. Aber ihr von der Minderheit könnt nicht siegen und ihr müsst dann nach einer Woche unseren Kandidaten akzeptieren. Aber es wird eure Schuld sein, dass ihr der Welt eine zerrissene Kirche zeigt. Und einer der engsten Mitarbeiter von Papst Benedikt hat mir gesagt, die neue Wahlordnung war ein Fehler.

Gierth: Sie haben die Pannen des Pontifikats von Benedikt XVI. schon angesprochen – Regensburger Rede, Vatileaks-Skandal: In Ihrem Buch stellen Sie die Amtszeit von Benedikt als eine Serie von Eklats und Pannen dar, die sich geradezu systemartig wiederholen. Ist das nicht doch zu schwarz-weiß gemalt? Wenn man etwa an Benedikts Enzykliken denkt, die Ökumene mit den Orthodoxen, den Versuch, neue Gespräche zwischen Kirche, Wissenschaft und Kultur anzustoßen?

Politi: Ich muss sagen, leider habe ich das aufgezählt. Aber es ist passiert, diese ganzen Krisen. Genauso wie viele Beobachter sehen mussten, wie eine sehr große Persönlichkeit wie Präsident Obama, der so viel Enthusiasmus erweckt hatte nach seiner Wahl. Aber ein Beobachter in den Vereinigten Staaten musste doch sehen, dass die ersten vier Jahre von Präsident Obama nicht vier wunderbare Jahre waren. Also, so ist es auch in dem Pontifikat von Benedikt. Ganz bestimmt ist er ein großer Intellektueller und ein großer Theologe. Ich bin überzeugt, dass es in seinem Jesusbuch und in seinen Enzykliken sehr schöne Momente gibt, die auch ein neues gereinigtes Christentum im 21. Jahrhundert fördern können. Das ist ja auch sein Ziel. Ich bin immer sehr beeindruckt, wenn er in eine kleine Pfarrei in Rom geht und da das Evangelium erklärt. Das ist dann ergreifend für die Intellektuellen wie für die einfachen Leute. Aber ein Papst ist auch Kirchenoberhaupt einer Organisation von einer Milliarde Gläubigen, einer weltweiten Organisation. Da muss man sehen, was tut der Papst als regierende Figur. Und da hat es zu viele Versagen gegeben.

Gierth: Der Vatikan betont ja immer wieder, es handele sich um Kommunikationspannen. Warum kommen Sie zu dem Ergebnis, dass es sich um Führungsversagen handelt?

Politi: Erstens, weil auch die Kommunikation ein Zweig der Kunst des Regierens ist. Hier hat es nichts damit zu tun, ob ein Pressesprecher brillanter ist als der andere. Wir waren ja in Regensburg. Ich war einer von den vier Journalisten, der früh morgens um elf Uhr dem Pressesprecher Pater Lombardi gesagt hat: Hier wird es Probleme geben – mit seiner Rede. Und wir sind todsicher, dass Pater Lombardi diese Bedenken nach oben weitergeleitet hat. Wenn sich dann der Papst nicht darum kümmert, wenn er später einsehen muss und sagt: Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieser Vortrag so einen weltweiten Effekt haben würde, dann hat das nichts mehr mit Kommunikation zu tun. Dann bedeutet das, dass in dem Moment in Regensburg Joseph Ratzinger mehr als Professor dachte, als als kirchlicher geo-politischer Leader.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Den zweiten Teil des Interviews können Sie HIER nachhören.

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