Montag, 11.12.2017
StartseiteInterview"Eine soziale Katastrophe"11.08.2017

Venezuela"Eine soziale Katastrophe"

"Während wir miteinander sprechen, suchen Kinder im Müll nach Essen", sagte die venezolanische Oppositionspolitikerin Maria Corina Machado im Dlf. Sie forderte die internationale Gemeinschaft auf, den Druck auf Präsident Nicolás Maduro zu verstärken. Venezuela gefährde die Stabilität der gesamten Region.

Christoph Heinemann im Gespräch mit Maria Corina Machado

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Machado im blauen Hemd spricht in ein Mikrofon. Im Hintergrund sieht man unscharf eine Decke mit Kronleuchter.  (DPA / EPA / MIGUEL GUTIERREZ)
"Ich glaube, dass der größte Teil der Armee, wie auch der Rest der Gesellschaft, so schnell wie möglich einen Übergang zu Demokratie und Frieden wünscht", sagte Maria Corina Machudo im Dlf. (DPA / EPA / MIGUEL GUTIERREZ)
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Krise in Venezuela Auf dem Weg in eine Diktatur?

Christoph Heinemann: Wie ist die Lage zur Zeit in Caracas?

Maria Corina Machado: Gegenwärtig ist die Lage in Venezuela kritisch. Nicht nur wegen der humanitären Krise, die sich ausweitet und jeden Tag schlimmer wird. Auch wegen der wachsenden Unterdrückung und politischen Verfolgung der gesamten Bevölkerung durch die Diktatur von Nicolás Maduro.

"In Venezuela wird ein Krieg gegen Zivilisten geführt"

Heinemann: Glauben Sie, dass Venezuela am Rand eines Bürgerkrieges steht?

Machado: Nein, denn wir sind keine gespaltene Gesellschaft. Venezuela ist geeinter als jemals zuvor und bekämpft ein Regime, das sich aller Waffen bedient, auch des Militärs, um auf Menschen, auf friedliche Demonstranten zu schießen, die Demokratie und Frieden fordern. In Venezuela wird ein Krieg gegen Zivilisten geführt.

Seit 130 Tagen findet in unserem Land eine bürgerliche Rebellion statt. Sie sehen junge Leute, Hausfrauen, Arbeiter, Lehrer, Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung und aus allen Regionen des Landes, die Maduro auffordern, er möge gehen.    

Heinemann: Könnten Sie sich vorstellen, dass Präsident Maduro zugunsten einer Übergangsregierung zurücktritt?

Machado: Ja. Wenn alle Kräfte - nicht nur der zivile Druck, sondern auch derjenige der internationalen demokratischen Gemeinschaft - fest zusammenstehen, wird er möglicherweise verstehen, dass seine einzige Option darin besteht, Bedingungen für einen Übergang zur Demokratie zu akzeptieren. Zusammen mit Garantien für ihn, dass das Recht gilt.

Heinemann: Nach dem Angriff auf einen Stützpunkt bei Valencia am vergangenen Sonntag: Wird Venezuelas Armee Präsident Maduro weiterhin unterstützen?

Machado: Was wir am Sonntag gesehen haben, zeigt, dass Gruppen in der Armee zum Ausdruck bringen, dass sie nicht länger Befehle der Diktatur zur Unterdrückung unterstützen werden. Am interessantesten waren die Reaktionen des Restes der bewaffneten Kräfte auf die Ereignisse von Valencia.

"Wir sind nahe daran ein gescheiterter Staat zu sein"

Heinemann: Welche Reaktionen?

Machado: Die Tatsache, dass sie nicht eingegriffen haben. Die Tatsache, dass ihnen der Angriff auf den wichtigsten Stützpunkt unseres Landes gleichgültig war. Dort wurden Waffen herausgeschafft. Und es gab keine Reaktion.

Heinemann: Sie meinen also, Präsident Maduro kann nicht sicher sein, dass die Streitkräfte ihn weiterhin unterstützen?

Machado: Absolut. Im Land denkt der größte Teil der Streitkräfte Venezuelas genauso über die Diktatur wie der Rest der Gesellschaft. Diese Diktatur hat mitten im größten Öl-Boom unserer Geschichte dem Land Hunger, Gewalt, Tod und Angst gebracht. Wir sind nahe daran, ein gescheiterter Staat zu sein. Das Land hat sich zu einem kriminellen und anarchischem Staat entwickelt. Ich glaube, dass der größte Teil der Armee, wie auch der Rest der Gesellschaft, so schnell wie möglich einen Übergang zu Demokratie und Frieden wünscht. 

"Es geht um einen existenziellen Kampf um Würde, Freiheit und Frieden"

Heinemann: Wer führt die Proteste an?

Machado: Wie ich gesagt habe: Es handelt sich um eine bürgerliche Rebellion. Zwar tragen politische Parteien eine wesentliche Verantwortung dafür, dass es eine friedliche und nicht gewalttätige Bewegung bleibt. Studentenführer und Gewerkschaftsführer haben sich den Protesten kürzlich angeschlossen. Viele Bürger haben Bürgerinitiativen organisiert. Es geht über materielle Forderungen hinaus. Es geht um einen existenziellen Kampf um Würde, Freiheit und Frieden.

Heinemann: Was antworten Sie jenen, die sagen, hier ist eine rechte Opposition am Werk, die ihre Privilegien wieder haben möchte?

Machado: So jemand verfügt über keine Vorstellung von dem, was passiert. Der war nicht hier unterwegs und hat die Stimmen der Venezolanern nicht gehört. Glauben Sie mir: Mit rechts oder links hat das überhaupt nichts zu tun. Hier geht es um einen Kampf gegen ein totalitäres Regime.

Heinemann: Der Kampf gegen das sozialistische Regime heißt doch nicht automatisch Kampf für Demokratie und für soziale Gerechtigkeit?

Machado: Ich spreche von dem Kampf gegen dieses totalitäre Regime. Und das hat die gesamte venezolanische Gesellschaft verstanden. Deshalb unterstützen Menschen, die Präsident Chavez nahe standen und seine linken Ideen geteilt haben, das gegenwärtige Regime jetzt nicht mehr. Ein Regime, das sich zu einer Mafia- und Verbrecherorganisation entwickelt hat.

"Während wir miteinander sprechen, suchen Kinder im Müll nach Essen"

Heinemann: Präsident Maduros Unterstützer sagen, Venezuela sei ein Land, in dem kostenlose Bildung und Gesundheitsfürsorge ein Recht ist und kein Privileg. Stehen diese Rechte auf dem Spiel?

Machado: Als Hugo Chavez vor 20 Jahren an die Macht kam, kostete ein Fass Öl acht Dollar. Der Preis stieg auf über 150 Dollar. Gegenwärtig steht er noch über 50 Dollar. In diesen 20 Jahren ist die Armut von 40 auf über 80 Prozent gestiegen. Während wir miteinander sprechen, suchen Kinder im Müll nach Essen. Neugeborene sterben in unseren Krankenhäusern, in denen nicht einmal die Basishilfe geleistet wird. Eine Hilfe, die ihnen die Chance auf Leben geben könnte. Die Malaria, die für Jahrzehnte ausgelöscht war, ist in verschiedenen Bundesstaaten Venezuelas wieder ausgebrochen und tötet schwangere Frauen. Hier herrscht eine soziale Katastrophe und eine humanitäre Krise. Das hat die Welt endlich erkannt. Das Regime möchte unsere Stimmen und unsere freie Presse zum Verstummen bringen, damit diese Informationen nicht über unsere Grenzen gelangen. Aber dafür ist es schon zu spät. 

Heinemann: Die ehemalige Generalstaatsanwältin Luisa Ortega hat gegen Sie wegen des Verdachts eines Umsturzes und sogar eines geplanten Mordanschlags auf Präsident Maduro ermittelt. War Luisa Ortega Teil des Regimes?

Machado: Ja, und das war das dritte Mal, dass sie mich als Staatsanwältin angeklagt hat. Ich bin Zeugin, wie diese Personen, die sich dem Regime gegenüber loyal verhielten, mit diesem Regime gebrochen haben. Aus verschiedenen Gründen: Inzwischen gibt es Informationen über die wahre Natur des Regimes, das im Drogengeschäft gedealt, Geldwäsche betrieben und terroristische Gruppen im Mittleren Osten unterstützt hat. Wenn Personen, die dem Regime nahe standen und wichtige Positionen innehatten, heute mit diesem Regime brechen, ist das ein Beweis dafür, dass wir uns gerade Richtung Übergang bewegen.

"Dieser Staat hat sich zu einer Bedrohung der Stabilität und Sicherheit der ganzen Hemisphäre entwickelt"

Heinemann: Sind Sie Optimistin oder Pessimistin?

Machado: Ich bin Optimisten, weil ich unserem Land und meinem Volk vertraue. Und ich sehe, dass die internationale Gemeinschaft die kriminelle Gleichgültigkeit beendet und verstanden hat, dass wir von Rhetorik zu Taten kommen müssen. Es geht nicht nur um das Leben von uns Venezolanern, das täglich viele Menschen durch dieses Regime verlieren. Dieser Staat hat sich zu einer Bedrohung der Stabilität und Sicherheit der ganzen Hemisphäre entwickelt. Ich bin sehr optimistisch. Wir werden sehen, dass bald ein starkes, stolzes, gerechtes und freies Venezuela entstehen wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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