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StartseiteBüchermarktVeränderung eines Mythos'15.08.2005

Veränderung eines Mythos'

Philosoph über das biblische Paar Eva und Adam

Eva war schuld, die erste und größte Sünderin aller Zeiten. Seit sie am Apfel kaute, war es aus mit der paradiesischen Ruhe. Das hat man ihr lange übel genommen, erst seit der europäischen Aufklärung mochte man wieder etwas milder mit ihr umgehen. In dem Buch "Eva und Adam" hat der Philosoph Kurt Flasch auf engem Raum die Lesefrüchte eines fleißigen Gelehrtenlebens zusammengetragen und gesammelt, was von großen und kleinen Theologen zu Paradies und Sündenfall geschrieben und gelehrt worden ist.

Von Kersten Knipp

Die verbotene Frucht (AP)
Die verbotene Frucht (AP)

Die Zeit ist knapp, besonders in diesen Tagen: Sie läuft und läuft und läuft, doch eigentlich läuft sie nicht - sie rast. Weißt du am Ende der Woche, was du an ihrem Anfang getan hast? Nein? Dann liegt das nicht zuletzt daran, dass du ein Sünder bist, genauer: ein Erbsünder. Doch nicht nur du - auch ich, mein Nachbar, der Mensch vor mir an der Kasse, der hinter mir auch, wir alle miteinander. Die Zeit also drängt; aber, und das ist das Tröstliche an dieser unendlichen Verlustgeschichte, sie drängt nicht nur heute. Sie drängt, seit Gott den Menschen aus dem Paradies gejagt hat.

Schuld daran, so die einhellige Meinung der Theologen, war sie: Eva, die größte und erste Sünderin aller Zeiten. Seit sie am Apfel kaute, war es aus mit der paradiesischen Ruhe. Das hat man ihr lange übel genommen, erst seit der europäischen Aufklärung mochte man wieder etwas milder mit ihr umgehen, ja mehr noch, ihr für den Biss in die verbotene Frucht sogar ausgesprochen dankbar sein. Als "glücklichste und größte Begebenheit der Menschengeschichte" feierte etwa Schiller den Sündenfall, führte er doch, so der Dichter weiter, ins "Paradies der Erkenntnis und der Freiheit." Doch da war es schon so weit: Das Paradies wurde allegorisch gedeutet, man nahm es als Bild für dieses und jenes, dachte aber längst nicht mehr daran, die Schöpfungsgeschichte beim Wort zu nehmen.

Wie lang man sie beim Wort nahm, auch darüber gibt "Eva und Adam", das jüngste Buch des emeritierten Philosophen Kurt Flasch, Auskunft. Wie es auf seinen gut hundert, anschaulich bebilderten Seiten überhaupt jede Menge Auskünfte gibt. Auskünfte, von denen manche heute wieder ganz besonders tröstlich sein dürften. Etwa der, dass das Paradies zwar zeitlos war, wie etwa der Erzbischof James Ussher noch 1650 behauptete. Dass Eva und Adam aber trotzdem nur eine äußerst kurze Zeit in ihm verbrachten: Wenige Stunden nur, behaupteten einflussreiche Theologen. Exakt sieben Stunden, versicherte Dante. Eine Nacht, von Freitag auf Samstag, vermutete Luther. Einen großen Unterschied mag das nicht machen, schließlich herrschte im Paradies bekanntlich ein ewiger Frühling, und in dieser milden Jahreszeit sind die Nächte bekanntlich sehr kurz. Vielleicht waren es acht, vielleicht neun. Auf jeden Fall war es eine Nacht im Oktober 4004 vor Christus, wie besagter Bischof Ussher wusste.

Man erfährt also viel in Flaschs dünnem Buch. Etwa auch, wo es gelegen haben könnte. Im Osten, durch Meer und Wüste von allen bewohnten Gebieten getrennt, wahrscheinlich in Höhe des Mondkreises, deswegen sei es auch in der Sintflut nicht untergegangen, wie der Bischof Petrus Lombardus im 12. Jahrhundert behauptete. Nein, erwiderte Albertus Magnus, es habe am Äquator gelegen. Unmöglich, widersprach Thomas, dort sei es zu heiß, es müsse weiter unterhalb liegen. Und zwar auf einer Insel im Ozean, fügte Dante hinzu. Er persönlich wisse nicht, wo es liege, bekannte, ungleich ehrlicher, sein Zeitgenosse Duns Scotus.

Es ließe sich fortfahren mit dem Reigen der Meinungen, Spekulationen und Vermutungen. Auf engem Raum hat Kurt Flasch die Lesefrüchte eines fleißigen Gelehrtenlebens zusammengetragen, gesammelt, was von großen und kleinen Theologen zu Paradies und Sündenfall gedacht, geschrieben und gelehrt worden ist. So wird das Buch zu einer informativen Lektüre. Und auch, dank Flaschs ironischer Tonlage, zu einer amüsanten. Jedenfalls für den, der der Theologie einen vergnüglichen Aspekt abzugewinnen grundsätzlich bereit ist. Wer nicht, mag mit diesem Ton seine Schwierigkeiten haben.

Nicht nur mit dem Ton indes, sondern mit der Anlage des gesamten Buchs wird der seine Schwierigkeiten haben, der theologischen Fragen ohne allzu große Leidenschaft gegenüber tritt. Ihn wird Kurt Flasch aus seinem Gleichmut nicht herausreißen. Wozu das Ganze, mag man sich fragen. Weshalb und warum dachte man so viel über die beiden alttestamentarischen Geschichten vom Sündenfall nach, Texte, die den meisten heutigen Menschen ganz und gar rätselhaft, um nicht zu sagen: gleichgültig sind? Was faszinierte die Menschen früherer Zeiten an der Geschichte von Paradies und Sündenfall, was trieb sie, sich mit ihnen so inbrünstig auseinanderzusetzen? Darüber verliert Flasch kaum ein Wort. Sicher, er muss es nicht. Und dass er dies auch gar nicht beabsichtigt, teilt er seinen Lesern schon in den ersten Zeilen seines Buches mit. Er rede, bekennt Flasch, "als Historiker von Bildern und Ideen". Und am Ende des Vorworts schwingt er sich auf zu einem Lob von Textkritik und Textgeschichte: "Zauberkraft der Philologie. Sie erreicht auf schwankendem Boden Sicheres. Freilich nur über die Meinungen der Menschen." Leider, möchte man anschließen. Denn Meinungen gibt es viele. Und Flasch hat deren Geschichte geschrieben. Meinung reiht sich an Meinung, und alle zusammen ergeben diese Meinungen einen Überblick über die Entwicklung einer sich wandelnden Motivgeschichte. Nur: Warum wandelte sie sich? Sicher, naturwissenschaftliche Erkenntnis ließ manche Deutung nicht mehr haltbar erscheinen. Die Theologen suchten ihr Heil darum in der Allegorie, der bildlichen Deutung. Aber das wusste man auch schon vorher. "Der Westen", fasst Flasch die Ergebnisse seines Buches gegen dessen Ende zusammen, "hat den altorientalischen Stoff gräzisiert und systematisiert; er hat ihn interiorisiert und gleichzeitig positiviert; er hat ihn allegorisiert und gegen das Allegorisieren angekämpft. Gesiegt hat die Allegorie."

Eva hat das nur gut getan. Als "auctrix peccati", "Urheberin der Sünde", bezeichnete sie im achten Jahrhundert Bischof Ambrosius Autpertus. "Viro culpae auctor est mulier", "Die Frau wurde dem Mann zum Urheber der Schuld". Eva, so sah er es, ist zwar nötig, damit die Menschen sich mehren. Ansonsten aber ist sie von Übel. So geht es weiter, durch Mittelalter, und frühe Neuzeit, bis an den Anfang des 18. Jahrhunderts. Und erst im Laufe des 19., so Flasch, "konnten Adam und Eva völlig frei gestaltet und umgestaltet werden. Eva wurde das Bild beliebiger Schönheit und/oder Verdorbenheit; jetzt gab es die künstlichen Paradiese der drogati und der science ficition." Und Eva war wurde vom Vorwurf der Ursünde entlastet.

Schön für sie – und bedeutsam für Europa. "Die intellektuelle und künstlerische Arbeit an den uralten Erzählungen wurde ein Element der europäischen Identität", schreibt Flasch. Die Geschichte dieser Arbeit am Mythos verlief in recht voneinander geschiedenen Arbeitsschritten. Als da wären: "Gräzisierung": Der Angriff antiker Rationalität auf die alttestamentarische Sinnlichkeit. Systematisierung: Abgleichung der Logik der Sündengeschichte mit den jüngeren Schichten der hebräischen Bibel und des Neuen Testaments durch Juden beziehungsweise Christen. Interiorisierung: Deutung der Sündengeschichte als Seelendrama - man könnte auch von Psychologisierung reden. Und schließlich die Positivierung: das, Zitat Flasch, "Beharren auf der positiven Gegebenheit des Erzählten", der Versuch also, sie geschichtlich zu verorten – ein fundamentalistischer Rettungsversuch mithin, im Westen bislang ohne allzu großen Erfolg betrieben.

Motivgeschichte ist gut. Besser, anschaulicher, ergiebiger wäre sie, sie berücksichtigte auch die Sozialgeschichte der Kultur. Dann hätte man diesem Buch ungleich mehr abgewinnen können. So bleibt es seltsam zeitlos, merkwürdig verwandt mit jener Geschichtslosigkeit, wie sie einst im Paradies geherrscht haben muss. Mit diesem oder besser, mit dessen frommen Ausdeutungen will Flasch zwar erkennbar nichts zu tun habe. Eben darum aber hätte er sein Buch entschieden weiter im Terrain binnenweltlicher Realgeschichte verorten sollen.

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