Samstag, 16.12.2017
StartseiteInterview"Das halte ich alles für übertrieben"04.01.2014

Verbotsdebatte für DDR-Symbole "Das halte ich alles für übertrieben"

In dem Vorstoß, DDR-Symbole in der Öffentlichkeit verbieten zu lassen, sieht der Theologe Friedrich Schorlemmer politische Paranoia. Über das öffentliche Schautragen von NVA-Uniformen sagt er im Deutschlandfunk: "Das ist peinlich, was die machen, das ist gruselig, aber es ist nicht gefährlich."

Friedrich Schorlemmer im Gespräch mit Thielko Grieß

Das Staatswappen der DDR: Hammer und Zirkel.  (picture-alliance/dpa/Wolfram Steinberg)
Schorlemmer: "Ich warne einerseits vor Verklärung und andererseits auch vor Dämonisierung des Lebens in der DDR. Wir waren nicht in Nordkorea!" (picture-alliance/dpa/Wolfram Steinberg)
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Die ewige Diskussion um das Verbot (Deutschlandfunk, Kommentar, 03.01.2014) 

Thielko Grieß: In Hohenschönhausen hat die DDR-Staatssicherheit Häftlinge einst eingesperrt und unter Druck gesetzt. Heute ist dieser Ort in Berlin eine Gedenkstätte, geleitet von Hubertus Knabe. Und der hat nun einen Vorschlag wiederholt, den er früher schon einmal auf den Tisch gelegt hat: Er hat vorgeschlagen, Symbole aus der DDR künftig am besten nur noch in Museen und Gedenkstätten zu zeigen, aber nicht mehr in der Öffentlichkeit. Dort sollten sie verboten werden. Also kein Hammer mehr, kein Zirkel, kein FDJ-Hemd und keine NVA-Uniform. Über diesen Vorschlag habe ich vor dieser Sendung mit Friedrich Schorlemmer gesprochen, Theologe, Mitbegründer von Bürgerrechtsbewegungen in der DDR und heute Publizist. Einen guten Morgen nach Wittenberg!

Friedrich Schorlemmer: Guten Morgen!

Grieß: Gehört die NVA-Uniform in den Giftschrank?

Schorlemmer: Nein. Also, wer meint, die dort zeigen zu müssen, der ist nicht ganz dicht, aber der ist nicht gefährlich. Ich sehe in diesen Verbotsvorstellungen und Verbotswünschen politische Paranoia. Also, das sind wahnhafte Vorstellungen, als ob etwa Stasi-Opfer am 9. Mai am Treptower sowjetischen Ehrenmal spazieren gegangen wären und dadurch beleidigt worden wären. Also, darin ist ein immer wieder und wieder reanimierter Verfolgungswahn. Diese Herren haben doch weder Macht noch Zustimmung. Das ist peinlich, was die machen, das ist gruselig, das ist lachhaft, das ist grotesk, das ist geschmacklos – aber es ist nicht gefährlich. Und ich find es nur auch am Brandenburger Tor, ich hab das jetzt neulich gesehen. Das ist einfach eine dümmliche Sache, um da ein bisschen Geld ran zu holen durch die Fotos, die man da mit sich machen lässt. Und das ist für jemand, der in der DDR gelebt hat, nicht angenehm, aber doch letztlich grotesk und nicht gefährlich.

Grieß: Noch mal ganz kurz in einem Satz: Wer ist nicht ganz dicht, und wer leidet an politischer Paranoia?

Schorlemmer: Wer da fordert, dass wir das verbieten sollten. Das würde ja den Reiz solcher Aktionen nur noch erhöhen. Bisher ist das – ja, sollte man darauf nicht reagieren, sondern sich beschämt abwenden, mehr nicht.

 

Friedrich Schorlemmer (dpa / picture alliance / Michael Reichel)Friedrich Schorlemmer war einst Mitbegründer von Bürgerrechtsbewegungen in der DDR. (dpa / picture alliance / Michael Reichel)

 

Grieß: Also sehen Sie nicht die Gefahr der Verniedlichung, wenn zum Beispiel so, wie Sie es gerade zitiert haben, an bestimmten Gedenktagen die Uniformen von einst wieder rausgekramt werden und an solchen Orten aufgeführt werden.

Schorlemmer: Na ja, das sind Menschen, die darunter leiden, dass sie so jäh abgestürzt sind. Diese Veteranen, die für diese eingemauerte Republik gekämpft haben, für die das ihre Heimat und ihr Projekt war. Manche meinen das wahrscheinlich auch ganz ernst, dass sie an den Tag der Befreiung vom Faschismus erinnern wollen und dazu auch noch ihre Uniform anziehen. Was anderes wäre es, wenn nun Mauerschützen ihre Taten verherrlichen würden oder wenn Stasi-Untersuchungsoffiziere in heutigen Justizorganen tätig würden, das würde ich gern wirklich ausschließen. Aber ansonsten dürfen wir auch aus denen keine Märtyrer machen. Ich sag ihnen, solche Aktionen überleben sich dadurch, dass wir sie nicht achten. Ich kann nicht sehen, dass das irgendeine Zustimmung im Osten Deutschlands finden würde, außer bei ein paar Leuten, die tatsächlich verpasst haben, in der neuen Welt zu leben. Aber es gibt eben auch Kommunisten, die leben jetzt in der neuen Zeit, und die sind auch Demokraten geworden. Und denen muss man das auch gestatten, finde ich, und nicht laufend sagen, du warst doch früher mal in der SED. Mensch, achten wir doch Leute, die aus einer verführten Ideologie in die Demokratie eingewandert sind!

Grieß: Haben Sie Verständnis für Menschen, die, so wie Sie auch, DDR-Erfahrungen haben, womöglich auch gelitten haben und sich heute nicht nur allein komisch vorkommen, sondern sozusagen im Innersten berührt, wenn sie etwa auch an Touristenattraktionen sehen müssen, dass manche Embleme heute feilgeboten werden?

Schorlemmer: Ja, das ist aber schon gleich nach 1990 gewesen, sogar in Massen vor dem Brandenburger Tor. Und ich finde es andererseits richtig, dass man alles tut gegen die Diktaturverklärung, aber nicht behauptet, diese sei schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen und man müsse die Opfer vor der Verherrlichung ihrer Peiniger schützen – das halte ich alles für übertrieben. Wichtig finde ich, dass wir eine Debatte führen, so wie es auch Hubertus Knabe vorgeschlagen hat, über Zivilcourage, über Anpassungszwänge und über den aufrechten Gang und den Mut, seine Meinung zu sagen und den Mut, rechtzeitig den Mund aufzumachen, zum Beispiel gegenüber den globalen paranoischen Verhaltensweisen der NSA.

Grieß: Wir stehen, Herr Schorlemmer, am Anfang eines Gedenkjahres. In diesem Jahr 2014 wird an verschiedene Dinge gedacht, nicht nur des Beginns des ersten Weltkrieges, sondern auch des Falls der Berliner Mauer vor dann 25 Jahren am Ende dieses Jahres. Aber das alles wird sich durchziehen wie ein roter Faden. Was sagt denn das über das Geschichtsbild Gesamtdeutschlands aus, wenn wir heute immer noch solche Debatten über Elemente, über Symbole der DDR führen?

Schorlemmer: Dass wir uns offensichtlich nicht von dieser DDR nach 25 Jahren verabschieden konnten. Ich finde, wir können sie wirklich jetzt verabschieden. Wir haben wunderbare wissenschaftliche Werke darüber, wir haben wunderbare Filme darüber, die uns aufklären können, wie die "Sonnenallee", "Good bye Lenin" oder "Heimweh nach drüben" oder "Novemberkind" oder den "Turm" - Dinge, die doch aufbewahren, was es da früher gegeben hat. Und ich warne einerseits vor Verklärung und andererseits auch vor Dämonisierung des Lebens in der DDR. Wir waren nicht in Nordkorea!

Grieß: Darf die Schlagzeile also lauten, "Friedrich Schorlemmer fordert einen Schlussstrich unter die DDR-Aufarbeitung"?

Schorlemmer: Nein. Friedrich Schorlemmer fordert keinen Schlussstrich, sondern er fordert eine differenzierende Betrachtung dessen, was da gewesen ist, indem man auch den Menschen gerecht wird, die einer Utopie gefolgt sind, ohne dass sie Verbrecher waren. Aber sie waren wegen der Utopie auch einer Partei gefolgt. Von diesem Irrtum sind wir und sind diese auch befreit. Das sollten wir auch feiern und dabei nicht verkleinern, was da Leute auch an Schlimmem erlebt haben, aber auch nicht so tun, als wenn der DDR-Bürger von morgens bis abends an die Stasi gedacht hätte.

Grieß: Wenn wir über Erinnerungsarbeit und Erinnerungskultur, differenzierende Betrachtungen, wie Sie das nennen, sprechen – welche Marksteine, welche – da sind sie wieder – welche Symbole wünschen Sie sich, die künftig in der Erinnerung an die DDR eine Rolle spielen sollen?

Schorlemmer: Na, zum Beispiel, dass wir es 1989 geschafft haben, mit Kerzen und Liedern und Reden und runden Tischen eine Diktatur loszuwerden und aus eigener Kraft demokratische Strukturen geschafft haben. Das ist doch in der deutschen Geschichte einmalig, und ich finde, das sollten wir auch gemeinsam, gesamtdeutsch erinnern.

Grieß: Haben Sie das Gefühl, dass das ähnlich erfolgreich klappen könnte, wie es ja bislang auch gelungen ist, die Erinnerung an ganz andere Elemente der vorigen deutschen Diktatur, der NS-Diktatur wachzuhalten?

Schorlemmer: Ja. Wir müssen beides wachhalten und gleichzeitig beides unterscheiden; die Parallelitäten auch sehen, aber doch an der Unterscheidung festhalten.

Grieß: Ich frage deshalb, weil es ja immer wieder auch Studien gibt, die etwa unter Schülern verschiedenen Alters nachfragen, die aber mit dem Namen Honecker herzlich wenig anfangen können.

Schorlemmer: Ja, in Ost und in West.

Grieß: Sowohl als auch, richtig.

Schorlemmer: Das ist schwierig, da ist aber überhaupt das gesamte politische Wissen und das politische Interesse der Heranwachsenden doch, finde ich, beängstigend gering. Das betrifft nicht nur die DDR.

Grieß: Und in diesem Sinne wäre es womöglich sogar zuträglich oder sinnvoll, manche DDR-Symbole in der Öffentlichkeit nach wie vor zu zeigen?

Schorlemmer: Wenn manche meinen, das zeigen zu müssen – also, ich glaube nicht, dass sie irgendwo Beifall finden. Ich würde die auf keinen Fall verbieten, weil wir damit diese Aktionen nur aufwerten würden.

Grieß: Friedrich Schorlemmer, Theologe, Mitbegründer von Bürgerrechtsbewegungen in der DDR und heute Publizist bei uns im Deutschlandfunk im Gespräch über den Vorschlag, verschiedene DDR-Symbole in der Öffentlichkeit zu verbieten. Herr Schorlemmer, ich bedanke mich für das Gespräch!

Schorlemmer: Ja, ich danke Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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