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Seit 07:30 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktVerbrechen aus Leidenschaft27.01.2004

Verbrechen aus Leidenschaft

Tomás Eloy Martínez über den Flug einer Königin

<em> Mit den journalistischen Texten bin ich Chronist meines Landes. Im Roman über Juan Perón aber erfand ich diese Figur neu. Das kommt daher, daß mir der Präsident 1970 seine Memoiren diktiert hat. Ich entdeckte darin große Lücken, denn er versuchte, sich selbst ein Denkmal zu setzen. Deshalb machte ich es mir zur Aufgabe, meinem Land, das 30 Jahre im Schatten dieses Mannes stand und immer noch in dessen Schatten steht [...] – das wahre Bild von Perón zu vermitteln, so wie ich ihn sehe. </em>

Evita Bauer

Tomás Eloy Martínez, "Der Flug der Königin", Coverausschnitt (Suhrkamp)
Tomás Eloy Martínez, "Der Flug der Königin", Coverausschnitt (Suhrkamp)

Ein anderes literarisches Verfahren brachte Tomás Eloy Martínez mit seinem Buch über den argentinischen Nationalmythos Evita Perón den Erfolg als Schriftsteller:

Im Fall meines Romans Santa Evita war es anders. Er wurde für mich zum Spiel mit den Historikern meines Landes, die meinten, schon alles über Evita zu wissen. Ich warf Licht auf die dunklen Ecken in Eva Peróns Lebenslauf - da setzte ich die Fiktion an. Das Neue meiner Erzählweise ist, mich nicht auf ihr Leben, sondern auf ihren Tod zu stützten. Auf das, was dem Leichnam von Evita Peron widerfuhr.

Der neue Roman des Argentiniers, Der Flug der Königin , handelt von einem Verbrechen aus Leidenschaft. Im Mittelpunkt steht der sechzigjährige Chefredakteur einer großen Tageszeitung in Buenos Aires. Es ist die alte Geschichte: Auf dem Zenit von Macht und Erfolg verliebt er sich in eine junge, begabte Mitarbeiterin. Die graue Maus mutiert zur Karrierefrau, die es an der Seite ihres Mentors jedoch nicht lange aushält. In dem Maße, in dem sich die Geliebte von ihm abwendet, beginnt sie der alternde Despot perfide zu strafen. Abermals ein erfolgversprechendes Thema: Wut und Rachsucht eines verlassenen Machos - von Tomás Eloy Martínez effektvoll in Szene gesetzt. Als langjähriger Filmkritiker vertraut der Autor auf die Erzähltechniken des Kinos. Am Anfang des Romans steht in erprobter Krimi-Manier ein Voyeur:

Das Bild des Voyeurs hat eine lange Tradition in der Literatur. Ich glaube, es ist nicht der originellste Teil meines Romans. Die Anfangsszene war jedoch unumgänglich, um die beiden Hauptfiguren darzustellen: die ausweichende, kühle Art der Heldin Reina Remis und dagegen den besitzergreifenden, verschlingenden, chauvinistischen, dominanten Charakter des Protagonisten Camargo.

Tomás Eloy Martínez führt die Leser an Abgründe – dies allerdings bisweilen seicht psychologisierend wie in einem Fernsehkrimi. Männliche Allmachtsphantasien und Zerstörungswut wurzeln bei ihm in einer tragischen Kindheit.

Psychologisch bestimmend für die Hauptfigur ist die Verlassenheit. Camargo fühlt sich von der Mutter verlassen und später von seiner Geliebten Reina. Ich nehme jetzt zwar den Schluß vorweg, aber als er Reina tötet, tötet er beide. Mit dieser Tat löscht er auch die Erinnerung, das Bild seiner Mutter, die ihn verlassen hat, seine gesamte Vergangenheit aus. Mit Reina zerstört er alles was er hat. Alles was er ist wird zu einem Nichtsein.

Wie aber bitte ist man im "Nichtsein" ? Martínez liebt Kryptisches - anderseits verankert ihn der Riecher für eine "gute Story" in der Wirklichkeit. Schließlich ist er seit über fünfzig Jahren ein erfolgreicher Journalist. So berichtete er bereits zwei Jahre vor Erscheinen des Romans in der argentinischen Presse über einen exakt identischen Fall in Brasilien. Diese reale Vorlage, nämlich den "Fall Pimenta Neves", in dem ein brasilianischer Chefredakteur seine Geliebte tatsächlich erschoß, hat der Schriftsteller in den Roman montiert. Ein simpler Griff des inzwischen in den USA lehrenden Autors.

Bei einem Treffen im Rahmen meiner Universität, erzählte ich zwei brasilianischen Journalisten die Geschichte des Romans, an dem ich arbeitete. Monate später ...erhielt ich einen Anruf aus Sao Paolo, in dem mir folgendes mitgeteilt wurde: "Sie gehören zu den 10 Personen, die am vergangenen Freitag mit Herrn Pimenta Neves telefoniert haben. Bitte sagen Sie uns, worüber Sie gesprochen haben" Darauf antwortete ich: "Sie können gerne wissen, worüber ich mit ihm gesprochen habe. Wenn Sie allerdings erfahren möchten, was er gesagt hat, müssen Sie ihn schon selbst fragen." "Das können wir nicht, weil er gestern seine Geliebte umgebracht hat und seit dem abgetaucht ist." Ich gab zur Antwort : "Aber genau diese Geschichte widerfährt der Figur meines Romans." In diesem Fall holte die Wirklichkeit die Fiktion ein.

Wie glaubwürdig ist aber dieses Märchen vom Krimiautor, der das Drehbuch für eine Tat liefert? Die spanischsprachige Kritik stellte die politische Dimension des Buches heraus: die Einsamkeit der Hauptfigur wurde zur Metapher des in der Krise alleingelassenen Argentiniens. Für den heute 70järigen Autor ist der Roman hingegen in erster Linie eine Parabel für Begierde und - über die Macht. Martínez wollte die in seiner Heimat allgegenwärtige Korruption darstellen. Für Zeitungsmagnat Camargo ist im Roman die Überführung des korrupten Präsidenten bloßes Machtspiel. Ist auch die Figur des Präsidenten frei erfunden?

Ungeachtet möglicher Ähnlichkeiten zwischen meiner Romanfigur und dem argentinischen Expräsidenten Menem – es wäre eine gesunde Reaktion, wenn meine Figur den Politiker in Verruf brächte.

Mit Büchern über die Wirklichkeit siegen: Die erdichtete Evita verdrängt die reale, der erfundene Perón den echten, Camargo den "Fall" Pimenta Neves und der korrupte Politiker im Roman entlarvt den wirklichen. - Dichtung und Wahrheit sind bei Martínez so eng verwoben, daß Erfundenes – wie der Autor stolz behauptet – für Fakten gehalten werden. Der Journalismus mit der Verpflichtung zur Wahrheit blieb für ihn immer Brotberuf. Zum Schriftsteller aber fühlte er sich seit seiner Kindheit berufen:

Tatsächlich steht mein ganzen Leben im Zeichen der Literatur. Der Journalismus kam erst viel später. Mit acht, neun Jahren begann ich Geschichten und Gedichte zu schreiben. Journalist wurde ich aus finanzieller Not, weil ich mit meinem Literaturstudium kein Geld verdienen konnte. Das heißt, ich bin ein Schriftsteller aus Leidenschaft und nur ein improvisierter Journalist.

"Improvisiert" liest sich zuweilen leider auch die deutsche Übersetzung vom "Flug der Königin". Sprachschöpfungen wie "glühende Höhlung", "Staubeinsamkeiten", "alleiner als sonst" und der Zungenbrecher "Stachelschweinstacheln" sorgen neben zahlreichen Stilblüten für Heiterkeit.

Dich hat die Dunkelheit geblendet, weil sie zu sichtbar war.

Was sagt uns dieser Text? Oder:
Sprecher/Zitat:
Ihr Blutdruck war so gesunken, daß ihr das Blut gefror.

Und an anderer Stelle

Je mehr die Nacht den Platz aller Dinge einnahm, desto schwächer wurde das Summen des Staubes.

Schiefe Bilder zu korrigieren, wäre eigentlich Aufgabe des Lektorats gewesen.
- Mit Jorge Luis Borges fordert Martínez für sich "Sprache habe nicht schön, sondern effizient zu sein". Ein Anspruch, von dem er noch weit entfernt scheint.

Auch im nächsten Buch dieses Chronisten mit literarischen Ambitionen geht es erneut um Argentinien – und um den Tango. Das verspricht dem Suhrkamp Verlag schon vorab einen weiteren Beststeller. Vorerst freut sich Tomás Eloy Martínez über die 196 000 Euro des spanischen Alfaguara-Preises, gegen den der Büchner-Preis fast ein wenig schäbig wirkt.


Tomás Eloy Martínez
Der Flug der Königin
Suhrkamp, 281 S., EUR 22,90

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