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Verbrechen der Menschheitsgeschichte

Ben Kiernan: "Erde und Blut. Völkermord und Vernichtung von der Antike bis heute", DVA

Von Niels Beintker

Völkermord hat eine lange Tradition: Friedhof in Ruanda
Völkermord hat eine lange Tradition: Friedhof in Ruanda

Auf 30 Millionen wird die Zahl der Opfer der verschiedenen Völkermorde des 20. Jahrhunderts geschätzt. Die Geschichte des Völkermords reicht aber viel weiter zurück, wie der Historiker Ben Kiernan zeigt.

Hanns Johst, der Poet der NSDAP, sah einen großen historischen Augenblick gekommen: Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 fuhr er zusammen mit Heinrich Himmler durch die besetzten Gebiete. Überall erblickte Johst neues Bauernland und träumte davon, wie er seinem Tagebuch anvertraute, dass der deutsche Pflug alles verändern werde, zum besseren natürlich. Mit seinem Bauernkult war der braune Barde keineswegs allein. Der Mythos vom reinen deutschen Ackerland war weit verbreitet im Dritten Reich. Er sollte deshalb durchaus in einem Zusammenhang gesehen werden mit dem Mord an den europäischen Juden, glaubt der amerikanische Historiker Ben Kiernan. In seinem umfangreichen Buch über die Völkermorde seit der Antike zählt er solche Agrar-Ideologien zu den wichtigen Vorbedingungen dieser großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Vielen Völkermordaktionen, so die These, sei eine politische Überhöhung der Landwirtschaft vorausgegangen. Mit anderen Worten: Erst wurde öffentlichkeitswirksam die angebliche Heiligkeit des Bodens beschworen, um dann, auf dieser geistigen Grundlage, die massenhafte Ermordung von Menschen, die man vorher zu Feinden erklärte, zu rechtfertigen.

Ein genozidaler Vorsatz erfordert eine Präferenz für massive Gewalt und den Angriff auf eine unbewaffnete oder relativ schlecht bewaffnete Opfergruppe. Diese Mentalität verbindet sich gewöhnlich mit einer expansionistischen territorialen Ambition, gestützt durch das Gefühl eines historischen Verlustes und ein rassisches oder religiöses Element. Diese Vorstellungen verknüpfen sich wiederum mit solchen einer höherwertigen Bodenkultivierung und einer minderwertigen Bodenbewirtschaftung durch die Opfergruppe.

Als historische Vorlage für dieses Zerstörungsmuster dient die Vernichtung Karthagos durch die Römer im zweiten Jahrhundert vor Christus. Die völlige Auslöschung der Stadt, getreu der bekannten Redensart von Cato. Mindestens 145.000 der bis zu 400.000 Einwohner der nordafrikanischen Stadt wurden getötet, der übrige Teil wurde, so die Überlieferung, in die Sklaverei geschickt. Zur Legitimation der Gewalt diente ebenfalls eine Ideologisierung des Ackerbaus, zeigt Ben Kiernan in einer etwas umständlichen Argumentation. Ohne eine starke Landwirtschaft wäre das wachsende Römische Imperium in seiner Existenz bedroht, so die Überzeugung Catos. Deshalb müsse man die äußeren Angriffe Karthagos dauerhaft abwehren, so sein machtpolitischer Schluss. In diesem Sinn wurde die Zerstörung Karthagos zu einem Präzedenzfall für den Genozid, wie Ben Kiernan schreibt. Immer wieder hätten sich Ideologen und Massenmörder auf diesen Fall berufen, bei den kolonialen Verbrechen in Lateinamerika und Afrika ebenso wie bei der Ausrottung der indianischen Stämme Nordamerikas und schließlich bei den Völkermorden im 20. Jahrhundert.

In "Mein Kampf" schrieb Hitler, die römische Geschichte, wie er sie sah, sei und bleibe "die beste Lehrmeisterin nicht nur für heute, sondern wohl für alle Zeiten". Er teilte unausgesprochen die ideologischen Auffassungen Catos ( ... ), als er erklärte, "über den Sorgen der Punischen Kriege begann das römische Staatswesen, sich dem Dienste einer höheren Kultur zu widmen".

In seinem Buch mit dem bezeichnenden Titel "Erde und Blut" spannt Ben Kiernan einen großen zeitlichen Bogen, von der der griechisch-römischen Antike über die Neuzeit bis zum 20. Jahrhundert, dem Zeitalter des Genozids schlechthin. Die Gewichte sind dabei recht ungleich verteilt. Die Antike wird nur kurz abgehandelt, das Mittelalter nur punktuell, die Kreuzzüge mit ihren Gewaltverbrechen gar nicht. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der Neuzeit, an deren Beginn, mit der Entdeckung Amerikas, die Ausrottung mehrerer Indianerstämme durch die Europäer stand. Ausführlich beschreibt Kiernan die Vernichtungspolitik der Engländer zuerst gegen die Iren und dann gegen die Eingeborenen in Nordamerika. Schließlich beschäftigt er sich intensiv mit dem Völkermord an den Aborigines in Australien. Diese Abschnitte des Buches sind sehr gewinnbringend zu lesen. Zum einen wegen ihrer Fülle an Material. Zum anderen aber auch, weil Kiernan hier eine klare Sprache findet, die den Regierungen in Washington und Canberra lange fremd gewesen ist. Er bewertet die Vernichtung der Ureinwohner in beiden Ländern als Genozid, selbst wenn er einräumt, die Politik habe diesen nicht zwangsläufig geplant. Auch in diesen historischen Fällen spielte der Mythos vom Ackerland eine wichtige Rolle.

Die Inbesitznahme von Indianerland bedeutete häufig das Abschlachten seiner Bewohner, und die zunächst extensive und später intensive Nutzung des Bodens durch die Siedler ermöglichte den überlebenden Indianern nur in den seltensten Fällen eine Existenz, was einen erbitterten Widerstand auslöste, manchmal bis zum Ende, was dann wirklich in einem Genozid bestand.

Auch für die Völkermorde im 20. Jahrhundert wird der Zusammenhang von Bodenideologie, Rassismus, Expansionsstreben und Gewalt untersucht: in der Türkei, in Deutschland, den Ländern der Sowjetunion, in China, Kambodscha und schließlich in Ruanda, im Irak und auf dem Balkan. Für jeden dieser Fälle sucht Ben Kiernan nach Indizien für eine Idealisierung des Landlebens, die dem Massenmord vorangegangen ist. Nicht immer vermag er mit seiner Darstellung dabei zu überzeugen. Etwa, wenn er am Beispiel der serbischen Kriegsverbrechen auf dem Balkan schreibt, die bosnischen Opfer seien aus Sicht ihrer Mörder mehrheitlich Stadtbewohner gewesen, gegen die man die serbische Landbevölkerung verteidigen zu müssen glaubte. Die Frage bleibt, ob der religiöse und der ethnische Hass in diesem Fall nicht sehr viel ursächlicher waren als eine dumpfe Bodenideologie der Familie des Serbenführers Karadzic. Es scheint, als erhalte der Mythos vom Bauernland in dieser Geschichte des Genozids gelegentlich etwas zu viel Aufmerksamkeit, leider auch im Fall des Nationalsozialismus.

Die völlige Vernichtung der Juden und die Invasion in den größten Teil Europas und der UdSSR, die sie ermöglichten, erforderten eine weit entwickelte Wirtschaft und einen hochgerüsteten modernen Staat. Doch der nationalsozialistische Mordapparat hatte auch eine antiquiertere Kraftquelle. Bedient wurde er von miteinander verbundenen ideologischen Hebeln, die Rasse, Territorium, Ackerbau und Geschichte verherrlichten.

Gerade am Kapitel über den Mord an den Europäischen Juden zeigt sich, dass diese umfangreiche welthistorische Modellanalyse gelegentlich an ihre Grenzen stößt. Nicht nur der Materialfülle wegen. Ben Kiernan ist so sehr von seiner These einer Verbindung von Rassismus und Bodenkult überzeugt, dass ihm die ebenfalls zentrale Radikalisierung des Antisemitismus in ihrer ganzen Konsequenz aus dem Blick gerät. Zwar beschäftigt er sich intensiv mit dem Judenhass. Immer wieder aber scheint es, als werde dieser klammheimlich subsumiert unter die Ackerbauerfantasien der Nazis - und damit ein wenig seiner tragenden Bedeutung beraubt. Zuletzt zeigte Saul Friedländer in seiner großen Geschichte der Shoah, wie prägend Hitlers Erlösungsantisemitismus für den Völkermord war und wie wichtig er für die historische Beurteilung dessen ist. Einen Verweis auf diese Forschungsleistung bleibt Ben Kiernan ebenso schuldig wie auf andere neuere Thesen, etwa auf den Versuch von Götz Aly, den Mord an den europäischen Juden mit der Aufblähung des nationalsozialistischen Volksstaates zu erklären oder der Überlegung Hans-Ulrich Wehlers, den Holocaust als Folge einer gewaltigen Radikalisierung der deutschen Gesellschaft unter einem charismatischen Herrscher und einer jungen, dynamischen Nazipartei zu deuten. Auch wenn diese Weltgeschichte des Völkermordes vielfach spannend zu lesen ist, sie weist immer wieder Lücken auf, produziert neue Fragen. Vielleicht ist ein solches Verbrechen wie ein Völkermord doch komplexer und lässt sich nicht bloß mit einem einheitlichen Modell erklären.

Niels Beintker über: Ben Kiernan: "Erde und Blut. Völkermord und Vernichtung von der Antike bis heute". Erschienen ist das Buch bei DVA, es hat 912 Seiten und kostet 49 Euro 95.

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