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StartseiteKultur heuteVerdi getreu dem "Erler Modell"07.07.2013

Verdi getreu dem "Erler Modell"

Eröffnung der Tiroler Festspiele Erl mit "Rigoletto" und "Il Trovatore" von Giuseppe Verdi

Unlängst gab es in Verona eine neue, äußerst banale "Aida". Bei sämtlichen Arena-Aufführungen sitzen im Publikum ja hartnäckige Claqueure, die alles und jeden gnadenlos hochjubeln und dafür freien Eintritt bekommen oder auch mal beim Premierendinner mitessen dürfen. Ein besonders lautstarker Bravorufer geht seiner Berufung sogar schon seit rund fünf Jahrzehnten nach. In Erl würde man ihn hochkant rausschmeißen und seine Jause dürfte er sich selber zahlen, denn mittlerweile gibt es hier ein ziemlich sachverständiges Publikum, das seine Sympathien gerecht verteilt und nicht mehr nach dem früheren Motto "Kuhn ist halt Kult" klatscht. Natürlich badet der Maestro nach wie vor am liebsten in nicht enden wollenden Applauswolken, wie sie etwa zu Zeiten der Erler "Ring"-Marat(h)öne an der Tages- bzw. Nachtordnung waren. Nächsten Sommer kehrt der berüchtigte "24-Stunden-Ring" übrigens runderneuert zurück. Geklatscht wird in Erl inzwischen etwas weniger, dafür sehr herzlich und fast immer angemessen.

Von Jörn Florian Fuchs

Giuseppe Verdi (AP Archiv)
Giuseppe Verdi (AP Archiv)

Nach diversen Wagnerpremieren in den letzten Sommern widmet sich Gustav Kuhn heuer ganz Giuseppe Verdi, er dirigiert und inszeniert gleich die gesamte trilogia popolare. Die "Traviata" steht noch aus, an diesem Wochenende gab es "Rigoletto" und "Il trovatore". Gespielt wird im unlängst eröffneten Festspielhaus, da das Passionsspielhaus diesen Sommer endlich mal wieder seinem genuinen Zweck dient.

Erneut bleibt Kuhn seinem inzwischen als "Erler Modell" die Runde machenden Regiestil treu. Ein paar Podien, ein Portikus, sparsames Licht und nur wenige Bühnenrequisiten zeigen die jeweiligen Handlungsorte. Das funktioniert beim Rigoletto glänzend, auch weil Lenka Radecky stilvolle Kostüme mit sanfter Historisierung - etwa weiße Halskrausen für die böse Gesellschaft und eine rote fürs Opfer Rigoletto - schuf. Wunderbar spielt das Ensemble zusammen, James Roser ist ein in jeder Hinsicht überzeugender, tragischer Titelheld, seine durch eine Intrige getötete Tochter Gilda verkörpert Sophie Gordeladze mit feinsten vokalen Nuancen und ergreifender Darstellung.

Weltklasse ist der Bösewicht Sparafucile des Yasushi Hirano, eine Entdeckung der junge Bariton Frederik Baldus, der die knappe, aber keineswegs zu unterschätzende Rolle des Marullo mit schön fließendem, farbigem Timbre singt. George Vincent Humphreys Herzog rückt Kuhn - unfreiwillig? - in die Nähe der Travestie, vokal ist Humphrey zwar ungeheuer gelenkig, körpersprachlich jedoch kaspert er sich durch seine Partie – Monty Python lassen grüßen!

Gustav Kuhn dirigiert am Pult seines Festspielorchesters einen recht modernen, ganz auf Theatralität fokussierten Verdi. Sogar ohne Szene würde sich hier wohl das Wesentliche vermitteln. Man hört stämmige Bläser, sämige Streicher, ruppiges Blech, die Übergänge gelingen glänzend. Auch die von Marco Medved und Ljudmila Efimova einstudierten Chöre überzeugen.

Für den "Trovatore" fanden Kuhn und sein Team ebenfalls kluge Raumlösungen, das Bühnenbild bleibt ähnlich, doch ganz bewusst karikiert Kuhn an einigen Stellen die kriegslüsternen feindlichen Parteien. Musikalisch wird noch eine Schippe draufgelegt, Michael Kupfers dunkel orgelnder Graf Luna, Ferdinand von Bothmers exzellenter Manrico, Anna Princevas starke Leonora und Hermine Haselböcks trauerumflorte Azucena machen den Abend zum wahren Verdi-Fest.

Vor den beiden Opernpremieren gab es das Eröffnungskonzert mit den üblichen Reden und viel Musik. Im ersten Teil überließ Kuhn drei jüngeren Dirigenten - Andreas Leisner, Mauro Fabbri, Paolo Spadaro Munitto - das Pult. Sie machten ihre Sache sehr gut. Auf dem Programm stand vor allem Wagner sowie eine – leider arg banale – Uraufführung von Angelo di Montegral - hinter diesem Pseudonym versteckt sich der Maestro höchst selbst. Den zweiten Teil leitete Kuhn, hier trafen alt bekannte Wagnerklänge auf eigenwillige Wagnervariationen der Musicbanda Franui, manchmal ein wenig platt, meist wirklich genial.

Vielleicht ist Franuis angeschrägter Wagner überhaupt die beste Hommage zum 200. des Gesamtkunstwerkers, während Kuhns Sicht auf Verdi dem Herz-Schmerz-Genie gerechter wird, als manch pompöse Materialschlacht im und jenseits des Grabens, wie man sie derzeit an einschlägigen Häusern geboten bekommt.

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