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Verdrängt, aber nicht vergessen

20 Jahre nach den pogromartigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen

Von Almuth Knigge und Claudia van Laak

Drei Tage und Nächte griffen Jugendliche 1992 das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen an und wurden von bis zu 3000 Schaulustigen dabei unterstützt.
Drei Tage und Nächte griffen Jugendliche 1992 das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen an und wurden von bis zu 3000 Schaulustigen dabei unterstützt. (AP Archiv)

Diese Bilder aus dem frisch wiedervereinten Deutschland gingen um die Welt: Am Abend des 24. August 1992 greift ein Mob mit Brandsätzen ein Flüchtlingsheim in Rostock-Lichtenhagen an, nur knapp können sich 150 Menschen aus dem brennenden Haus retten. 20 Jahre später kommt der Bundespräsident, die Stadt entschuldigt sich. Auch die Anwohner erinnern sich, wie "schlimm" es damals war – und meinen damit die Flüchtlinge.

Rostock-Lichtenhagen, vor 20 Jahren: Die Wiedervereinigung 1989 hat im ehemaligen Vorzeigestadtteil der Hansestadt besonders tiefe Einschnitte hinterlassen: eine zusammengebrochene Werftindustrie und eine Arbeitslosenquote von 17 Prozent. 22. August 1992, ein Samstag. Auf der Wiese vor der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber, kurz ZAST, rotten sich Hunderte Menschen aus der Nachbarschaft zusammen, um gegen Flüchtlinge zu demonstrieren. Es sind vornehmlich Sinti und Roma, die seit Wochen mitten im Plattenbauviertel vor der ZAST campieren. Das Heim ist völlig überfüllt, viele müssen draußen leben, ihre Notdurft in Gebüschen verrichten. Neonazis verteilen fremdenfeindliche Flugblätter, die ihre Wirkung bei den Bürgern nicht verfehlen.

"Wir können doch nicht alle Menschen hier aufnehmen. Das geht absolut nicht. Man hat eine Woche gar nichts gemacht. Meiner Meinung nach ist das alles provoziert worden. Dass Rostocker was gegen Ausländer haben, das stimmt gar nicht, wir haben was gegen die Sauerei, die Leute, die hier hinscheißen. Das war mal so'ne schöne Grünfläche. Man konnte abends sogar hier durchgehen, hier haben Algier gewohnt, Kubaner, Vietnamesen, da war alles sauber, aber seit ein paar Monaten, dass diese Zigeuner hier sind, seitdem ist Terror hier."

Rostock-Lichtenhagen am 23. August 1992: Randalierer reden auf Polizisten ein.Rostock-Lichtenhagen am 23. August 1992: Randalierer reden auf Polizisten ein. (picture alliance / dpa / Wüstneck)Am 23. August ist die Zahl der Protestierer auf über 500 gestiegen. Darunter auch zahlreiche Neonazis, die aus ganz Deutschland angereist sind. Jugendliche versuchen - unter dem Applaus eines johlenden Mobs - die ZAST zu stürmen. Im Sonnenblumenhaus nebenan leben vietnamesische Vertragsarbeiter, die noch zu DDR-Zeiten nach Rostock gekommen waren.

Am Vormittag des 24. August lässt die Stadt die Flüchtlinge aus dem Asylbewerberheim evakuieren. Die Vietnamesen aber bleiben im Sonnenblumenhaus, das seinen Namen von dem geklinkerten Blumenrelief an der Stirnseite hat.

Am Abend des 24. August greifen etwa 200, teils angetrunkene Jugendliche das Sonnenblumenhaus mit Steinen und Molotow-Cocktails an. Drinnen harren noch rund 150 Menschen aus, Vietnamesen und Deutsche, darunter der frühere Rostocker Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter. Der NDR-Reporter Thomas Schnell ist vor Ort.

"Ich bin hier umringt von Jugendlichen, uns gegenüber sind Polizeibeamte in Hockstellung gegangen, versuchen sich abzukesseln gegen Steinwürfe. Jetzt müssen wir gerade Platz machen, weil hier ein Krankenwagen vorbeikommt. Es gibt ständig wieder Verletzte. Es ist eine Situation, wie man sie ... ja es ist im Grunde genommen Krieg."

Flammen schlagen aus dem zweiten Stock des Hochhauses und fressen sich langsam nach oben. Die johlende Masse hindert die Feuerwehr am Löschen. Währenddessen gibt der damalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters in Rostock eine Pressekonferenz. Der CDU-Politiker spricht über Asylmissbrauch.

"Wir müssen handeln gegen den Missbrauch des Asylrechts, der dazu geführt hat, dass wir einen unkontrollierten Zustrom in unser Land bekommen haben."

Damals machten Schlagworte wie "Das Boot ist voll" oder "Angst vor Überfremdung" die Runde. Hintergrund war der enorme Anstieg der Anträge auf Asyl, der mit fast 450.000 Asylsuchenden 1992 seinen Höhepunkt erreichte. Als Folge der politischen Debatte um Asylmissbrauch änderte der Bundestag im Mai 1993 das Asylrecht und schränkte das Grundrecht auf Asyl stark ein.

Im brennenden Sonnenblumenhaus kämpfen sich die Eingeschlossenen die Treppen hinauf - Stockwerk um Stockwerk. Aber die Dachluke ist verrammelt. In letzter Minute gelingt es ihnen, einen Ausgang aufzubrechen und über das Dach in einen benachbarten Wohnblock zu entkommen. Die Bilder gehen um die Welt. Rostock-Lichtenhagen wird über Jahre hinweg zum Symbol für Ausländerhass in Deutschland.

Rostock-Lichtenhagen Asylbewerberheim BrandstiftungDie Szenen vor dem Sonnenblumenhaus haben sich tief in das Gedächtnis von Anetta Kahane eingebrannt. Die Journalistin kennt die Stadt, sie hat in Rostock studiert. Nach der Wiedervereinigung 1989 arbeitet Kahane als Ausländerbeauftragte beim Magistrat in Ost-Berlin, warnt als eine der ersten vor gewalttätigen, ausländerfeindlichen Ausschreitungen. Am 24. August 1992 sitzt sie geschockt vor dem Fernseher.

"Ich erinnere mich noch ganz genau an den Moment, wo ich plötzlich das Gefühl hatte, ich halte das nicht mehr aus. Das war für uns so furchtbar zu sehen, wie der größte Albtraum wahr wird."

Anetta Kahane leitet heute die Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich unter anderem für Opfer rechtsextremer Gewalt einsetzt. Der Angolaner Amadeu Antonio lebt bis zu seiner Ermordung im Dezember 1990 im brandenburgischen Eberswalde. Neonazis überfallen den damals 28-Jährigen, schlagen ihn brutal zusammen, wenige Tage später stirbt er an den Folgen der Verletzungen. Bis heute diskutiert die Stadt Eberswalde darüber, ob eine Straße nach Amadeu Antonio benannt werden soll.

Rechtsextreme, ausländerfeindlich motivierte Gewalttaten finden in den Jahren darauf auch in westdeutschen Kommunen statt. Bei zwei Brandanschlägen in Mölln und Solingen in den Jahren 1992 und 1993 kommen insgesamt acht Menschen ums Leben. Trotzdem hat sich in den Köpfen das Bild vom "Braunen Osten" festgesetzt – verstärkt durch die im letzten November bekanntgewordenen Morde der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund, deren drei mutmaßliche Mitglieder aus Thüringen stammen.

Entspricht das Bild des "Braunen Ostens" der Wirklichkeit oder ist es ein Vorurteil, das gerne von Westdeutschen gepflegt wird, um sich selbst und die alte Bundesrepublik zu entlasten? Soziologische Untersuchungen wie die von Wilhelm Heitmeyer sprechen eine eindeutige Sprache. Er erhebt jährlich im Rahmen seiner Studie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" rechtsextreme und ausländerfeindliche Einstellungsmuster in der deutschen Bevölkerung. Heitmeyer hat festgestellt:

"Dass sowohl beim Rassismus als auch bei der Fremdenfeindlichkeit, bei der Islamfeindlichkeit – obwohl kaum Muslime im Osten sind – auch bei der Abwertung von Homosexuellen und Obdachlosen - die Werte im Osten in der Tat höher sind."

Die stärker verbreitete rechtsextreme Einstellung korrespondiert mit dem Wählerverhalten in den östlichen Bundesländern. Während die NPD derzeit in keinem westdeutschen Landesparlament vertreten ist, hat sie in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen schon mehrmals die Fünf-Prozent-Hürde übersprungen. In der Sächsischen Schweiz und in Teilen Vorpommerns ist die rechtsextremistische und verfassungsfeindliche Partei geradezu zur Normalität geworden. Dies erschwert den Kampf gegen den Rechtsextremismus ungemein, konstatiert der Bielefelder Soziologe Heitmeyer.

"Es ist ganz, ganz schwierig vor allem dort, wo sich rechtsextreme Strukturen festgesetzt haben, weil eine Verankerung in der Handwerkerschaft oder in den Vereinen diese Dinge zur Normalität werden lässt. Diese Normalisierung muss verhindert werden. Denn alles, was als normal gilt, kann man nicht mehr problematisieren."

Die NPD verfügt bundesweit über etwa 300 Sitze in Kommunalparlamenten – auch hier hält ein ostdeutsches Bundesland den traurigen Rekord: Jeder vierte NPD-Kommunalparlamentarier sitzt in einem sächsischen Stadtrat oder Kreistag. Der Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz stellte 2011 fest: Etwa 40 Prozent der als rechtsextrem eingestuften Gewalttaten wurden in Ostdeutschland begangen. Allerdings leben nur 15 Prozent der deutschen Bevölkerung dort.

"Wenn man sich einen Vergleich der Einstellungsmuster über die Bundesländer ansieht und gleichzeitig danebenhält die Statistik der Gewalttaten und der Straftaten, der rechtsextremen Straftaten, dann gibt es eine deutliche Korrespondenz. Dass heißt, dort, wo die Einstellungsmuster hoch sind, sind auch die Gewalttaten hoch."

Das Risiko, als Migrant Opfer rechtsextremer Gewalt zu werden, ist in Ostdeutschland sehr viel höher als in Westdeutschland. Dabei ist der Ausländeranteil vergleichsweise niedrig. Er bewegt sich bei etwa zwei bis drei Prozent, hat sich in den letzten 20 Jahren kaum verändert. Es gibt also keinen nennenswerten Zuzug von Migranten in die ostdeutschen Länder. Ursache dafür seien nicht die fehlenden Arbeitsplätze, meint Anetta Kahane, sondern das gesellschaftliche Klima.

"Der größte politische Erfolg der Rechtsextremisten in der Bundesrepublik Deutschland ist, dass sie es geschafft haben, den Osten Deutschlands weiß zu halten. Die national befreite Zone Ost. Die Drohkulisse, die da über 20 Jahre aufgebaut wurde und nicht niedergerissen wurde, wird, ist den Adressaten sehr wohl bewusst. Nämlich denjenigen, die eine andere Hautfarbe haben. Und diejenigen, die diese Hautfarbe nicht haben, denen ist es deshalb nicht bewusst, weil sie sich davon nicht betroffen fühlen."

Eine Ursache für stärker verbreitete rechtsextreme Einstellungen in der ostdeutschen Bevölkerung sehen Sozialwissenschaftler in der DDR-Vergangenheit. Das Thema Ausländerfeindlichkeit wurde genauso wenig problematisiert wie die Existenz von rechtsextremen Skinheads – schließlich war man ein antifaschistischer Staat.
Der Kriminalist Bernd Wagner leitete vor der Wiedervereinigung die Abteilung Extremismus/ Terrorismus im Zentralen Kriminalamt der DDR. Neonazis durfte es in der DDR nicht geben, sagt er.

"Es wurde kaschiert, und wenn es denn so etwas gäbe, dann wären das einfach nur Verführte, die durch das Westfernsehen auf den braunen Pfad gelockt worden wären, und der Westen sei eigentlich an dem ganzen Übel schuld."

Der vormundschaftliche Staat wurde 1989 hinweggefegt. Was folgte, war Verunsicherung. Bei den Volkspolizisten, den Staatsanwälten und Richtern, die bis dahin noch den SED-Staat zu verteidigen hatten. Dieselben Polizeibeamten, Staatsanwälte und Richter sollten plötzlich nun den Rechtsstaat und seine demokratischen Werte vertreten. Die Folge: Neonazis konnten in einem gesellschaftlichen Freiraum agieren und sich dort etablieren – das Zeigen des Hitler-Grußes wurde eine Zeit lang als Errungenschaft der neuen Meinungsfreiheit betrachtet.

Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer sieht einen weiteren Grund für stärker ausgeprägte rechtsextreme und ausländerfeindliche Einstellungen in den neuen Ländern: Viele ehemalige DDR-Bürger würden sich nach wie vor als Bürger zweiter Klasse fühlen.

"Wenn man keine wirkliche Anerkennung und keine wirkliche Integration in die Gesellschaft erlebt, also sich desintegriert fühlt, sei das über den Arbeitsmarkt, sei das über politische Beteiligung, dass man den Eindruck hat, man ist völlig machtlos, dann entstehen daraus Anerkennungsdefizite. Was auch dazu führt, dass dann die Abwertung schwacher Gruppen erfolgt, um sich selbst aufzuwerten."

In der Debatte um einen – vermeintlich – Braunen Osten, gibt es aber auch viele Stimmen, die davor warnen, das Phänomen Rechtsextremismus einfach nach Ostdeutschland zu verschieben. So bildet sich seit einigen Jahren eine neue, gewalttätige rechtsextreme Jugendbewegung heraus, die vor allen Dingen in großen Städten und Ballungsgebieten agiert – die Autonomen Nationalisten. Äußerlich gleichen sie den Linksautonomen, sie vertreten aber eine knallharte nationalsozialistische Ideologie. In Dortmund-Dorstfeld zum Beispiel terrorisieren Autonome Nationalisten all diejenigen, die anders aussehen oder andere politische Meinungen vertreten. Erst gestern hat das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen drei dieser gewaltbereiten 'Kameradschaften' verboten. Der Autor Toralf Staud:

"Das Gefährliche an den Autonomen Nationalisten ist, dass sie wirklich ihre Ziele auskundschaften, Adressen von Gegnern auskundschaften. Also, da braut sich was zusammen, was man wirklich im Auge behalten muss."

Andere Experten weisen darauf hin, dass ausländerfeindliche und rechtsextremistische Einstellungen zwar in Ostdeutschland häufiger vertreten sind, aber in den letzten Jahren in ganz Deutschland zunehmend salonfähiger werden. Der Psychologe Oliver Decker hat seine Untersuchung zu rechtsextremen Einstellungen und ihren Einflussfaktoren deshalb auch "Vom Rand zur Mitte genannt".

Die Aussage "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet" unterstützen demnach 40 Prozent der befragten Ostdeutschen, aber auch 39 Prozent der befragten Westdeutschen. Die Aussage "Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen", bejahen knapp 44 Prozent der befragten Ostdeutschen und 35 Prozent der befragten Westdeutschen. So die Studie von Oliver Decker:

"Wir mussten feststellen, dass, sagen wir mal bildhaft gesprochen, der Gewerkschaftler in Essen genauso rechtsextreme Einstellung hat wie der Katholik in Fulda und dass diese Einstellungen aber nicht sichtbar werden, weil aufgrund dieser größeren Wählerbindung im Westen diese Menschen immer noch die großen demokratischen Parteien wählen."


Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, Ort der ausländerfeindlichen Ausschreitungen vom August 1992.Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen heute. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)Zurück nach Rostock-Lichtenhagen. Besuch im Sonnenblumenhaus – vor ein paar Tagen. Der elfstöckige Wohnriese ist längst saniert. Das Treppenhaus ist picobello sauber und freundlich in hellblau gestrichen; so friedlich still wie ein Sommerhimmel. Ab dem 6. Stock kann man die Ostsee sehen. Eine Hausfrau, Mitte 40, in einem pinkfarbenen Frotteekleid öffnet eine Wohnungstür. Ihre Haare sind schwarz gefärbt. Dem Klingelschild zufolge muss sie Frau Simon sein. Sie gibt bereitwillig Auskunft über die Ereignisse vor 20 Jahren.

"Wir haben das alles beobachtet. Das war ganz schlimm, und die Leute sind heute, heute wieder in Hamburg, ne. Ich versteh’ das nicht.

- Die Leute, die damals die Randale gemacht haben?

- Nein, nicht die, die die Randale gemacht haben nicht.

- Sondern?

- Die das alles beschmutzt haben. Ja, und in Berlin sind sie ja auch. Die Kinder müssen da schön die Scheiben putzen, die Autoscheiben, die werden dazu gezwungen. Ich meine, das geht nicht.""

Frau Simon steht im Wohnzimmer, die Arme in die Hüften gestemmt, und erinnert sich. Nicht an den johlenden Mob, nicht an die Neonazis, die die Leute damals aufstachelten, nicht etwa an die Vietnamesen, die um ihr Leben fürchteten – sie erinnert sich an die Flüchtlinge, die damals vor der Aufnahmestelle für Asylbewerber gegen ihre menschenwürdige Unterbringung demonstrierten. Auch nach zwei Jahrzehnten sind die Bilder im Kopf noch frisch.

"Wir sind ja hierher gefahren und haben das von dahinten beobachtet, von der Flensburger Straße. Und das war richtig schlimm, und es wurde ja nichts gemacht, ne. Monatelang nichts gemacht, und das verstehe ich überhaupt nicht."

Sagt sie und schimpft über den ungerechten Sozialstaat und über – in ihren Augen - schmarotzende und kriminelle Asylanten.

Heute hat sich das Plattenbau-Viertel von Lichtenhagen hübsch gemacht. Ein Durchgang zwischen zwei riesigen Wohnkästen ist bunt bemalt. Am Sonnenblumenhaus blitzt das riesige Blumen-Relief in der Sonne. Erinnerung an die Ereignisse von August 1992? Ungern. Nur ein älterer Mann in einem Supermarkt bleibt höflich stehen. Er sei damals gar nicht da gewesen, winkt er ab. Und dann erzählt er doch.

"Also, meine Frau war ja hier, die war unterwegs – das war ein ganz großes Angstgefühl, großes Angstgefühl, da musste man sehen, dass man um diese Personen einen Bogen macht. Einen großen Bogen macht."

Einen großen Bogen um die Asylbewerber, meint er. Auch hier der Impuls, Schuldige und Opfer zu verwechseln – die Asylsuchenden als Ursprung, als Grund allen Übels zu sehen. Wie es zahlreiche Rostocker heute noch tun - auch wenn viele Bürger in den letzten 20 Jahren für ein anderes Rostock gekämpft haben - für eine offene und tolerante Hansestadt. In zahllosen Projekten wird an die pogromartigen Ausschreitungen von 1992 erinnert. Und es wird viel diskutiert. Auch die Stadtverwaltung organisierte Vorträge und Debatten, Fotoausstellungen und Filmprogramme. Der Liedermacher Gerhard Schöne will am Sonntag mit Hunderten Kindern aus Rostock Kinderlieder aus aller Welt anstimmen. Danach hält Bundespräsident Joachim Gauck vor dem Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen eine Ansprache. In Interviews macht er unter anderem den mangelnden Bürgerdialog verantwortlich dafür, dass der Fremdenhass so eskalieren konnte. Konfliktlösungen in Form von Diskurs und Debatte habe man zu DDR-Zeiten nicht trainiert, so der gebürtige Rostocker in der Berliner Morgenpost.

Die Opfer von damals, sie suchen den Dialog. Sie haben schon vor 20 Jahren als Reaktion auf die Ausschreitungen den deutsch-vietnamesischen Freundschaftsverein Dieng Hong gegründet. Dieng Hong heißt übersetzt: Gemeinsam unter einem Dach. Sein Anliegen ist die Integrations- und Bildungsarbeit, schreibt der Verein auf seiner Internetseite. Im Jahr 20 nach seiner Gründung veranstalten die Mitglieder regelmäßige Gesprächskreise und Begegnungsabende. Nur bleiben sie dabei meist unter sich.

Ob die Ereignisse vom August`92 in ihrem Alltag noch eine Rolle spielt? Ein Mann am hintersten Ende des Tisches meldet sich auf diese Frage. Auf seinem Namenschild steht Than, sein Vorname. Er spricht wesentlich besser Deutsch als seine Landsleute, dabei sind fast alle – wie auch er - schon seit rund 30 Jahre in Deutschland.

"Das hat noch nie 'ne große Rolle gespielt. Ich hab nur bedauert, dass das alles so passiert ist. Wenn ich ehrlich bin, ich bin seit 30 Jahren in Rostock, ich hatte noch nie schlechte Erfahrungen mit den Rostockern."

Than betreibt in Warnemünde ein Restaurant. Es geht ihm gut, sagt er noch. Than und die vietnamesische Community wollen nicht mehr als hilflose Opfer der Ereignisse von 1992 gesehen werden. Seit Jahrzehnten leben sie in Deutschland, seit Jahrzehnten sind sie hier berufstätig – sie nur auf die Rolle des hilflosen Opfers zu beschränken, sehen die Vietnamesen als Entwertung.

"Das Leben geht weiter. Wenn ich mal ganz ehrlich bin, die Deutschen haben immer Probleme mit ihrer Vergangenheit. Wir als Vietnamesen, wir sind tolerant in dem Sinne, man kann nicht mit den alten Dingern immer befassen und sagen, das war ganz schlimm, und jeder von uns, der das erlebt hat, weiß das, und jeder versucht, seine persönliche Erfahrung weiterzugeben, damit das nicht wieder passiert. Natürlich war das schlimm. Wir haben das nicht vergessen, wir haben zur Seite gelegt, weil das Leben geht weiter."

Die Stadt hat sich in dieser Woche bei den Opfern der ausländerfeindlichen Krawalle offiziell entschuldigt. Vor dem Sonnenblumenhaus soll am Sonntag eine etwa 20 Jahre alte Eiche gepflanzt werden, die mit einer Gedenkplakette an die Ereignisse im August 1992 erinnert.


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