• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 02:57 Uhr Sternzeit
StartseiteUmwelt und VerbraucherHessens Windkraftgegner machen mobil25.02.2016

VerfassungsbeschwerdeHessens Windkraftgegner machen mobil

Die Windenergie ist im Aufwind. Ihr Anteil am Strommix wuchs im vergangenen Jahr auf über 13 Prozent. Doch es gibt es auch Kritiker, die mit der Verspargelung der Landschaft und den toten Vögeln unter den Windrädern nicht einverstanden sind. Hessens Windkraftgegner wollen den Ausbau jetzt mit einer Verfassungsbeschwerde stoppen.

Von Anja Nehls

Kühe auf einer Wiese zwischen modernen Windrädern (Imago / CHROMORANGE)
Viele Tiere leiden unter den Winrädern in ihrer Nähe (Imago / CHROMORANGE)
Mehr zum Thema

Stromnetze Windkraft wird jetzt zur "Regel"

Erneuerbare Energien Abstandsregeln bremsen Windkraft aus

Windenergie Offshore-Windräder gefragt wie nie

Diskussion um SuedLink Die Kabel kommen unter die Erde

Weltbank-Vize zum Klimagipfel "Grüne Energie ist besser für die gesamte Wirtschaft"

Windkraftanlagen beeinträchtigen die Gesundheit von Menschen, sagt der Regionalverband Taunus. "Windkraft mit Vernunft" und hat deshalb heute, unterstützt von vielen anderen Initiativen aus anderen Bundesländern, Verfassungsbeschwerde eingelegt, sagt Jutta Reichert von der Initiative Opfer Windwahn aus Schleswig Holstein:

"Die Verfassungsbeschwerde läuft darauf hinaus, dass wir unser Recht als Bürger auf körperliche Unversehrtheit einfordern."

Tieffrequenter Schall und Infraschall, also Schall im Bereich unter 20 Hertz, wie ihn Windkraftanlagen absondern, haben negative Auswirkungen auf den Körper, sagen die Mitglieder der Initiative. Von den Anlagen gingen im Bereich von 1–20 Hz Schallwellen aus, die selbst in zehn km Entfernung im Gebäude noch Druckpegel von 50 dB erreichen können und bei Realisierung der Ausbauziele der Windkraft die Gesundheit von ca. 25 % der Bevölkerung schädigen würden auch durch den Druck und die Vibrationen.

Jutta Reichert und ihr Mann Marco Bernardi sind selbst betroffen. Ihr Hof in Schleswig-Holstein ist von 150 Windrädern umzingelt. Die Probleme begannen gleich, nachdem dort vor 21 Jahren die ersten Anlagen gebaut wurden.

"Dann bekamen wir Bluthochdruck als erstes, dann kam der Tinnitus dazu, Ohr-Probleme, permanenter Ohrdruck als hätte man eine Wattekugel übergestülpt bekommen, es rauschte. Und dann setzten die Herzprobleme ein, Herzrasen, es ging dann weiter bis zu heftigen Immunschwächeerkrankungen. Bei mir sind es zwei verschiedene Krebsarten, mein Mann hat es bis zum Vorhofflimmern schon mal geschafft."

Und verschiedene Studien geben den Menschen auch recht. Andere behaupten, dass das Ganze nur auf einem psychologischen Effekt beruhe und Menschen, die von Windkraft z. B. profitieren, davon auch nicht negativ belastet seien. Wolfram Axthelm, der Sprecher des Bundesverbandes Windenergie, hat sich dazu auf einer Diskussionsveranstaltung in Niedersachsen geäußert:

"Es ist einfach so, es gibt Menschen, die fühlen etwas, was man nicht hören kann und mit diesem Phänomen muss man sich auseinandersetzen. Dafür gelten Abstände, aber klar ist auch, und das zeigen die Untersuchungen der Landesgesundheitsämter in Bayern und Baden-Württemberg, und da würde ich jetzt nicht sagen, dass da die Windbranche dahintersteckt, die einfach sagen, bei 250m Abstand gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Infraschall aus der Windkraftanlage und dem von einem Baum, der da in der Nähe steht und wo der Wald durchgeht."

Infraschall-Emissionen schaden nachweislich der Gesundheit

Dennoch hat z. B. Bayern jetzt den Mindestabstand zur Wohnbebauung erhöht. Das zuständige Umweltbundesamt hat sich uns gegenüber leider nicht in der Lage gesehen, sich dazu zu äußern. Einerseits warnt es andere Bundesländer davor, dem Beispiel Bayerns zu folgen, weil dann, so Präsidentin Maria Krautzberger durch überzogene Abstandsregeln der Ausbau der Windenergie als wichtige Säule der Energiewende gefährdet sei, also eigentlich sei dann in Deutschland kein Platz mehr für weitere Windturbinen. Andererseits stellt das Umweltbundesamt in einer anderen Studie fest, dass die Indizien für gesundheitliche Gefahren von Infraschall-Emissionen ernst zu nehmen seien und dringend besser erforscht werden müssten.

Eine Studie der Bergischen Universität Wuppertal, die im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass tieffrequenter Schall schon bei niedrigen Pegeln das mentale Wohlbefinden deutlich beeinträchtigen kann.

Was soll man also nun glauben?

Nerze beißen sich tot, wenn in ihrer Nähe ein Windkraftrad in Betrieb geht

Auch Tiere reagieren übrigens auf Infraschall. Es gibt Beispiele aus Dänemark, wo sich Nerze, begonnen haben, totzubeißen, als in unmittelbarere Nähe ein Windkraftwerk in Betrieb ging. Auf dem Hof von Jutta Reichert sind seitdem von 17 Schafen bis auf eins alle tot oder missgebildet geboren worden, Rinderzüchter in der Nähe der Anlagen beklagen ähnliches. In Dänemark ist der weitere Ausbau der Windenergie, bis eine abschließende Studie vorliegt, jetzt erst mal ausgesetzt worden. So etwas fordert Marco Bernardi auch hier:

"Wir fordern vom Umweltbundesamt Wahrhaftigkeit und wir fordern von der Bundesregierung als Erstes mal ein Moratorium und eine Nachtabschaltung der bestehenden Anlagen und Ausbaustopp grundsätzlich."

In Deutschland gibt es an Land fast 30.000 Windenergieanlagen. Damit wird bereits ein Anteil von ca 9% Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs gedeckt.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk