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StartseiteBüchermarktVerfechter einer neuen Religiosität26.11.2009

Verfechter einer neuen Religiosität

José Casanova: "Europas Angst vor der Religion". Berlin University Press

Der Religionssoziologe José Casanova tritt dem Paradigma entgegen, Säkularisierung sei eine Vorbedingung für offene, tolerante Gesellschaften. In "Europas Angst vor der Religion" fordert er, dass Religion und Politik nicht grundsätzlich strikt getrennt werden sollen.

Von Lewis Gropp

Eine "Angst vor der Religion" attestiert José Casanova Europa. (AP)
Eine "Angst vor der Religion" attestiert José Casanova Europa. (AP)

"Europas Angst vor der Religion" - mit diesem Titel hat José Casanova eine griffige und provokante Formel für seine Thesen gefunden. Der renommierte spanische Religionssoziologe lebt und lehrt seit vielen Jahren in den USA und hat so aus nächster Nähe erfahren, dass die Religion auch in einer modernen Gesellschaft eine nachhaltig zentrale Rolle einnehmen kann - ganz anders als in Europa, wo die Mehrheit der Bevölkerung der Ansicht ist, dass Religion "intolerant" sei, wie Casanova mit Verweis auf verschiedene Studien schreibt.

Diese These zu belegen, muss aber eigentlich als überflüssig bezeichnet werden. Dass der politische und gesellschaftliche Einfluss der Kirchen in Europa in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend geschrumpft ist, würde heute niemand ernsthaft bestreiten. Diese Entwicklung hat eine lange und komplexe Vorgeschichte. José Casanova versteht es, diese Vorgeschichte in einer süffisant zugespitzten Kurzversion wiederzugeben.

Das am häufigsten gehörte Narrativ, das sowohl als eine genealogische Erklärung als auch als eine normative Rechtfertigung für den säkularen Charakter europäischer Demokratien angeboten wird, hat die folgende schematische Struktur: Es gab einmal im mittelalterlichen Europa, wie es für vormoderne Gesellschaften typisch ist, eine Fusion von Religion und Politik. Doch diese Fusion führte unter den neuen Bedingungen religiöser Diversität, extremistischen Sektierertums und einem von der protestantischen Reformation hervorgerufenen Konflikt zu den scheußlichen, brutalen und lang anhaltenden Religionskriegen der frühen Neuzeit, die die europäischen Gesellschaften in Schutt und Asche legten. Die Säkularisierung des Staates war die gelungene Antwort auf diese Katastrophenerfahrung, welche sich offenbar in das kollektive Gedächtnis europäischer Gesellschaften unauslöschlich eingeprägt hat. Die Aufklärung tat ein Übriges. Moderne Europäer lernten, Religion, Politik und Wissenschaft zu trennen. Vor allem aber lernten sie, die religiösen Leidenschaften zu zähmen und obskurantistischen Fanatismus abzubauen, indem man die Religion in eine abgeschirmte private Sphäre verbannte, und gleichzeitig eine offene, liberale und säkulare öffentliche Sphäre zu etablieren, in der freie Meinungsäußerung und öffentliche Vernunft dominieren. Dies sind die günstigen Fundamente, auf denen Demokratie wächst und gedeiht. Wie die tragischen Geschichten der gewalttätigen religiösen Konflikte überall auf der Welt zeigen, muss die unglückliche Wiederkehr der Religion in die öffentliche Sphäre mit Sorgfalt gehandhabt werden, will man eine Unterminierung dieser fragilen Fundamente verhindern.

An dem ironisierenden Tonfall erkennt man, dass der Religionssoziologe dieser Lesart der Geschichte nicht zustimmt. Im Gegenteil: Es geht Casanova darum, eben dieses Paradigma zu widerlegen, demzufolge Säkularisierung eine Vorbedingung offener, toleranter Gesellschaften ist und automatisch zur Demokratisierung führt. Es gelingt Casanova dabei auch, die eine oder andere akkurate Feststellung zu formulieren - so erläutert er zum Beispiel, dass die Religionskriege und der 30-jährige Krieg mitnichten einen Prozess der Säkularisierung eingeleitet, sondern vielmehr zur Territorialisierung von Konfessionalität sowie zum modernen absolutistischen Feudalstaat geführt haben. Die Argumente, die Casanova aber gegen die Säkularisierung, gegen die Trennung von Staat und Religion anführt, sind indessen weder neu, noch sind sie sinnvoll zusammengestellt.

So wiederholt Casanova die Mahnung, dass die Gottlosigkeit Europas schließlich in den Totalitarismus mündete und in den grausamen Vernichtungskriegen des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt fand. "All diese schrecklichen Konflikte", schreibt Casanova, "waren [...] das Produkt moderner, säkularer Ideologien." Als weiteres Argument für das anti-demokratische Potenzial des Säkularismus führt Casanova die religionsfeindliche Politik der Sowjetunion an. So unleugbar und zutreffend dieser Hinweis auch sein mag: Es ist geradezu unanständig, wie hier unter dem Deckmantel der Wissenschaft disparate Begrifflichkeiten vermischt werden.

Indem der Autor seine Argumentation unsystematisch und selektiv untermauert, suggeriert er sogar einen Zusammenhang zwischen den Ideen der Aufklärung und den Gräueltaten von Faschismus und Stalinismus. Zu guter Letzt stellt der renommierte Akademiker sogar noch die Behauptung auf, dass es im Endeffekt sogar die Kirchen und religiösen Parteien waren, die Europa auf den Pfad der Demokratie gebracht haben.

Sehr oft waren es tatsächlich religiöse Gruppen und eine religiöse Politik, die - manchmal auf paradoxe Weise und unbeabsichtigt - zur Demokratisierung und Säkularisierung der Politik in vielen europäischen Staaten beitrugen. [...] Selbst diejenigen Parteien, die sich ursprünglich als anti-liberale und zumindest weltanschaulich als anti-demokratische entwickelten [...] spielten letzten Endes eine sehr wichtige Rolle für die Demokratisierung ihrer Gesellschaften.

Durch seine ungeschickten und widersprüchlichen Formulierungen gibt Casanova unfreiwillig preis, auf welch dünnem Eis er sich hier bewegt.

Dass die bisweilen übertriebene Ablehnung von Religion ein europäisches Problem darstellt und dass Religion in der Tat eine konstruktivere Rolle in Kultur und Gesellschaft spielen kann, sei unbestritten. Problematisch an dem Band von Casanova ist allerdings, dass er die Errungenschaften des aufgeklärten und weltanschaulich neutralen Staates, der seinen Bürgern die freie Religionsausübung garantiert, so wie es in der Bundesrepublik zurzeit der Fall ist, infrage stellt und diskreditiert - ohne auch nur im Ansatz konkret zu erläutern, welche Rolle die Religion denn nun spielen soll.

Es wäre ein Leichtes, Casanovas These, dass Religion und Politik nicht getrennt werden sollten, zu widerlegen. Es gibt zahlreiche Länder, in denen sich die Rolle der Religion in der Politik als tödliches Gift erwiesen hat: Pakistan, Irak, Malaysia, um nur drei zu nennen.

Und selbst in den USA, ein Land, das Casanova als positiven Gegenentwurf zum europäischen Modell heranzieht, ist der Einfluss der Religion auf die Politik eher von zweifelhaftem Wert. Man denke nur an die nicht zuletzt christlich motivierte Begründung der Bush-Administration für den Irak-Feldzug.

So wie José Casanova die Rolle der Religionen in der Weltgeschichte darstellt, kann man nur sagen: Gott schütze uns vor der Rückkehr der Religionen!

José Casanova: Europas Angst vor der Religion
Deutsch von Rolf Schieder
Berlin University Press, Berlin, 133 Seiten, 19,90 Euro

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